Lebensdaten
1593 bis nach 1677
Geburtsort
Putschwitz Kreis Saaz (Böhmen)
Sterbeort
wahrscheinlich Bremen
Beruf/Funktion
religiöser Schwärmer
Konfession
lutherischer Vater,Schwärmer,Chiliast
Normdaten
GND: 123140269 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Felgenhauer, Paul
  • Cruciger, Christian
  • Crucigerus, Christianus
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Zitierweise

Felgenhauer, Paul, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd123140269.html [20.02.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Nikolaus (1549–97), luth. Pfarrer in Sachsen;
    Ottensen 19.6.1631 Margarete Junkhusen ( n. 1658);
    3 S, 1 T.

  • Leben

    F. studierte Theologie, vor allem in Wittenberg, ging nicht ins Pfarramt, sondern schrieb in seiner Heimat 1619 seine „Chronologia“, 1620 den „Zeitspiegel“. Nach der Protestantenaustreibung lebte er ab 1623 in Amsterdam. Von hier fanden seine vielen, meist kurzen Schriften große Verbreitung, vor allem in Norddeutschland, so daß die Pfarrerschaft von Lübeck, Hamburg und Lüneburg in Amsterdam intervenierte und gegen ihn schrieb (N. Hunnius, Rost Kregel). F. zog nach Bederkesa und schwieg 1635-49, wurde wegen angeblicher Gemeindegründung und Sakramentsspendung vertrieben, wandte sich nach kurzem Aufenthalt in Holland nach Sulingen, wo er 1657 auf Betreiben seiner theologischen Gegner verhaftet wurde. Auf die vergeblichen Bekehrungsversuche des Superintendent Rüdecker im Gefängnis zu Syke schrieb er sein Glaubensbekenntnis (1658). Er meinte der Gefangenschaft nie mehr zu entkommen (5 Valetbriefe an die Familie), schrieb jedoch 1659/60 in Hamburg unter anderem die ungedruckten Sermones über die Sonntagsevangelien. 1677 finden wir ihn in Bremen. F. war Schwärmer mit pantheistischer, mystischer, chiliastischer und synkretistischer Neigung, der alles in triadische Systeme preßte. Er bekämpfte alle Kirchen, wollte selbst jedoch weder Sektenstifter noch himmlischer Prophet sein und auch keine Visionen gehabt haben. Endzeitberechnungen und ausgedehnte Kritik der Prediger waren nicht seine Hauptanliegen, sondern der Kampf gegen die kirchliche Lehre von der menschlichen Natur Christi. Nach F. hatte Christus, der einige Gott, nur die Gestalt eines irdischen Leibes. Gott ist nicht dreifaltig, sondern ein Wesen mit drei Namen und menschenähnlichem Leib. Es gibt drei Welten (göttliche, englische, elementarische = irdische), alle Kreaturen haben Leib, Seele und Geist, auch die Tiere sind deshalb von Christus erlöst. Der Mensch hat dreierlei Geist: elementarischen (erlischt beim Tod), englischen (vergeht nach 1000 Freudenjahren in den Kammern der Gerechten), göttlichen (hat seinen Sitz im Kopf, geht nach dem Tod ins Paradies, durch ihn ist der Mensch ein Teil Gottes, damit Gottmensch). Es gibt ebenfalls dreierlei Geister: göttliche, gute und böse englische, elementarische, die alle Krankheit bewirken und durch die man Wunder tun kann.

  • Werke

    Weitere W u. a. Apologia Christiana im puncte v. d. person Christi, o. O. 1634;
    Eine rede od. schrifft v. abendmahl, Amsterdam 1650;
    Harmony d. Glaubens, wie u. auf welche Weise alle Menschen beydes Christen, Juden, Türken u. Heiden – zu einerlei Glauben gelangen können, ebd. 1654;
    Confessio od. Glauben-Bekenntniß in drey Puncten, o. O. 1658;
    Schola passionis, o. O. 1658;
    Novum lumen fidei et religionis, welches d. wahre seligmachende glaube u. d. rechte rel. sev,|Amsterdam 1659;
    Neues theol. Licht üb. d. confession u. glaubensbekänntniß P. F.s, o. O. u. J. (wohl 1659);
    Christianus simplex, 1656.

  • Literatur

    ADB VIII;
    J. G. Bertram, Das ev. Lüneburg, Braunschweig 1719, S. 216;
    C. H. Starke, Lübeck. Kirchenhist., Hamburg 1724, S. 790 f.;
    G. Arnold, Unparteiische Kirchen- u. Ketzerhist. II, Schaffhausen 1741, S. 373 ff. (W-Verz. T. III, Kap. 5, § 13);
    J. Ch. Adelung, Gesch. d. menschl. Narrheit, Leipzig 1785/89, IV, S. 400 ff. (W-Verz.);
    G. Frank, Gesch. d. prot. Theol. I, 1862, S. 357;
    K. R. Hagenbach, KG V, 31871, S. 343 ff.;
    E. G. Wolters, Briefe v. u. gegen P. F., in: Zs. d. Ges. f. nd.sächs. KG 39, 1924/25, S. 186 f.;
    ders., P. F.s Leben u. Wirken, in: Jb. d. Ges. f. nd.sächs. KG 54, 1956, S. 63 ff., 55, 1957, S. 54 f.;
    LThK;
    RGG.

  • Autor/in

    Peter Poscharsky
  • Empfohlene Zitierweise

    Poscharsky, Peter, "Felgenhauer, Paul" in: Neue Deutsche Biographie 5 (1961), S. 69-70 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd123140269.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Felgenhauer **)Zu Band VI S. 612.: Paul F., religiöser Schwärmer, Theosoph und Chiliast des 17. Jahrhunderts. — Seine Lebensumstände wie seine (zum Theil anonymen, zum Theil ungedruckten) Schriften sind nur unvollständig bekannt. — Geboren am Schluß des 16. Jahrh. zu Putschwitz in Böhmen, von seinem Vater, einem evangelischen Pfarrer, zum Predigtamte bestimmt, studirte er eine Zeit lang zu Wittenberg und auf anderen hohen Schulen, zog sich dann aber, ohne ein geistliches Amt anzunehmen, in seine Heimath zurück. Seit 1619 trat er als Schriftsteller auf, verkündete in seiner „Chronologie“, auf seltsame Berechnungen und Zahlencombinationen gestützt, das Nahen des jüngsten Tages, trat dann 1620 in seinem „Zeitspiegel“ wider die Verderbnisse der Kirche und Geistlichkeit auf, mußte aber bald darauf in Folge der ausgebrochenen Protestantenverfolgungen sein böhmisches Vaterland verlassen und flüchtete nun zunächst eine Zeit lang in das damalige große Asyl der Vertriebenen und der Schwärmer, nach Amster dam. Von hier aus ließ er, gemeinschaftlich mit einigen Gesinnungsgenossen, wie Chr. A. Raselius u. A., eine Reihe von schwärmerischen Schriften (gedruckt bes. bei Janson u. A.) ausgehen, z. B. „Morgenröthe der Weisheit“, „Prodromus evangelii aeterni s. chilias sancta etc.“, „Vortrab des ewigen Evangelii", „Sendbrief an Hirten und Schafe", „Monarchenspiegel", „Geheimniß vom Tempel des Herrn", „Spiegel der Wahrheit und Weisheit“. Er verwirft und schmäht darin alle bestehenden Kirchen als „ein fleischlich, menschlich, animalisches Sectenbabel“, ihre Geistlichen als „buchstäbliche Pfaffen"; er selbst will zu keiner Kirche und Secte gehören, aber auch nicht selbst als Sectenstifter, Visionär oder neuer Prophet angesehen sein, sondern als „Diener Christi an der Gemeinde Gottes im Geist zu Philadelphia"; er will Nichts zu thun haben mit den verderblichen Glaubensartikeln und Sectenlehren, heißen sie katholisch, lutherisch, calvinisch, photinianisch oder wiedertäuferisch, sondern will an Christus allein sich halten, der Bibel glauben, die Quintessenz des wahren Christenthums, das ewige Evangelium verkündigen und den Weisheitsspiegel Christi allen Menschen, auch Juden und Türken, vorhalten. Dagegen sehen die Orthodoxen in seiner Lehre (besonders in seinen Angriffen gegen die kirchliche Christologie und Gnadenmittellehre) Nichts als ein Gemisch aus allen alten und neuen Ketzereien, aus Samosatinismus, Sabellianismus, Manichäismus, Pelagianismus, Chiliasmus, Weigelianismus, kurz einen „Synkretismus und Enthusiasmus“ der gefährlichsten Art. Beunruhigt durch die große Verbreitung, welche diese Lehren und Schriften der neuen Propheten, die sich selbst Erleuchtete oder Theosophoi nennen, unter dem Volk,|namentlich in Norddeutschland, fanden, traten verschiedene deutsche Theologen zuerst mit einzelnen Zuschriften gegen ihn auf (so ein Hofprediger Rost in Güstrow, ein Prediger Kregel u. A.), denen F. wieder Gegenschriften entgegensetzte (z. B. „Examen theologiae Rostii“ u. A.); dann vereinigten sich die Ministerien der drei Städte Hamburg, Lübeck und Lüneburg zu gemeinsamen Schritten, wandten sich an das Ministerium A. C. in Amsterdam mit der Bitte der Verbreitung der Schriften Felgenhauer's Einhalt zu thun, und beschlossen auf einem Convent zu Mölln im März 1633, das Volk vor solchen Schwärmereien zu warnen und die Hülfe der Obrigkeit dawider in Anspruch zu nehmen. Nicolaus Hunn schrieb im Namen der lübeck'schen Geistlichkeit seinen „ausführlichen Bericht von den neuen Propheten“, 1634, dem F. eine „Gründliche Verantwortung“ entgegensetzte. Dieser ließ sich darauf zu Bederkesa bei Bremen nieder, wo er 17 Jahre lebte und Conventikel hielt, bis er wegen unbefugter Sacramentsverwaltung mit Weib und Kindern ausgewiesen wurde. Als er später zu Sulingen in der Grafschaft Hoya sein Wesen trieb, wurde er auf Befehl der hannoverschen Regierung 1657 verhaftet und im Amthaus zu Syke gefangen gehalten, wo im Auftrag des Consistoriums von Celle der Superintendent Rüdecker, ein Pastor Käseberg u. A. Bekehrungsversuche bei ihm machten. Seiner Haft entlassen ging er nach Hamburg, wo er Sermones über die Sonntagsevangelien, eine „Schola passionis", „novum lumen fidei“, „nova cosmographia“ schrieb. Ort und Zeit seines Todes (erst nach 1660) ist unbekannt. —

    • Literatur

      Eine Biographie und Verzeichniß seiner Schriften (46 Nummern) hat Adelung zu geben versucht in der Geschichte der menschlichen Narrheit IV, S. 400 ff.; vgl. auch G. Arnold, Kirchen- und Ketzerhistorie, Thl. III, 5, S. 55 (Ausg. von 1700); Starcken's Lübeck'sche Kirchenhistorie, S. 790; Bertram von Lüneburg S. 216 ff.; Hagenbach, K.-G. Bd. V, S. 345, und in Herzog's th. R.E. IV, S. 348; G. Frank, Gesch. der protest. Theol. I, 357.

  • Autor/in

    Wagenmann.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wagenmann, Julius August, "Felgenhauer, Paul" in: Allgemeine Deutsche Biographie 8 (1878), S. 278-279 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd123140269.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA