Lebensdaten
um 1360 bis 1433
Geburtsort
Dinkelsbühl
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Reformtheologe ; Universitätsgelehrter
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 11921587X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Brüntzler, Nikolaus
  • Nikolaus Brüntzler
  • Pruntzlein, Nikolaus
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Zitierweise

Nikolaus von Dinkelsbühl, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11921587X.html [12.12.2019].

CC0

  • Leben

    N. immatrikulierte sich 1385 an der 20 Jahre zuvor gegründeten Univ. Wien (1389 Magister artium; seit 1390 Studium der Theologie; 1409 Magister theologiae). Zu seinen Lehrern zählten Heinrich Totting von Oyta und Heinrich von Langenstein. N. setzte sich in verschiedenen Funktionen immer wieder für die Belange der Universität ein (1392 und 1397 Dekan der Artisten-Fakultät; 1405 Rektor; 1410/25/27 Dekan der Theol. Fakultät). Als Vertreter der Universität und im Auftrag seines Landesherrn Hzg. Albrechts V., dessen Berater und Beichtvater er war, unternahm N. mehrere Romreisen. Als Delegierter des Herzogs nahm er am Konstanzer Konzil teil, wo er Begrüßungsansprachen vor König Sigismund und Papst Johannes XXIII. hielt. Er war Mitglied der Glaubenskommission und – als Beauftragter der deutschen Nation – des Wahlkollegiums, das Papst Martin V. wählte. Den Schwerpunkt von N.s nachkonziliarer Tätigkeit bildete der Einsatz für die kirchliche Reform mit dem Ziel der religiösen Erneuerung von Klerus und Volk, besonders jedoch der Klöster – im Zusammenwirken mit Hzg. Albrecht, dem Melker Abt Nikolaus Seyringer (1360–1425) und dem dortigen Prior Petrus von Rosenheim (1380–1433). In dem seit 1423 schwelenden Streit um die Besetzung des Passauer Bischofsstuhles vertrat N. die Interessen Hzg. Albrechts, vermittelte aber auch diplomatisch geschickt.

    N.s Schriften lassen mehrere Schwerpunkte erkennen. Der universitären Lehrtätigkeit entsprangen u. a. ein Kommentar zu Psalm 1-50 (1396/97) und die „Quaestiones Communes“ zu den Sentenzen des Petrus Lombardus. Dazu kommt die berühmte „Lectura Mellicensis“ (zwischen 1421 und 1424 im Kloster Melk gehalten), die mit ca. 200 erhaltenen Handschriften und 5 Bearbeitungen in 60 weiteren Handschriften unter allen Werken N.s das am meisten verbreitete ist. Im Zentrum seiner Werke steht immer wieder die Auslegung der Hl. Schrift. Zeit seines Lebens setzte sich N. für die Reinheit des Glaubens ein: so durch die Anzeige gegen drei Prediger in Wien (1403), durch die Verteidigung der Verbrennung des „rückfälligen Häretikers“ Grieser aus Ybbs (1411), durch den „Tractatus contra errores Hussitorum“ (1417), durch die Leitung der Untersuchung gegen Hieronymus von Prag (Tod auf dem Scheiterhaufen 1416) sowie mit einer Vortragsreihe vor den eingekerkerten Wiener Juden über die Überlegenheit des christlichen Glaubens (1420) und den Auftrag zur Hussitenpredigt (1427). Die pastoralaszetische Ausrichtung sowohl der wissenschaftlichen als auch der moraltheologischen Werke ist überall deutlich (z. B. in den Predigtzyklen „De dilectione dei et proximi“, „De decem praeceptis“, „De oratione dominica“, „Tractatus octo“). Eng damit zusammen hängt N.s Einsatz für die Reform, speziell die Klosterreform. Schon 1415 hatte er in der Reformschrift „Reformationis methodus“ konkrete Vorschläge zur Verfahrensweise gemacht. – N. schrieb in lat. Sprache. Zahlreiche seiner Werke sind autograph erhalten und wurden von ihm ständig selbst überarbeitet. Die ihm in den Handschriften zugeschriebenen deutschen Werke dürften dagegen alle von einem Redaktor bearbeitet sein (sog. N.-v.-D.-Redaktor). Sicher ist dies der Fall bei den deutschen Jahres- und Festtagspredigten sowie bei der deutschen Fassung der „Tractatus octo“-Texte.

    In der Leichenrede bezeichnete Petrus von Pirchenwart N. als „zweiten Gründer der Wiener Universität“. Der Ehrentitel „Lux Sueviae“ und die Urteile Enea Silvio Piccolominis (Papst Pius II.), Gabriel Biels und Jakob Wimpfelings bezeugen die hohe Wertschätzung N.s durch die Nachwelt. Er war ein Mann von ernster und tiefer Frömmigkeit, dabei ein geschickter Universitäts- und Kirchenpolitiker. Seine Theologie ist die einer Umbruchszeit: N. verbindet Methoden der Scholastik mit dem Bestreben, die Kluft zwischen Wissen und Glauben zu schließen. Er verfügte über ausgezeichnete Kenntnis der Bibel, die er weiten Kreisen zugänglich zu machen und zu erklären versuchte. Sein Bemühen um die Reinheit des Glaubens ist gepaart mit dem Versuch, ausgleichend und mäßigend zu wirken. Der Wille zur Reform der Kirche an Haupt und Gliedern ist verbunden mit der Überzeugung, daß auch den Laien religiöses Wissen zugänglich gemacht werden muß. Die immense Verbreitung seiner Werke spricht für seinen Erfolg bei den Zeitgenossen.

  • Literatur

    ADB 23;
    L. Schnurrer, in: Lb. Bayer. Schwaben VIII, 1961, S. 64-83;
    G. Koller, Princeps in ecclesia, Unterss. zur Kirchenpol. Hzg. Albrechts V. v. Österr., in: AÖG 124, 1964;
    A. Madre, N. v. D. Leben u. Schrr., Ein Btr. z. theol. Lit.gesch., 1965;
    R. Damerau, Stud. zu d. Grundlagen d. Ref., VI-X, 1968-71 (Ausgg.);
    Th. Hohmann, Heinrichs v. Langenstein „Unterscheidung der Geister“ lat. u. dt., 1977;
    B. Schnell, Thomas Peuntner, „Büchlein v. der Liebhabung Gottes“, 1984;
    M. Niederkorn-Bruck, Die Melker Reform im Spiegel d. Visitationen, 1994, S. 44 ff.;
    BBKL;
    Vf.-Lex d. MA2 (darin auch: N.-v-.D.-Redaktor);
    Killy.

  • Autor/in

    Freimut Löser
  • Empfohlene Zitierweise

    Löser, Freimut, "Nikolaus von Dinkelsbühl" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 270-271 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11921587X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Nicolaus von Dinkelsbühl, katholischer Theologe, erhielt seinen Beinamen von seiner schwäbischen Heimath, wo er um das Jahr 1360 geboren wurde. Er war durch eine Reihe von Jahren die bedeutendste Persönlichkeit unter den Professoren der Wiener Universität, wie unmittelbar vor ihm Heinrich von Langenstein (A. D. B. XVII, 672) und nach ihm Thomas Ebendorfer (A. D. B. V, 526). Im Verzeichniß der artistischen Baccalarien erscheint sein Name zuerst im J. 1385. Vier Jahre später war er schon als Magister in die artistische Facultät aufgenommen. Hier hielt er von 1390—1405 (mit Ausschluß der Jahre 1398—1402, in denen er zuerst über biblische Gegenstände, dann über die Sentenzen des Petrus Lombardus las, um sich auf den Uebertritt an die theologische Facultät vorzubereiten) mathematische, physikalische und philosophische Vorlesungen und bekleidete öfter die Facultätsämter. Als er vom October 1405 bis zum April 1406 das Rectorat führte, war er bereits Baccalarius in Theologia formatus und Canonicus bei St. Stephan. Förmlich trat er in die theologische Facultät im J. 1409 als Doctor ein, nachdem er im Jahre vorher Licentiat geworden war. 1410, 1425 und 1427 war er Decan der theologischen Facultät. Dagegen lehnte er 1409 die neuerdings auf ihn gefallene Wahl zum Rector ab und mußte die Strafsumme von 10 Gulden bezahlen. Da Nicolaus mit seiner Gelehrsamkeit eine nicht gewöhnliche Beredsamkeit und Geschäftstüchtigkeit verband, wurden ihm theils von der Universität, theils vom Landesfürsten verschiedene wichtige Gesandtschaften übertragen. An den Verhandlungen zur Beilegung des päpstlichen Schisma nahm er hervorragenden Antheil, insbesondere als Abgesandter des Herzogs Albrecht V. bei der Constanzer Kirchenversammlung. Hier verhalf er auch der Wiener Universität in einem Rechtsstreite gegen den Passauer Domdechanten Thiem zum Siege. Als Kaiser Sigismund nach Constanz kam, hielt er an ihn im Namen der versammelten Väter die Anrede, worin er ihm die Sache der Kirchenunion warm an's Herz legte. Als nach Beseitigung des Schisma ein neuer Papst gewählt werden und außer den Cardinälen auch je sechs Abgeordnete der fünf am Concil vertretenen Nationen theilnehmen sollten, befand sich auch Nicolaus unter diesen Wählern. An den neugewählten Papst Martin V. hielt Nicolaus eine Anrede als Abgeordneter des österreichischen Herzogs Albrecht V. Nach seiner Rückkehr von Constanz widmete er sich ganz dem Lehrfache und den Universitätsangelegenheiten und war thätig bei den kirchlichen Reformen, welche der Salzburger Erzbischof in seiner Diöcese einführte. Als das Baseler Concil einberufen und auf Wunsch des Passauer Bischofs von der Universität ein Ausschuß von elf Mitgliedern eingesetzt wurde, um über die dem Concil vorzulegenden Reformvorschläge zu berathen (Ende 1431), war es wieder N., der im Vereine mit Thomas Ebendorfer von Haselbach mit der Abfassung des Gutachtens betraut wurde. Nach diesem Jahre wird er jedoch in den Universitätsacten nicht mehr erwähnt. Er starb im Kloster von Mariazell am 17. März 1433. Seit Possevin haben ihn mehrere Literarhistoriker, insbesondere die Nomenclatoren des Augustinerordens, auf Grund von zwei Handschriften für einen Augustinereremiten gehalten. Allein in der großen Menge anderer Handschriften seiner Werke fehlt jede derartige Angabe, so daß Ossinger gerade aus diesem Grunde seine Zugehörigkeit zum Orden bestritt. Entscheidend aber ist der Umstand, daß nach den mittelalterlichen Universitätsstatuten kein Ordensgeistlicher zum Rector gewählt werden konnte. — N. gehörte zu den fruchtbarsten Schriftstellern der alten Wiener Universität. Außer einem „Commentarius in libros physicorum Aristotelis“ gehören seine Werke sämmtlich der Theologie an. Nur wenige davon sind im Drucke erschienen, nämlich „Postilla cum sermonibus evangeliorum dominicalium.“ Straßburg 1496. „Collecta et praedicata de passione Christi“, sine I. a. et t. (Speier), „Concordantia in passionem Dominicam, s. l. a. et t.“ (Ulm). Alle drei bei Hain Nr. 11760—62. Ferner ein Folioband zu Straßburg 1516 mit folgenden acht Tractaten: „De dilectione Dei et proximi sermones XI"; „De praeceptis decalogi"; „De oratione Dominica"; „De tribus partibus poenitentiae"; „De octo beatitudinibus"; „De 7 peccatis mortalibus et virtutibus oppositis"; „Confessionale"; „De 5 sensibus“. Endlich findet sich bei de Hardt, Concil. Constantiense, II, 182: „Oratio Nicolai de v. ad Sigismundum imperatorem in concilii exordio habita“. Ungedruckt blieben: „Commentationes in psalmos Davidicos, in Isaiam"; „Lectura super Matthaeum, in s. Pauli epistolas canonicas, in epistolam secundam ad Carinthios, in epist. ad Galatas, ad Ephesios"; „Quaestiones in epistolas ad Corinthios"; „Quaestiones motae contra diversos passus epistolae ad Galatas“. — „Commentarii in 4 libros sententiarum“ und „Quaestiones in 4 II. sent."; „Brevis expositio 7 sacramentorum"; „Quaestio de haeresibus st haereticis ac de veritatibus catholicis"; „Quaestiones variae theologicae"; „De 7 donis Spiritus s."; „De communione sacramentali"; „Redulgentiis"; „De veneratione imaginum": „De lectione s. Scripturae in lingua vulgari"; „Avisamentum super articulis Joannis de Falkenberg"; „De superstitionibus": „De gratitudine et ingratitudine"; „De eleemosyna"; „De oblamundi"; „Quinque genera speculorum ad faciem hominis considerandam"; „Speculum praelatorum": „De peccatis linguae"; „De operibus faciendis die dominica"; „De salutatione angelica"; „De chorea"; „De mendacio"; „De ieiunio": „De vita et morte"; „De arte moriendi"; „Lavacrum conscientiae sacerdotis secularis etc.“. Der eine oder andere dieser Tractate, die sich meist in mehreren Abschriften in den Hofbibliotheken von Wien und München, aber auch in anderen deutschen und selbst ausländischen Büchersammlungen befinden, dürfte nur einen Bestandtheil seiner Erklärung der Sentenzen des Petrus Lombardus bilden, wie dieses bezüglich des Tract. de indulgentiis in einer Münchener Handschrift angemerkt ist. Sehr viele andere sind jedoch aus Canzelreden entstanden, so daß in manchen Handschriften ein Werk als Tractatus bezeichnet ist, welches in anderen als Sermo betitelt sich findet. Einzelne Bände finden sich auch in deutscher Uebersetzung. Hiezu kommen die größeren Sammlungen seiner Predigten: „Sermones de tempore sive dominicales"; „Sermones de sanctis"; „Sermones morales“.

    • Literatur

      Vgl. Dom. Ant. Gandolfus Genuensis, Dissertatio hist. de 200 celeb. Augustinianis scriptoribus, 272 ff
      Oudin, Comment. de scriptor. eccles. III, 2301. —
      Kink, Gesch. d. kais. Univers. Wien, I, II, 17, 19, 21 f. 53, 57. —
      Wappler, Gesch. d. theol. Facult. d. Univ. Wien. S. 10, 22, 24, 36, 387, 365. —
      Cruel, Gesch. d, Predigt im M. A., 498 ff. und besonders genau und reichhaltig:
      Aschbach, Gesch. d. Wiener Univers. I, 430 ff. —
      Vgl. dazu Halm, Laubmann und Wilh. Meyer, Catalogus codd. lat. biblioth. reg. Monacens. I, II, 245. I, III, 231. II, III, 316. —
      Schmeller, Deutsche Hdschr., S. 590. —
      Tabulae codd. mss. in biblioth. palatina Vindobon. asservat. I, 353. II, 368. III, 533 f.

  • Autor/in

    Stanonik.
  • Empfohlene Zitierweise

    Stanonik, "Nikolaus von Dinkelsbühl" in: Allgemeine Deutsche Biographie 23 (1886), S. 622-623 unter Nicolaus von Dinkelsbühl [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11921587X.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA