Lebensdaten
1821 bis 1879
Geburtsort
Wien
Sterbeort
München
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Publizist
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118567764 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kürnberger, Ferdinand
  • Kuerberger, Ferdinand

Porträt(nachweise)

Verknüpfungen

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Kürnberger, Ferdinand, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118567764.html [14.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Ferdinand (1780–1855), Schuster, dann städt. Laternenanzünder;
    M Barbara Girner (1779–1858), Obst- u. Gemüsehändlerin; ledig.

  • Leben

    K. mußte sich die Mittel für seine Ausbildung durch Nachhilfeunterricht selbst verdienen. Von Jugend an behauptete er seine Außenseiterposition reizbar und mit schroffem Unabhängigkeitsbewußtsein. 1830-34 besuchte er die Hauptschaule zu St. Anna, danach das Piaristen-, Schotten- und Akademische Gymnasium. Da er aufgrund einer schlechten Abschlußnote in Mathematik keine Berechtigung zum Studium hatte, versuchte er, sich selbst, zunächst als Hospitant an der Univ. Wien, eine philosophische Ausbildung zu verschaffen. Mit 20 Jahren wurde er als Journalist tätig („Sonntagsblätter“, „Wiener Abendzeitung“ u. a.). Während des Revolutionsjahrs 1848 war er Mitglied der Akademischen Legion und des Studentenkomitees. Im Begriff, von dieser Bewegung Abstand zu nehmen, geriet er dennoch in Verdacht, an der Ermordung des Kriegsministers Latour mitschuldig gewesen zu sein und floh am 10.11.1848 nach Breslau, dann nach Dresden. Dort wurde er der Teilnahme an den Maiunruhen 1849 beschuldigt und ohne Beweise mehr als neun Monate unter qualvollen Umständen in Haft gehalten. Nach der Niederschlagung der Untersuchung floh er aus Dresden, hielt sich unter dürftigsten Verhältnissen 1850 in Hamburg, im Frühjahr 1851 in Bremen, danach in Frankfurt/Main auf. „Reiner Revolutionär“ (briefl. 1850), radikaler Republikaner um sozialer Gleichheit und politischer Freiheit willen, suchte er von dort aus die „Novellen-Hungerpest“ (briefl. 1854) in Österreich und Deutschland als Chance freier Schriftstellerexistenz zu nutzen. Hier entstanden seine vom Österr. Lloyd 1852 preisgekrönte Novelle „Das große und das kleine Los“ sowie der Roman „Der Amerika-Müde“ (1855), sein größter literarischer Erfolg, der im Titel parodierend auf E. A. Willkomms Roman „Die Europa-Müden“ (1838) anspielt und den deutschen enthusiastischen Amerika-Illusionismus, dem auch Nikolaus Lenau gefolgt war, satirisch und durch polemische Karikatur des Materialismus widerlegt. Obwohl K., der nach langen, erfolglosen Bemühungen um einen Paß noch 1855 von Wien aus wegen „unbefugter Abwesenheit im Auslande“ steckbrieflich aufgeboten wurde, einen politischen Prozeß befürchten mußte, kehrte er seiner alternden Mutter wegen 1856 nach Wien zurück, wo ihm freier Aufenthalt gewährt wurde. Nach dem Tod der Mutter 1858 verließ er, als es 1860 seine Mittel erlaubten, die Stadt wieder und reiste nach München, um Isabella Wendelin, der Adressatin der meisten seiner Briefe, und dem Kreis des Freundes Kaulbach nahe zu sein. Nachdem die österr. Behörden dort seine Ausweisung erreicht hatten, wechselte er unruhig die Aufenthalte: Coburg, Stuttgart, Siebenbürgen, München, Graz, Wien, wo er schließlich 1866-77 blieb. 1867-70 war er Sekretär der Deutschen Schiller-Stiftung. In seinen späteren Jahren gewann er vor allem Ansehen als gefürchteter, keine Tabus scheuender Feuilletonist. So rücksichtslos er die „Schwein- und Eselwirtschaft“ in Wien kritisierte, so hellsichtig er als „Theaterreferent der österr. Tragödie“ immer wieder den Zusammenbruch der k. k. Monarchie und ihres Vielvölkerstaats voraussagte und so sehr er auch die Norddeutschen unter Bismarck seit 1866 und besonders seit der Reichsgründung 1871 bewunderte, war er Österreich doch in einer Art Haßliebe verbunden. Die letzten beiden Jahre verbrachte er vereinsamt in Graz.

    Trotz einer umfangreichen dichterischen Produktion konnte er auf diesem Gebiet größere Erfolge nicht durchsetzen. Der Dramatiker bemühte sich vergeblich um ein Echo der Bühnen; nur das Drama „Firdusi“ (gedr. 1902) wurde am Münchener Hoftheater aufgeführt (1871). Der Roman „Der Amerika-Müde“ wurde, ohne daß K. die dort sich bildende Zivilisation und Gesellschaft aus eigener Erfahrung kannte, in Phantasie, Geist und Witz sein bestes Erzählwerk; spätere Romane wie „Der Haustyrann“ (1876) und „Das Schloß der Frevel“ (1904) bleiben weit hinter dem zeitgenössischen „realistischen“ Roman zurück. Seine zahlreichen Novellen sind gehobene Unterhaltungsliteratur mit zeit- und gesellschaftskritischem Anspruch. Es fehlt eine individuelle Erzählsprache. Kurzerzählungen wie „Novelletten“, „Humoresken“ entsprachen dem journalistischen Bedarf.

    K.s eigentliche Bedeutung liegt weniger in seinem schriftstellerischen als in seinem feuilletonistischen und literaturkritischen Schaffen (Literarische Herzenssachen, 2 Bde., 1877). Literaturkritik weitet sich aus zu Kulturkritik, so in seinem Kampf gegen die „Denkmalspest“, gegen die Zeitungssprache, überhaupt die Tagesjournalistik, in dem ihm Karl Kraus folgte. Scharfsichtig nimmt er alles Künstliche, Modegefällige, Gemachte aufs Korn, z. B. Halm, W. Jordan, die Dorfgeschichtentrivialität. Wo er zustimmt, wird sein Engagement besonders ausdrucksvoll, z. B. bei G. Keller, H. Kurz, F. Hebbel, F. Grillparzer und bei Mitstreitern aus der Kampfzeit von 1848. Seine literarischen|Grundsätze folgen der Zeitentwicklung: Vom jungdeutschen Radikalismus zu einem gemäßigteren Realismus nach 1850 und schließlich seit ca. 1865 in die Nähe eines an Schopenhauer erinnernden Verismus, der sich vom ästhetischen Postulat der „Versöhnung“ löst. Trotz der Tagesanlässe kann er als Feuilletonist dauernde Geltung beanspruchen (Siegelringe, 1874; 50 Feuilletons, 1905). K. betrachtete das Feuilleton als kleinstes unter den Kunstwerken in Prosa, als eine Komposition aus Wahrhaftigkeit und Genauigkeit in der Sache, Unabhängigkeit und Energie des Urteilens, aus Eleganz und Urbanität des Witzes. K. erprobte die Macht des öffentlichen Wortes, es wurde ihm zum politischen Handeln, das oft am kleinen Anlaß die gesellschaftlichen und moralischen Dimensionen zeigte. In der knappen Form des Feuilletons wollte er dem Augenblick „das scharf geschnittene Gepräge“ geben. Durch seine polemische Kritik am Zustand Österreichs und der Österreicher zog er sich viele Feinde zu; er hatte zugleich die Genugtuung sehr intensiver Wirkung auf seine Leser. Der Feuilletonist K. ist, ein Vorbild für Karl Kraus und andere, ein „Klassiker“ des deutschen Journalismus geworden und geblieben.

  • Werke

    Weitere W u. a. Dramen ;
    Quintin Messis, 1. Fassung 1841, 2. Fassung 1843;
    Catilina, 1854;
    Das Pfand d. Treue, 1902;
    Dramen, 12 Hh., 1907;
    -Novellen: Ausgew. Novellen, 1857;
    Das Goldmärchen, 1857;
    Novellen, 3 Bde., 1861;
    Novellen 1878, 1907;
    Löwenblut, hrsg. v. W. Lauser, 1892;
    Novellen, hrsg. v. dems., 1893;
    Giovanna, 1896;
    Ein Brautpaar in Polen, 1896;
    Die Braut d. Gelehrten, 1897;
    Eis, Aus Liebe sterben, 1898;
    Ausgew. Novellen, 1910;
    - Märchen: Das Kind mit d. Briefe, 1896;
    - Aufruf f. Schleswig-Holstein, Epistel an d. Kaiser v. Österreich, Gedicht, 1864;
    Ges. Werke, 4 Bde., hrsg. v. O. E. Deutsch, 1910 (P in II);
    Über d. antik u. modern Tragische, 8 Vorlesungen, hrsg. v. dems., 1911;
    Aufsätze üb. Fragen d. Kunst u. Pol., hrsg. v. A. Watzke, 1913;
    Feuilletons, hrsg. v. K. Riha, 1967;
    - Autobiographisches: Briefe e. polit. Flüchtlings, hrsg. v. O. E. Deutsch, 1920 (P: Zeichnung;
    betr. d. J. 1848 ff.);
    Briefe an e. Freundin, hrsg. v. dems., 1907 (betr. d. J. 1859–79, mit Fragmenten e. Autobiogr. d. Jugendj.).

  • Literatur

    ADB 17;
    L. Rosner, K. u. Laube, in: Wiener Alm., 1896;
    ders., Schicksale e, Dramatikers, in: Neue Freie Presse v. 5.5.1901;
    G. A. Mulfinger, K.s Roman d. Amerika-Müde, 1903;
    H. Wittibschlager, Die Technik d. Novellen K.s, Diss. Wien 1923;
    J. Halpern, F. K., Ein österr. Schicksal, Diss. Wien 1928;
    ders., in: NÖB VI (P);
    Hildegard Meyer, Nordamerika im Urteil d. dt. Schrifttums d. 19. Jh., Eine Unters. üb. K.s Amerika-Müden, 1929;
    P. Harrak, F. K. als Publizist, Diss. Wien 1935;
    J. Hofmiller, in: Süddt. Mhh. 31, 1933/34;
    W. Kohlschmidt, F. K.s Lenauroman „Der Amerika-Müde“, Zur Gesch. d. dt. Auseinandersetzung mit d. Amerikanismus, in: Zs. f. dt. Bildung 19, 1943;
    G. Nachtigall, F. K. als Novellist, Diss. Wien 1947;
    R. Wessely, F. K. Mensch u. Kritiker, Diss. Wien 1948;
    W. Immergut, F. K. u. Österreich, Diss. Wien 1952;
    W. D. Kühnel, F. K. als Lit.theoretiker im Za. d. Realismus, 1970 (ausführl. Bibliogr.);
    W. Haacke, in: Dt. Publizisten, hrsg. v. H. D. Fischer, 1971;
    R. Steinlein, F. K.s „Der Amerikamüde“, in: Amerika in d. dt. Lit., 1975;
    Der exot. Roman, hrsg. v. A. Maler, 1975;
    P. Michelsen, Americanism and Anti-Americanism in German Novels of the XIX. century, in: arcadia 11, 1976;
    L. H. Bailey, F. K., F. Schlögl and the feuilleton in Gründerzeit-Vienna, in: Forum for Modern Language Studies 12, 1976;
    Wurzbach 13;
    Kindlers Lit.-Lex. Nr. 978. |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Wien, Stadtbibl.

  • Autor/in

    Fritz Martini
  • Empfohlene Zitierweise

    Martini, Fritz, "Kürnberger, Ferdinand" in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 232-234 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118567764.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Kürnberger: Ferdinand K., Schriftsteller, wurde am 3. Juli 1823 in Wien geboren. Seine Familie stammte aus dem Breisgau und Kürnberger's Vater war unter kümmerlichen Verhältnissen nach Oesterreich eingewandert, derselbe soll adelich gewesen sein. K. wuchs in Wien auf und erhielt trotz der bescheidenen Lage der Eltern eine gute Erziehung, auch zeigte er schon in der Jugend treffliche geistige Anlagen. Auf der Universität betrieb er die philosophischen Studien, wobei er seine Eristenz zumeist durch Erthrilen von Unterrichtsstunden fristen muhte. Kaum 20 Jahre alt trat er mit den ersten schriftstellerischen Arbeiten hervor, die er in damaligen Wiener Zeitschriften, insbesondere in Frankl's Sonntagsblättern veröffentlichte, freilich ohne anfangs besondere Aufmerksamkeit zu erregen Im J. 1848 war er an den Bewegungen in Wien, und als er sich von dort nach Dresden geflüchtet hatte, auch an der Bewegung in der genannten Stadt betheiligt, so daß er in der letzteren Stadt sogar neun Monate in Untersuchungshaft verbrachte, schließlich aber doch freigelassen wurde. Von Wien aus verfolgte man K. „in den Jahren der schlimmsten Reaction steckbrieflich, beschrieb ihn als „"Vaganten"" und „"Herumtreiber"“ und forderte ihn amtlich auf, in die Heimath zurückzukehren“. Selbstverständlich blieb er außerhalb der Grenzen Oesterreichs. Er begab sich zuerst nach Hamburg und längst schon entschlossen, dem litterarischen Berufe, welchem er sich gewidmet, treu zu bleiben, arbeitete er auch dort weiter und entwarf insbesondere seinen „Amerikamüden“, den er in der Folge noch mehrfach umarbeitete. Viele seiner Gefährten, verfolgt und geächtet, waren zu jener Zeit über Hamburg ausgewandert und hierdurch mag er wol auch die erste Anregung zu seinem Romane erhalten haben, er selbst hat die „Neue Welt“ niemals betreten. Später finden wir K. in Frankfurt a. M., erst im J. 1857 gelang es ihm nach mancherlei Schwierigkeiten, wieder nach Wien zu kommen und dort seinen Aufenthalt nehmen zu dürfen. Aber die unruhige Hast, welche in Bezug auf seinen Aufenthaltsort ihn diesen vielfach wechseln ließ, trieb ihn wieder weiter, er begab sich 1860 nach München. 1861 nach Stuttgart. 1862 nach Koburg und wohnte 1863 bei seinem Freunde Engländer, in einer Gegend, in welcher er seine herrliche novellistisch-psychologische Studie „Die Last des Schweigens“ spielen läßt. Auch entstand dort das gewaltige Drama „Firdusi“. 1864 finden wir K. wieder in München. Vielfach verkehrte er hier mit Wilhelm v. Kaulbach. Ein Jahr später zog er nach Graz in Steiermark, woselbst er das J. 1865 zubrachte, sich 1866 wieder nach Wien und 1877 neuerlich nach Graz begab, mit der Absicht, sich aus dem Erlöse seiner Schriften eine kleine Besitzung in Steiermark anzukaufen. In Wien war K. erster Generalsecretär der Wiener Schillerstiftung. Auch von|Graz aus besuchte er die Residenz und die kleine Zahl seiner Freunde — denn er lebte überaus zurückgezogen — öfter. Sein Plan, sich in Steiermark anzukaufen, sollte jedoch nicht realisirt werden, auf einer Reise nach München ertrankte er plötzlich und obwol er im Hause der Wittwe Kaulbach's und zuletzt im Krankenhause die sorgsamste Pflege genoß, verschlimmerte sich das liebet rasch und K. starb am 14. Oct. 1879 in München. Seine Leiche wurde nach Mödling in Niederösterreich überführt und dort, wo er oft und gerne im Kreise von Freunden geweilt, am 19. Oct. 1879 zur Ruhe bestattet. Eine Zahl hervorragender Wiener Schriftsteller, Journalisten, Maler, Buchhändler etc. waren bei diesem Leichenbegängnisse anwesend. — Es wurde schon angedeutet, daß K. keinen großen Kreis von Freunden hatte, freilich trat diesem kleinen Kreise in dem Manne eine geistig kräftige, vielleicht etwas stolze, aber überaus gediegene Persönlichkeit entgegen. Mit dem vormärzlichen Wiener Schriftstellerkreise verkehrte er wenig, später zählten Berthold Auerbach, Leopold Kompert, Karl v. Holtei, H. Lorm, Alfred Meißner, Robert Byr, Emil Kuh und einige andere zu den Männern, mit welchen er gerne umging, die Wiener Abgeordneten Hoffer, Oskar Falke, Josef Kopp und J. Schüssel aus Mödling waren in der Zahl seiner vertrauteren Freunde. Besonders gern besuchte er das Haus Kaulbach's in München, wo er sich heimisch fühlte. Nicht ungern weilte er bei seinen Freunden, melche Besitzungen entfernt vom Getriebe größerer Städte besaßen, hier zog er sich ganz bescheiden zurück und arbeitete an seinen Novellen oder Dramen. Seine novellistischen und politischen Arbeiten sind in verschiedenen Zeitschriften zerstreut, so in den schon erwähnten „Sonntagsblättern“, in Waldheim's „Mußestunden", in Westermann's „Monatsheften“, in der „Illustrirten Frauenzeitung“ Lipperheide's in Berlin, in „Blumenthal's Monatsheften", in der Wiener „Presse“, im „Neuen Wiener Tageblatt“, zu dessen Redacteur J. V. Schembera er ebenfalls in freundschaftlichen Beziehungen stand und in der „Deutschen Zeitung“, an deren Gründung er mit betheiligt war, wie er überhaupt den deutschnationalen Standpunkt dieses Blattes hoch hielt, da er seinen eigenen politischen Ansichten vollkommen entsprach. Unter den Persönlichkeiten, mit denen K. zu Graz im engeren Verkehre stand, ist auch der Germanist Prof. Anton Schönbach zu nennen. Ueber die Charaktereigenthümlichkeit Kürnberger's hat Friedrich Schlügt (im „Heimgarten“, Graz, 4. Bd. 1880) in einem Aufsatze, betitelt: „Von Ferdinand K. dem Menschen", eine eingehende und warm gehaltene Schilderung geliefert. Schlögt zeichnet hier scharf und liebevoll die Eigenschaften des seltenen Mannes, den Viele für einen Sonderling hiclten, den man schroff, abstoßend und verletzend, hart und selbstbewußt, unduldsam und bitter nannte, freilich nur in jenen Kreisen, welche diese vornehme Natur nicht oder zu wenig kannten. Schlögl und die Freunde Kürnberger's, welche ihm näher standen, rühmen die trefflichen Eigenschaften des geistvollen Mannes, seine Herzensgüte und seine Liebenswürdigkeit denjenigen gegenüber, zu denen er volles Vertrauen hatte. Wie in seinen Schriften, so bewahrte er sich auch im Leben eine edle Denkungsart und wenn er auch im Umgange „schwer zugänglich" war, so blieb er es doch nur dem geistig Unbedeutenden gegenüber. Darüber, daß man ihm ungemessenes Selbstbewußtsein, ja sogar Größenwahn vorwarf, rechtfertigte er sich selbst mit den Worten: „weil ich nicht Gemeinschaft habe mit den Sudlern, weil ich Achtung habe vor litterarischer Produktion, weil mich Unmuth über die Liederlichkeit erfaßt, mit der das professionelle „"Schreibervolk"“ arbeitet, weil ich auf Sauberkeit des Stiles halte und das, was ich bringe, dem Begriff von schriftstellerischer Würde und litterarischem Anstande entspricht, weil ich meinen Werth kenne, nennt mich die Genossenschaft der Schnellschreiber stolz“. Nach diesen Grundsätzen arbeitete er auch, feilte und überarbeitete seine Manuscripte aufs gewissenhafteste vier, ja fünf Mal und brachte keines seiner Werke eher vor das Publicum, als bis er es zur tadellosen Abrundung auch in der Form gebracht zu haben glaubte. Deshalb verdienen aber auch fast alle Schriften Kürnberger's hohe Aufmerksamkeit. Die erste größere Publikation war der schon erwähnte Roman: „Der Amerikamüde. Amerikanisches Kulturbild“ (1855 als 8. Bd. von Meidinger's trefflicher „Deutscher Bibliothek"). Der Dichter schildert uns hier den Eintritt eines deutschen Poeten: Moorfeld in den neuen Welttheil, wo dieser statt, wie er gehofft. Alles besser und trefflicher zu finden, als auf seinem Continente, nur phrasenhafte Großsprecherei. Eigendünkel, maßlosen Schwindel und Corruption auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens kennen lernt und daher immer mehr des Aufenthaltes in Amerika müde wird. Die Schilderungen des amerikanischen Lebens, die Beschreibungen New-Yorks, der Verhältnisse und Zustände in den Vereinigten Staaten, der Sitten und Eigenthümlichkeiten der Amerikaner sind in diesem hochbedeutenden Werke so vortrefflich, daß Viele geglaubt hatten, der Verfasser müsse längere Zeit daselbst gelebt haben und er nicht selten die Frage, wie lange er in Amerika geweilt, vernahm, welche er freilich damit beantworten mußte, daß er nie Europa verlassen. Dabei ist aber auch die Handlung eine durchaus fesselnde, einzelne scharf gezeichnete Charaktere treten Plastisch hervor und die Episode der Reise des Helden nach Ohio zum Theil in dessen eigenen Tagebuchaufzeichnungen mitgetheilt, bietet wahre Cabinetsstücke aus dem Leben im Urwalde und in den Wildnissen tief im Innern des Landes. Moorfeld, der in Amerika Alles besser zu finden gehofft hat, kehrt, vom Gegentheile überzeugt, gerne wieder nach Europa zurück. Es wird allgemein angenommen, daß K. in seinem Helden Nicolaus Lenau zeichnen wollte, dies ist nur bedingungsweise richtig; während der Abfassung des Werkes dachte der Verfasser, wie er sich selbst äußerte, nicht an den österreichischen Dichter, dessen trauriges Geschick gerade zu jener Zeit besonders Aufsehen in Deutschland machte. K. wurde nur vom Verleger des Buches ersucht, demselben noch jene Züge einzuweben, die an Lenau erinnern und diesen als Helden des Romans errathen lassen, was um so zutreffender ist, als Lenau ja bekanntlich auch von Europa für kurze Zeit nach Amerika gezogen war. Für jeden Fall haben wir im „Amerikamüden“ einen der besten deutschen Romane. Die zweite Arbeit auf dem Gebiete des Romans, welche K. veröffentlichte, ist der „Haustyrann“ (1876), eine romantische Geschichte, die sich in den Tiroler Bergen abspielt und welche insbesondere in dem Titelhelden, im reichen Fend eine derbe, markige Figur vorführt, deren Starrsinn aber nicht nur die ganze Familie ununterbrochen Plagt, sondern auch dem Glücke der geliebten Tochter Hermosa vielfache Hindernisse in den Weg legt. Auch hier ist die prächtige gebirgige Scenerie ebenso liebevoll gezeichnet, wie die einzelnen Gestalten, welche auftreten, vortrefflich charakterisirt erscheinen, so die Figur des Justizbeamten Sallek, welcher Hermosen schließlich heimführt, vorher aber in ihres Vaters Hause die unerquicklichsten Situationen und Scenen durchzumachen gezwungen ist, nicht minder die zarte und doch auch energische Tochter Hermosa selbst, auch Episodenfiguren: der an seinen philosophisch-theologischen Elaboraten im Gebirge brütende Pater Anselm, die von ihrem Gatten betrogene Franche, Hermosens Freundin, sind voll Lebenswärme und Ursprünglichkeit. Der Gang der Handlung ist spannend im besten Sinne des Wortes, die Sprache kraftvoll, knapp und der ganze Roman weist fast alle Vorzüge von Kürnberger's Darstellungsweise auf. Als Novellist und auf dem Gebiete der kleineren Erzählung hat K. nicht minder Bedeutendes geleistet. Es sind von ihm fünf Bände Novellen erschienen in nachstehender Reihenfolge: „Ausgewählte Novellen" (1857), „Novellen“ (1861—62), 3 Bde. und „Novellen“ (1878). Schon in der ersten Sammlung finden sich|wahre Cabinetsstücke moderner Novellistik, auf dem engsten Raume weiß K. ebenso zu fesseln, wie durch wenige charakteristische Striche die austretenden Personen in der gelungensten Weise zu zeichnen, er weiß sich mit gleichem Geschick und mit derselben Ungezwungenheit auf dem Parquet des Salons, wie in der Bauernhütte zu bewegen und immer verleiht er den vorgeführten Gestalten volle Lebenswahrheit. Meisterhaft erscheinen oft die Schilderungen von Naturereignissen, wie im „Windfall" (1855) oder in der Erzählung „Bergschrecken" die Darstellung des gewaltigen Unwetters im Hochgebirge, in derselben Novelle schildert der Verfasser die Eigenthümlichkeiten und den Charakter des nördlichen Marschlandes mit nicht minderer Anschaulichkeit. Ein feiner Humor weht durch so manche dieser novellistischen Skizzen, so insbesondere in den „Humoresken, Charakterbildern" (1862), die völlige Reife des Autors, und eine hohe Vollkommenheit in Bezug auf künstlerische und stilistische Durchführung weisen die letzten vor dem Tode des Autors 1878 erschienenen „Novellen" auf, nirgends ist die phychologische Entwickelung mit solcher Feinheit durchgeführt, wie in „Künstlerbräute" oder „Der Erbe", mit besonderer Genialität aber in: „Die Last des Schweigens", welche der Verfasser selbst „Eine Seelenstudie" nennt und die uns dem Gedankengang eines Mannes in seinen eigenen Worten vorführt, der am Morgen hingerichtet werden soll, weil er seinen Nebenbuhler ermordet hat. Erwähnung verdienen auch die in den Novellensammlungen verstreuten Mährchen, wie: „Das Kind mit dem Briefe", „Liebesschuld", „Alimek und der Derwisch“, welche die reiche Phantasie Kürnberger's zeigen und zum Theile Allegorieen mit tiefbedeutsamer ethischer Grundlage sind. Vor Allem gilt dies von dem selbständig erschienenen Buche: „Das Goldmährchen“ (1857), in welchem auf den Werth der Arbeit und den Unwerth des Reichthums dagegen in so ergreifender phantastischer Weise hingewiesen wird. —

    Auch auf dramatischem Gebiete hat K. hervorragende Leistungen geschaffen. Vor Allem das Drama „Catilina“ (1855), dessen kräftige, poesiedurchwehte Sprache und bewegte Handlung in jeder Scene auch hier glänzende Begabung verräth, die Versammlungen der Verschworenen, die stürmischen Sitzungen des Senates zeigen das Talent im hellen Lichte, die Gestalt Catilina's tritt vor Allem hervor und die für das Wohl der Republik so begeisterte Sprache muß jeden Leser hinreißen. Freilich würden der Ausführung schwer zu bewältigende Hindernisse entgegenstehen, die große Zahl der auftretenden Personen und insbesondere der Umfang des Dramas sind unter diesen vor Allem zu nennen. Aehnliches gilt auch von einem zweiten Drama: „Firdusi“, das in München (1865?) zur Aufführung gelangte und großen Beifall erlangte, an die darstellenden Künstler aber allzu hohe Anforderungen stellte und sich deshalb nicht auf dem Repertoire erhielt. Eine dritte dramatische Arbeit: „Quintin Messis“ kam nicht auf die Bühne, obwol nach Wurzbach das Stück vom Wiener Hofburgtheater angenommen war.

    Bevor ich noch auf den Nachlaß Kürnberger's zu sprechen komme, seien dessen politische und litterarkritische Arbeiten angedeutet. Er gab in dieser Richtung heraus: „Siegelringe. Eine ausgewählte Sammlung politischer und kirchlicher Feuilletons“ (1874) und „Litterarische Herzenssachen. Reflexionen und Kritiken“ (1877). In der ersteren Sammlung kehrt K. seinen deutschnationalen Charakter hervor, dabei aber auch seine so warme und echt patriotische österreichische Gesinnung, mit klaren Worten setzt er seine Ansichten auseinander über die inneren Zustände oder macht Vorschläge auf dem Gebiete politischer oder socialer Reform, oft thut er dies wol auch in humoristischer oder in allegorischer Weise, immer aber geistvoll und immer weiß er schlagend Unzukömmlichkeiten, der Ueberhebung von geistlicher Seite, den föderalistischen Bestrebungen und dem Unrechte auf dem Gebiete des staatlichen Lebens zu begegnen. Ein warmsühlender Patriot, zeigt er sich hier auch als gewiegter Kenner der österreichischen Zustände und voll überzeugungstreuer echt liberaler Gesinnung. Aehnlich zeigt sich K. in den „Litterarischen Herzenssachen“ als feinfühlender Aesthetiker, der mit weitreichendem Blicke auf dem Gebiete der litterarischen Produktion seltene Schärfe des Urtheiles verbindet, in der Poesie das Ideal dieser Kunst verficht und jedem wirklichen Talente gerecht wird, dagegen auch sich hervordrängende Leerheit und Halbheit innerhalb ihrer Schranken zurückweist. In diesem Buche wendet der Verfasser der allgemeinen, der Weltlitteratur, seine Aufmerksamkeit zu, er behandelt sein Thema gleich bedeutsam, ob er von „Turgenjew“ oder „Moriz Hartmann“, von „Ungarn“ oder „Claude Tillier“, von „Oesterreichs Grillvarzer“ oder von „Schiller, Halm und Johannes Scherr“ spricht. Haben wir es auch in manchen dieser Aufsätze nur mit einer Art Recension zu thun, so legt doch K. in diese Recension so viele seiner gediegenen Ansichten, seiner geistvollen Apercus, seiner trefflichen Vorschläge nieder, daß der Leser den bleibenden Werth aller dieser kleineren literarischen Aufsätze anerkennen muß, sowie, daß man es hier nicht mit ephemerer Tageskritik zu thun hat. Von eigentlichen Gedichten Kürnberger's liegt sehr wenig bisher veröffentlichtes Vor, die poetische Apostrophe: „Aufruf für Schleswig-Holstein. Epistel an den Kaiser von Oesterreich" (1864) gehört hierher, aus dem Nachlasse wurde eine längere Elegie in der „Neuen illustrirten Zeitung" (1879) veröffentlicht. Es bleibt noch übrig, diesem Nachlasse selbst einige Beachtung zu schenken, welcher wol in nicht allzu langer Zeit an die Oeffentlichkeit gelangen dürste. Außer einer Sammlung von Tagebuchauszeichnungen, welche von 1863 bis zum Tode Kürnberger's reichen, weisen die nachgelassenen Arbeiten einen großen Roman: „Das Schloß des Verbrechens" auf, sowie eine Studie: „Ueber das antik und modern Tragische", eine Anzahl von Novellen und feuilletonistischer Skizzen und auf dramatischem Gebiete außer den Dramen: „Firdusi“ und „Quintin Messis“, ein schon 1850 entstandenes Lustspiel: „Fürst und Dame“, sowie den Text zu einer romantischen Oper: „Wineta“, endlich eine Sammlung lyrischer Gedichte. Der erwähnte Roman war Kürnberger's letzte Arbeit, die Vorrede zu demselben hat er noch zur Hälfte vollendet, es soll ein Werk reichen, fesselnden Inhaltes, von gewaltiger Anlage und trefflicher Durchführung sein. Eine neue Ausgabe der Schriften Kürnberger's durch den vollständigen Nachlaß vermchrt zu veranstalten, hat eine Zahl von Freunden des Verstorbenen unternommen und es wäre das baldige Inslebentreten dieses Vorhabens um so beachtenswerther, als man der genialen Begabung dieses Schriftstellers insbesondere in jüngster Zeit viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat.

    • Literatur

      Die obigen Nachrichten über Kürnberger's Lebenslauf und Nachlaß rühren zumeist von höchst dankenswerthen persönlichen und brieflichen Mittheilungen K. V. Schemvera's und anderer Freunde des Schriftstellers her. — Zu vgl. wären auch die anläßlich des Todes erschienenen Aufsätze über Kürnberger im Neuen Wiener Tageblatt und in der Deutschen Zeitung (Wien, Monat October 1879), endlich Wurzbach. Biogr. Lex., 13. Bd. (1865), sowie Brümmer's Dichterlexikon.

  • Autor/in

    Anton Schlossar.
  • Empfohlene Zitierweise

    Schlossar, Anton, "Kürnberger, Ferdinand" in: Allgemeine Deutsche Biographie 17 (1883), S. 412-416 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118567764.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA