Lebensdaten
1801 bis 1893
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Philosoph
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 11858216X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Odilo (Pseudonym)
  • Michelet, Karl Ludwig
  • Odilo (Pseudonym)
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Zitierweise

Michelet, Karl Ludwig, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11858216X.html [19.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Die Fam. kam nach d. Aufhebung d. Edikts v. Nantes (1685) nach Berlin. – V Louis (1775–1841), Textilkaufm., Teilhaber, später Bes. d. Seidenfabr. Girard & Michelet in B., S d. Louis (1736–1800), Teilhaber d. Fa. Girard & Michelet in B., u. d. Susanne Madeleine Jordan ( 1782);
    M Victoire (1777–1831), T d. David Girard (1746–1828), Seidenfabr., Teilh. d. Fa., u. d. Marie Henriette Jordan ( 1802);
    Vt Heinrich Gustav Hotho (1802–73), Kunsthistoriker, Ästhetiker (s. ADB 13);
    1) Berlin 1832 Marie Scholz (1813–64), 2) Vevey (Schweiz) 1867 Jenny Vallon (1829–86) aus Vevey;
    2 S, 1 T aus 1), 2 S, 2 T aus 2).

  • Leben

    M. besuchte das Franz. Gymnasium in Berlin und studierte dort seit 1819 Rechtswissenschaft u. a. bei Savigny, A. v. Bethmann Hollweg und K. W. v. Lancizolle. Er hörte aber auch bei Schleiermacher und besuchte seit 1821 sämtliche Vorlesungen Hegels, der den stärksten Einfluß auf ihn ausübte. Schon zu dieser Zeit verkehrte er freundschaftlich mit anderen, später berühmten Hegelschülern wie seinem Vetter Heinrich Gustav Hotho und Eduard Gans. Nach der ersten juristischen Staatsprüfung (1822) bereitete er, neben seiner Tätigkeit als Auskultator beim Stadtgericht, eine rechtsphilosophische Dissertation bei Hegel vor, die er unter dem Titel „De doli et culpae in iure criminali notionibus“ 1824 einreichte. Seit 1825 wirkte M. als Lehrer am Franz. Gymnasium (bis 1850). Er habilitierte sich 1826 und wurde 1829 zum ao. Professor für Philosophie an die Univ. Berlin berufen. Die Beförderung zum o. Professor blieb ihm wegen seiner politischen und religiösen Auffassungen, die ihm nach dem Richtungswechsel des Jahres 1840 die Gunst der Regierung entzogen, zwar versagt, er entfaltete aber bis 1874 eine einflußreiche Lehrtätigkeit. Unter seinen vielen Studenten seien nur David Friedrich Strauß und August Gf. v. Cieszkowski, der sein lebenslanger Freund wurde, genannt. Auch hielt er ausländischen Gästen (u. a. Victor Cousin, Jules Lechevalier und Saint-Marc Girardin) Privatvorlesungen.

    M.s Leistung als Lehrer und Schriftsteller liegt in der Verbreitung, Verteidigung und Weiterentwicklung der Philosophie Hegels. Er beteiligte sich an der Hegelianischen Zeitschriftenpublizistik, zunächst an den „Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik“ (1827-46), 1860-66 betreute er als Schriftführer die Zeitschrift „Der Gedanke“. M. gehörte auch zu dem „Verein von Freunden“, der Hegels „Werke“ 1832-45 herausgab, und besorgte selbst u. a. die Edition der „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“. Als führendes Mitglied der Hegelschen Schule verteidigte er die Philosophie seines Lehrers gegen konkurrierende Strömungen, wie die Historische Schule Savignys und die Anhänger des späten Schelling. M.s Weiterentwicklung der Philosophie Hegels äußerte sich zunächst, behutsam akademisch, in der Anwendung Hegelscher Methoden und Prinzipien auf Fragen der antiken Philosophiegeschichte, insbesondere der Philosophie von Aristoteles. Philosophisch radikaler und für die weitere Entwicklung der Hegelschen Schule entscheidender war seine Forderung, Hegels Lehre zu einer die Wirklichkeit verändernden „Philosophie der Tat“ zu entfalten. In Opposition zur preuß. Regierung, seinem Dienstherren, geriet M. auch durch seine Schriften und Reden zu religionsphilosophischen und politisch-sozialen Fragen. Seine weitgehende Identifikation mit der 1848er Revolution schlug nach deren Scheitern in M.s resignierenden Rückzug aus dem öffentlichen Leben um.

  • Werke

    Die Ethik d. Aristoteles in ihrem Verhältniß z. System d. Moral, 1827;
    Examen critiquo de l'ouvrage d'Aristote intitulé Métaphysique (Preisschr. d. Pariser Académie des Sciences Morales et Politiques), 1836;
    Gesch. d. letzten Systeme d. Philos. in Dtld. v. Kant bis Hegel, 2 Bde., 1837 f.;
    Vorlesungen üb. d. Persönlichkeit Gottes u. Unsterblichkeit d. Seele, 1841;
    Zur Verfassungsfrage, 1848;
    Die Lösung d. gesellschaftl. Frage, 1849;
    Naturrecht od. Rechtsphilos., 1866;
    Hegel, d. unwiderlegte Weltphilosoph, 1870;
    Wahrheit aus meinem Leben, 1884 (P). – W-Verz.: F. Ascherson, in: Acht Abhh. Herrn Prof. Dr. K. L. M., z. 90. Geb.tag, 1892, S. 86-102.

  • Literatur

    ADB 55;
    P. d'Ercole, Carlo Lodovico M. e l'hegelianismo, in: Rivista Italiana di Filosofia IX, 1 u. 2, 1894, S. 303-28 bzw. 48-88;
    W. Kühne, Gf. August Cieszkowski (Doppelbiogr. Cieszkowski/Michelet), 1938;
    H. Lübbe, Pol. Philos. in Dtld., 21974, S. 70 ff.;
    H. Ottmann, Individuum u. Gemeinschaft b. Hegel, in: Hegel im Spiegel d. Interpretationen, 1977, S. 234 ff.;
    Ziegenfuß.

  • Autor/in

    Norbert Waszek
  • Empfohlene Zitierweise

    Waszek, Norbert, "Michelet, Karl Ludwig" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 447 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11858216X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Michelet *)Zu Bd. LII, S. 376.: Karl Ludwig M., Philosoph, wurde zu Berlin geboren am 4. December 1801. Der Vater war Kaufmann; die Eltern beide gehörten der Gemeinde französischer Calvinisten an, die infolge der Aufhebung des Edictes von Nantes aus Frankreich nach Berlin übergesiedelt waren. Die französische Abstammung machte sich in Michelet's Persönlichkeit und auch wohl in seiner wissenschaftlichen Arbeit bemerkbar; er selber hat sich die Aufgabe zugeschrieben, zwischen deutschem und französischem Wesen zu vermitteln. Der Knabe besuchte seit 1814 das französische Gymnasium zu Berlin. 1819 bezog M. die Berliner Universität. Er wendete sich Schleiermacher zu, hörte auch die Vorlesungen des jüngeren Fichte, aber in der Hauptsache betrieb er das Studium der Rechtswissenschaft. Die Vorlesungen von Hegel über Rechtsphilosophie und über Logik wurden seit dem Jahre 1821 für seine weitere wissenschaftliche Entwicklung entscheidend. Er hörte bis 1824 sämmtliche Vorlesungen Hegel's und war damit für die Philosophie überhaupt und insbesondere für die seines großen Lehrers gewonnen. Der Plan, akademischer Lehrer der Philosophie zu werden, ließ sich fürs erste nicht verwirklichen. M. bestand die erste juristische Prüfung 1822 und trat als Auscultator beim Stadtgericht ein. Aber schon im J. 1824 begehrte und erlangte er die Entlassung aus dem Amt, erwarb auf Grund einer Dissertation „De doli et culpae in iure criminali notionibus“ die philosophische Doctorwürde, bestand die Prüfung für das Lehramt und wirkte fortan als Lehrer am französischen Gymnasium ein Vierteljahrhundert hindurch 1825—1850. Aber der Gedanke an eine akademische Lehrthätigkeit ließ ihn nicht los. Im J. 1826 bewirkte|er seine Habilitation an der Berliner Universität, an der er dann als gern gehörter Lehrer eine sich weithin erstreckende Wirksamkeit geübt hat, bis das hohe Alter ihm seit 1874 das Einstellen seiner Lehrthätigkeit auferlegte. Im J. 1829 wurde er zum außerordentlichen Professor, auf Anlaß seines neunzigsten Geburtstags zum ordentlichen Honorarprofessor ernannt. Am 15. December 1893 ist er gestorben.

    M. ist als Anhänger der Hegel'schen Philosophie mit Wort und Schrift überaus thätig gewesen, immer bereit zur Vertheidigung Hegel's gegen die Widersacher. Innerhalb der Hegel'schen Schule gehörte er derjenigen Richtung an, die man wohl als die linke Seite bezeichnet, und die die Lehren des Meisters nicht sowohl im Sinne der Vertheidigung des vorhandenen Bestandes in Staat, Gesellschaft und Kirche, sondern vielmehr im Sinne der Opposition deutete, auch mit dem praktischen Streben, den Anforderungen der Idee in der Wirklichkeit Raum zu schaffen. Eine solche Gesinnung war nicht geeignet, ihm bei den Trägern der politischen Gewalt seit dem Jahre 1840 Gunst zu verschaffen. So hatte er mancherlei Anfechtungen, auch recht kleinlicher Art, zu bestehen, ohne sich dadurch beugen zu lassen. Er gehörte seit 1827 der „Societät für wissenschaftliche Kritik“ an, die die „Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik“, lange Zeit das Organ der Hegel'schen Schule, herausgab. Nach Hegel's Tode betheiligte er sich an der Herausgabe von Hegel's Werken. M. hat Bd. I der Werke, „Hegel's philosophische Abhandlungen", Bd. VII, 1, die „Naturphilosophie“, Bd. XIII—XV, die „Geschichte der Philosophie“, herausgegeben. Einen großen Theil seiner Zeit und seiner Arbeitskraft widmete er der „Philosophischen Gesellschaft zu Berlin“, die er in Verbindung mit dem Grafen Cieszkowski im J. 1843 gründete als Mittelpunkt für die philosophischen Studien im Sinne Hegel's, der er aber auch treu blieb, als in ihr ganz andere Richtungen die Oberhand gewannen. Einen hervorragenden Autheil hatte M. an den erfolgreichen Bemühungen für ein in Berlin zu errichtendes Denkmal Hegel's, das 1871 feierlich enthüllt worden ist.

    Als Schriftsteller ist M. zuerst mit Studien über Aristoteles hervorgetreten. 1827 erschien: „Die Ethik des Aristoteles in ihrem Verhältniß zum System der Moral“, woran sich 1828 das „System der philosophischen Moral“, 1829 die Textausgabe der Nikomachischen Ethik des Aristoteles, 1835 und in zweiter Ausgabe 1848 der Commentar zu diesem Buche anschloß. Im Jahre 1835 gewann er neben Ravaisson den Preis der französischen Akademie mit einer Arbeit über Aristoteles' Metaphysik, die 1836 unter dem Titel „Examen critique de l'ouvrage d'Aristote intitulé la Métaphysique“ in Paris im Druck erschienen ist.

    Von seinen sonstigen Werken nennen wir die „Geschichte der letzten Systeme der Philosophie in Deutschland von Kant bis Hegel", 2 Bde., 1837—1838; ferner „Die Epiphanie der ewigen Persönlichkeit des Geistes", drei Gespräche, 1844, 1847, 1852; „Die Geschichte der Menschheit in ihrem Entwicklungsgange von 1775 bis auf die neuesten Zeiten", 1859—1860; „Naturrecht oder Rechtsphilosophie", 2 Bde., 1866; „Das System der Philosophie als exakter Wissenschaft“, 5 Bde., 1876—1881, wo Logik, Naturphilosophie, Geistesphilosophie und Philosophie der Geschichte behandelt ist. Die Zeitschrift „Der Gedanke“ hat M. als Schriftführer der Philosophischen Gesellschaft 1860 bis 1866 herausgegeben; Fortsetzungen erschienen noch bis 1884. In letzterem Jahre veröffentlichte M. auch die Schrift „Wahrheit aus meinem Leben“, in der er mit der Gesprächigkeit des Alters alles, was ihm irgendwie denkwürdig erschien, in behaglicher Breite darlegte.

    M. schreibt sich nicht mit Unrecht einen hitzigen Charakter zu, aber auch|einen außerordentlichen Forschungstrieb; sein gesammtes Leben sei „von der Idee durchdrungen“ gewesen. Jedenfalls beseelte ihn ein lebendiges Streben für die idealen Güter, wie er sie erfaßte. Eine Reihe von Abhandlungen über Kunstwerke, besonders der Antike, beweist sein Interesse an der Kunst, und auch an den praktischen Fragen des politischen und kirchlichen Lebens hat er sich rege betheiligt. Für die Verbreitung Hegel'scher Gedanken ist er mit Erfolg thätig gewesen, wenn ihm auch schöpferisches Vermögen in höherem Grade nicht zuerkannt werden kann.

  • Autor/in

    Adolf Lasson.
  • Empfohlene Zitierweise

    Lasson, Adolf, "Michelet, Karl Ludwig" in: Allgemeine Deutsche Biographie 55 (1910), S. 842-844 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11858216X.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA