Lebensdaten
1546 bis 1608
Geburtsort
Nidda (Hessen)
Sterbeort
Freiburg (Breisgau)
Beruf/Funktion
Humanist ; Theologe
Konfession
evangelisch,katholisch
Normdaten
GND: 119199351 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Pistorius, Johannes der Jüngere
  • Pistorius Niddanus
  • Pistorius, Johann
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Zitierweise

Pistorius, Johannes, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119199351.html [26.08.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Johann(es) (s. 1);
    M Margaretha Schreiber;
    Frankfurt/M. 1567 Catharina Mayer ( 1585), Stief-T d. Matthias Ritter (1526–88), Pfarrer in Frankfurt/M: 6 S, 2 T.

  • Leben

    P. wuchs als 5. Kind in einem humanistisch geprägten Pfarrhaus in Nidda auf. Nach dem Besuch der örtlichen Lateinschule wurde er mit 13 Jahren in Marburg immatrikuliert. Als Magister setzte er 1563 in Wittenberg und Tübingen seine Studien in Medizin, Jura und Philosophie fort. Die neuzeitliche Anatomie des Andreas Vesalius lernte er 1565 in Padua kennen. Nach einem Semester in Paris schloß P. 1567 in Marburg sein Studium mit der Promotion in Medizin ab und machte sich danach in Frankfurt/Main und Worms einen Namen. 1575 rief ihn der bad. Mgf. Karl II. als Leibarzt und Historiograph an seinen Hof. Hier entstanden seine bedeutenden Werke zur deutschen und poln. Geschichte. 1586 organisierte P. in Durlach die erste nachreformatorische Lateinschule in Baden. Schon als Student hatte P. sich mit dem Calvinismus auseinandergesetzt, ohne sich je zu ihm zu bekennen. 1577 unterschrieb er die Konkordienformel Doch nach dem Tod des Vaters und der Ehefrau ging er auf Distanz zu den Lutheranern. P. hatte neben der Bibliothek u. a. das umfangreiche Manuskript einer Reformationsgeschichte und das Archiv seines Vaters geerbt. So erhielt er gründliche Kenntnisse übergewichtige, auch geheimgehaltene Vorgänge der Reformationszeit. Beeindruckt von der nachtridentinischen Reformkirche und befremdet durch die Methoden bei der Durchsetzung der Konkordienformel, konvertierte P. 1588 in Speyer. Beim Baden-Badener Religionsgespräch (1589) vertrat er die kath. Seite gegen Württemberger Theologen, begleitet von heftigen, auch literarischen Kontroversen mit Jakob Andreae und Lukas Osiander d. J. 1590 beriet er Mgf. Jakob III. beim Übertritt zur kath. Kirche. Nach dessen Tod durch eine Arsenikvergiftung wurde P. 1591 bei Bf. Andreas von Österreich (1558–1600) Generalvikar und Priester der Diözese Konstanz. Um die Klerikerausbildung zu verbessern, setzte er sich für den Aufbau eines Diözesan-Seminars unter Leitung von Jesuiten ein, das schließlich 1604 gegründet wurde. In seiner Konstanzer Zeit (bis 1597) entfaltete er eine engagierte schriftstellerische Tätigkeit gegen die Lutheraner. Seine genauen Kenntnisse ließen ihn zu einem entschiedenen, oft sehr scharfen Kritiker Luthers werden, so in der „Anatomia Lutheri“ (2 Bde., 1595–98), in der er Luther mit Hilfe authentischer Lutherzitate als unflätigen, arroganten „falschen Propheten“ zu demaskieren sucht. Diese zeittypische Polemik hat lange P.s Leistungen als Humanist, Historiker und Politiker verdunkelt.

    P. war bis 1597 Präsident des Geistlichen Rates, wurde Apostolischer Protonotar, Propst von Oelenberg, Surburg und Pairis (1600), Dompropst von Breslau, sowie kaiserl. Rat und Beichtvater Rudolfs II. (1601). 1604 rettete er in Freiburg ein vierzehnjähriges Mädchen in einem Hexenprozeß vor dem Tod. 150 Bände aus seiner berühmten Bibliothek befinden sich heute im Straßburger Priesterseminar.

  • Werke

    Weitere W u. a. De vera curandae pestis ratione, 1568;
    Polonicae historiae Corpus, 1582;
    Rerum Germanicarum … Scriptores, 3 Bde., 1583-1607;
    Jacobs Marggrafen … Motifen, 1591;
    Wegweiser f. alle verführten Christen, 1599.

  • Literatur

    ADB 26;
    H.-J. Günther, Die Ref. u. ihre Kinder, dargest. an Vater u. Sohn J. P. Niddanus, 1994, S. 74-238 (W-Verz., L, P);
    ders., J. P. Niddanus d. J., in: Lb. Baden-Württ., 19, 1998, S. 109-45 (P);
    O. Scheib, Das Rel.gespräch …, in: Freiburger Diözesan-Archiv 100, 1980, S. 277-88;
    B. Ottnad, in: Helvetia sacra, Abt. I, Bd. 2, 1993, S. 564-66;
    PRE;
    Schottenloher;
    RGG3;
    LThK3;
    BBKL.

  • Portraits

    Medaille v. Drentwett, 1584 (München, Staatl. Münzslgg., Abb. bei H.-J. Günther, s. L);
    Kupf. v. D. Custos, 1594 (Prag, Nat.gal.);
    Gem. v. L. Kilian, 1606 (München).

  • Autor/in

    Hans-Jürgen Günther
  • Empfohlene Zitierweise

    Günther, Hans-Jürgen, "Pistorius, Johannes" in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 486 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119199351.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Pistorius: Johann P. der Jüngere, geb. am 4. Februar 1546 zu Nidda, daher Niddanus, wie er sich selbst unterschreibt, warf sich frühzeitig auf theologische Studien, aber schon mit 18 Jahren zugleich auf Medicin und Kabbala und Jurisprudenz, wurde Doctor der Medicin und praktischer Arzt, so daß er sich rühmen konnte „alle drei Studien durch göttliche Gnade mit einander für sich geübt zu haben“. Entscheidend für seine Zukunft war die Uebersiedelung nach Baden. Karl II., der Reformator dieses Landes, machte ihn zum Hofarzt, zog ihn aber auch in theologischen Verhandlungen zu Rathe; unter Karl's Söhnen wurde er seiner medicinischen Dienstleistung entbunden und zum mehrseitigen Consiliarius gemacht. Die gleichzeitigen dogmatischen Händel, zumal die ubiquetistischen, scheinen ihm anstößig geworden zu sein, obgleich er doch die Concordienformel unterschrieben hatte. Seit 1575 wandte er sich dem Calvinismus zu und wußte es durchzusetzen, daß für das unter seiner Mitwirkung gegründete Gymnasium zu Durlach 1586 reformirte Lehrer berufen wurden. Auf diesen ersten Glaubenswechsel folgte sofort ein zweiter; P. trat in demselben Jahre zur katholischen Kirche über und entwickelte von nun an alle Eigenschaften eines fanatischen Apostaten; seine Streitschriften gegen Grynäus, Heerbrand, L. Osiander beweisen es. Jetzt ist Luther für ihn der fleischliche Läster- und Frevelgeist, der „gotteslästerliche Mann, mit welchem er selber 14 Tage auf Erden gelebt habe"; und er verspottet die protestantischen Theologen, deren viele zuvor Handwerker oder Schulmeister gewesen seien. Dafür mußte er sich von jenen den „bösen Bäcker“ schelten lassen, welchen der Ehrgeiz, statt des Gewissens Verführt, die evangelische Lehre muthwillig zu verlästern. P. in seiner „rechtmäßigen Retorsionsschrift“ von 1590 und Osiander in seiner „Antwort“ überbieten sich gegenseitig an Ausfälligkeiten. Was P. hauptsächlich zum Uebertritt verleitet hatte, war die Positivität des Kirchen- und Traditionsprincips; auf dieses Centrum des Gegensatzes, nicht auf specielle Lehrabweichungen, lenkt er daher auch bei späteren Gelegenheiten immer wieder zurück, wohl wissend, daß dieser Artikel den Protestanten die meiste Verlegenheit bereitete. Das war es auch, was er dem Grynäus vorhielt mit den Worten: er werde vergeblich wünschen, katholisch oder apostolisch zu heißen, wenn er sich nicht zu der katholischen Kirche als der alten und immer gewesenen bekennen wolle. Merkwürdig ist es, daß ein so vollständig von kirchlichen Tendenzen beherrschter Mann während dieser Streitigkeiten noch zu gelehrten historischen Arbeiten Zeit und Neigung finden konnte, er beweist damit sein Talent und seine Willenskraft. Sehr verdienstlich war die von ihm veranstaltete Herausgabe der Rerum germanicarum veteres jam primum publicati scriptores, zuerst zu Frankfurt 1583 in drei Folianten, dann durch Struvius zu Regensburg 1726 erneuert; ebenso das Polonicae historiae corpus, i. e. Polonicarum rerum latini veteres et recentiores scriptores quotquot extant, Basil. 1582, sowie er sich auch mit der badischen Geschichte und der Genealogie des Fürstenhauses gründlich beschäftigt hat. Doch sind diese letzteren Studien, von zwei genealogischen Tabellen abgesehen, nicht zum Abschluß gelangt. Auf diesem Wege ist P. ein historischer Name geworden, von römischer Seite bis in die neuesten Zeiten gerühmt und verherrlicht, von Lutheranern und Reformirten gebrandmarkt als infamis apostata, alastor, impudens scurra, welchen nur der Ehrgeiz und der Glanz der Welt bestochen habe. Aber er wollte auch Propaganda machen, und nachdem Markgraf Ernst Friedrich seine Anträge zurückgewiesen, wandte er sich mit besserem Erfolge an den Markgrafen Jakob III. von Baden und Hochberg, einen persönlich ausgezeichneten Fürsten, welcher jedoch schon durch den Umgang mit katholischen Höfen eine Zuneigung für die alte Kirche in sich aufgenommen hatte. Damals konnte ein solcher Schritt nicht ohne öffentliche Vorbereitung|von statten gehen. Daher wurde zuerst ein Religionsgespräch nach Baden berufen, woselbst der Markgraf selber mit seinem Rathe P. mit dem inzwischen katholisch gewordenen Hofprediger Zehender und dem Jesuiten Busäus erschien, Christoph von Württemberg aber sich durch die Theologen Heerbrand, Andreä und Gerlach vertreten ließ. Disputirt wurde am 18. und 19. November 1589, und zwar nicht, wie erwartet wurde, über die Ubiquität, sondern auf Anstiften des Pistorius über sichtbare und unsichtbare Kirche, was erklärlicher Weise keinen Erfolg hatte. Unzufrieden mit diesem Ausgang bestellte der Markgraf ein neues Colloquium nach Emmendingen, welches vier Tage, vom 3. bis 7. Juni 1590 dauerte, aber gleichfalls durch seinen Hergang beinahe vereitelt worden ist. P. hatte über die Rechtfertigungslehre Thesen gestellt, aber sie blieben liegen, die Discussion wandte sich nochmals der Kirchenfrage zu. Ein Lutheraner Pappus aus Straßburg machte schlechte Geschäfte, Hunnius konnte nicht mehr herbeigerufen werden. Der Markgraf, nachdem er sich persönlich in die Disputation eingemischt, überwand jetzt sein bisheriges Zagen; er wurde am 15. Juli im Kloster Thennenbach förmlich der römischen Kirche einverleibt und von dem Jesuiten Busäus absolvirt; der Papst Sixtus V. begrüßte das Ereigniß als erste Rückkehr eines protestantischen Fürsten mit einem Freudenfest, allein er hatte zu früh triumphirt. Sixtus selbst starb kurz darauf, noch vor ihm am 7. August wurde auch Markgraf Jakob, nachdem er die Wiedereinführung der alten Kirche in seinem Lande angeordnet, vom Tode abgerufen. Der calvinisch gesinnte Ernst Friedrich verhinderte jede Neuerung und durch Georg Friedrich wurde die ganze Markgrafschaft 1604 dem lutherischen Bekenntniß wieder zugeführt; für die Zukunft war also nichts erreicht. In den inneren Hergang dieser immerhin denkwürdigen Angelegenheit werden mir durch die von P. veranstaltete Sammelschrift: „Jakob's Markrafen zu Baden erhebliche Motifen etc., Cöllen 1591," vollständig eingeführt. Zuerst berichtet hier der Markgraf selber mit schneidenden aber ernstgemeinten Worten von seiner „Bekehrung“ und wie er genöthigt gewesen, die lutherische Kirche für eine neue und darum falsche zu erklären; hierauf folgen sechs „Motive“ des Uebertritts nebst ausführlicher Begründung und Darlegung der lutherischen Fälschungen und Monstra; sodann die 300 Thesen des Pistorius über die Justification, dazu noch einige andere Actenstücke — alles sehr geeignet, um in das damalige polemische Getriebe und die katholische Behandlung der Controversen Einsicht zu verschaffen. Sogleich nach Jakob's Tode verließ P. Baden, empfing die Weihen und erntete den Lohn seiner Thaten. Wir finden ihn unter den kirchlichen Würdenträgern, er wurde Generalvicar des Bischofs von Constanz, dann kaiserlicher Rath, Protonotar, Dompropst zu Breslau, Hausprälat in Fulda und starb 1608. Als einer der ersten gelehrten Convertiten ist er für diele Nachfolger vorbildlich geworden. Als Schriftsteller blieb er unermüdlich. Aus seiner späteren Polemik sei noch erwähnt: „Tractatus de communione sub una“, worauf Holder satirisch antwortete „Wilhelmus de Stuttgardia, mus exenteratus contra Pistorium", 1593; „Anatomia Lutheri", 1595, „Theorema de fidei christianae definita mensura contra Grynaeum", „Consilium antipodagricum“, „Tractatus de vera curandae pestis ratione“. Sehr bekannt geworden ist: „Wegweiser für alle verführten Christen, d. h. Bericht von 14 durch die Unrechtgläubigen in Streit gezogenen Artikel“, 1599 und mehrfach aufgelegt, worauf B. Mentzer antwortete in dem Antipistorius sive disputationes de praecipuis quibusdam — capitibus, Marp. 1600. Andere Gegenschriften folgten von Konrad Horstius. Christoph Agricola, alle sind, wie schon aus den medicinischen Bezeichnungen hervorgeht, stark sarkastisch gefärbt.

    • Literatur

      Walch, Bibl. theol. sel. II., pag. 140. Vgl. die beiderseitige Geschichte der Conversionen und den oben erwähnten Artikel von Tzschirner in Herzogs|Encyklopädie; Einiges findet sich auch in Kleinschmidt, Jakob III., der erste regierende Convertit. Frankfurt a/M. 1875. Vgl. ferner Fel. Stieve, Briefe und Akten zur Gesch. des 30jähr. Krieges. Bd. IV, S. 10, Anm. 1.

  • Autor/in

    Gaß.
  • Empfohlene Zitierweise

    Gaß, Wilhelm, "Pistorius, Johannes" in: Allgemeine Deutsche Biographie 26 (1888), S. 199-201 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119199351.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA