Lebensdaten
1850 bis 1918
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Politiker
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 119148331 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Pernerstorfer, Engelbert
  • E. P.
  • Pernersdorfer, Engelbert

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Zitierweise

Pernerstorfer, Engelbert, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119148331.html [19.02.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Engelbert ( 1854), aus Zell b. Zellhof (Oberösterr.) eingewanderter Schneidermeister, im Okt. 1848 b. d. Verteidigern d. revolutionären Wien gegen d. kaiserl. Truppen;
    M Agnes Narnleitner, aus Zell;
    1878 Anna Weber, T e. Kunstschlossers: kinderlos.

  • Leben

    Nach dem frühen Tod des Vaters und dem fehlgeschlagenen Versuch der Mutter, die Schneiderwerkstätte weiterzuführen, wuchs P. in großer Not in dem Wiener Vorort Koßau auf. Er wurde dem k. k. allgemeinen Waisenhaus übergeben, wo er die angeschlossene zweijährige Realschule besuchte; anschließend wurde er Schüler des Schottengymnasiums, wo er sich Mitte der 60er Jahre eng mit dem nachmaligen Vorsitzenden der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, Victor Adler (1852–1918), befreundete. P. studierte 1870-74 an der philosophischen Fakultät der Univ. Wien, unterrichtete am Akademischen Gymnasium und gab Privatunterricht. Wie Adler war er führendes Mitglied der Burschenschaft Arminia, des „Lesevereins deutscher Studenten in Wien“ (seit 1880 „Deutscher Klub“) und des „Deutschen Schul Vereins“, dem er bis 1911 angehörte. Als Herausgeber und Redakteur der Halbmonatsschrift „Deutsche Worte“ wurde er Obmann des „Deutschnationalen Vereins“ (1882) und trat im selben Jahr als Mitverfasser des demokratischen und sozialreformerischen Linzer Programms der Deutschnationalen auf, das auf Initiative Georg v. Schönerers zustandegekommen war. Als sich dessen Rassenantisemitismus zunehmend in der Bewegung durchsetzte, trat P. als Obmann des deutschnationalen Vereins 1883 zurück, während Schönerer seine Tätigkeit bei den „Deutschen Worten“ beendete.

    1885 wurde P. als Parteiloser vom Städtebezirk Wiener Neustadt in den Reichsrat entsandt, dem er (mit Ausnahme 1897-1901) bis zu seinem Lebensende angehörte. P. wurde, neben dem Demokraten Ferdinand Kronawetter (1838–1913) und Albrecht Gf. Kaunitz, zum Sprecher der vom Wahlrecht ausgeschlossenen industriellen Arbeiterschaft, seine gedruckten Reden waren lange Zeit das einzige zugelassene Agitationsmittel der sich formierenden Sozialdemokratie. 1896 trat er der Partei bei, 1898 stieg er in den Parteivorstand auf. P. wurde Feuilletonredakteur und Theaterkritiker der Arbeiter-Zeitung, 1907 schließlich, nach Erringung des freien und gleichen Männerwahlrechtes, Obmann der sozialdemokratischen Parlamentsfraktion und Vizepräsident des Reichsrates.

    Noch als Verbindungsstudent hatte sich P. Ende der 60er Jahre dem ersten Wiener Arbeiterbildungsverein angeschlossen, wie er auch Mitglied des „Adlerhorstes“ war-eines Kreises junger revolutionärer Intellektueller um Victor Adler, wo, neben einer fanatischen Nietzsche- und Wagnerverehrung, zunehmend auch die soziale Frage debattiert wurde. In der Folge wurde P., wie auch Adler, zum geistigen Mittelpunkt einer Reihe von Diskussionszirkeln, die einen Großteil der Elitenkultur des modernen Wien erfaßten. In P. vereinigten sich die Widersprüche dieser Wiener Moderne in exemplarischer Weise. Den Idealen der bürgerlichen Revolution verpflichtet, war er zeitlebens deutschnational, antihabsburgisch und antiklerikal. Als Sozialdemokrat, der Schiller, Herder und Fichte verehrte, fühlte er sich dem Projekt der „Zivilisierung“ und „Kulturalisierung“ der namenlosen Massen verpflichtet; als „deutschem Idealisten“ blieben ihm marxistische Theorie und historischer Materialismus fremd. Als bibliophiler Anhänger eines deutschen Kulturnationalismus rekurrierte er immer wieder auf antisemitische Ressentiments. Weder Theoretiker noch Organisator, wirkte er vor allem als Redner. Über der nationalen Frage zerbrach schließlich um 1910|die Freundschaft mit Victor Adler, dem P. die systematische Unterstützung der Slawen und die bewußte Zurückdrängung deutschen Empfindens vorwarf. Bereits schwer krank, propagierte P. im 1. Weltkrieg einen „nationalen Sozialismus“.

  • Werke

    Reden d. Reichsratsabg. Kronawetter u. P., 1886, 1890;
    Die Zustände im Wiener Allg. Krankenhaus, 1887;
    Die Staatspolizei vor d. österr. Parl., 1889;
    Die Ereignisse v. Falkenau u. Ostrau im Parl., 1894;
    Reden des Abg. P., 1896;
    Friedrich Schiller, Gedenkrede z. hundertsten Wiederkehr d. Todestages Schillers 1908, 1911;
    Für d. humanist. Gymnasium, Der Wert d. antiken Bildung, 1911;
    Prof. Fr. W. Förster als christl. Ethiker, 1914;
    Zeitfragen, 1917.

  • Literatur

    L. M. Hartmann, in: Der Kampf. Nr. 2, Febr. 1918, S. 65-71;
    E. P. z. Gedenken, 1928;
    G. Steinbach, in: N. Leser, Werk u. Widerhall, 1964, S. 274-84;
    Dict. Biogr. du Mouvement Ouvrir Internat., Autriche, 1971;
    W. Ellenbogen, Menschen u. Prinzipien, 1981, S. 60-63;
    W. Maderthaner, Der Adlerhorst, in: Die ersten 100 J., 1989, S. 70-79;
    M. Wolensky, P.s Harem u. Victor Adlers liebster Besitz, 1994;
    NÖB II (P);
    ÖBL;
    Enc. Jud. 1971;
    Brockhaus 1991;
    Hist. Lex. Wien.

  • Portraits

    Enc. socialiste, J. Longuet, Le mouvement socialiste Internat., 1913, S. 415.

  • Autor/in

    Wolfgang Maderthaner
  • Empfohlene Zitierweise

    Maderthaner, Wolfgang, "Pernerstorfer, Engelbert" in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 193-194 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119148331.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA