Lebensdaten
unbekannt
Beruf/Funktion
Spielefabrikanten in Nürnberg und Großbritannien
Konfession
-
Normdaten
GND: 1020732741 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Spier
  • Spear
  • Spier

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Zitierweise

Spear, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd1020732741.html [17.10.2018].

CC0

  • Leben

    Aus einer mittellosen Familie hess. Landjuden stammend, wanderte Jacob Wolf Spier (1832–93) 1852 in die USA aus, wo sein Name zu „Spear“ anglisiert wurde. 1857 heiratete er in Hartford (Conn.) Sophie Rindskopf (1836–1904). Aus der Ehe gingen zehn Kinder hervor. 1861 nach Deutschland zurückgekehrt, wurde Jacob Wolf nach einem kurzen Aufenthalt in Fürth Geschäftsführer einer Holzwarenfabrik in Reckendorf bei Bamberg. Seit 1869 war er Teilhaber zweier Spielzeugfirmen (Handel u. Produktion) in Sonneberg. 1878 gründete Jacob Wolf eine Importfirma für Kurzwaren in London, die bis 1889 bestand. Unter dem Namen „J. W. Spear“ erfolgte 1879 die Gründung eines Import- und Exportgeschäfts für Kurzwaren mit eigenem Fabrikbetrieb in Fürth. Nach dem Eintritt der ältesten Söhne Ralph (1858–1929) und Joseph (1860–1942) wurde das Unternehmen 1885 in „J. W. Spear & Söhne“ umbenannt. Zum frühen Sortiment zählten Schreibwaren, Gebrauchsartikel aus Papier und Pappe, v. a. aber Domino-, Würfel-, Lotto-, Schach- und Damespiele sowie Spielemagazine, die im In- und Ausland Absatz fanden. Zwei folgenreiche Fabrikbrände und heftige, zum Teil antisemitisch begründete Anfeindungen trieben Jacob Wolf 1893 in den Freitod. Die Witwe und die jüngeren Söhne Carl (1864–1938) und Wilhelm (1867–1940) führten die Firma fort, deren Sitz mit dem Bau einer neuen Fabrik 1899 nach Nürnberg-Doos verlegt wurde. Das Unternehmen expandierte in der Folgezeit rasch. Verkaufsschlager waren unterhaltsame Geschicklichkeitsspiele wie „Die fliegenden Hüte“ und „Das magnetische Angelspiel“ sowie Tischtennissets. Bis zum 1. Weltkrieg nahm auch das Segment der Beschäftigungsspiele (Puzzles, Lege-, Mal- und Flechtspiele etc.) kontinuierlich zu. Mit den beiden Söhnen Carls, Richard (1897–1978) und Hermann (1899–1943), trat 1919 die dritte Generation in die Firmenleitung ein. Unter ihrer Führung entwickelte sich das Unternehmen zur größten dt. Spielefabrik der Zwischenkriegszeit mit bis zu 600 Beschäftigten. Durch neue Produktlinien (Bilder- u. Malbücher) und den Kauf renommierter Firmen der Sparten Holzspielwaren und Zauberkästen (C. Baudenbacher, 1919), Beschäftigungsspiele und Puppenausstattungen (G. Neiff, 1927) und Familien-Kartenspiele (B. Dondorf, 1929) erfuhr das Sortiment eine erhebliche Ausweitung. Spear-Spiele wurden weltweit verkauft, Großbritannien und Deutschland waren die Hauptabsatzländer. 1930 wurde die brit. Tochtergesellschaft „J. W. Spear & Sons“ gegründet, die 1932 unter der Leitung von Richard in Enfield die Spieleproduktion für den englischsprachigen Markt aufnahm. Während der NS-Zeit wurde Enfield zur Anlaufstelle für Emigranten aus dem Familienkreis. Hermann, Betriebsleiter in Nürnberg, erlebte die „Arisierung“ des Unternehmens 1938 zugunsten des Fotounternehmers Hanns Porst (1896–1984); 1943 wurde er in Auschwitz ermordet. Das gleiche Schicksal erlitten zehn weitere Familienmitglieder.

    1948 erhielt die Familie S. im Zuge des gesetzlichen Entschädigungsverfahrens ihren im Krieg weitgehend zerstörten Nürnberger Betrieb zurück. Der Ausbau des engl. Unternehmens hatte für Richard jedoch Vorrang. Spear-Nürnberg wurde unter aktiver Mithilfe von Else (1901–93), der Witwe des ermordeten Hermann, weitgehend selbständig wieder aufgebaut, konnte jedoch die frühere Marktführerschaft nicht mehr erlangen. Das Spear-Sortiment basierte auf einer bewährten Mischung aus Geschicklichkeits-, Gesellschafts- und Beschäftigungsspielen. Weltbekannt wurde das Unternehmen aber durch das Kreuzwortspiel „Scrabble“, eine Erfindung des US-Architekten Alfred M. Butts. Seit 1954 erwarb Spear die Lizenzrechte für fast alle Länder der Erde. An beiden Produktionsstandorten wurde dieses erfolgreichste Wortspiel aller Zeiten hergestellt. Bis zum 100jährigen Firmenjubiläum 1979 wurden weltweit mehr als 40 Millionen Scrabble-Spiele in zahlreichen Sprachversionen abgesetzt. Der Scrabble-Boom bildete die Basis für den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens, dessen brit. Zweig 1966 in eine AG umgewandelt wurde. Mit Francis (* 1931), Richards Sohn, war seit 1963 die vierte Generation in der Firmenleitung tätig. 1973 übernahm er die Position des geschäftsführenden|Direktors. Die allgemeine Krise der Spielebranche und eine gescheiterte Firmenübernahme führten Ende 1984 zur Schließung der Nürnberger Fabrik. 1989 fusionierte Spear mit der franz. Firmengruppe „Habourdin International“, 1994 erwarb der weltgrößte Spielwarenkonzern „Mattel“ die Aktienmehrheit. Da Mattel nur an Scrabble interessiert war, wurde Ende 1995 die umfangreiche Spieleproduktion in Enfield eingestellt. 1996 gründete Francis in Ware (Hertfordshire) das Spear-Spielearchiv (Spear's Games Archive).

  • Literatur

    H. Schwarz u. M. Faber, Die Spielmacher, J. W. Spear & Söhne, Gesch. e. Spielefabrik, 1997 (Qu, L, P), engl. u. d. T.: Games we play, History of J. W. Spear & Sons, 1997.

  • Autor/in

    Helmut Schwarz
  • Empfohlene Zitierweise

    Schwarz, Helmut, "Spear" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 634-635 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd1020732741.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA