Lebensdaten
1642 bis 1709
Geburtsort
Trient
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Maler ; Architekt ; Kunstschriftsteller
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118741691 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Pozzo, Andrea
  • Brunner, Andreas
  • Dal Pozzo, Andrea
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Zitierweise

Pozzo, Andrea, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118741691.html [20.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    V N. N., aus Como.

  • Leben

    Nach einer dreijährigen Lehre bei einem Trienter Maler folgte P. einem unbekannten Schüler Andrea Sacchis, der ihn mit der Kunst des röm. Hochbarocks vertraut machte, nach Como und Mailand. Nach einjähriger Tätigkeit als selbständiger Maler trat P. 1665 als Laienbruder in die Mailänder Ordensprovinz der Gesellschaft Jesu ein. 1668, nach Beendigung des Noviziats in Genua, schloß er sich der Casa Professa von S. Fedele in Mailand an. Seine dort u. a. aus Anlaß der Kanonisation des hl. Franz Borgia errichteten ephemeren, perspektivisch aufwendig gestalteten Schaugerüste brachten P. erste Anerkennung als Perspektivmaler. 1676 trat er erstmals als Freskant hervor. Er stattete in Mondovi (Piemont) die dortige Jesuitenkirche S. Francesco Saverio mit großformatigen Deckenfresken aus, die inhaltlich und in der perspektivischen Anlage als wichtige Vorstufe für die Fresken in S. Ignazio in Rom gelten.

    Dorthin wurde P. nach einem kurzen Aufenthalt in Turin (1678 Ausmalung v. SS. Martiri, nur Fragmente erhalten) auf Empfehlung des Malers Carlo Maratti berufen. Erste bezeugte Arbeit in Rom ist die 1682 entstandene Dekoration in Il Gesù für die Quarantore-Feier zu Ehren des Allerheiligsten Sakraments. Weitere Dekorationen für Feste und teatra sacra, die P. später teilweise in seinem Perspektivtraktat präsentierte, mehrten seinen Ruhm als virtuoser Szenograph und Perspektivmaler. In seinen Fresken im Korridor vor den Zimmern des hl. Ignatius im röm. Profeßhaus (1681–86) versuchte P., die Länge des Ganges durch vereinheitlichende Trompe-l'œil-Architekturen optisch zu verkürzen, ohne einen illusionistisch geweiteten Raum suggerieren zu können. Dies gelang P. erst mit der|Fertigstellung der Ordenskirche S. Ignazio, die der Architekt Orazio Grassi unvollendet verlassen hatte. Da auf Einspruch der benachbarten Dominikaner von S. Maria sopra Minerva der Bau einer großen Tambourkuppel unmöglich war, behalf sich P., indem er in der Vierung eine perspektivisch auf den Eingang der Kirche ausgerichtete Scheinkuppel malte (1684). Das 1688-94 entstandene Fresko des Langhausgewölbes, das den Triumph des hl. Ignatius und die Mission des Jesuitenordens darstellt, setzt die reale Architektur in der Tradition der Quadratura-Male-rei als gewaltige Arkatur mit wuchtigen Säulenstellungen fort, in die die Figuren als Himmelserscheinungen hereinbrechen. Die virtuose Gruppierung der Figuren schafft zusammen mit der perspektivischen Architektur die Illusion eines Tiefenraumes, in dem die reale Architektur Teil der himmlischen Sphäre wird. Auf demselben illusionistischen Prinzip beruht auch die Freskierung der Chorgewölbe mit Szenen aus dem Leben des hl. Ignatius (1685–88, 1697-1701) und die Dekoration des Chores (1685–98). Gleichzeitig entstandene Tafelgemälde zeigen unter dem Einfluß des Marattikreises eine deutliche Beruhigung im Sinne einer akademischklassizistischen Auffassung, die mehr auf dekorative Wirkung abzielt.

    Seit 1690 trat P. auch zunehmend als Architekt hervor, der an die Tradition der großen Barockbaumeister Bernini, Borromini und Rainaldi anknüpfte. Anläßlich der Planungen für verschiedene Kirchen, an denen P. etwa 1694-1702 beteiligt war, setzte er sich mit den Problemen des Longitudinal- und Zentralbaues auseinander. Zahlreiche seiner Entwürfe konnte P. nur in seinem Traktat „Per-spectiva pictorum et architectorum“ (2 Bde., 1693/1700, Bd. 1 gewidmet Ks. Leopold I., Bd. 2 Kg. Joseph I.) veröffentlichen. Das Werk versteht sich als Einführung in die perspektivische Architekturmalerei mit Erläuterungen ihrer geometrischen Voraussetzungen und einer Anleitung zur Konstruktion ephemerer Schaugerüste. Mit seinen 118 Kupferstichen war der Traktat ausgesprochen erfolgreich – bereits kurz nach der Veröffentlichung des 1. Teils 1693 wurde er in alle wichtigen europ. Sprachen übersetzt.

    1703 wurde P. auf Empfehlung des Fürsten Anton Florian v. Liechtenstein nach Wien berufen, um den Umbau der dortigen Jesuitenkirche zu leiten. Seine Ausstattung der Kirche mit Scheinkuppel und illusionistischen Deckenmalereien, die jeden Raumabschnitt in sich zentrieren, aber auch die Verwendung farbigen Stuckmarmors für Architekturteile wie Säulen und Altäre hatten großen Einfluß auf die Barockkunst in Österreich und Süddeutschland. Ähnliches gilt für P.s Fresko im Marmorsaal des Gartenpalais Liechtenstein (1704–09), auf dem sich über einer gewaltigen Scheinarchitektur der Himmel mit Wolken öffnet, auf denen verschiedene olympische Götter lagern. In seiner perspektivischen Anlage und seiner illusionistischen Dynamik entspricht das Fresko demjenigen in S. Ignazio, ohne allerdings dessen suggestive Überzeugungskraft zu erreichen.

    Auf dem Gebiet der Freskomalerei bat P. neben Cortona und Gaulli das Bedeutendste und Wirkungsvollste geschaffen, was der barocke Illusionismus hervorgebracht hat. Cortonas und Gaullis Gestaltungsprinzipien setzten sich in Rom durch, während P.s Werk in den kath. Ländern nördlich der Alpen von größtem Einfluß war. Teils aus eigener Anschauung, teils weil sie kurzzeitig in Wien Schüler P.s waren, wie die später in Böhmen tätigen Johann Hiebel (1681–1755) und Christoph Tausch (1673–1731), vor allem aber vermittelt durch P.s Traktat, schufen zahlreiche Künstler illusionistische Dekorationen im Sinne P.s. Die großartigen Leistungen auf dem Gebiet der Freskomalerei in Süddeutschland und Österreich sind ohne P. nicht denkbar; Maler wie Melchior Steidl (Bamberg; Banz; Kremsmünster), Cosmas Damian Asam (Weingarten; Freising; Einsiedeln) oder Johann Michael Rottmayr (Melk; Breslau) haben schon frühzeitig P.s Anregungen verarbeitet. Spätere Maler (z. B. Antonio Galli Bibiena, Giovanni Antonio Marchini oder Bartolomeo Altomonte) haben die von P.s Traktat ausgehenden Anregungen fortgeführt. Erst in den 30er Jahren verlor die illusionistische Scheinarchitektur an Bedeutung, die strengen, architektonischen Systeme wurden zunehmend zu dekorativen Rahmen im Sinne des Rokoko umgedeutet.

  • Werke

    Weitere W Fresken: Frascati, Il Gesù, 1681-84;
    Montepulciano. Palazzo Contucci, undat.;
    Trient, Bibl. d. Seminarkirche, undat. – Altäre in Rom: Ignatiusaltar, Il Gesù, 1695-99;
    Gonzagaaltar, S. Ignazio, 1697–99. – Bauten: Ragusa (Dubrovnik), S. Ignazio, um 1700;
    Laibach, St. Nikolaus, um 1700;
    Montepulciano, S. Maria dei Servi, um 1700. – Entwürfe f. d. Fassade v. S. Giovanni in Laterano, Rom, 1700.

  • Literatur

    R. Marini, A. P. pittore 1642-1709, 1959;
    N. Car-boneri, A. P. architetto 1642-1709, 1961;
    B. Kerber. A. P., 1971;
    V. de Feo, A. P., Architettura e illusione, 1988;
    H. Karner, Zur Rezeption d. scheinarchitekton. Werkes von A. P. in den habsburg. Ländern nördl. d. Alpen im 18. Jh., Diss. Wien 1995;
    A. Battisti (Hg.), A. P, 1996;
    F. Weber Stengel, A. P. u.|d. bewegte Betrachter (im Druck);
    ThB;
    KML;
    Dict. of Art.

  • Portraits

    Profilbildnis (Kupf.) v. Johann C. Allet, in d. Traktat-Ausg. v. 1717;
    Selbstbildnisse in Florenz, Uffizien, Trient, Museo Nazionale, u. Düsseldorf, Kunstmus.

  • Autor/in

    Peter Prange
  • Empfohlene Zitierweise

    Prange, Peter, "Pozzo, Andrea" in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 664-666 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118741691.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA