Lebensdaten
1881 bis 1919
Geburtsort
Vilshofen (Niederbayern)
Sterbeort
Eberswalde bei Berlin
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118570226 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lautensack, Heinrich

Verknüpfungen

Verknüpfungen auf die Person andernorts

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Lautensack, Heinrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118570226.html [12.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Heinrich (1857–1909), Tuchhändler;
    M Eva Finkel (1860–82);
    1) (⚮) Dora Harnisch (* 1882), Schauspielerin (als Dora Stratton), 2) 1910 Betty Eisner, Schauspielerin.

  • Leben

    L. wächst in einem kleinbürgerlichen und streng kath. Elternhaus in Passau auf. In München besucht er die Industrieschule und beginnt 1899 ein Mathematikstudium, um Geometer zu werden. Die großstädtische Atmosphäre Münchens und das Bohèmeleben der Schwabinger Künstler ziehen den Studenten in ihren Bann. L. bricht sein Studium ab und schließt sich 1901 dem Kabarett „Die Elf Scharfrichter“ an, wo er die Bekanntschaft des Dramatikers Frank Wedekind macht, als dessen treuester Schüler er sich von nun an betrachtet. L.s erste lyrische Versuche, Balladen und Kabarettszenen erscheinen in Zeitschriften und Anthologien im Umkreis der lyrischen Moderne der Jahrhundertwende. Nach der Auflösung der „Scharfrichter“ unternimmt L. zwischen 1904 und 1907 mit verschiedenen Kabarett- und Schauspielgruppen Tourneen durch Deutschland. Mit der Übersiedlung nach Berlin 1908 beginnt die schriftstellerisch produktivste Zeit. L. verfaßt hier seine Theaterstücke und arbeitet an vor- und frühexpressionistischen Zeitschriften mit; 1912/13 ist er Mitherausgeber der Zeitschrift „Bücherei Maiandros“. Seit 1912 schreibt er auch Drehbücher und arbeitet als Dramaturg beim Berliner Film; außerdem übersetzt er Chesterton, Barrès und Claudel. Im 1. Weltkrieg wird er als Landsturmmann nach Ostpreußen eingezogen. Beim Begräbnis seines Vorbildes Wedekind 1918 zeigt sich zum ersten Mal eine geistige Verwirrung. Er verbringt die letzten Monate seines Lebens in Heilanstalten.

    L.s Werk steht nur oberflächlich in völliger Wedekind-Nachfolge. Die Formen und Motive, Themen und Techniken Wedekinds werden vom jungen L. zwar aufgenommen; doch er erschöpft sich nicht in der Dramaturgie des Schwabinger Kaffeehaus-Milieus. Seine tiefe kath. Gläubigkeit und seine kleinbürgerlich-bäuerliche Verwurzelung färben alle seine Werke stark autobiographisch. Parodie und Groteske, Bänkelsang und Ballade sind wie bei Wedekind neue Formen der Literatur, bei denen Vortrag und Aufführungssituation als Teil des Werks aufzufassen sind. Das genialische Gebaren L.s ist Teil dieser Kleinkunstformen und entspricht nicht nur seiner Zugehörigkeit zur Bohème. Die skizzenhaften und oftmals fragmentarischen Werke bezeugen die distanzierte Auseinandersetzung mit der literarischen Tradition. Als Kleinbürgerschreck ist L. am erfolgreichsten gewesen. Seine bekanntesten Stücke wie „Hahnenkampf“ (Eine Komödie, 1908), „Pfarrhauskomödie“ (1911) oder „Das Gelübde“ (1916) kreisen um das eine Thema: dem Konflikt zwischen heuchlerischer Sexualmoral und natürlicher Sinnenhaftigkeit innerhalb einer provinziellen Honoratiorengesellschaft. Den Hang zum Triebhaften auf der einen und die Angst vor Skandalen auf der anderen Seite findet L. besonders in der Welt der Geistlichkeit und des Klosters ausgeprägt. Religiös überhöhte Erotik und provokante Blasphemien bilden dabei das Spannungsfeld einer Bühnenkunst, die dem Volksstück nahezustehen scheint. Doch verhindert L.s radikale Auflösung der naturalistischen Bühnentechnik – hier ist er wieder Schüler Wedekinds – die gemütliche Komödie oder die volkstümelnde Tragik. Wie im episch-gestischen Theater sind L.s Figuren und Szenen aus der dramaturgischen Kausalität herausgehoben; wohl auch deshalb hat sich L. vom Film neue Möglichkeiten für die Realisierung seiner Werke erhofft. Aber nicht als Dramatiker oder als Lyriker, sondern als Erzähler erreicht L. seine größte Originalität: Hier zeigt sich seine sprachliche Verstrickung in das kleinstädtisch-bürgerliche Milieu und gleichzeitig ein kritisches Selbstbewußtsein. Die seit 1910 verstreut erschienenen Prosaskizzen „Altbayer. Bilderbogen“ (1920) verbinden distanziertes Erzählen mit Liebe zum Detail. Die Darstellungen religiöser Bräuche und genauer Beobachtungen des bäuerlichen Alltags fügen sich in den Ablauf des Kirchenjahres. – Die Wirkung dieses eigenständigen bayer. Dichters ist bis heute bescheiden geblieben. Durch Theaterzensur bewirkte Publizität und bewußt provozierte Bühnenskandale machen vergessen, daß zu Lebzeiten L.s nur eines seiner Stücke aufgeführt wurde. L.s lyrische und erzählerische Werke sind meist in nur geringer Auflage, als bibliophile Sonder- und Privatdrucke oder in den Zeitschriften eines engbegrenzten Literatenkreises erschienen.

  • Werke

    Weitere W Das verstörte Fest, Ges. Werke, hrsg. v. W. L. Kristl, 1966 (W, P;
    einzige, nicht vollst. Gesamtausg.);
    Die Elf Scharfrichter, Musenalm., 1902;
    Medusa, Aus den Papieren e. Mönchs, 1904;
    Cabaret, Schwank u. Satire, 1906;
    Documente d. Liebesraserei, Die Ges. Gedichte, 1910;
    Die Samländ. Ode, 1916;
    Frank Wedekinds Grablegung, Ein Requiem, 1919;
    Leben, Taten u. Meinungen d. sehr berühmten russ. Detektivs|Maximow, 1920;
    Ruth, Ein Fragment, 1925;
    Unpaar, Novelle, 1926.

  • Literatur

    W. L. Kristl, Und morgen steigt ein Licht herab, Vom Leben u. Dichten d. H. L., 1962 (P);
    ders., Bekenntnis z. sündigen Fleisch - H. L., in: Börsenbl. f. d. Dt. Buchhandel, Frankfurter Ausg., Nr. 43 v. 30.5.1975, Beil., Aus d. Antiquariat;
    Kindlers Lit.-Lex. IV, 3833 (Das Gelübde), VIII, 7423 (Die Pfarrhauskomödie).

  • Autor/in

    Rolf Selbmann
  • Empfohlene Zitierweise

    Selbmann, Rolf, "Lautensack, Heinrich" in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 730 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118570226.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA