Lebensdaten
1923 bis 1989
Geburtsort
Breslau
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Kabarettist
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 11858748X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Neuss, Hans-Wolfgang Otto
  • Neuss, Wolfgang
  • Neuss, Hans-Wolfgang Otto
  • mehr

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen in der NDB Genealogie

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Neuss, Wolfgang, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11858748X.html [21.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Otto Neuß (* 1894), Lt.;
    M Elisabeth Gebauer (1900–65);
    Berlin 1962 ( 1967) Margareta Henriksson (* 1937), aus Karlstad (Schweden);
    1 T.

  • Leben

    N., der als Landwirt und Schlachter ausgebildet war, versuchte sich erstmals als Soldat im Lazarett an der Ostfront an parodistischen Improvisationen. Nach Kriegsende tingelte er mit einer Kabarett-Truppe durch die West-Zonen, ehe er in der Hamburger „Bonbonniere“ 1950 zum „Mann mit der Pauke“ wurde. Anfang der 50er Jahre übersiedelte er nach West-Berlin, wo er zunächst als Darsteller, Texter und Regisseur für das Kabarett „Die Stachelschweine“ tätig war und seit 1953, zusammen mit Wolfgang Müller (1922–60) als Partner, eigene Kabarett-Programme erarbeitete. Daneben spielte er unter der Regie von Erwin Piscator, Kurt Meisel und Oscar Fritz Schuh Theater (u. a. Narr, in Shakespeares „Was ihr wollt“, Hebbel-Theater, Berlin; Thersites, in Shakespeares „Troilus und Cressida“, Dt. Schauspielhaus, Hamburg), trat in der deutschen Erstaufführung des Musicals „Kiss me, Kate“ auf, schrieb und inszenierte die Komödien „Tu's nicht ohne Liebe“ (1958) und „Zwei Berliner in Paris“ (1959).

    N. wirkte als Darsteller an zahlreichen TV-Produktionen (Kopf oder Zahl, 1952; Rotmord, 1969) und in fast 70 Spielfilmen mit (u. a. Himmel ohne Sterne, 1955; Des Teufels General, 1955; Der Hauptmann v. Köpenick, 1956; Rosen f. d. Staatsanwalt, 1959; Katz u. Maus, 1967). Popularität erlangte er vor allem als Partner von Wolfgang Müller in Filmen wie „Das Wirtshaus im Spessart“ (1957), „Der Maulkorb“ (1958), „Wir Wunderkinder“ (1958), „Als geheilt entlassen“ (1959). Nach dem Tod seines Kabarett-, Theater- und Film-Partners Wolfgang Müller 1960 drehte N. zunächst zwei kabarettistische Spielfilme, für die er auch das Drehbuch schrieb: „Wir Kellerkinder“ (1960), setzte sich auf satirische Weise mit der deutschen NS-Vergangenheit und ihrer „Bewältigung“ auseinander. In „Genosse Münchhausen“ (1962) dachte N. in grotesker Überzeichnung die deutsche Ostpolitik vor, die ein Jahrzehnt später von der sozialliberalen Koalitionsregierung unter Willy Brandt Wirklichkeit wurde. 1963 startete er eine Karriere als Solo-Kabarettist mit dem Programm „Das jüngste Gerücht“, dem er 1965 seine musikalische Villon-Show „Neuss Testament“ und 1967 das Solo „Asyl im Domizil“ folgen ließ. Die drei Programme, mit denen N. auch in zahlreichen westdeutschen Städten gastierte, begründeten seinen Ruf als populärster deutschsprachiger Kabarettist und scharfzüngigster Satiriker der 60er Jahre.

    N.s Auftritte waren immer wieder von Skandalen und umstrittenen Polit-Aktionen begleitet. Seine offen bekundete Sympathie für die Studentenrevolte der späten 60er Jahre brachte ihm kritische Pressestimmen und ein Parteiausschlußverfahren der SPD ein. Von einem „Ausflug“ nach Chile zurück, beschloß N., seine Kabarett-Karriere aufzugeben und fortan „unbekannt zu werden“. Das ist ihm nur teilweise gelungen. In den letzten fünfzehn Jahre seines Lebens machte er immer wieder als Produzent von „Tunix“-Sprüchen, als Drogen-Apostel und Berlins „Stadtindianer“ von sich reden. Im deutschen Nachkriegs-Kabarett war N. eine singuläre Erscheinung als Unterhaltungs-Conferencier, der sich erst zum Allround-Komiker und schließlich zum gallebitteren, zeitkritischen Polit-Satiriker entwickelte.

  • Werke

    Wir Kellerkinder, Filmsatiren, 1961, 21983;
    Das jüngste Gerücht, Satire üb. Trivialpol., 1965;
    Neuss|Testament, Die Villon-Show, 1966, 21985;
    Asyl im Domizil, Bunter Abend f. Revolutionäre, 1968;
    Das W. N. Buch, hg. v. V. Kühn, 1981;
    N.s Za., Der Frühstücksdiktator, hg. v. W. Pieper, 1983, 21989;
    Ohne Drogen nichts zu machen, Fünf Gedichte, 1983;
    Tunix ist besser als arbeitslos, Sprüche e. Überlebenden, hg. v. V. Kühn, 1985;
    Der gesunde Menschenverstand ist reines Gift, hg. v. M. Bröckers, 1985;
    Der totale N., Ges. Werke, hg. v. V. Kühn, 1997. – LP/CD: Das jüngste Gerücht, 1964;
    Neuss Testament, 1965, 21996;
    W. Biermann (Ost) b. W. N. (West), 1965;
    Asyl im Domizil, 1967;
    Marxmenschen, 1968;
    N. spricht Bild, 1968;
    N. v. Tage, 1984;
    Heissa N., 1987;
    Ich hab noch einen Kiffer in Berlin, 1995;
    Live im Domizil (Das jüngste Gerücht, Marxmenschen, Asyl im Domizil), 1997;
    Ach, das könnte schön sein, 1998.

  • Literatur

    H. Greul, Zw. N. u. Biermann, Neuer Brennpunkt Berlin, in: ders., Bretter, d. d. Zeit bedeuten, Eine Kulturgesch. d. Kabaretts, 1967;
    R. Hösch, Der Mann mit d. Pauke, in: Kabarett v. gestern u. heute, 1972;
    H. Kotschenreuther, W. N., in: Kabarett mit K, 1974;
    G. Salvatore, W. N., Ein faltenreiches Kind, 1974, 21995;
    G. Hofmann, W. N., Oder Ber. üb. e. Nachblüte d. (west) dt. Nachkriegskabaretts, in: Das pol. Kabarett als geschichtl. Qu., 1976;
    R. Otto u. W. Rösler, Der Mann mit d. Pauke, in: Kabarettgesch., 1977;
    K. Budzinski, W. N. haut auf d. Pauke, in: Pfeffer ins Getriebe, 1982;
    ders., in: Das Kabarett, 1985;
    ders., Kabarett an sich, in: Wer lacht denn da?, 1989;
    V. Kühn, N. v. gestern, in: Wir Kellerkinder, 1983;
    ders., N. Testament, Eine satir. Zeitbombe u. ihre Folgen, in: Die Horen, 1995, S. 127;
    ders., Schmähgesänge im Alleingang, in: Der totale N., 1997;
    P.-M. Einsporn, in: Juvenals Irrtum, 1985;
    M. Bröckers, Stell dir vor, es geht …, in: Der gesunde Menschenverstand, 1985;
    S. Lönnendonker, Die Intellektuellen u. N., in: W. N., Ein faltenreiches Kind, 1995;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Killy;
    Metzler, Kabarett Lex. (P); – TV:
    Ich lache Tränen, heule Heiterkeit. Ein N.-Porträt v. V. Kühn, ARD, 1973;
    Zu Besuch b. Mann mit d. Pauke, Ein Selbstporträt, angestiftet v. T. Jens, HR, 1982;
    Ein guter Schluß, Abschied v. W. N., v. J. Daniel, WDR. 1989.

  • Autor/in

    Volker Kühn
  • Empfohlene Zitierweise

    Kühn, Volker, "Neuss, Wolfgang" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 186 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11858748X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA