Lebensdaten
1860 bis 1938
Geburtsort
Nassereith (Tirol)
Sterbeort
Nassereith (Tirol)
Beruf/Funktion
Dramatiker
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118813439 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kranewitter, Franz
  • Kranewitther, Franz

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Zitierweise

Kranewitter, Franz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118813439.html [22.10.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Josef (1814–86), Färbereifabr. in N., S d. Franz (1766–1847), Baumwollwebereibes. u. Färber in N., u. d. Maria Nairz;
    M Serafine (1831–93), T d. Josef Wilhelm (1795–1855), Gerbermeister in N., u. d. Theresia Hirn;
    Innsbruck 1909 Maria (1865–1935), T d. Handelsagenten Alois Cathrein u. d. Maria Preyer.

  • Leben

    In der kurzen Autobiographie „Aus meinem Leben“, die er seinen „Gesammelten Werken“ voranstellt, nennt K. die Landschaft seiner Heimat „heroisch“, „herb, ernst und düster wie die Verse einer Tragödie“. In dieser Erfahrung, die sich im dramatischen|Schaffen verdichtet, müssen wir die Wurzel seines Wesens suchen. Schon als Kind mit dem harten Lebenskampf vertraut, besuchte K. die Gymnasien in Bozen, Hall und Innsbruck, studierte dann einige Semester Germanistik in Innsbruck, gab aber nach dem Tode seines Vaters sein Studium auf, um künftig als freier Schriftsteller zu leben. Wichtig ist in dieser Zeit seine Verbindung mit Adolf Pichler, der zwar nicht seine urpersönliche Form, aber seine Weltanschauung stark bestimmt hat. Das liberale, nationale und antiklerikale Gedankengut, das sein Denken formte, brachte ihn in einen gewissen Gegensatz zu seiner Umwelt, so daß er viele Jahre lang um Geltung und Anerkennung in seiner Heimat ringen mußte. Erst als seine schöpferischen Kräfte schon nachließen, stellte sich ein größerer Erfolg ein.

    Obwohl eine dramatische Urbegabung, begann K. mit „Lyrischen Fresken“ (1888) und dem Epos „Kulturkampf“ (1890), das starke politische Spannungen in einer dörflichen Gemeinschaft darstellt. Die scharfe Beobachtung der bäuerlichen Charaktere findet ihren Niederschlag in der Tragödie „Um Haus und Hof“ (1895). Das Motiv der Erbschleicherei fand K. in Anzengrubers Roman „Der Sternsteinhof“ vorgebildet. Die Heldinnen beider Werke setzen alle Mittel ein, um Herrin eines angesehenen Hofes zu werden. Während Anzengrubers Heldin eine tüchtige Bäuerin wird, bleibt K.s Hauptgestalt ihrem dämonischen Urtrieb verfallen, der sie zum Verbrechen und in den Tod reißt. Diese naturalistische Darstellung entfachte helle Empörung. So wandte sich K. historischen Themen zu. Michel Gaißmayr heißt der Held des gleichnamigen Dramas (1899), der 1525 die Tiroler Bauern zum Aufstand gegen die feudale und religiöse Unterdrückung führt. Aber was als heroischer Aufbruch beginnt, endet in einer schauerlichen Groteske: Als der spanische Statthalter den Aufrührern den abgeschlagenen Kopf ihres Anführers zeigt, da brechen sie in den Ruf „Vivat Österreich“ aus. Ähnlich trostlos endet das Rebellenstück „Andre Hofer“ (1902). Durch gründliche Geschichtsstudien kam K. zur Überzeugung, daß das herkömmliche Bild Andreas Hofers eine Legende sei, die es zu zerstören gelte. Hofer ist für ihn nicht der Held, in dem sich das Schicksal eines Volkes symbolisch verkörpert, sondern ein naiver Bauer, der sich in einen völlig sinnlosen Kampf hineinhetzen läßt. Schon zu Beginn ist Hofer ein Geschlagener, da der Kaiser im Vertrag mit Napoleon auf Tirol bereits verzichtet hat. Hofer läßt sich wider bessere Einsicht zum Aufruhr verführen und fällt als schuldlos-schuldiges Opfer politischer und kirchlicher Intoleranz. Das Werk löste Protest aus; die Innsbrucker Aufführung von 1903 wurde zu einem Theaterskandal; das Volk wollte sich seinen Mythos nicht zerstören lassen.

    Um sich dem Meinungskampf zu entziehen, wandte sich K. mythischen und unverfänglichen historischen Stoffen zu und versuchte sich in einigen zwanglosen Lustspielen, die zu einem unmittelbaren Vergleich mit der Gegenwart nicht herausforderten. Aber diese Stücke können bestenfalls als Stilübungen gelten, deren Ergebnisse seinem großen Hauptwerk zufallen, dem Einakterzyklus „Die sieben Todsünden“, an dem K. 1900-25 gearbeitet hat. Die Anregung ging von den mittelalterlichen Moralitäten aus, doch der Gedanke, alle Laster in einem einheitlichen Zyklus zusammenzufassen, stammt von K. Mit kraftvollem Strich, in Holzschnittmanier, zeichnet er menschliche Seelen, die ganz von einem Laster besessen sind. Im „Giggl“ ist es der Hochmut, im „Naz“ der Geiz, in der „Eav“ die Unkeuschheit, im „Gafleiner“ der Neid, im „Joch“ die Völlerei, im „Seastaller“ der Zorn und im „Med“ die Trägheit. K.s Gestalten kämpfen gegen ihre Laster nicht an, sie sind ihnen ganz verfallen, so daß die Handlung zwangsläufig zur Katastrophe führt. K. sieht den Menschen pessimistisch: Der gute Wille kann nichts ändern; der Mensch ist ein Verurteilter, der sich selbst den Weg ins Verderben bereitet. So beschließt den Reigen menschlicher Leidenschaften symbolisch der Epilog „Totentanz“: Die Pest hat das Land verwüstet. Übrig sind nur noch der Totengräber und die Totengräberin. Doch noch im großen Sterben herrscht krasse Ichsucht, brechen die gemeinsten Instinkte auf. Nur der Tod macht die Menschen gleich, denn vor ihm sind alle nichtig. Mit dieser bitteren Erkenntnis endet K.s dichterisches Schaffen. Diesem Werk, in dem man eine Erneuerung des alpenländischen Volksstücks sehen darf, wäre nicht jene breite Wirkung beschieden gewesen, wenn der Dichter nicht in den Schauspielern der Exl-Bühne kongeniale Darsteller gefunden hätte, die seine Stücke auch außerhalb Tirols zur Aufführung brachten.

  • Werke

    Ges. Werke, 1933 (P).|

  • Nachlaß

    Nachlaß: Innsbruck, Mus. Ferdinandeum.

  • Literatur

    A. Türmer, F. K.s Einakterzyklus „Die sieben Todsünden“, Diss. Innsbruck 1936 (ungedr.);
    J. Wick, Der Tiroler Dramatiker F. K., Diss. Wien 1937 (ungedr.);
    F. Wagerer, F. K., Leben u. Werk, Diss. Wien 1948 (ungedr.);
    A. Durstmüller, Sozialprobleme b. F. K. u. Karl Schönherr, Diss. Innsbruck 1948 (ungedr.);
    M. Enzinger, F. K.s frühe Balladen u. d. Innsbrucker Germanistenver., in: Festschr. f. Josef Schatz, 1948, S. 27-43;
    W. Rass, Die Frauengestalten in d. Dichtung v. F. K., Diss. Innsbruck 1972 (mit übersichtl. Aufstellung d. Nachlasses u. vollst. Bibliogr., ungedr.);
    W. Methlagl, Die Gestaltung d. Charaktere in K.s „Die sieben Todsünden“, in: Das österr. Volksstück, hrsg. v. Inst. f. Österreichkde., 1971, S. 37-58;
    E. Thurnher, F. K. -
    Karl Schönherr, in: Tausend J. Österreich III, hrsg. v. W. Pollak, 1974, S. 118-25.

  • Portraits

    K. Paulin, Tiroler Köpfe, 1953, S. 208-09;
    Porträtskizze v. M. v. Esterle, 1. u. 2. Fassung, in: M. v. Esterle, Karikaturen u. Kritiken, 1972, S. 60-63.

  • Autor/in

    Eugen Thurnher
  • Empfohlene Zitierweise

    Thurnher, Eugen, "Kranewitter, Franz" in: Neue Deutsche Biographie 12 (1979), S. 671-673 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118813439.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA