Lebensdaten
1803 bis 1873
Geburtsort
Darmstadt
Sterbeort
Darmstadt
Beruf/Funktion
Zoologe ; Professor für Paläontologie in Darmstadt
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118721321 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kaup, J. J. M.
  • Kaup, Johann Jakob
  • Kaup, J. J. M.
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Zitierweise

Kaup, Johann Jakob, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118721321.html [27.05.2018].

CC0

  • Genealogie

    Unehel.;
    V Heinrich Friedrich v. Kaup (dän. Personaladel, 1773–1825), dän. Hauptm., Pfarrers-S aus Ortenberg/Oberhessen;
    M Dorothea Elisabeth (1773–1820), T d. Fuhrmanns Philipp Göbel in D. u. d. Elisabeth Dorothea Schneider;
    Ov Franz Georg v. K. (1760-1830), dän. Hofjägermeister u. Oberinsp. d. landgfl.-hess. Güter in Holstein;
    - Darmstadt 1834 Elise (1814–94), T d. Oberfortsdirektionssekr. Karl Hauser in D. u. d. Charlotte Hauser;
    1 S, 4 T u. a. Natalie ( Eduard Zernin, 1830–1914, Hauptm., Mil.schriftsteller, s. Wi. 1908);
    E Heinrich Zernin (1869–1951), Maler (s. ThB), Leo Kayser (1868–1933), Maler u. Graphiker (s. ThB), Wilhelm Bang-Kaup ( 1934), Turkologe u. Anglist (s. NDB I).

  • Leben

    K. wuchs unter der Obhut seiner alleinlebenden Mutter in bescheidenen Verhältnissen auf und wurde durch ihren frühen Tod als 17jähriger ohne abgeschlossene Schul- und Berufsausbildung auf sich selbst gestellt. Trotzdem entschied er sich für eine zwar schlecht bezahlte, dafür aber seinen naturwissenschaftlichen Neigungen entsprechende Tätigkeit und übernahm eine Hilfsarbeit als Schreiber und Präparatorengehilfe im großherzoglichen Naturalienkabinett in Darmstadt. Hier lernte er die Probleme und die Arbeitsmethoden naturkundlicher Sammlungen kennen und orientierte daran sein ihm bis dahin noch recht unklar vorschwebendes eigenes Berufsziel eines zoologisch-paläontologisch ausgerichteten Forschers und Sammlers, der anhand eigener systematischer Untersuchungen von Fundstücken das Wissen vor allem über die entstehungsgeschichtlichen Gesetzmäßigkeiten ordnet und mehrt. K. hat diese seine Absicht ungeachtet aller anfänglichen materiellen und fachlichen Einschränkungen und Rückschläge schließlich in hohem Grade verwirklicht. Hierbei halfen ihm seine schon in den ersten Jahren von Darmstadt aus geknüpften Kontakte mit maßgeblichen Forschern wie dem „Vogelpfarrer“ Christian Brehm, den Naturwissenschaftlern L. Oken und H. R. Schinz in Zürich, H. G. Bronn in Heidelberg, L. Agassiz, USA, R. Owen in London, dem Paläontologen G. von Cuvier und dessen Nachfolgern in Paris und|seine zahlreichen Studienreisen. K. studierte je ein Semester in Göttingen (J. F. Blumenbach, 1822) und Heidelberg (1823) und ging noch 1823 nach Leiden, um dort im Rijksmuseum zu arbeiten. Seine durch den Direktor C. J. Temminck unterstützten Untersuchungen an Reptilien und Fischen waren für spätere Arbeiten richtungweisend. Er kehrte 1825 nach Darmstadt zurück. 1828 wurde er dem Naturalienkabinett durch Großherzog Ludewig I. als provisorischer Gehilfe zugeteilt, 1831 zum alleinigen Angestellten, 1837 zum definitiven Gehilfen mit dem Range eines Inspektors und 1840 zum „Wirklichen Inspektor“ befördert. Seine Forschungen, die sich in fast 200 Publikationen über Fossilien, Fische, Vögel, Amphibien und Reptilien, Säugetiere und Insekten, in grundlegenden Werken vor allem systematisierender Art sowie durch eine starke Vermehrung der Sammlungsstücke im Naturalienkabinett niederschlugen, machten K. weithin bekannt. Er wurde schließlich zum Direktor des Naturalienkabinetts ernannt. Seine wissenschaftliche Hinterlassenschaft wurde in dem von G. Heldmann 1956 eingerichteten K.-Archiv der Zoologischen und Paläontologischen Abteilungen des heutigen Hessischen Landesmuseums in Darmstadt zusammengeführt.|

  • Auszeichnungen

    Dr. phil. (Gießen 1831), Prof.-Titel (1858), Mitgl. u. Ehrenmitgl. v. 18 wiss. Ges.

  • Werke

    Scolopax Brehmii Kaup, in: Isis 13, 1823, S. 1147;
    Gal. d. Amphibien, H. 1, 1826 (einziges v. 24 vorgesehenen; mit farb. Stichen n. Zeichnungen
    v. A. Lucas u. L. Becker);
    Allg. Zool. in ihren Gattungsrepräsentanten n. d. neuesten Unterss. dargest. u. mit d. nöthigen Zugaben begleitet I, 1827;
    Deinotherium giganteum (1828 v. A. A. Berthold d. Naturforscherversammlg. vorgelegt), in: Isis 22, 1828, S. 401 f.;
    Skizzierte Entwicklungsgesch. u. Natürl. System d. Europ. Tierwelt, 1 T. (Vogelsäugethiere, Vögel, Entstehung d. Vögel aus Amphibien), 1829 (= Diss. Gießen 1831);
    Description d’Ossements fossiles de Mammifères inconnus jusqu’à présent, qui se trouvent au Musée. grand-ducal de Darmstadt, avec figures lithogr., 5 Hh., 1832-39;
    Das Thierreich in s. Hauptformen systemat. beschrieben (Abb. v. L. Becker u. Ch. Schuler unter Mitwirkung v. W. Pfnor) I: Menschen u. Säugetiere, 1835, II: Vögel, Amphibien, T. 1 Fische, 1830, T, 2 Gliederthiere, 1837;
    Description d’un crâne colossal de Dinotherium Giganteum trouvé dans la Province Rhénane du Grand-Duché de Hesse-Darmstadt, précédé d’une Diss. Géolog, sur les Formations fossilifères du bassin tertiaire du Rhin moyene avec atlas, 1837;
    Classification d. Säugethiere u. Vögel, 1844;
    Btrr. z. näheren Kenntnis d. urweltl. Säugetiere, 5 Hh., 1854-62 (erstmals photograph. Darst. v. Fossilien in d. naturwiss. Lit.);
    Monogr. d. Passaliden, in: Berliner Entomolog. Zs. 15, 1871;
    System d. Natur, hrsg. v. K. A. D. Röder, 1877.

  • Literatur

    ADB 15;
    Unter d. Diltheykastanie, 1929, S. 127;
    O. Haupt, Aus d. paläontolog. Slg. d. Hess. Landesmus. zu Darmstadt, in: Amtl. Adressenbuch d. Stadt Darmstadt, 1934, S. 47-55 (P);
    Festschr. 325 J. Ludwigs-Georgs Gymnasium Darmstadt, 1954 (P, Faks.);
    G. Heldmann, J. J. K., 1955 (ausführl. Biogr., W-Verz., Briefwechsel, L, P, Faks.);
    ders., in: Vom Geist e. Stadt, 1956, S. 149-53;
    Pogg. I, VII a;
    Ersch-Gruber II, 35. - Zur Geneal.:
    F. H. Weber u. F. W. Euler, in: Hess. Fam.kde. 4, 1957-59.

  • Portraits

    Ölgem. v. J. Hartmann, 1866 (Darmstadt-Bessungen, Privatbes.;
    Lith. v. Engelbach;
    Stich v. L. Heitland u. A. R. Brend.

  • Autor/in

    Georg Heldmann
  • Empfohlene Zitierweise

    Heldmann, Georg, "Kaup, Johann Jakob" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 369 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118721321.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Kaup: Johann Jakob K., Inspector des Naturaliencabinets in Darmstadt und berühmter Paläontologe, geb. am 10. April 1803 zu Darmstadt, besuchte das Pädagogium seiner Vaterstadt bis zu seiner Confirmation, beschäftigte sich von da an seiner unwiderstehlichen Liebe zur Naturwissenschaft, namentlich zur Geologie folgend, mit naturwissenschaftlichen Arbeiten, wobei er sich durch Schreibunterricht und Ausstopfen von Thieren bei dem Naturaliencabinete seinen Lebensunterhalt zu verschaffen suchte. Blumenbach's Ruf war bis zu K. gedrungen und zog den jungen strebsamen Mann 1822 nach Göttingen. Dort fand er aber nicht das, was er gehofft hatte. Weder die dortigen Sammlungen, noch Blumenbach's Vortrag befriedigten ihn. Deshalb kehrte K. bald nach einem flüchtigen Besuche bei dem damals berühmten Ornithologen Pfarrer Brehm wieder in seine Heimath zurück. Auch ein Aufenthalt in Heidelberg, der ihm den Rest seines kleinen Vermögens kostete, war für ihn scheinbar ein verfehltes Unternehmen, jedoch wenigstens nicht ganz ohne Erfolg, weil er dort Agassiz kennen lernte und von da an mit diesem in regen wissenschaftlichen Verkehr trat. In dieser Lage entschloß sich K. an einer der damals bedeutendsten Sammlungen, nämlich in Leyden, seine Studien fortzusetzen und eine Unterkunft zu suchen, wo er auch an dem damaligen Director Temminck bald einen Gönner und Freund fand. Dieser verschaffte ihm sogar eine Art Anstellung bei dem Cabinet für das Fach der Amphibien und Fische. Bei dieser seiner Beschäftigung machte K. zahlreiche Entdeckungen neuer Arten von Amphibien und Fischen, die er in Oken's Isis beschrieb. Aber der mit seinen Erfolgen wachsende Neid gegen den begünstigten Ausländer und geschickten Arbeiter vertrieb schon nach zwei Jahren K. auch aus Leyden. Nach Darmstadt zurückgekehrt mußte er mit dem kärglichen Gehalte eines Assistenten am dortigen|Museum sein Leben fristen. Doch anerkannte damals schon die Gießener Universität seine wissenschaftlichen Leistungen durch Verleihung des Doctordiploms honoris causa. Erst 1829 kam K. zur Publication einer größeren Abhandlung: "Skizze zur Entwicklungsgeschichte der europäischen Thierwelt", welche dadurch merkwürdig ist, daß K. in derselben, wie wir jetzt sagen, in Darwin'schem Sinne die Entwickelung der Thierwelt von niederen zu höheren Formen durch parallellaufende, von den Amphibien beginnende, durch die Vögel zu den Säugethieren aufsteigende Reihen nachzuweisen versuchte. Indeß erklärte K. die in dieser Publication ausgesprochene Ansicht später selbst als eine Jugendverirrung und betrat mit seinem großen wichtigen Werke: "Das Thierreich in seinen Hauptformen", 1837 in 3 Bänden, das mit meisterhaft ausgeführten Abbildungen versehen ist, in der Systematik ganz abweichende Bahnen. Weiter veröffentlichte K.: "Classification der Säugethiere und Vögel", 1844, und gemeinschaftlich mit dem Heidelberger Zoologen Bronn: "Die Gavial-artigen Reste aus dem Lias" in 2 Theilen mit 6 Tafeln, 1842—44. Nach der Veröffentlichung von Darwin's epochemachenden Arbeiten wurde K. von vielen Seiten aufgemuntert, seine Jugendarbeit aufgreifend, die Darwin'schen Ansichten vom Standpunkte seiner späteren Erfahrungen zu widerlegen. An eine diesbezügliche Ausarbeitung legte er zwar die Hand an, ohne sie aber zum Abschluß zu bringen. Gesprächsweise ereiferte sich K. aufs heftigste gegen diese neue Lehre, die er sogar als Unsinn bezeichnete. Inzwischen war er Inspector an dem Naturaliencabinet in Darmstadt und Professor der Zoologie geworden und warf sich besonders auf das Studium der Paläontologie, in der er Vorzügliches leistete. Hierzu führte ihn besonders der glückliche Umstand, daß in der Nähe von Darmstadt bei Eppelsheim eine überaus reiche Fundstätte miocäntertiärer Säugethierreste im sogen. Dinotheriumsande entdeckt wurde, aus welcher bereits von Schleiermacher und Merk zahlreiche Erfunde in dem Darmstädter Museum niedergelegt worden waren. Durch fortgesetzte fleißige Ausgrabungen wurde K. in Stand gesetzt, die von Cuvier begonnenen Studien fossiler Säugethiere fortzusetzen und wesentlich zu erweitern. Der große Pariser Osteologe, mit dem K. in lebhaften schriftlichen Verkehr trat, leistete dabei dem deutschen Gelehrten den nachhaltigsten Beistand und verschaffte ihm die Gelegenheit, ergiebige vergleichende Studien an fossilen Knochen anzustellen. Aus mehreren vereinzelten früheren Publicationen, unter denen namentlich "Description d'ossements fossiles", 1833—35, und "Akten der Urwelt", 1841 mit 14 Tafeln, hervorzuheben sind, erwuchs Kaup's bedeutendstes Werk: "Beiträge zur näheren Kenntniß der urweltlichen Säugethiere" in fünf Heften mit 34 lithogr. Tafeln prachtvoll ausgestattet (1855—62), welches ihm einen Platz unter den hervorragenden Paläontologen sicherte und ihm einen großen Ruf verschaffte. Besonderes Aufsehen erregte seine Beschreibung des Riesenschädels vom Dinotherium, einer an gewisse Walle erinnernden Form eines Rüsselträgers, welches Cuvier zuerst nach einem Zahne dem Tapir angereiht Hatte. Von vielen Seiten erhielt K. Einladungen zum Besuch von Sammlungen vorweltlicher Säugethierreste, denen er jedoch selten Folge gab. K. lebte sehr zurückgezogen, ganz seinen Studien hingegeben, die neben der Sorge und Pflege der ihm anvertrauten und durch ihn reich vermehrten Sammlung in Darmstadt sein Leben vollständig in Beschlag nahmen. Viele wissenschaftliche Vereine ehrten seine hervorragenden Verdienste durch die Aufnahme in die Zahl ihrer Mitglieder. K. starb am 4. Juli 1873 in Darmstadt.

    • Literatur

      Poggendorff, Biogr. I. 1232. Beil. z. Allg. Zeit. v. 15. Juli 1873.

  • Autor/in

    Gümbel.
  • Empfohlene Zitierweise

    Gümbel, Wilhelm von, "Kaup, Johann Jakob" in: Allgemeine Deutsche Biographie 15 (1882), S. 505-506 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118721321.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA