Lebensdaten
1611 oder 1612 bis 1675
Geburtsort
Brüx
Sterbeort
Zittau
Beruf/Funktion
Komponist ; Organist
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 119309025 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hammerschmidt, Andreas
  • Hammerschmid, Andreas
  • Hammerschmidt, A.
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Zitierweise

Hammerschmidt, Andreas, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119309025.html [18.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Hans ( 1636), Sattler, Exulant aus B., 1629 Bürger in Freiberg, S d. Wolfgang in Carthaus b. Zwickau u. d. Müllers-T Elisabeth König;
    M Dorothea N. N., aus B.;
    Stief-M (seit 1614) Dorothea N. N.;
    - 22.8.1637 Ursula (1618–81), T d. Patriziers Martin Teuffel in Prag;
    1 S (früh †), 5 T, u. a. Anna Dor. ( Gottfr. v. Jungenfels, Dr. iur., Ratsherr in Z., S d. Joachim v. J., vor 1666, Kammerrat d. Albr. v. Wallenstein u. Hauptm. d. Herrschaft Reichenberg), Anna Sabine ( 1) 1665 Florian Ritter, 1685, Musiker in Z., 2] Jean de la Croix, kursächs. Oberkammerdiener).

  • Leben

    Über H.s erste Ausbildung in Brüx und Freiberg in Sachsen ist nichts bekannt. Von Juli 1633 bis etwa Oktober 1634 ist er neben dem Kantor Stephan Otto als Organist auf Schloß Weesenstein im Dienste von Rudolf Graf von Bünau nachzuweisen. Nach zweimaliger Bewerbung wurde er am 8.12.1634 zum Organisten der Petrikirche in Freiberg ernannt. April 1639 trat er die Nachfolge Chr. Schreibers als Organist der Johanniskirche in Zittau an, deren Kantor 1629-78 Simon Crusius (1607–78) war. 1656 erwarb H. in der Nähe der Johanniskirche ein eigenes Haus und später mehrere Grundstücke. Er verließ die Stadt nur noch zu einzelnen Besuchen in Görlitz, Dresden und Leipzig. Ein vielleicht durch H. Schütz veranlaßter Aufenthalt am dänischen Hof Christians IV., den eines der beiden Lobgedichte zum „Andern Theil der geistlichen Gespräche“ (1656) andeutet, ist nicht belegt. H. scheint sich nicht nur als Organist, Komponist und Musiklehrer, sondern auch als Dorf-, Forst- und Grundstücksverwalter betätigt zu haben. – Zu H.s Freunden gehörte der Rektor des „Johanneum“ M. Christian Keimann, dessen Liedertexte er vertonte. Sein Jähzorn verwickelte ihn jedoch in zahlreiche Streitigkeiten, unter anderem mit J. Rosenmüller – er soll H. einen „Clausulndieb“ genannt haben. H.s rege kompositorische Tätigkeit machte ihn bald weit über die Grenzen seiner Heimatstadt hinaus bekannt. Dies geht zum Beispiel aus den seinen Werken vorangestellten Lobgedichten etwa von Schütz und J. Rist hervor. – In den Mittelpunkt seines Schaffens stellte H. die Vertonung des deutschen Bibelworts. Vornehmlich an das italienische Concerto und die venezianische Mehrchörigkeit knüpfte er vor allem in den „Dialogi“ (1645) für 2-4 Solostimmen und Generalbaß, in den „Gesprächen über die Evangelia“ (1655/56) und in den 17 Missae breves zu 5-12 und mehr Stimmen (1663) an. Für sein großes 5teiliges Werk „Musikalische Andachten“ (1639-53 erschienen), das hauptsächlich 1-4stimmige, geistliche Konzerte und Madrigale über Bibelsprüche und Liedtexte enthält, war vor allem Schütz sein Vorbild. – Ebenso fruchtbar wie in der geistlichen Musik war H. im Bereich der Instrumentalmusik und des Lieds. Durch den imitatorisch-polyphonen Satz steht er in seinen Sammlungen instrumentaler Tanzsätze „auf Violen“, in denen er die Sarabande erstmals in Deutschland einführte, gänzlich im Gefolge der nord- und mitteldeutschen Meister der „Variations“-Suite, wendet sich jedoch durch Aufnahme französischer Tanzsätze und des Generalbasses auch neueren Bestrebungen zu. In der Liedkomposition hingegen schließt er sich der volkstümlich schlichten Art der „Hamburger Liederschule“ (Rist, Voigtländer, Schwieger) an. – Im Grunde von der neuen Sprachbehandlung durch Schütz nur wenig berührt, ist H. wieder mehr auf die italienische Tradition des geringstimmigen Concerto mit Generalbaß (Viadana) und der Mehrchörigkeit (Venedig) zurückgegangen. Sein schlichter Satz wurde von H. Fuhrmann (Musikalischer Trichter, 1706) „Hammerschmiedischer Fuß“ genannt. Lehrreich sind die Besetzungs- und Aufführungsanweisungen, die H. einigen seiner Werke beigegeben hat. Unter den zwischen Schütz und J. S. Bach vermittelnden Musikern ist er einer der gediegensten gewesen.

  • Literatur

    ADB X;
    Harold Mueller, The „Musical. Gespräche üb. d. Evangeliä of A. H.“, 2 Bde., Rochester, NY, 1957;
    A. Adrio, in: MGG V, Sp. 1426-35 (W, L, P: Kupf. v. S. Weishun);
    A. W. Schmidt, Vorwort zu DTÖ 16, Jg. 8.

  • Autor/in

    Gertraut Haberkamp
  • Empfohlene Zitierweise

    Haberkamp, Gertraut, "Hammerschmidt, Andreas" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 594 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119309025.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Hammerschmidt: Andreas H., aus Brüx in Böhmen, war um 1611 geboren und erlernte auf handwerksmäßige Weise beim Cantor Stephan Otto in Schandau (Sachsen) die Musik. Jedoch der trefflichen Begabung des Jünglings that dies keinen Abbruch und aus dem Handwerksgesellen entwickelte sich ein Künstler, der mit den Koryphäen der Musik im 17. Jahrhundert um die Palme rang. Wie beliebt Hammerschmidt's Compositionen einst waren, erhellt am deutlichsten aus den aus dieser Zeit uns erhaltenen handschriftlichen Musik-Sammelbänden, in denen H. öfter als irgend ein anderer zu finden ist. Im J. 1635 erhielt H. den Organistenposten an der St. Peterskirche in Freiberg (Sachsen) und am 26. April 1639 denjenigen an St. Johann in Zittau, woselbst er am 29. October 1675, 64 Jahr alt, starb. Einzelne drastische Züge aus seinem Leben, welche Dr. A. Tobias mittheilt (s. u.), zeigen uns den urdeutschen Charakter, der seiner biederen Derbheit und Hartköpfigkeit sogar auf offener Straße den gehörigen Nachdruck verleiht. H. war nicht der armselige „deutsche Schlucker“, sondern der wohlhabende und behaglich, sogar künstlerish eingerichtete Bürger. Das erst im J. 1851 niedergerissene Gartenhaus vor dem Bautzener Thore in Zittau trug über der hinteren Thüre die Inschrift: Anno 1660 baute dieses Haus und Garten von Grund aus neu Andreas Hammerschmidt. Außerdem besaß er in der Stadt selbst noch ein „Bierhofgrundstück“. H. war ein äußerst fruchtbarer Componist. Bildet doch der vierte Theil seiner musikalischen Andachten, geistlicher Motetten und Concerten mit 5, 6, 7, 8, 9, 10, 12 und mehr Stimmen (Freiberg 1669) einen Partiturband von gegen 800 Folioseiten (im Besitze der Bibliothek des Joachimthal'schen Gymnasiums zu Berlin, Abtheilung Prinzessin Amalien-Bibliothek Nr. 453) und dies ist etwa der zwanzigste Theil dessen, was wir heute noch von ihm besitzen. Die wenigsten seiner Werke sind bisher einer Untersuchung unterzogen, doch genügt das, was durch v. Winterfeld und Andere veröffentlicht worden ist, um die hohe Begabung Hammerschmidt's zu erkennen und ihm seine Stellung in der Musikgeschichte anzuweisen. Seine Hauptthätigkeit weihte er der Kirche, Weniges nur dem weltlichen Gesange und der Instrumentalmusik. Von ersteren besitzen wir die Fest, Buß- und Dank-Lieder, die musikalischen Andachten, die Dialogi oder Gespräche zwischen Gott und einer gläubigen Seele, musikalische Gespräche über die Evangelia und einen Band Messen. Schon in vorgerücktem Alter schrieb er noch eine Sammlung sechsstimmiger Fest- und Zeit-Andachten „für das Chor“. Die Herausgabe obiger Werke (in Stimmbüchern gedruckt) fällt in die J. 1639—71. H. hat sich von der damaligen aus Italien kommenden Mode, Cantaten für eine Stimme mit beziffertem Basse zu schreiben, nicht beeinflussen lassen, seine Vorbilder waren die älteren Meister und der um etwa 26 Jahre ältere Heinrich Schütz. Mit einer lebhaften Phantasie begabt, war er stets schlagfertig den richtigen Ausdruck zu finden, und durch eine weise Vertheilung der Mittel zwischen Chor- und Sologesang, unterbrochen durch kurze Instrumentalsätze, erhalten seine Compositionen etwas ungemein Fesselndes und Anregendes. Andererseits verletzt er nie die kirchliche Würde und durch das geschickte Einflechten alter Kirchenmelodien beweist er zugleich seine Gewandtheit als Contrapunktist. Bei der Wahl der Texte fand er an dem in Zittau lebenden Schulrector Christian Keimann einen vortrefflichen Rathgeber, der ihm auch stets mit seinen eigenen Dichtungen aushalf. Hammerschmidt's Ruf drang bis zum fernen Hamburg und Joh. Rist gewann ihn, einen Theil seiner geistlichen Lieder mit Melodien zu versehen, doch haben sich dieselben keine dauernde Beachtung erworben.

    • Literatur

      A. Hammerschm., v. Dr. A. Tobias, Jahrg. IX, Heft 7 u. 8 der Mittheilungen d. Vereins f. Gesch. der Deutschen in Böhmen. — v. Winterfeld, Evangel. Kirchengesg. Bd. II S. 249 etc.

  • Autor/in

    Rob. Eitner.
  • Empfohlene Zitierweise

    Eitner, Robert, "Hammerschmidt, Andreas" in: Allgemeine Deutsche Biographie 10 (1879), S. 488-489 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119309025.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA