Lebensdaten
1934 bis 1998
Geburtsort
Engels/Wolga (ehemalige Wolgadeutsche Republik)
Sterbeort
Hamburg
Beruf/Funktion
Komponist
Konfession
katholisch,russisch-orthodox
Normdaten
GND: 119142821 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schnittke, Alfred Garrijewitsch
  • Šnitke, Al'fred Garrievic
  • Schnittke, Alfred
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Zitierweise

Schnittke, Alfred, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119142821.html [22.08.2019].

CC0

  • Genealogie

    Aus seit d. 18. Jh. im Wolgagebiet ansässiger dt.-jüd. Fam.: V Harry Maximilian (1914–75, jüd.), aus Frankfurt/M., Übers., Journalist, seit 1926 in Moskau, E. u. Wien. 1946-48 Mitarb. d. „Österr. Ztg.“ in Wien, seit 1948 in Valentinowka b. Moskau, S d. Salkind Viktor (um 1890–1960), aus Liebau (Libawa, Lettland) b. Riga, Ing. in Frankfurt/M., seit 1926 in Moskau, u. d. Tauba (Thea) Katz (1889–1971), Verlagsredakteurin;
    M Maria (Josefowna) (1910–72, kath), Dt.lehrerin in E., Journalistin, Mitarb. d. dt. Ztg. „Neues Leben“ in Moskau, T d. Josef Vogel (um 1880–1917), Landwirt in Kamenka (Wolgadt. Rep.), u. d. Pauline Schechtel (um 1890–1955);
    B Viktor (1937–94), Übers., Dichter (s. W, L), Schw Irina (* 1940), Dt.lehrerin, Journalistin, Mitarb. d. dt. Ztg. „Neues Leben“ in Moskau; – 1) 1956-58 N. N., 2) Moskau 1961 Irina Fjodorowna Katajewa (* 1940), Pianistin, T d. Fjodor Petrowitsch Katajew (1901–88), Prof. f. Verkehrswesen u. Straßenbau, später Rektor d. Hochschule f. Luftfahrttechnik, u. d. Lydia Iwanowna Pereswet (1910–94), Dipl.-Bibliothekarin;
    1 S Andrej Alfredowitsch (* 1965), Fotodesigner, Komp.

  • Leben

    Geboren in der sowjetruss. Stadt Engels, empfand sich S. aufgrund seiner Herkunft oftmals als Heimatloser. Er wuchs zweisprachig auf und erfuhr eine umfassende literarische, jedoch keine musikalische Bildung.

    S.s Musikunterricht begann erst 1946 mit der Übersiedlung der Familie nach Wien. Hier führten Klavierstudien bei Charlotte Ruber, Opern- und Konzertbesuche und eigene Aktivitäten (Klangexperimente auf d. Akkordeon u. erste Kompositionsversuche) zu dem Entschluß, Musiker zu werden. 1948 nach Moskau zurückgekehrt, besuchte S. eine Musikfachschule, an der er als Chordirigent ausgebildet wurde und parallel seine theoretischen Kenntnisse sowie seine Klaviertechnik (bei Wassili Schaternikow) vervollkommnen konnte. 1953-58 studierte er am Moskauer Konservatorium Komposition und Kontrapunkt (bei Jewgeni Golubjew), Formenlehre (bei Juri Fortunatow) und Instrumentation (bei Nikolai Rakow). Noch während des Studiums erhielt er wesentliche Anregungen durch den in Moskau lebenden Webern-Schüler Filip Herschkowitz; daneben beschäftigte er sich intensiv mit dem Schaffen von Dmitri Schostakowitsch, das ihn kompositorisch stark beeinflußte, sowie mit Orff, Hindemith und Strawinsky. Die Auseinandersetzung mit frühen und gegenwärtigen Stilmustern spiegelt sich in den Kompositionen dieser Jahre (Lieder, Chöre, Kammermusik und Orchesterwerke), auch Rückgriffe auf russ. und ukrain. Folklore sind hier erkennbar. Als Diplomarbeit lieferte S. 1958 ein wegen seiner modernistischen Strukturen und Klangmittel heftig diskutiertes Oratorium „Nagasaki“, das 1959 in Moskau uraufgeführt wurde.

    In den folgenden Jahren einer Aspirantur bei Golubjew schrieb er u. a. drei Instrumentalkonzerte (für Klavier, Violine und elektrische Instrumente) und setzte sich mit Tendenzen der musikalischen Avantgarde auseinander. 1961-72 war S. als Dozent für Instrumentation am Konservatorium tätig; zugleich begann er, Filmmusik zu schreiben, die für lange Zeit seinen Lebensunterhalt sicherte. Bis 1993 lieferte er zu etwa 75 Spiel-, Dokumentär- und Zeichentrickfilmen Kompositionen verschiedener Prägung, die ihm vielfältige Stilexperimente gestatteten. Seine Orchester- und Kammermusik-Werke in strenger, überwiegend vertikaler Dodekaphonie mit Elementen der Aleatorik wurden 1965 und 1967 beim „Warschauer Herbst“ sowie 1969 erstmals auch im Westen (Donaueschingen) aufgeführt. 1977 unternahm er mit Gidon Kremer, Tatjana Grindenko und dem Litau. Kammerorchester unter der Leitung Saulius Sondetzkis eine Konzertreise in die Bundesrepublik Deutschland und nach Osterreich.

    Anfang der 70er Jahre sagte sich S. von einseitigen avantgardistischen Tendenzen los|und begann – Anregungen von Ives, Pousseur, Berio und Bernd Alois Zimmermann folgend –, traditionelle Klänge, Strukturen und Verläufe in seine Kompositionen einzubeziehen. Mit derartigen Passagen, die er anfangs nur sporadisch in seine eigene expressive Klangsprache einfließen ließ, konfrontierte er Gewohntes und Neuartiges und erreichte so überraschende Wirkungen und neue Bewertungen. Der für diese Technik der Stilcollage und -brechung bald geprägte Begriff der „Polystilistik“ wurde auch von S. benutzt. Probestück einer polystilistischen Schreibweise war die 2. Violinsonate „Quasi una sonata“ (1968), mit deren Beinamen er Beethovens Benennung „Sonata quasi una fantasia“ (für dessen Klaviersonaten op. 27) umkehrte und damit (mit der für ihn typischen Neigung zu ambivalenter Sichtweise) die von ihm gewählte Form gleichzeitig bestätigte und in Frage stellte. Hier wurden Dreiklänge mit Dissonanzen kontrastiert, unterschiedliche Klangschichten entwickelt und kunstvoll in einem labilen Gleichgewicht gehalten, bis sich die nur scheinbar formierende Sonate in einem B-A-C-H-Zitat auflöst.

    Mit der großangelegten 1. Sinfonie (1969–72), die auf das Vokabular verschiedener Musikepochen zurückgreift und auch Bühnenaktionen einbezieht, lieferte S. ein Schlüsselwerk seiner Polystilistik. Entfachte die Uraufführung (Febr. 1974 in Gorki) auch eine kontroverse Diskussion (mit dem Verbot weiterer Aufführungen dieser „Anti-Symphonie“), erreichte er nach 1977 mit dem 1. Concerto grosso schlagartig internationale Zustimmung und Anerkennung.

    In den 80er Jahren entwickelte S. seine Kompositionsmethode zu einer „Wechselbeziehung zwischen Zentrum und Peripherie“. Fremde, äußere Stilelemente konnten mit der inneren, eigenen Klangsprache konkurrieren, aber auch harmonisch als scheinbar zufällige Allusionen integriert sein. Drei zur Musik seiner Orchesterwerke choreographierte Ballette John Neumeiers („Endstation Sehnsucht“ zur 1. Sinfonie, 1983; „Othello“ u. a. zum 1. Concerto grosso, 1985; „Medea“ nach dem 1. Cellokonzert, 1986) brachten S. in seiner letzten Schaffensphase zur erhofften Hinwendung zum Bühnengeschehen: Nach dem Erfolg seines mit großer Stilvielfalt gestalteten Ballettes „Peer Cynt“ (Hamburg 1988, Libretto: Neumeier n. Ibsen) wählte er als Opernstoff eine brisante Novelle von Viktor Jerofejew, „Das Leben mit einem Idioten“ (Amsterdam 1992). Diesem „Abgesang auf die sowjetische Ära“, die den absurd-brutalen Verlauf einer zwischenmenschlichen Katastrophe schilderte, folgte mit der Oper „Gesualdo“ (Wien 1995, Libretto: Richard Bietschacher) ein nur flüchtig skizziertes Künstlerdrama, während er mit der Oper „Historia von D. Johann Fausten“ (Hamburg 1995, Libretto: Jörg Morgener, nach d. Volksbuch v. 1587) in teils oratorischem Duktus das tragische Schicksal des mit dem Bösen Paktierenden zeichnete.

    S.s Lebenswerk umfaßt außer der Film- und Theatermusik mehr als 160 Werke. Sein außergewöhnlicher Erfolg liegt sicher darin begründet, daß „seine Musik ein hohes emotionales Potential enthält, und […] expressiv, suggestiv und assoziativ ist“ (C. Floros); seit Mitte der 80er Jahre war S. der am meisten aufgeführte lebende Komponist im dt. Sprachraum.

    1990 nahm S. seinen letzten Wohnsitz in Hamburg, erhielt hier die dt. Staatsbürgerschaft und unterrichtete bis 1994 an der Hamburger Musikhochschule als Nachfolger György Ligetis eine Kompositionsklasse. Sein letztes, von rastlosem Komponieren erfülltes Lebensjahrzehnt war von mehreren Schlaganfällen überschattet. 1995 wandte sich S. der Vertonung von Texten altdt. Dichter zu, drei Jahre später starb er während der Arbeit an seiner 9. Sinfonie.

  • Auszeichnungen

    Gast d. British Council (1979); Gastprof. an d. Hochschule f. Musik u. darst. Kunst, Wien (1980); Mitgl. d. West-Berliner Ak. d. Künste (1981); korr. Mitgl. d. Bayer. Ak. d. Schönen Künste u. d. Ak. d. Künste in Ost-Berlin (1986); ausw. Mitgl. d. Schwed. Ak. f. Musik, Stockholm (1987); Fellow d. Wiss.kollegs Berlin (1989/90); Composer in residence d. Berliner Philharmon. Orchesters (1989); Ehrenmitgl. d. Freien Ak. d. Künste Hamburg (1990), d. Wiener Chorges. (1993) u. d. Royal Ac. of Music, London (1993); Mitgl. d. Berliner Ak. d. Künste (1991); – Nika (1988); Österr. Staatspreis (1991); japan. Praemium Imperiale, Tokio (1992); Bach-Preis d. Hansestadt Hamburg (1992); russ. Staatspreis Triumph (1993); – Schnittke-Ges., Lund (Schweden) (seit 1988).

  • Werke

    u. a. Bühnenwerke – Ballette: Labyrinthe (Libretto: W. Wassiljew), 1971;
    Der gelbe Klang (Libretto: W. Kandinsky), 1974;
    Skizzen (Libretto: A. Petrow), 1985;
    Peer Gynt (Libretto:). Neumeier), 1988;
    Oratorium: Nagasaki, 1958;
    Orchesterwerke:
    8 Sinfonien, 1972, 1979, 1981, 1984, 1988, 1992, 1993, 1994;
    9. Sinfonie unvoll. 1998;
    14 weitere Orchesterwerke;
    7 Concerti grossi, 1977, 1982, 1985, 1988, 1991, 1993, 1994;
    4 Violinkonzerte, 1963, 1966, 1978, 1984;
    2 Violakonzerte, 1985, 1989;
    2 Cellokonzerte, 1986, 1990;
    2 Doppelkonzerte (Oboe/Harfe, 1971;
    Klavier vierhändig, 1988);
    Vokalwerke – Chor:
    Requiem, 1975;
    Minnesang, 1981;
    Faust-Kantate, 1982;
    Chorkonzert, 1985;
    12 Bußpsalmen, 1988;
    10 weitere Chorwerke;
    25 Lieder: 12 Ensemblewerke: – Kammermusik:|4 Streichquartette, 1966, 1980, 1983, 1989;
    Klavierquintett, 1976;
    Klavierquartett, 1988;
    Streichtrio, 1985;
    3 Violinsonaten, 1963, 1968, 1994;
    2 Cellosonaten, 1978, 1994;
    8 Solo- u. 13 Klavierwerke (davon 3 Sonaten, 1987, 1990, 1992);
    – 80 Film-
    u. 20 Bühnenmusiken; W-Verz.:
    A. S., mit Anm. v. C. Floros, 2004;
    CD-Discogr.
    (190 Nachweise), in: A. S. z. 60. Geb.tag, Eine FS, 1994 (L); Schrr.:
    Polystilist. Tendenzen in d. zeitgenöss. Musik (russ., engl.), 1988, dt. Kurzfassung in: „Musik Texte“, H. 30, 1989;
    60 weitere Schrr. über eigene u. allg. theoret. Probleme (Orchester- u. Mikropolyphonie, Polystilistik, Klangfarbenmodulation, Stereophon, Tendenzen, Instrumentation) u. zeitgenöss. Komponisten;
    zu Viktor:
    Stimmen d. Schweigens, Erzz. u. Gedichte, 1992;
    Übers.: Anton Webern, Vortrr. über Musik, Briefe, Ausw. v. M. Druskin u. A. S., 1975.

  • Literatur

    V. Kucera, Nové proudy v sovétské hudbé (Neue Strömungen in d. sowjet. Musik), 1967;
    J. Hansberger, S. im Gespräch, 1982;
    H. Gerlach, 50 sowjet. Komponisten d. Gegenwart, 1984 (W. L);
    E. Bohnenkamp, Stilprobleme in d. Neuen Musik – Beispiel A. S., 1985;
    L. Lesle, Komponieren in Schichten, 1987;
    Komponistenportrait A. S., Publ. zu d. 38. Berliner Festwochen, 1988;
    H. Danuser, J. Köchel. H. Gerlach (Hg.), Sowjet. Musik im Lichte d. Perestrojka, 1990 (W. L);
    D. Schulgin, Gody neizvestnosti A. S., 1993 (russ., dt. in Vorbereit.);
    T. Bürde, Zum Leben u. Schaffen d. Komp. A. S., 1993 (W, L, P);
    E. Restagno, E. Wilson u. A. Iwaschkin, S. (ital.), 1993 (W, L, Discogr.);
    A. S. zum 60. Geb.tag, Eine FS, hg. v. J. Köchel u. a., 1994 (W, Schrr., L, Discogr., P);
    F. Lemaire, La musique du XXème siède en Russie, 1994;
    A. Ivashkin, A. S., 1996 (Biogr., engl.) (W. Discogr., P);
    ders., A. S., Über d. Leben u. d. Musik, 1998;
    Komp. d. Gegenwart, Text+Kritik, 1998;
    Seeking the soul, The music of A. S., hg. v. G. Odum, 2002;
    V. Cholopowa, Kompositor A. S., 2003 (P) (russ.);
    M. Kostakeva, Im Strom d. Zeiten u. d. Welten, Das Spätwerk v. A. S., 2005 (W, Schrr., L, P);
    A. S. poswjatschaltsja (= S.-Jb., Bd. 1-4). hg. v. S.-Zentrum Moskau, 1999-2005;
    H. de la Motte-Haber, Gesch. d. Musik im 20. Jh., 2000;
    D. Redepenning, Gesch. d. russ. u. Sowjet. Musik, II, 2005;
    New Grove2 (P);
    MGG2;
    Interviews:
    Wir haben e. gewandeltes Bewußtsein v. d. Zeit (mit J. Köchel), abgedr. in: Bühnenkunst 2, 1989;
    Nirgends Zuhause (mit T. Porwoll), abgedr. in: Musik Texte 30, 1989;
    zu Viktor:
    H. Belger, Rußlanddt. Schriftst., 1999;
    A. Moritz. Lex. d. rußlanddt. Lit., 2004 (L).

  • Portraits

    Ölgem. v. A. Swerew, 1974 (Moskau, Fam.bes.);
    Porträtbüste, Gips, v. M. Knobloch, 2000 (Hamburg, Musikhalle, Brahms-Foyer);
    Kohle-Zeichnung v. B. Dschukowski, 2001 (Moskau, Fam.bes.);
    Bronze-Gedenktafeln mit Profilreliefs an d. Wohnhäusern S.s in Hamburg u. Moskau.

  • Autor/in

    Jürgen Köchel
  • Empfohlene Zitierweise

    Köchel, Jürgen, "Schnittke, Alfred" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 328-330 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119142821.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA