Lebensdaten
1874 bis 1961
Geburtsort
Grunenfeld (Gronovko, Kreis Heiligenbeil, Ostpreußen)
Sterbeort
Grävenwiesbach (Taunus)
Beruf/Funktion
Pädagoge ; Gründer des deutschen und des internationalen Jugendherbergswerkes
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118755196 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schirrmann, Richard Ernst Otto
  • Schirrmann, Richard
  • Schirrmann, Richard Ernst Otto

Verknüpfungen

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Schirrmann, Richard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118755196.html [19.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V August (1850–1921), Grundschullehrer in Grunenfeld, S d. David Rudolf (1820–64), aus Königsberg (Pr.), Lehrer u. Kantor in Eisenberg, u. d. Louise Babbel (1828–1922);
    M Johanna Berta (1851–1929), T d. Benjamin Kurz (1821–86), Förster in Eichmedien, u. d. Ernestine Wiede (1819–96);
    1903 1928 Gertrude Willutzki ( 1961), 2) 1929 Elisabeth (1904–92), T d. Ernst Borbeck (1868–1910) u. d. Marie Grimm (1867–1942);
    1 T aus 1) Gertraude (* 1904, ⚭ August Westerhoff, Reg.dir.), 3 S aus 2) Hansjochen (* 1929), Manager e. Holzkonservierungsbetriebs in d. USA, Wolfram (* 1934), Inh. e. Fahrschule, Harald (* 1939, ⚭ Dörthe Dirks, * 1941, Chefsekretärin), Gärtner, später Erzieher, 3 T aus 2) Sunhild (* 1930, Dr. Karl-Heinrich Wesselborg, Chemiker), Sonderschulmitarbeiterarb.), Irmgard (* 1933, ⚭ Gerhard Rüthe, Oberstudienrat), Gymn.lehrerin f. Sport u. Werken, Gudrun (* 1942, Prof. Dr. Aderemi Olufemi Ayeni, * 1940, aus Nigeria, Leiter d. veterinärmed. Abt. d. Usmanu Danfodiyo University, Sokoto, Nigeria), Grundschulrektorin, Gründerin d. Richard Schirrmann-Privatmus. in Grävenwiesbach (s. Qu).

  • Leben

    S. besuchte bis zum 15. Lebensjahr die vom Vater geleitete Dorfschule in Grunenfeld, dann die vom Großvater geführte zweiklassige Schule in Eisenberg. Nach Absolvierung der Präparandenanstalt in Friedrichsdorf b. Ortelsburg am Lehrerseminar Waldau b. Königsberg 1891-94 ausgebildet, war er, zunächst ohne Abschluß, als Privatlehrer in Drebbenau (Samland) tätig. Nach dem Lehrerexamen 1895 unterrichtete S. bis 1898 an der Grundschule in Königshöhe (Kr. Lötzen), anschließend in Schrombehnen (Kr. Preuß. Eylau), und leistete dazwischen seinen Militärdienst. Seit 1901 war er Lehrer in Gelsenkirchen, seit 1903 in Altena (Sauerland).

    S. setzte sich als Pädagoge für eine umfassende Bildung ein, die mit Naturerlebnis und Heimatliebe verbunden sein sollte. Auf Wanderungen und Fahrten mit seinen Schülern konkretisierte er das Konzept des anschaulichen Unterrichts durch die „wandernde Schule“ und entwickelte das Projekt von Herbergen für die wandernde Jugend, die als Begegnungsstätten für junge Menschen auch Orte der Völkerverständigung bilden sollten.

    1907 richtete S. die erste noch provisorische Herberge für wandernde Schüler in einer Schule in Altena ein; sie bildete den Grundstein für das Jugendherbergswesen in Deutschland. 1909 erging sein Aufruf zur Bildung eines flächendeckenden Netzes von Jugendherbergen, die nur einen Wandertag voneinander entfernt liegen und Jugendliche preisgünstig unterbringen und verpflegen sollten. 1912 wurde die erste ständige Jugendherberge der Welt auf der Burg Altena eröffnet. Unterstützt von Wilhelm Münker (1874–1970), Fabrikant aus Hilchenbach, und Burkart Schomburg (1880–1976) entstanden durch S.s Engagement bis zum Beginn des 1. Weltkriegs in Deutschland 372 Jugendherbergen. Von S. auch als Einrichtungen zur körperlichen Ertüchtigung und vaterländischen Erziehung propagiert, wurden sie u. a. durch hochrangige Militärs unterstützt und aus Mitteln des Jungdeutschlandbundes finanziert. Nach dem 1. Weltkrieg, den S. 1914-18 als Freiwilliger, zuletzt als Unteroffizier an der Westfront, erlebte, war er wieder im Schuldienst, als Herbergsvater der Jugendherberge Altena und seit 1919 als Vorsitzender des Zentralausschusses bzw. des Reichsverbandes für dt. Jugendherbergen bzw. als Vorsitzender des Dt. Jugendherbergswerkes tätig. 1922 vom Schuldienst beurlaubt, widmete er sich ganz dem Ausbau der Jugendherbergsbewegung, u. a. mittels zahlreicher Reisen und Werbeveranstaltungen durch ganz Deutschland und Europa. 1932 wurde S. Mitbegründer und Präsident der in Amsterdam ins Leben gerufenen International Youth Hostel Federation (IYHF).

    1933 begann die Hitlerjugend (HJ), sich die mittlerweile 1466 im Dt. Jugendherbergswerk zusammengeschlossenen Herbergen anzueignen, denen eine wichtige Rolle im System der nationalsozialistischen Jugenderziehung zugedacht war. S. mußteals 1. Vorsitzender des Reichsverbandes für Dt. Jugendherbergen zurücktreten, durfte aber wegen seiner Reputation den Ehrenvorsitz des Verbandes übernehmen. Er widmete sich in dieser Eigenschaft v. a. der Propagierung des Jugendherbergswesens im Ausland. Um sein Lebenswerk zu bewahren und Einfluß auf das dt. Jugendherbergswesen zu behalten, trat er der HJ bei, erhielt 1933 den Dienstrang eines Unterbannführers in der Reichsjugendführung (RJF) und erklärte nach der formellen Eingliederung des Reichsverbandes in die HJ Anfang 1934 auch seinen Beitritt zum NS-Lehrerbund; kurz darauf wurde er pensioniert. Nach immer stärkerer Einschränkung seiner Arboitsmöglichkeiten in Deutschland und zunehmender Behinderung seiner internationalen Aktivitäten seitens der HJ-Führung wurde S. 1936 wegen „schwerer Disziplinlosigkeit und HJ-schädigenden Verhaltens“ aus der HJ ausgeschlossen und in die „Warnkartei“ der NSDAP aufgenommen. Nachdem er 1937 auf Druck der RJF den Vorsitz der IYHF niederlegen mußte, kündigte er seine Mitarbeit beim Jugendherbergswerk auf. Von der Burg Altena vertrieben, ließ er sich in Grävenwiesbach nieder, wo er seine Lehrerpension durch eine Tätigkeit als Obstbauer aufbesserte; 1939-45 wirkte er wieder als Volksschullehrer. Nach dem 2. Weltkrieg beteiligte S. sich an führender Stelle am Wiederaufbau des Dt. Jugendherbergswerkes und wurde 1949 deren Vorstandsmitglied und Ehrenpräsident.

  • Auszeichnungen

    zahlr. internat. u. nat. Ehrungen, u. a. Gr. BVK (1952); Ehrenbürger v. Altena (1954) u. Grävenwiesbach; R.-S.-Privatmuseum in Grävenwiesbach.

  • Werke

    u. a. zahlr. Aufss. u. Flugschrr.;
    Vom Jugendwandern u. welchen Gewinn ich mir davon verspreche, Volksschülerherbergen, 1911 (leicht verändert u. d. T. Vom Jugendwandern u. welchen Sinn ich mir davon verspreche, Volksschülerherbergen, 1949, 21953);
    Unsere Senne, 1928;
    Das|westfäl. Kinderdorf Staumühle b. Paderborn, Eine Pflegestätte d. Heimatsinns, d. Naturliebe u. d. Gemeinschaftsgeistes, 1931;
    Meine Wanderschuhe plaudern, 1958;
    Hg.:
    Die Jugendherberge, Zs. d. Verbandes d. Dt. Jugendherbergen, 1920 ff.

  • Literatur

    W. Münker, Das dt. Jugendherbergswerk, Seine Entstehung u. Entwicklung bis 1933, 1933;
    ders., Gesch. d. Jugendherbergswerkes v. 1933-1945, 1948;
    K. Hartung, R. S. u. Wilhelm Münker, die Gründer u. Gestalter d. dt. Jugendherbergen, 1953;
    G. Heath, R. S., Gründer d. Jugendherbergen, Eine biogr. Skizze, 1965;
    A. Lüttgens, Die Entwicklung d. päd. Konzeption d. dt. Jugendherbergswerkes, Von 1909 bis 1945, 1983;
    Jugendverbände u. NS, Dok. z. ideolog. u. pol. Auseinandersetzung, hg. v. Dt. Bundesjugendring, Red. W. Sauerhöfer, 1983;
    J. Reulecke, Von Bulmke nach Altena, Zur Entstehung d. Jugendherbergswesens vor d. 1. Weltkrieg, in: FS f. Wolfhard Weber, hg. v. M. Rasch u. D. Bleidick, 2004, S. 947-57;
    Rhdb. (P);
    Munzinger;
    Altpreuß. Biogr. II;
    Nassau. Biogr. (W, L); Harenbergs Personenlex. 20. Jh., 1995 (P);|

  • Nachlaß

    Nachlaß u. Qu: Archiv d. Dt. Jugendbewegung, Burg Ludwigsstein, Witzenhausen/Werra (u. a. 14 Kartons Dok. zu S.s Leben u. Werk im Nachlaß d. Ing. u. Heimatforschers A. F. Tryzna [1910-95]); R.-S.-Privatmuseum in Grävenwiesbach.

  • Autor/in

    Michael Buddrus
  • Empfohlene Zitierweise

    Buddrus, Michael, "Schirrmann, Richard" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 13-15 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118755196.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA