Lebensdaten
1769 bis 1850
Geburtsort
Loddiger (Livland)
Sterbeort
Depkinshof bei Riga
Beruf/Funktion
politischer Schriftsteller ; Journalist
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118581147 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Merkel, Garlieb Helwig
  • Merkel, Garlieb
  • Merkel, Garlieb Helwig

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Zitierweise

Merkel, Garlieb, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118581147.html [11.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Daniel (1714–82), nach Studium in Wittenberg u. Helmstedt 1736 Hauslehrer in Hamburg, 1741-70 Pastor in L., 1771 Übersiedelung nach Alt-Pebalg, seit 1778 Arrendator v. Gut Saadsen (Kirchspiel Sissegal/Livland);
    M Gertrud Elisabeth (1763–1809), T d. Kaufm. Gottfried v. Brockhusen u. d. Gertrud Elisabeth Boeger;
    Riga 1807 Dorothea Wilhelmina (1779–1853), T d. Albrecht Germann (1744–1818), Subrektor d. Domschule v. Riga, u. d. Gertrud Dorothea Erdmann (1715–89);
    3 K, u. a. Ernst (1810–63), Arzt u. Publizist (s. Dt.balt. Biogr. Lex.), Juliane Ernestine Amalie (1808–87, Dr. med. Carl Lehmann, 1807–91).

  • Leben

    Nach dem Tod des Vaters, der die Familie mittellos zurückließ, mußte M. den Besuch der Domschule von Riga (1776–82) unterbrechen. Nach einer kurzen Rückkehr an die Domschule nahm er 1786 eine Kanzlistenstelle am Livländ. Gewissensgericht an. Im folgenden Jahr schloß er sich der Schauspieltruppe Johann Gotthilf Christoph Meyrers an. Der Schauspieler Carl Ferdinand Daniel Grohmann führte ihn in einen regelmäßig bei ihm verkehrenden Kreis von Literaten und Schauspielern ein, der sich bald als Rigaer „Propheten-Club“ konstituierte. Durch Vermittlung des Rigaer Oberpastors Christian Adolph Dingelstädt erhielt M. 1788 eine Hofmeisterstelle bei Pastor Johann Christian Cleemann in Pernigel. Während der vierjährigen ländlichen Einsamkeit unternahm er nach dem Studium von Horaz und Pope eigene poetische Versuche, die in dem Lehrgedicht „Versuch über die Dichtkunst“ (1794) ihren Abschluß fanden. Anfang 1793 begleitete M. einen Freund, den livländ. Gutsbesitzer und Juristen Friedrich v. Meck, nach Riga. Anschließend unterrichtete er zweieinhalb Jahre die Töchter des Kreismarschalls Alexander v. Transehe auf Gut Annenhof (Kr. Wenden). Hier entstand sein mehrfach umgearbeitetes, auf dem Gedankengut Ravnals und Rousseaus basierendes Hauptwerk „Die Letten, vorzüglich in Liefland, am Ende des philosophischen Jahrhunderts“ (1797, 21800). Im Gegensatz zu anderen Aufklärern ging es M. nicht um Reformen im Rahmen der bestehenden ständischen Ordnung. Er verurteilte vielmehr die Eroberung, Missionierung und Kolonisierung Livlands durch die Deutschen, griff leidenschaftlich den deutschen grundbesitzenden Adel und die prot. Geistlichkeit an und forderte im Namen der unterdrückten lettisch-estnischen Landbevölkerung Livlands die wirtschaftliche, soziale und politische Befreiung beider Völker. Obwohl M. selbst die unmittelbare Wirkung seines Buches als ein auslösendes Moment der Agrarreformen überbewertete, sind die ideellen Auswirkungen seiner Ansichten keineswegs gering einzuschätzen – nicht nur als Vorbereitung der livlzänd. Bauernbefreiung (1819), sondern auch für das nationale Erwachen der Letten, die M. später neben Herder|als einen der „Erwecker der Völker des Ostens“ feierten.

    Nach Abschluß des Manuskripts der „Letten“ begann M. im Frühjahr 1796 in Leipzig ein Medizinstudium, das er im Herbst in Jena fortsetzte. In erster Linie suchte er jedoch den Umgang mit Schriftstellern. Daher übersiedelte er im Frühjahr 1797 nach Weimar, wo er u. a. Karl August Böttiger, Christoph Martin Wieland und Johann Jakob Engel kennenlernte. Den größten Wert legte M. aber auf die Freundschaft des schon lange verehrten Dichters Johann Gottfried Herder, der ihn als „rühmlichst bekannten Verfasser der Letten“ schätzte. Herder nahm ihn in seinen Familienkreis auf und förderte ihn wohlwollend; ihm verdankte M. auch seine Anstellung als Privatsekretär des dän. Ministers Ernst Heinrich Gf. v. Schimmelmann in Kopenhagen im Herbst 1797. Mitte Dezember kehrte er nach Weimar zurück. Von Böttiger bestärkt, festigte sich M.s literarisches Urteil, das den Dichtern der älteren Generation in ihren Vorbildfunktionen als Kritiker (Lessing), Stilisten (Engels, Wieland) oder „classische Schriftsteller der Nation“ (neben den Genannten: Voß, Garve und Herder) bedingungslos den Vorrang vor den zeitgenössischen Dichtergrößen, besonders aber der romantischen Schule einräumte.

    Während eines Sommeraufenthalts in Tiefurt bei Weimar (1798) arbeitete M. den ersten Teil des zweibändigen Werks „Die Vorzeit Lieflands“ aus (1798/99, 21807), in dem ihm – der die Abneigung der Aufklärer gegen das „finstere Mittelalter“ teilte – die Geschichte seiner Heimat als „Denkmal des Ritter- und Pfaffengeistes“ geriet. Einer Reise nach Dresden folgte im Winter 1798 eine weitere nach Bremen, Hamburg, Lübeck und Berlin, während der der Halbroman „Eine Reisegeschichte“ (1800 und die „Briefe über einige der merkwürdigsten Städte im nördlichen Deutschland“ (1801) entstanden. Diese „Briefe“ – wie schon die „Letten“ und später die lettische Sage „Wannem Ymanta“ (1802) – zeigen M. als begabten politischen Schriftsteller, der in der bewußten Verbindung von Kunst und Literatur mit dem „Leben“ der Politik öffentliche Wirkung erstrebte. Von seinem Freund Engel bewogen, ging M. im Winter 1799/1800 nach Berlin, wo er sich mit den gegen die Romantiker polemisierenden „Briefen an ein Frauenzimmer über die neuesten Produkte der schönen Literatur in Deutschland“ (1801-03) einführte. Er machte sich darin geschickt zum Repräsentanten eines verbreiteten Publikumsgeschmacks. Mit den ästhetischen Postulaten der Spätaufklärung berief er sich auf Unparteilichkeit, Geschmack und Vernunft und begegnete mit seinen moralisierend-absprechenden Urteilen den „modernen“, von Schiller und Goethe sowie den Romantikern um die Gebrüder Schlegel ausgehenden literarischen Strömungen.

    Der Erfolg der „Briefe“ empfahl M. als Redakteur des wissenschaftlichen und kritischen Teils bei der Haude- und Spenerschen Zeitung. Im Sommer 1801 erwarb M. in Frankfurt/Oder den philosophischen Doktorgrad und hielt dort im Winter 1801/02 Vorlesungen über Ästhetik. 1802 trug ihm August v. Kotzebue die gemeinsame Herausgabe einer literarischen Zeitschrift an, die M. „Der Freimüthige“ nennen wollte. Kotzebue begann die Herausgabe schließlich allein, M. gründete eine eigene Zeitschrift („Ernst und Scherz, Ein Unterhaltungsblatt literarischen und artistischen Inhalts“, 1803/04), die 1804 dann doch mit Kotzebues Zeitschrift vereinigt und von M. redigiert wurde („Der Freymüthige oder Ernst und Scherz, Berlinische Zeitung für gebildete und unbefangene Leser“, 1804-06). M. führte die auflagenstarke literarische Zeitschrift (2000 Exemplare) aber nicht nur als Hauptorgan der Berliner Antiromantiker, sondern engagierte sich auch zunehmend politisch in preuß.-patriotischem Sinne, wobei er sein herausragendes Talent als politischer Publizist entfalten konnte. Nach dem Zusammenbruch Preußens floh er am 17.10.1806 nach Riga, von wo aus er seinen Kampf gegen das kaiserliche Frankreich mit den politischen „Supplementblättern zum Freymüthigen“ (Riga ab 2.9.1807, nur 30 Nummern erschienen bis zum Waffenstillstand zwischen Rußland und Frankreich) fortsetzte. Nach Napoleons Einmarsch in Rußland verfaßte M. den glühend anti-napoleonischen, kurze Zeit darauf ins Russische übersetzten Aufruf „An die Bewohner der Ostseeprovinzen Rußlands“ (Riga, 9.7.1812), der den Oberkommandierenden der russ. Truppen in Livland, Generalgouverneur Marquis Philipp Paulucci, auf ihn aufmerksam machte. Er forderte M. zur Herausgabe eines für die preuß. Truppen bestimmten, über die politisch-militärische Situation des Rußlandfeldzuges berichtenden Organs auf. In seinem daraufhin gegründeten Blatt „Der Zuschauer, Eine literarisch-politische Zeitschrift“ (Riga 1807–31) propagierte M. die preuß.-russ. Allianz und den deutschen Aufstand gegen Napoleon.

    Als Gegner Schillers und Goethes auch in Livland im Abseits stehend, wandte sich M. 1816 abermals nach Berlin. Seine Bemühungen, mit der Wiederaufnahme der Zeitschrift|„Ernst und Scherz, oder der alte Freymüthige“ (1816/17), diesmal anfänglich zusammen mit Friedrich Wilhelm Gubitz, an seine literarischen Erfolge aus der Zeit von 1802-06 in Berlin anzuknüpfen, scheiterten. Im Frühjahr 1817 überließ M. seine Zeitschrift Julius v. Voß und kehrte nach einer Reise durch das westliche Deutschland endgültig in seine Heimat zurück. Seine Eindrücke verarbeitete er in dem Buch „Über Deutschland, wie ich es nach einer zehnjährigen Entfernung wieder fand“ (1818). Er gab seiner Besorgnis darüber Ausdruck, daß die Errungenschaften der Freiheitskriege gefährdet seien, weil Fürsten und Völker für unterschiedliche Ziele gekämpft hätten. Anläßlich der 1819 in Livland proklamierten Bauernbefreiung feierte M. den russ. Monarchen in der Festschrift „Die freyen Letten und Ehsten“ (1820), wofür ihm Zar Alexander I. eine lebenslange Pension (300 Rubel Silber) aussetzte. Als Herausgeber und Redakteur mehrerer Zeitschriften, u. a. der 1827 übernommenen Wochenschrift „Provinzial-Blatt für Kur-, Liv- und Ehstland“ („Ostseeprovinzblatt“, 1827/28-38) unermüdlich tätig, gab M. wegen dauernder Schwierigkeiten mit der Zensur die journalistische Arbeit Ende der dreißiger Jahre völlig auf. Seit ihrer Stiftung 1817 war M. Mitglied der Kurländ. Gesellschaft für Literatur und Kunst. 1841 zum Ehrenmitglied der Lettisch-literarischen Gesellschaft ernannt, erlitt er sechs Jahre später auf seinem 1808 erworbenen Gut Depkinshof einen Schlaganfall, an dessen Folgen er drei Jahre später verstarb.

    M. hielt sich im Gedächtnis der Nachwelt bald nur noch als „einer der vielen kläffenden Feinde“ der Romantiker, die „im Grunde einer Antwort nicht wert“ seien (Ricarda Huch). M.s weitgespannte publizistische Tätigkeit, mit der er eine beachtliche Rolle in der öffentlichen Meinung Preußens vor dem Zusammenbruch 1806 gespielt hatte, geriet darüber in Vergessenheit. Der „Altvater des lett. nationalen Gedankens“ forderte schon früh die Entwicklung einer lett.-nationalen Geschichtswissenschaft und als erster eine Geschichte der Letten in lett. Sprache. Das lett. Volk sieht in M. einen der mutigsten geistigen Wegbereiter der Bauernbefreiung in Livland.

  • Werke

    Weitere W Thersites, Die Erinnerungen d. dt.-balt. Journalisten G. M. 1796-1817, hrsg. u. mit Zwischenkapiteln versehen v. M. Müller-Jabusch, 1921;
    Freimütiges aus d. Schrr. G. M.s, hrsg. v. H. Adameck, 1959 (P).

  • Literatur

    ADB 21;
    J. F. v. Recke u. K. E. Napiersky, Allg. Schriftst.- u. Gelehrten-Lex. d. Provinzen Livland, Esthland u. Kurland III, 1831, S. 206-14 (W-Verz., L);
    dies, unter Mitarbeit v. Th. Beise, Nachträge u. Fortsetzungen II, 1861, S. 43 f. (W);
    NND 28, 1852;
    F. Bienemann, 1812, Balt. Erinnerungsbll., 1912 (P);
    K. Tiander, Elisas v. d. Recke soz. Reformbestrebungen, Ein unbekannter Brief Elisas v. d. Recke an G. M., in: Jbb. f. Kultur u. Gesch. d. Slaven, NF II, H. 3, 1926, S. 68-74;
    Grundriß e. Gesch. d. balt. Dichtung, hrsg. v. A. Behrsing, 1928;
    O. v. Petersen, M. u. Kotzebue, in: Balt. Mschr. 59, 1928, H. 6, S. 318-41;
    K. Brumöhler, Die Redakteure d. mittleren u. größeren Zeitungen im heutigen Reichsgebiet 1800–48, Diss. Leipzig 1933;
    K. Ch. v. Stritzky, G. M. u. „Die Letten am Ende d. philos. Jh.“, Diss. Königsberg 1936, 1939 (P);
    Balt. Köpfe, hrsg. v. H. Bosse u. A. v. Taube, 1953, S. 75-81 (A. v. Taube);
    R. Glatzer, Berliner Leben 1648-1806, 1956, S. 329 ff.;
    A. v. Taube, „Der Livländ. Voltaire“. Zum 200. Geb.tag G. M.s, in: Jb. d. balt. Deutschtums 16, 1969, S. 27-32;
    W. Theiss, G. M. als Rezensent Jean Pauls, in: Jb. d. Jean-Paul-Ges. 8, 1973, S. 78-99;
    Die ev. Prediger Livlands bis 1918, hrsg. v. Martin Ottow u. Wilhelm Lenz, 1977 (zu Daniel Merkel);
    Goedeke, NF XV, 21966 (W-Verz., Verz. d. Nachlasses u. d. Briefe);
    H. Adameck, Herder u. M., in: Herder-Kolloquium 1978, 1980, S. 193-97;
    E. Fuchs u. a. (Hrsg.), J. G. Fichte im Gespräch, Berr. d. Zeitgenossen III, 1981;
    G. v. Rauch, Der Rigaer Prophetenclub, in: Kulturbeziehungen in Mittel- u. Osteuropa im 18. u. 19. Jh., FS Heinz Ischreyt, hrsg. v. W. Kessler, H. Rietz u. G. Robel, 1982, S. 233-42;
    J. Heeg, Die pol. Publizistik G. M.s u. seine Kritik an d. livländ. Leibeigenschaft, in: Gesch. Osteuropas NF 40, 1992, S. 27-40;
    Dt.balt. Biogr. Lex.;
    Kosch, Biogr. Staatshdb.;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Killy.

  • Portraits

    Kupf. aus d. Kalender Cizemes laika gramata uz 1870, Riga;
    Ölgem. v. J. Siegmund, 1897, einst im Bes. d. Ges. f. Gesch. u. Altertumskde. d. Ostseeprovinzen Rußlands, Riga.

  • Autor/in

    Ina Ulrike Paul
  • Empfohlene Zitierweise

    Paul, Ina Ulrike, "Merkel, Garlieb" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 149-151 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118581147.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Merkel: Garlieb Helwig M. wurde am 19./31. Oct. 1769 zu Pastorat Loddiger in Livland geboren und von seinem Vater, einem in Straßburg zum Voltairianer gewordenen Landprediger, in den Grundsätzen der Ausklärungsphilosophie und des Rationalismus erzogen. Seit dem J. 1782 verwaist, verlebte der frühreife Knabe die entscheidenden Jahre seiner Bildung in einsamem Studium der von seinem Vater angesammelten Bücherschätze, die ihm umfassende Kenntniß der lateinischen, französischen, englischen und der älteren deutschen Litteratur, zugleich aber auch Einseitigkeit der Geistesrichtung und autodidactische Selbstüberschätzung eintrugen. Für regelmäßigen Schulunterricht durch die Eigenthümlichkeit dieses Bildungsganges verdorben, trat M. als siebzehnjähriger Jüngling für mehrere Jahre in eine Rigaer Regierungskanzlei, gab diese Stellung im J. 1788 indessen wieder auf, um die folgenden vier Jahre als Hauslehrer bei einem livländischen Landprediger zuzubringen, sich dann in Riga mit litterarischen und poetischen Versuchen zu beschäftigen und 1793 abermals eine Hauslehrerstellung auf dem Lande zu übernehmen. Von dem ihn umgebenden Elende der leibeigenen lettischen Landbevölkerung lebhaft ergriffen, schrieb er während der J. 1794 und 1795 in der Stille die Schrift: „Die Letten, vorzüglich in Livland am Ende des philosophischen Jahrhunderts“, in welcher er unter heftigen Angriffen gegen den deutschen Adel und die evangelische Geistlichkeit Livlands, die Aufhebung der Leibeigenschaft verlangte, die sehr viel dringendere Nothwendigkeit einer gesetzlichen Regelung der ökonomischen Lage des Landvolks aber fast vollständig übersah. Um diese schon wegen ihres sittlichen Pathos und wegen der Kühnheit ihrer Ausführungen bemerkenswerthe, in ihren Folgen höchst wirkungsvolle Schrift zu veröffentlichen, verließ M. im Frühjahr 1796 seine Heimath. Er trieb in Leipzig, später in Jena, anfangs medicinische, dann staats- und schönwissenschaftliche Studien und siedelte im J. 1797 nach Weimar über, wo er mit Böttiger, Herder und Wieland nähere Beziehungen anknüpfte und eine Abhandlung über „Hume's und Rousseau's Urvertrag", sowie ein „Supplement“ zu den (bereits im J. 1796 erschienenen und wenig später zum zweiten Male aufgelegten) „Letten“ schrieb. Im Herbst 1797 nahm er die Stellung eines Secretärs des dänischen Finanzministers Grafen Schimmelmann in Kopenhagen an, legte dieselbe indessen schon nach wenigen Monaten nieder und kehrte im December 1797 nach Weimar zurück, wo er während der beiden folgenden Jahre blieb, um im Herbst 1799 nach Berlin zu gehen und sich, nachdem er zu Frankfurt a. d. O. den Doctorgrad erworben hatte, für die nächsten sieben Jahre dauernd in der Hauptstadt Preußens niederzulassen. Von Weimar her erklärter Parteigänger Wieland's und Herder's, durch Frau Herder in seiner Feindseligkeit gegen die „neue Schule“ und deren Hauptvertreter bestärkt, in Berlin mit Engel nahe befreundet und durch seine Beziehungen zu Böttiger und Kotzebue in deren Feindseligkeiten gegen Goethe und Schiller verwickelt, trat M. in seinen 1802 veröffentlichten „Briefen an ein Frauenzimmer über die neuesten Producte der schönen Litteratur in Deutschland“ zu den Heroen des classischen Idealismus und zu den im Aufstreben begriffenen Romantikern in einen Gegensatz, der auf seiner gesammten späteren Thätigkeit als unaustilgbarer Schatten gelegen hat. Den Schwerpunkt dieser Thätigkeit verlegte der Vorkämpfer der alten Schule indessen schon wenige Jahre später auf ein Gebiet, für welches er ungleich besser befähigt war, als für die ästhetische Kritik, —|auf das politische. Nachdem er am 1. October 1802 die Redaction des wissenschaftlichen und kritischen Theils der Spener'schen Zeitung übernommen, begründete er im J. 1803 die Wochenschrift: „Ernst und Scherz“, die, im folgenden Jahre mit Kotzebue's „Freymüthigem“ verbunden, bis zum October 1806 unter diesem Doppeltitel fortgesetzt und von M. zum Organ einer ebenso kühnen wie leidenschaftlichen Polemik gegen Napoleon und die Franzosen, ganz besonders aber gegen die deutschen Rheinbündler und Franzosenfreunde gemacht wurde. Der im J. 1805 mit Johannes von Müller verabredete Plan zu gemeinsamer Herausgabe eines patriotischen Tageblattes in Berlin scheiterte an der Unschlüssigkeit des Letzteren, M. aber setzte seine Mahnungen zu einer preußischdeutschen Nationalerhebung in dem „nicht-politischen“ Theile des „Freymüthigen“ so energisch fort, daß er bereits zu Anfang des Jahres 1806 auf der französischen Proscriptionsliste stand und namentlich wegen seiner Aufsätze über die Erschießung Palm's von den Anhängern der französischen Allianz heftig angefeindet wurde. — Nach der Schlacht bei Jena mußte er auf den dringenden Rath des Ministers von Schulenburg Berlin verlassen und in seine Heimath zurückkehren, in welcher er die folgenden zehn Jahre als Herausgeber der in Riga erscheinenden Zeitung „Der Zuschauer“ den Kampf gegen das Napoleonische Frankreich fortsetzte und während des Krieges von 1812 an den Bemühungen des damaligen Gouverneurs von Liv- und Kurland, Marchese Paulucci um die Anknüpfung geheimer Verhandlungen mit York einen gewissen Antheil nahm. Während derselben Zeit schrieb M. vier Hefte „Skizzen aus meinem Erinnerungsbuche“, in denen er seine Beziehungen zu den litterarischen Zeitgenossen in ebenso parteiischer, wie lebensvoller und anschaulicher Weise schilderte und einen Versuch zur Rechtfertigung seiner kritischen Thätigkeit und seiner Polemik gegen Goethe unternahm. Dieselbe Absicht verfolgten die zwanzig Jahre später geschriebenen, ausführlicheren „Darstellungen und Characteristiken aus meinem Leben“ (2 Bde., Leipzig, Riga und Mitau 1839), die neben vielem Verfehlten und Veralteten bemerkenswerthe Beiträge zur Geschichte des classischen Zeitalters der deutschen schönen Litteratur enthalten, in Deutschland übrigens so gut wie unbekannt geblieben sind. Nach der Befreiung Deutschlands unternahm M. einen verunglückten Versuch zur Wiedererlangung der litterarischen Stellung, die er während der Jahre 1802—1806 eingenommen hatte. Im Frühjahr 1816 nach Berlin zurückgekehrt, begründete er gemeinsam mit F. W. Gubitz (der sich indessen bald zurückzog) eine Zeitschrift „Ernst und Scherz oder der alte Freimüthige“, die nach neunmonatlichem Bestehen wieder einging, weil sie von dem Publikum vollständig unbeachtet gelassen worden war. M., der die Redaction im Frühjahr 1817 Julius v. Voß übertragen hatte, unternahm eine Reise durch das westliche Deutschland (die er in dem zweibändigen Buche: „Ueber Deutschland, wie ich es nach einer zehnjährigen Entfernung wiederfand“, ausführlich besprochen hat) und kehrte sodann nach Riga zurück. Auf dem in der Nähe dieser Stadt belegenen Gute Depkinshof lebend, theilte er seine Zeit fortan zwischen landwirthschaftlicher und journalistischer Thätigkeit. Die letztere wurde ihm zu Folge unaufhörlich wiederkehrender Censurschwierigkeiten indessen so vollständig verleidet, daß er die Redaction des „Zuschauer" im J. 1831, diejenige der im J. 1827 übernommenen Wochenschrift „Provinzialblatt für Kur-, Liv- und Estland“ zu Ende des Jahres 1838 niederlegte. Während seiner letzten Lebensjahre in völliger Zurückgezogenheit lebend, aber in der Stille stets mit litterarischen Plänen beschäftigt, starb er am 9. Mai (27. April) 1850 zu Depkinshof. — Merkel's zahlreiche politische, kritische und ästhetische Schriften (unter denen noch das in Veranlassung der Aufhebung der Leibeigenschaft erschienene Buch: „Die freien Letten und Esten“ Leipzig 1820, besonders namhaft zu machen ist) sind zum größten Theil veraltet, dauernden Werth dürfen allein die oben erwähnten autobiographischen Beiträge zur livländischen und deutschen Sittengeschichte des 18. Jahrhunderts und die „Flüchtigen Erinnerungen aus dem Jahre 1806“ in Anspruch nehmen, welche eine außerordentlich anschauliche Schilderung der Katastrophe nach der Schlacht bei Jena enthalten. Der Schwerpunkt von Merkel's Talent und Neigung lag auf dem politisch-publicistischen Gebiete; daß ihm auch hier nur mäßige und zeitweilige Erfolge beschieden gewesen sind, erklärt sich wesentlich aus der verunglückten kritisch-ästhetischen Thätigkeit, zu welcher er sich durch die einseitig litterarische Richtung seiner Zeit bestimmen ließ. Trotz maßloser Eitelkeit und Selbstüberschätzung war M. ein ehrlicher, überzeugungstreuer Charakter und als solcher von dem gewöhnlich neben ihm genannten, ihm im Grunde immer antipathisch gewesenen Kotzebue durchaus verschieden.

    • Literatur

      Ein vollständiges Verzeichniß der Merkel'schen Schriften findet sich im dritten Bande des von Recke und Napiersky herausgegebenen Schriftsteller- und Gelehrten-Lexikons der Provinzen Livland, Estland und Kurland (vgl. a. a. O. S. 206—214) und den von Th. Beise herausgegebenen Nachträgen und Fortsetzungen zu demselben (vgl. a. a. O. Bd. II S. 43 und 44). Außer den ebendaselbst gegebenen biographischen Nachweisungen sind noch namhaft zu machen: „Erinnerung an Garlieb Merkel“ in J. Eckardt's Baltischen Provinzen Rußlands (2. Aufl., Leipzig 1869), „York und Paulucci. Aus dem Nachlaß G. Merkel's“, von demselben (Leipzig 1865), „Die Unzufriedenen der Schiller- und Goethezeit (Grenzboten, Jahrg. 1867)“ und eine in der Baltischen Monatsschrift (Jahrg. 1869) veröffentlichte Abhandlung von Diederichs. — Eine Sammlung im Nachlaß Merkels gefundener Aufzeichnungen über Weimar in den Jahren 1798—1600 soll demnächst in der Deutschen Rundschau Veröffentlicht werden.

    • Korrektur

      S. 435. Z. 26 v. o.: Die Sammlung erschien u. d. Titel: „Ueber Deutschland zur Schiller-Goethe-Zeit“ (1797—1806) von Garl. Merkel. Nach des Verfassers gedruckten und handschriftlichen Aufzeichnungen zusammengestellt und mit einer biographischen Einleitung versehen von Jul. Eckardt. Berlin 1887.

  • Autor/in

    Eckardt.
  • Empfohlene Zitierweise

    , "Merkel, Garlieb" in: Allgemeine Deutsche Biographie 21 (1885), S. 433 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118581147.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA