Karasek, Hellmuth

Lebensdaten
1934 – 2015
Geburtsort
Brünn (Mähren, heute Brno, Tschechien)
Sterbeort
Hamburg
Beruf/Funktion
Literaturkritiker ; Journalist ; Publizist ; Schriftsteller ; Theaterkritiker ; Drehbuchautor ; Schauspieler
Konfession
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Normdaten
GND: 119370107 | GND-Explorer | OGND | VIAF
Namensvarianten

  • Doppler, Daniel / Pseudonym
  • Karasek, Hellmuth
  • Doppler, Daniel / Pseudonym
  • Doppler, Daniel
  • b10
  • Carasek, Hellmuth

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Zitierweise

Karasek, Hellmuth, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd119370107.html#indexcontent [05.10.2026].

CC0

  • Karasek, Hellmuth

    Pseudonym: Daniel Doppler

    1934 – 2015

    Literaturkritiker, Journalist, Publizist, Schriftsteller

    Hellmuth Karasek war ein prominenter Theater-, Film- und Literaturkritiker der Bundesrepublik, der auch als Romancier, Autor von Theaterstücken und Verfasser humoristischer Kurzerzählungen hervortrat. Journalistisch wirkte er v. a. als Feuilletonredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“ und als Leiter des Kulturressorts des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“. Öffentlich bekannt wurde Karasek seit 1988 als ständiges Mitglied der ZDF-Sendung „Das literarische Quartett“ neben Sigrid Löffler (geb. 1942) und Marcel Reich-Ranicki (1920–2013).

    Lebensdaten

    Geboren am 4. Januar 1934 in Brünn (Mähren, heute Brno, Tschechien)
    Gestorben am 29. September 2015 in Hamburg
    Grabstätte Friedhof Ohlsdorf (AD5-164) in Hamburg
    Konfession römisch-katholisch, später Atheist
    Hellmuth Karasek, BSB / Bildarchiv / Fotoarchiv Ohlbaum (InC)
    Hellmuth Karasek, BSB / Bildarchiv / Fotoarchiv Ohlbaum (InC)
  • 4. Januar 1934 - Brünn (Mähren, heute Brno, Tschechien)

    1938 - Ende 1939 - Wien

    Übersiedlung mit der Familie; Schulbesuch

    Volksschule

    1940 - Sommer 1944 - Bielitz (Oberschlesien, heute Bielsko-Biała, Polen)

    Übersiedlung mit der Familie; Schulbesuch

    Volksschule

    Sommer 1944 - Ende 1944 - Loben (Oberschlesien, heute Lubliniec, Polen)

    Schulbesuch

    Nationalpolitische Erziehungsanstalt (NS-Internat)

    26.12. 1944 - u. a. über Groß Ullersdorf (Mähren, heute Velké Losiny, Tschechien) und Stollberg/Erzgebirge nach Bernburg an der Saale

    Flucht der Familie aus Schlesien

    1948 - 1952 - Bernburg an der Saale

    Schulbesuch (Abschluss: Abitur)

    Karl-Marx-Oberschule (heute Gymnasium Carolinum)

    Sommer 1952 - Metzingen bei Reutlingen

    Übersiedlung

    November 1952 - 1958 - Tübingen

    Studium der Germanistik, Geschichtswissenschaft, Anglistik und Politikwissenschaft

    Universität

    Januar 1958 - Tübingen

    Promotion (Dr. phil.)

    Universität

    1958 - München

    kurzzeitiger Besuch (ohne Abschluss)

    Werner-Friedmann-Institut (heute Deutsche Journalistenschule)

    ca. Oktober 1958 - September 1959 - Brilon (Sauerland); seit Januar 1959 Grafing bei München

    Lehrer (Deutsch für Ausländer)

    Goethe-Institut

    Oktober 1959 - 1968 - Stuttgart

    Volontär; seit 1960 Feuilletonist, seit 1962 Feuilletonchef

    Stuttgarter Zeitung (Tageszeitung)

    ca. 1963 - 1964 - Stuttgart

    Dramaturg; Chefdramaturg

    Württembergische Staatstheater

    1968 - 1974 - Hamburg

    Literatur- und Theaterkritiker

    Die Zeit (Wochenzeitung)

    1974 - 1996 - Hamburg

    Leiter des Kulturressorts; seit Ende 1991 von Redaktionspflichten befreit

    Der Spiegel (Nachrichtenmagazin)

    1988 - 2001 - Mainz

    ständiger Teilnehmer der Sendung „Das literarische Quartett“

    ZDF

    Januar 1997 - Ende 2004 - Berlin

    Mitherausgeber

    Tagesspiegel (Tageszeitung)

    2004 - 2015 - Hamburg

    freiberuflicher Journalist und Publizist

    u. a. Die Welt (Tageszeitung)

    29. September 2015 - Hamburg

    alternativer text
    Hellmuth Karasek (rechts), Imago Images (InC)

    Kindheit, Ausbildung und berufliche Anfänge

    Karasek wuchs in einem kleinbürgerlichen, nationalsozialistisch orientierten Elternhaus in Brünn (Mähren, heute Brno, Tschechien), Wien und Bielitz (Oberschlesien, heute Bielsko-Biała, Polen) auf. Seit Sommer 1944 besuchte er die Nationalpolitische Erziehungsanstalt (Napola) in Loben (Oberschlesien, heute Lubliniec, Polen), ehe er Ende desselben Jahres mit seiner Familie vor der Roten Armee aus Schlesien floh.

    Seit 1948 lebte die Familie in Bernburg an der Saale, wo Karasek 1952 an der Karl-Marx-Oberschule (heute Gymnasium Carolinum) das Abitur erhielt und kurz darauf alleine aus der DDR floh. Seit Herbst 1952 studierte er v. a. Germanistik an der Universität Tübingen und wurde hier im Februar 1958 bei Friedrich Beißner (1905–1977) zum Dr. phil. promoviert. Seit Oktober 1958 als Lehrer für das Goethe-Institut in Brilon (Sauerland) und Grafing bei München tätig, wechselte Karasek im Oktober 1959 als Volontär an die politisch liberal orientierte, von Josef Eberle (1901–1986) herausgegebene „Stuttgarter Zeitung“, wo er rasch fest angestellter Theater- und Literaturkritiker und 1962 Leiter des Feuilletons wurde.

    Parallel dazu war Karasek in den 1960er Jahren als Feuilletonist für „Die Welt“, die „Süddeutsche Zeitung“ und die „Die Zeit“ tätig, wirkte 1963/64 als (Chef-)Dramaturg an den Württembergischen Staatstheatern in Stuttgart und entwickelte die von 1968 bis 1972 in der ARD ausgestrahlte Jugend-Fernsehserie „Schreib ein Stück“ mit, in der u. a. Rudolf Kowalski (geb. 1948) und Marius Müller-Westernhagen (geb. 1948) frühe Fernsehauftritte hatten und deren erste 36 Folgen Karasek moderierte.

    Literaturvermittler und Feuilletonist für „Die Zeit“ und „Der Spiegel“

    Karaseks erste Buchpublikationen waren literaturhistorisch geprägt: 1965/66 legte er in der renommierten, v. a. für Schüler konzipierten Reihe „Friedrichs Dramatiker des Welttheaters“ zwei kurze Monografien über die Schriftsteller Carl Sternheim (1878–1942) und Max Frisch (1911–1991) vor. Seit 1968 war er hauptberuflich Theaterkritiker der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“, der er bis 1974 verbunden blieb. Auf Initiative Rudolf Augsteins (1923–2002), den er bei Treffen der „Gruppe 47“ kennengelernt hatte, wechselte Karasek 1974 in die Redaktion des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, dessen Kulturressort er bis 1991 leitete. Er öffnete das Feuilleton des Magazins, bei dem Theaterkritik wenig Platz hatte, für einen weiten Kulturbegriff von zeitgenössischer Literatur, inklusive unterhaltender Genres wie dem Krimi. Karasek war zeitlebens der von den USA geprägten Kultur seit den 1950er Jahren verbunden, wie noch in seinem letzten, postum erschienenen Buch „Nach dem Krieg. Wie wir Amerikaner wurden“ (2016) deutlich wurde. Neben seiner journalistischen Arbeit war er seit den 1970er Jahren als Dozent für deutsche Literatur am Middlebury College in Vermont (USA) tätig sowie seit 1992 als Honorarprofessor am Theaterwissenschaftlichen Institut der Universität Hamburg.

    Filmkritik

    Seit Beginn der 1980er Jahre wandte sich Karasek als Kritiker und Publizist v. a. dem zeitgenössischen US-amerikanischen und bundesdeutschen Film zu. 1981 übertrug er mit seiner späteren zweiten Ehefrau Armgard Seegers (geb. 1953) das Drehbuch zu Woody Allens (geb. 1935) Komödie „Manhattan“ in das Deutsche, 1987 drehte er mit und über Allen den Interviewfilm „Mr. Manhattan“. Anerkennung fand Karasek v. a. mit seiner 1992 veröffentlichten, mehrfach aufgelegten, auf zahlreichen Interviews basierenden Biografie des österreichisch-amerikanischen Regisseurs Billy Wilder (1906–2002).

    Mit dem deutschen Autorenfilm, etwa den Werken von Rainer Werner Fassbinder (1945–1982) und Wim Wenders (geb. 1945), setzte sich Karasek sehr kritisch auseinander, während er z. B. die Komödien Helmut Dietls (1944–2015) schätzte. Nachdem im Sommer 1996 ein affirmativer Text Karaseks über Dietls Filmprojekt „Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“ (1997) von Chefredakteur Stefan Aust (geb. 1946) mit Rückendeckung Augsteins abgelehnt worden war, verließ Karasek die „Spiegel“-Redaktion. Anschließend war er als freier Autor noch gelegentlich für das Magazin tätig und veröffentlichte im Juni 2000 eine vielbeachtete Titelgeschichte über Marlene Dietrich (1901–1992), mit der Karasek 1991 deren letztes großes Interview geführt hatte.

    „Das literarische Quartett“

    Von der ersten Ausstrahlung am 25. März 1988 bis zur letzten von insgesamt 77 Episoden am 27. Dezember 2001 gehörte Karasek mit Marcel Reich-Ranicki (1920–2013) und (bis 2000) Sigrid Löffler (geb. 1942) zum festen Ensemble der populären, im ZDF ausgestrahlten Literaturkritik-Sendereihe „Das literarische Quartett“. Hier wirkte Karasek neben dem Inspirator und Leiter der Sendung Reich-Ranicki, der oft scharf bis sarkastisch auftrat, als süffisant-unterhaltsamer Widerpart, der nicht nur die Hochkultur zu schätzen wusste.

    Auch Karaseks erster, autobiografisch konnotierter Roman „Das Magazin“ (1998) fand weite Beachtung – allerdings nicht aufgrund der literarischen Qualität, die von Rezensenten wie Werner Fuld (geb. 1947) und Claudius Seidl (geb. 1959) überwiegend negativ eingeschätzt wurde, sondern v. a., weil er als scharfe Abrechnung über die Gegebenheiten beim „Spiegel“ und viele der dort wirkenden Personen angelegt war und rezipiert wurde. Nach seinem Ausscheiden aus der Redaktion des „Spiegels“ wirkte Karasek bis 2004 als Mitherausgeber der Berliner Zeitung „Der Tagesspiegel“, danach als Kolumnist für Zeitungen des Springer-Verlags. Vor allem war er nun als Buchautor tätig und veröffentlichte u. a. boulevardeske Bände mit Kurzgeschichten, Skizzen und Glossen. Neben diesen kommerziell erfolgreichen Arbeiten gab er die ausführlich kommentierte Anthologie „Briefe bewegen die Welt“ (7 Bde., 2010–2014) heraus, die breite Anerkennung fand.

    1974 Theodor-Wolff-Preis des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger
    1987–1991 Mitglied der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises
    1991 Bayerischer Fernsehpreis (mit Sigrid Löffler und Marcel Reich-Ranicki)
    1992 Honorarprofessor am Institut für Theaterwissenschaften der Universität Hamburg
    1994 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
    2012 Elbschwanenorden der Hamburger Regionalgruppe des Vereins Deutsche Sprache
    Mitglied des Deutschen PEN-Zentrums (Bundesrepublik)
    Mitglied der Freien Akademie der Künste Hamburg e. V.

    Nachlass:

    nicht bekannt.

    Weitere Archivmaterialien:

    Archiv des Zweiten Deutschen Fernsehens, Mainz. (Zuschauerpost zur Sendung „Das literarische Quartett“)

    Gedruckte Quelle:

    Armgard Karasek/Laura Karasek, Das Gespräch unseres Lebens. Ein aufrichtiges Mutter-Tochter-Buch, 2023.

    Autobiografische Texte:

    Auf der Flucht. Erinnerungen, 1–32004, Taschenbuchausg. 2006.

    Auf Reisen. Wie ich mir Deutschland erlesen habe, 2013, Taschenbuchausg. 2014.

    Literaturhistorische Arbeiten:

    Das sogenannte „schmückende“ Beiwort. Beiträge zu einer neuhochdeutschen Poetik, 1958. (ungedr. Diss. phil., Universität Tübingen)

    Carl Sternheim, 1965, Taschenbuchausg. 1970, 21976.

    Max Frisch, 1966, 41971, Taschenbuchausg. 1974.

    Deutschland, deine Dichter. Die Federhalter der Nation, 1970.

    Bertolt Brecht. Der jüngste Fall eines Theaterklassikers, 1978, Neuaufl. u. d. T. Bertolt Brecht. Vom Bürgerschreck zum Klassiker, 1995.

    Zeit- und Kulturhistorische Arbeiten:

    Karaseks Kulturkritik. Literatur, Film, Theater, 1988.

    Billy Wilder. Eine Nahaufnahme, 1992, 31995, erw. Neuausg. 2006, Neuaufl. 2015.

    Mein Kino. Die 100 schönsten Filme, 1994, Taschenbuchausg. 1995 u. 1999.

    Go West! Eine Biographie der fünfziger Jahre, 1996, Taschenbuchausg. 1998.

    Karambolagen. Begegnungen mit Zeitgenossen, 2002, Taschenbuchausg. 2004, 22008.

    Nach dem Krieg. Wie wir Amerikaner wurden, 2016, Taschenbuchausg. 2018.

    Belletristik:

    Hand in Handy, 1997, Taschenbuchausg. 1999. (Kurzgeschichten, Skizzen)

    Das Magazin, 1998, Taschenbuchausg. 2000. (Roman)

    Mit Kanonen auf Spatzen. Geschichten zum Beginn der Woche, 2000. (Kurzgeschichten, Skizzen)

    Betrug, 1 – 42001, Taschenbuchausg. 2002. (Roman)

    Süßer Vogel Jugend oder Der Abend wirft längere Schatten, 2006, 72007, Taschenbuchausg. 2008. (Kurzgeschichten).

    Theaterstücke:

    Die Wachtel, 1984. (unter dem Pseudonym Daniel Doppler)

    Hitchcock. Eine Komödie, 1986. (unter dem Pseudonym Daniel Doppler)

    Innere Sicherheit, 1988. (unter dem Pseudonym Daniel Doppler)

    Glossen:

    Vom Küssen der Kröten und andere Zwischenfälle, 2008, Taschenbuchausg. 2010.

    Ihr tausendfaches Weh und Ach. Was Männer von Frauen wollen, 2009, Taschenbuchausg. 2011.

    Im Paradies gibt’s keine roten Ampeln, 2011.

    Frauen sind auch nur Männer, 2013, 22014, Taschenbuchausg. 2015.

    Anthologien:

    Briefe bewegen die Welt, 7 Bde., 2010–2014. (Hg.)

    Das find ich aber gar nicht komisch! Geschichte in Witzen und Geschichten über Witze, 2015, Taschenbuchausg. 2017.

    Übersetzungen:

    Raymond Chandler, Die Tote im See, 1976. (Krimi)

    Woody Allen, Manhattan, 1990. (Drehbuch) (mit Armgard Seegers)

    Nachrufe:

    Peter von Becker, Der melancholische Komödiant. Nachruf auf Hellmuth Karasek, in: Der Tagesspiegel v. 30.9.2015. (P) (Onlineressource)

    Wolfgang Höbel, Geliebter Luftikus. Zum Tode von Hellmuth Karasek, in: Der Spiegel, Nr. 41 v. 1.10.2025. (P) (Onlineressource)

    Josef Joffe, Der Sit-down-Comedian. Zum Tode von Hellmuth Karasek, in: Die Zeit, Nr. 41 v. 8.10.2015. (Onlineressource)

    Lothar Müller, Flüchtlingskind als Witzeerzähler, in: Süddeutsche Zeitung v. 30.9.2015. (P) (Onlineressource)

    Tim Schleider, Ein intellektueller Fernsehstar. Nachruf auf Hellmuth Karasek, in: Stuttgarter Zeitung v. 30.9.2015.

    Fotografien, in: N. N., Ein Leben für die Literatur. Hellmuth Karasek, in: Spiegel Kultur v. 30.9.2015. (Onlineressource)

    Fotografien, in: N. N., Ein Leben für die Literatur. Hellmuth Karasek, in: Spiegel Kultur v. 30.9.2015. (Onlineressource)

    Fotografien, in: Wikimedia Commons. (Onlineressource)

  • Autor/in

    →Markus Behmer (Bamberg)

  • Zitierweise

    Behmer, Markus, „Karasek, Hellmuth“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd119370107.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA