Lebensdaten
1839 bis 1919
Geburtsort
Magdeburg
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Theaterleiter ; Schriftsteller ; Journalist
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118780034 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lindau, Paul

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Zitierweise

Lindau, Paul, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118780034.html [16.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Leopold (1797–1868), Justizkommissar, S d. Hertz Lewin, dann Herm. L., Dr. med., Arzt in|Wusterhausen/Dosse, u. d. Caroline Henriette Cohn;
    M Henriette (1797–1878), T d. Heinr. Gottfried Müller (1770–1833), Pfarrer, Schriftsteller, u. d. Wilhelmine Baldamus;
    B Rudolf (s. 2);
    - 1) Düsseldorf 1865 (⚮) Marie Hedwig (1845–1916), T d. Nikolaus Joh. Bronkhorst, Dir. d. Düsseldorfer Rheindampfschiffahrtsges., u. d. Jenny Wilhelmine Heubes, 2) um 1881 Anna (* 1854), T d. Schriftstellers David Kalisch ( 1872, s. NDB XI);
    1 S, 1 T.

  • Leben

    L. studierte in Halle und Leipzig, promovierte später über Molière und ging Anfang der 60er Jahre nach Paris. Hier begegnete er Sardou, Augier und Dumas (fils), deren Werke er ins Deutsche übersetzte und die seine eigenen dramatischen Arbeiten entscheidend beeinflußten. Nachhaltigen Eindruck auf ihn machte der Theaterkritiker Jules Janin, dessen brillante Feuilletons, die leichtgewichtig über alles und jedes plauderten und bewußt subjektiv in ihren Aussagen waren, L.s Vorbild wurden. Durch einzelne Beiträge in deutschen Zeitungen knüpfte er die Kontakte für die Rückkehr nach Deutschland. 1863 ging er als Redakteur an die „Düsseldorfer Zeitung“, wo er sich durch Leitartikel und Theaterkritiken einen Namen machte. Seine journalistische Tätigkeit führte ihn 1865 nach Berlin als Parlamentsberichterstatter des „Telegrafenbureau Wolff“, 1866 zur „Elberfelder Zeitung“, 1870 in die Leitung des „Neuen Blattes“ in Leipzig. 1871 gründete er in Berlin die Wochenschrift „Gegenwart“, die durch seine Kritiken ein einflußreiches Blatt wurde. Seit 1878 gab er die politische Monatsschrift „Nord und Süd“ heraus, die bis 1930 erschienen ist. 1895 übernahm L. dann die Direktion des Meininger Hoftheaters, leitete in Berlin 1900-03 das Berliner Theater und 1904/05 das Deutsche Theater. 1909-18 war er erster Dramaturg des Kgl. Schauspielhauses. Als Theaterleiter erstellte L. mit Geschick einen Spielplan, bei dem zugkräftige Stücke wie „Alt-Heidelberg“ die Kassen füllten, selten gespielte Klassiker und zeitgenössische Dramatiker aber auch literarisches Niveau garantierten. Er setzte sich für Kleist (Penthesilea, Robert Guiscard), Grabbe, Ibsen, Björnson, Hauptmann (Versunkene Glocke) und Sudermann ein.

    Schon früh hatte sich L. einen Namen mit satirisch-witzigen Reisebriefen nach Heines Vorbild gemacht. Auf diesen feuilletonistischen Büchern, in denen Tagesereignisse und Tagesgrößen angegriffen wurden, beruhte sein Ruf als Gesellschaftskritiker, auch wenn dabei, wie die Brüder Hart schrieben, nur „zierliche Bonbon-Satire“ geboten wurde und L. „mit Kanonenkugeln eine Mücke“ erschoß.

    1869 wurde L.s erstes Drama „Marion“ von Heinrich Laube in Leipzig uraufgeführt. Wie schon als Kritiker suchte L. auch als Dramatiker den französischen Geschmack beim Publikum durchzusetzen. Seine Stücke, die überall mit Erfolg gespielt wurden, gaben ein Sittengemälde ihrer Zeit: gerade so anstößig, daß sie spannend, aber nicht provozierend wirkten. Mit sicherem Instinkt verwertete er nicht nur persönliche Affären, sondern auch die seiner Freunde sowie aktuelle Gesellschaftsskandale, ohne den Problemen auf den Grund zu gehen. „Gräfin Lea“ (1879) geißelte den Antisemitismus, „Ein Erfolg“ (1874) den korrupten Journalismus, „Mariannens Mutter“ (1885) die entwürdidigende Position der geschiedenen Frau. „Maria Magdalena“ (1872) schilderte die Situation der hübschen aber verarmten Mädchen, die als Schauspielerinnen ihr Glück versuchten, „Verschämte Arbeit“ (1881) den Versuch, sich durch heimliche Arbeit ein standesgemäßes Leben zu ermöglichen. Treffsicher charakterisierte L. in seinen Stücken die Vertreter bestimmter Gesellschaftsschichten mit einem Satz, einem entlarvenden Wort, an die Maßstäbe der bürgerlichen Gesellschaft rührte er indes nicht.

    In den 80er Jahren wandte er sich auch dem Gesellschaftsroman zu. Die Trilogie „Berlin“ (Der Zug nach Westen, 1886; Arme Mädchen, 1887; Spitzen, 1888) sollte am Beispiel von Emporkömmlingen, Adligen, unschuldigen Blumenmädchen und Verbrechern ein Abbild der Großstadt geben. Der Roman „Die blaue Laterne“ (1908) spielt wie auch einige Erzählungen wieder im Theatermilieu. Die mangelnde dichterische Substanz hat seine literarischen Werke, die als eine Historie des ausgehenden 19. Jh. zu lesen sind, In Vergessenheit geraten lassen.

  • Werke

    Weitere W Reisebriefe: Aus Venetien, 1864;
    Harmlose Briefe e. dt. Kleinstädters, 1870/71;
    Literar. Rücksichtslosigkeiten, 1871;
    Nüchterne Briefe aus Bayreuth, 1876;
    Überflüssige Briefe an eine Freundin, 1877;
    Bayreuther Briefe vom reinen Thoren, 1882. -
    Theater, 4 Bde. 1873 f., V, 1888 (Dramen);
    Dramaturg. Bll., 1875;
    Vorspiele auf d. Theater (Dramaturg. Skizzen), 1895;
    Ges. Romane u. Novellen, 10 Bde., 1909-12;
    Nur Erinnerungen, 2 Bde., 1916 (Autobiogr., P in I).

  • Literatur

    J. Fisahn, P. L. als Theaterkritiker u. d. Theater, 1876;
    O. E. Konrad, P. L., 1876;
    F. Mehring, Der Fall L., 1890;
    V. Klemperer, P. L., 1909;
    R. Antoni, Der Theaterkritiker P. L., Diss. Berlin 1961;
    W. Busch, Nur Erinnerungen, in: Jb. d. W. Busch.-Ges., 1962/63;
    R. Wrede, H. Reinfels|(Hrsg.), Das geistige Berlin I, 1897;
    BJ II;
    Brummer;
    Lex. dt.-sprach. Schriftsteller, 21974;
    Wi. 1912 (W).

  • Autor/in

    Gertraude Wilhelm
  • Empfohlene Zitierweise

    Wilhelm, Gertraude, "Lindau, Paul" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 573-575 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118780034.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA