Lebensdaten
1256 bis 1302
Beruf/Funktion
Nonne zu Helfta ; Heilige
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118691007 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Getrud
  • Gertrud die Große
  • Getrud

Verknüpfungen

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Zitierweise

Gertrud die Große, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118691007.html [14.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    Heimat u. Eltern nicht bekannt.

  • Leben

    Fünf Jahre alt, wurde G. in Helfta Gott geweiht und wuchs dort, umhegt von der Liebe aller, im Schoß der klösterlichen Familie auf. Da sie hervorragend begabt war, ließ die Äbtissin Gertrud sie in den 7 freien Künsten unterrichten, später sogar in theologischen Fächern. So wurde die bescheidene Nonne eine berühmte grammatica und theologa, die auch von Auswärtigen viel zu Rate gezogen wurde. Die Wende in ihrem Leben brachte am 27.1.1281 die erste Christusvision. Es war der Anfang einer innigst vertrauten Liebes- und Lebensgemeinschaft zwischen Christus und G.s Seele, die bis zu ihrem Tode währte und in zahlreichen Visionen und ungewöhnlichen Gnadenerweisungen sich ihr kundtat. Sie selbst schwieg davon bis zur Karwoche 1289. Erst dann begann sie, unter Berufung auf göttliche Weisung, davon zu reden und zu schreiben. Die Mitte von G.s Mystik ist die leidende, noch mehr aber die verklärte, in der Liturgie fortlebende Menschheit Christi, vor allem das Herz des Gottmenschen als Sitz und Organ seiner Erlöserliebe, welcher die erlöste Seele als Braut sich verbindet (Brautmystik). Die Heilige Schrift, besonders das Hohe Lied und die Paulusbriefe, und die Liturgie der Kirche, aber auch das eigene kindlich reine Gemüt liefern ihr die Worte und Bilder für ihre mystischen Erfahrungen. Vom 16. Jahrhundert an wird G. in den Benediktinerklöstern und in den romanischen Ländern als Heroldin des Herzens Jesu und Deutschlands größte Mystikerin gefeiert; auf die ganze Kirche wurde das Fest 1738 ausgedehnt.

  • Werke

    Legatus divinae pietatis (v. G. selbst sicher Buch II; III-V z. T. erst nach 1302 zusammengestellt, was v. G. u. was Zutat d. schreibenden Nonnen, läßt sich nicht mehr entscheiden; Buch I sind Erinnerungen an G., 1. Ausg. hrsg. v. J. J. Landsberger u. d. T.: Insinuationes divinae pietatis, Köln 1536, setzt G. gleich mit d. Äbtissin, ein Irrtum, der sich bis 1875 hielt); Revelationes Gertrudianae et Mechtildianae I, Poitiers 1875 (beste u. relativ krit. Ausg. v. d. Benediktinern v. Solesmes), dt. v. J. Weißbrod, 1876, 91922, franz. v. P. Doyère, Le mémorial spirituel de Ste. Gertrude, 2 T., Paris 1954;
    Liber specialis gratiae [Offenbarungen an d. hl. Mechtild] (zum größten T. G.s Werk), in: Revelationes Gertrudianae et Mechtildianae II, Poitiers 1877; von d. kleineren Schrr. sind nur d.
    Exercitia spiritualia erhalten, oft hrsg. u. übers., dt. v. M. Wolter, 81917, bearb. v. H. Bihlmeyer, lat.-ital. v. R. Medici, Praglia 1924, gute Auswahl: Collection Pax 20 u. 26, Paris 1925/27.

  • Literatur

    ADB IX;
    G. Ledos, Ste. G., Paris 21901;
    W. Müller-Reif, Zur Psychol. d. myst. Persönlichkeit, 1921;
    D. G. Dolan, Ste. G., London 1923, 21926, franz. Ausg. = Collection Pax 5, 21923;
    K. Richstätter, Herzjesu-Verehrung d. dt. MA, 1924;
    R. Medici, Questioni crit. intorno a S. G. la Grande, in: Rivista storica benedettina 15, Rom 1924, S. 256-63;
    A. M. Heiler, Mystik dt. Frauen im MA, 1929;
    A. Vollmer, Die Hl. G. d. Gr. v. H., 1937;
    J. Werlin, Mystikerzitate aus e. Nürnberger Predigt-Hs., in: Archiv f. Kulturgesch. 43, 1961, S. 248-52;
    A. M. Zimmermann, Kalendarium Benedictinum III, 1937, S. 319-23;
    Dict. Theol. Cath. VI, 1914;
    LThK.

  • Autor/in

    Alfons M. Zimmermann , OSB
  • Empfohlene Zitierweise

    Zimmermann OSB, Alfons M., "Gertrud die Große" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 334 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118691007.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Gertrud, auch die „große“ G. genannt, gegen Ende des 13. Jahrhunderts Nonne zu Helfta, die Verfasserin der Schrift „Legatus divinae pietatis“ oder, wie diese früher meist genannt wurde: „Insinuationes divinae pietatis“. G. ist am 6. Jan. 1256 sehr wahrscheinlich in Thüringen und wol aus niederem Stande geboren. Schon in ihrem fünften Jahre kam sie in das Kloster zu Helfta, wo ihr Leben unter dem Einfluß der beiden Schwestern Gertrud und Mechthild von Hackeborn, sowie der ehemaligen Begine Mechthild (s. den vorigen Artikel), sehr bald zu reicher Blüthe sich entfaltete. Ein Denkmal ihres Geistes ist die erwähnte Schrift: „Legatus divinae pietatis“ und eine Sammlung von Gebeten: „Exercitia spiritualia“. Von dem Legatus ist nur der zweite der fünf Theile von G. selbst geschrieben und zwar in den J. 1289 und 1290; die übrigen sind nach ihren Mittheilungen von einer mit ihr lebenden Freundin verfaßt und erst nach ihrem Tode abgeschlossen worden. G. hatte mit einem|unauslöschlichen Durste nach Wissen zuerst die in den sogenannten freien Künsten gebotenen Kenntnisse zum Gegenstande ihres eifrigsten Studiums gemacht, als, wie sie erzählt, in ihrem 25. Jahre eine tiefe innere Verödung und die Sehnsucht nach Gemeinschaft mit Gott ihre Seele erfaßte. Nachdem sie zwei Monate in dieser Qual verbracht, glaubte sie plötzlich den Erlöser vor sich zu sehen und die Worte zu vernehmen: „Ich will dich annehmen und dich trunken machen von dem Strome meiner göttlichen Freude". Durch Buße und Glaube an die sündentilgende Liebe ringt sie sich zu der freudigen Gewißheit einer aus Gnade Gerechtfertigten hindurch. Mit der ganzen Energie ihres Wesens wirft sie sich von dieser Zeit an auf das Studium der heiligen Schrift und ihrer Ausleger, namentlich Augustin's und Bernhard's, und das im reichsten Maße sich ihr erschließende Licht des göttlichen Wortes erfüllte ihre Seele mit Jubel. Aus der Schrift und ihren Auslegern stellt sie dann auch für ihre Mitschwestern und für die Schwestern anderer Klöster verschiedene Bücher zusammen; ihre Worte, ihre Betrachtungen sind, wie sich aus ihrem Buche ergibt, beherrscht und durchdrungen von dem sie ganz erfüllenden Schriftwort. Ihr religiöses Leben strebt von der blos sachlichen Vermittlung zum persönlichen Verkehr mit Gott, von der Aeußerlichkeit in die Innerlichkeit, von dem Buchstaben in den Geist. „Die würdigsten Reliquien auf Erden“, so glaubt sie aus dem Munde des Herrn zu vernehmen, „sind meine Worte“. Der Verkehr mit Christus ist die Seele ihres Lebens; alle Heiligen treten ihr darüber in den Hintergrund. Freilich mischt sich Selbsttäuschung mit ein. Ihr Ahnen, Erkennen und Begehren wird ihr bei der Steigerung aller ihrer Seelenkräfte zur thatsächlichen Offenbarung durch Visionen und Einsprachen des Herrn. Aber selbst dieser Form ihres geistlichen Lebens ist der evangelische Zug, der ihr Wesen beherrscht, aufgeprägt. Der von ihr selbst verfaßte Theil des Legatus enthält Bekenntnisse in ergreifender Sprache, auf der Höhe tiefster und stärkster Empfindung geschrieben, welche die großen ihr zu Theil gewordenen Gaben in liebenswürdiger Demuth preisen. Sie gehören mit ihren „Exercitia pietatis“ zu den schönsten Erzeugnissen der mystischen Litteratur. G. starb, wie ich nachzuweisen versucht habe, im J. 1311, womit eine ältere Notiz bei Bucelin stimmt. Die neuesten Herausgeber ihrer beiden Schriftn vermuthen, daß sie um 1302 gestorben sei. Die Bemühungen ihrer Ordensgenossen erlangten im 17. Jahrhundert in Rom, daß sie unter die Heiligen gesetzt wurde. Ein Verzeichniß der älteren Ausgaben ihrer beiden Schriften in dem Vorwort zu der neuesten schönen, mit großer Sorgfalt veranstalteten Ausgabe s. t.: Revelationes Gertrudianae ac Mechtildianae I: Sanctae Gertrudis Magnae, virginis O. S. B., Legatus divinae pietatis. Accedunt ejusdem Exercitia spiritualia. Opus ad codicum fidem nunc primum integre editum Solesmensium O. S. B. monachorum cura et opera. Ap. Henr. Oudin 1875. Pictavii et Parisiis.

    • Literatur

      Ueber G. s. Preger, Dante's Matelda, 1873, und Geschichte d. deutschen Mystik im Mittelalter, Bd. I. 1874, sowie die Praefatio zu der angeführten Ausgabe der Benedictiner von Solesmes, 1875.

  • Autor/in

    Preger.
  • Empfohlene Zitierweise

    Preger, Wilhelm, "Gertrud die Große" in: Allgemeine Deutsche Biographie 9 (1879), S. 74-75 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118691007.html#adbcontent

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