• Genealogie

    Aus Gutsbesitzersfamilie;
    V Joh. Jakob, Gutsbesitzer.

  • Leben

    Nach dem Medizinstudium in Berlin wirkte C. 1859 als Stabsarzt in Spremberg und von 1860-67 als Garnisonsarzt in Königsberg. Unter dem Eindruck der großen Errungenschaften seiner Zeit auf den verschiedenen Gebieten der Naturwissenschaften vertrat er anfangs einen dem Materialismus sehr nahestehenden extremen Sensualismus. Die Philosophie hat die Aufgabe, ein „räumliches Abbild der Welt“ zu geben. Selbst den Vorstellungen schreibt er räumliche Ausdehnung zu. Einen günstigen Einfluß auf seine philosophische Entwicklung nahm die mit der Verabschiedung von 1867 erlangte Muße zum gründlichen Studium der Werke Kants und Spinozas, dann aber auch der häufige Verkehr mit F. Ueberweg, mit dem er sich in der Annahme der Räumlichkeit der Empfindungen berührte. Auch Hegel, Schleiermacher, Beneke, Trendelenburg und Zeller befruchteten seine Gedankenwelt. Bald sagte er dem naiven Realismus ab und stimmte mit Kant darin überein, daß unsere sinnlichen Wahrnehmungen nur subjektive Erscheinungen seien. Doch um den Sensualismus nicht preisgeben zu müssen, fand er für die Erkenntnis der Außenwelt diese Erklärung: Die den subjektiven Erscheinungen zugrundeliegende Körperwelt wird durchdrungen von einer mit ihr mechanisch zusammenhängenden Weltseele. So entsteht durch die in unserem Gehirn stattfindende Einwirkung der physikalischen Sinnesreize auf die Weltseele sensualistisch ein treues Abbild der objektiven Welt. Sie hat den Zweck, zum geistig-sinnlichen Glück aller fühlenden Wesen zu führen. Merkwürdig ist, daß C. sich die Grundpfeiler der von ihm so hoch geachteten Naturwissenschaft, das Gesetz von der Erhaltung der Energie und die Entstehung des Sonnensystems sowie der Arten nicht zu eigen machte. Während er in der ersten Phase seiner Entwicklung die Mechanik als Ideal aller Erkenntnis pries, wurde es später die Mathematik, die anschauliche, sinnvolle Klarheit schafft, noch ursprünglichere als die Mechanik.

  • Werke

    Neue Darst. d. Sensualismus, 1855;
    Entstehung d. Selbstbewußtseins, e. Antwort an Herrn Prof. Lotze, 1856;
    Die Grenzen u. d. Ursprung d. menschl. Erkenntnis im Gegensatz zu Kant u. Hegel, Naturalistisch-teleolog. Durchführung d. mechan. Prinzips, 1865;
    Die Mathematik als Ideal f. alle andere Erkenntnis, in: Zs. f. exakte Philos. 7, 1866;
    Grundzüge einer extensionalen Erkenntnistheorie, hrsg. v. E. Johnson, 1875.

  • Literatur

    ADB IV;
    H. Lotzes Kritik zu C.s Neue Darst. d. Sensualismus, in: Göttinger Gel.Anz., 1855, S. 153-58;
    F. Lange, Gesch. d. Materialismus, 21873, II, S. 105-14 u. ö.;
    E. Johnson, H. C., 1873;
    H. Vaihinger, Die drei Phasen d. C.schen Naturalismus, in: Philos. Mhh. 12, 1876, S. 1-31;
    P. Friedmann, Darst. u. Kritik d. naturalist. Weltanschauung H. C.s, in: Berner Stud. z. Philos. u. ihrer Gesch., Bd. 42, Bern 1905;
    Überweg IV, S. 292 u. 703 (L);
    C. Krollmann, in: Altpreuß. Biogr. I, 1941;
    Ziegenfuß I.

  • Autor/in

    Hans Saring
  • Empfohlene Zitierweise

    Saring, Hans, "Czolbe, Heinrich" in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 463 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118670808.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Czolbe: Heinrich C., geb. 30. Dec. 1819, in Königsberg i. Pr. am 19. Febr. 1873, der Sohn eines Gutsbesitzers in der Nähe von Danzig, wandte sich, nachdem er das Gymnasium seiner Heimath absolvirt hatte, zum Studium der Medicin nach Berlin, wo er (1844) mit einer Dissertation „De principiis physiologiae“ promovirte. Sowie er schon dort durch Johannes Müller zu tieferen und allgemeineren Fragen der Naturwissenschaft angeregt worden war, so blieb er auch in der Stellung eines Militärarztes seinem speculativen Streben treu und veröffentlichte als die Frucht seines Nachdenkens: „Neue Darstellung des Sensualismus“ (1855), eine Schrift, in welcher er alles Ideale als solches abweisend den sensualistischen Standpunkt so weit ausdehnte, daß er auch die Ethik und das Recht auf eine national-ökonomische Grundlage zurückführte. Im Zusammenhange hiermit stand eine gegen Lotze gerichtete Streitschrift: „Die Entstehung des Selbstbewußtseins“ (1856). Nachdem er aber als Oberstabsarzt in Pension getreten war und sich bleibend in Königsberg niedergelassen hatte, wirkte der vertraute Umgang, in welchen er mit Ueberweg trat, entschieden läuternd auf seine Anschauungen, wovon die Schrift: „Die Grenzen und der Ursprung der menschlichen Erkenntniß“ (1865) Zeugniß gibt, in welcher er das Princip seines früheren Naturalismus mit einer auch die praktische Bedeutung der Religion nicht ausschließenden Teleologie verband. Eine Abhandlung „Die Mathematik als Ideal für alle andere Erkenntniß“ (im 7. Bande der Zeitschr. für exacte Philosophie, 1866) kann als Vorarbeit einer umfassenderen Darstellung bezeichnet werden, welche er noch kurz vor seinem Tode vollendet hatte; diese gab Ed. Johnson im Auftrage des Verstorbenen unter dem Titel „Grundzüge einer extensionalen Erkenntnißtheorie“ (1875) heraus.

    • Literatur

      Vgl. auch Philosophische Monatshefte, Bd. IX, S. 228.

  • Autor/in

    Prantl.
  • Empfohlene Zitierweise

    Prantl, Carl von, "Czolbe, Heinrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 4 (1876), S. 677 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118670808.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA