Lebensdaten
1823 bis 1917
Geburtsort
Lobenstein (Österreichisch-Schlesien)
Sterbeort
Hoboken bei New York
Beruf/Funktion
Politiker
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118567470 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kudlich, Hans

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Zitierweise

Kudlich, Hans, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118567470.html [20.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus erbuntertäniger Bauernfam. in L.;
    V Johann (1785–1855), Bauer, S d. Bauern Ignaz in L., u. d. Theresia Losert;
    M Eleonora (1785–1849), T d. Bauern Josef Ulrich in L. u. d. Maria Elisabeth Kleske;
    B Hermann (1809–86), Mitgl. d. Frankfurter Nat.verslg. u. d. Rumpfparlaments (s. L);
    - 1853 Luise (1827–84), T d. Wilh. Vogt (1789–1861), Prof. d. Med. in Bern (s. BLÄ), u. d. Luise Follenius (Schw d. Pol. Karl Follen, 1840, s. NDB V); Schwager Karl Vogt ( 1895), Naturforscher, Politiker;
    9 K, u. a. Marjorie (⚭ Alfred Soennecken, 1881–1958, Dr.-Ing., Geschäftsführer d. Fa. F. Soennecken, Vizepräs. d. Industrie- u. Handelskammer Bonn, s. Rhdb., P).

  • Leben

    K. besuchte das Troppauer Gymnasium (Opava), erhielt mit 17 Jahren das Reifezeugnis und konnte mit Erlaubnis seiner Herrschaft seit 1839 an der Univ. Wien Jurisprudenz studieren. Durch Vermittlung seines Bruders kam er im „Wiener Leseverein“ mit den Spitzen der liberalen Intelligenz in Kontakt und nahm begierig die neuen Ideen der Zeit in sich auf. Kurz vor Ausbruch der Wiener Märzrevolution von 1848 legte er sein erstes Rigorosum ab, dann beteiligte er sich an den Unruhen. Der Verlauf der Revolution zeigte ihm bald, daß er nicht zur Partei des mit den reformwilligen Ständen verbundenen Großbürgertums gehörte, das er im „Leseverein“ kennengelernt hatte. Er fühlte sich eher zu den radikaleren Demokraten hingezogen, und entwickelte als Bauernsohn sehr konkrete Vorstellungen: Abschaffung von bäuerlicher Erbuntertänigkeit und Robotpflicht. Bei der Demonstration am 13. März vor dem niederösterr. Ständehaus durch einen Bajonettstich verwundet, verließ er Wien, um sich zu Hause gesundpflegen zu lassen, geriet aber gerade durch diese Heimkehr in die aktive Politik. Er kandidierte für den Wiener Reichstag, konnte mit Hilfe der Stimmen auch der tschech. Bauern seinen bürgerlichliberalen Konkurrenten schlagen und zog als jüngster Abgeordneter in das erste frei gewählte Parlament der Donaumonarchie ein. Schon am 25.6.1848 stellte K., wie er es den Bauern seines Wahlkreises versprochen hatte, seinen berühmt gewordenen Antrag im Reichstag, dieser „möge erklären: Von nun an ist das Untertänigkeitsverhältnis samt allen dazugehörigen Rechten und Pflichten aufgehoben, vorbehaltlich der Bestimmungen, ob und wie eine Entschädigung zu leisten sei.“ Um Art und Höhe der Entschädigung entbrannte nun der parlamentarische Kampf, in dem es K. mittels interfraktioneller Verhandlungen durchzusetzen gelang, daß die Entschädigung, die der Bauer nach Inkraftsetzen der Grundentlastung zu zahlen hatte, verhältnismäßig niedrig war. Er verhinderte hierdurch, daß die zögernde Regierung nach einer formellen Annahme der allgemeinen Grundsätze einer Agrarreform die Ausarbeitung des eigentlichen Gesetzes einer Kommission übertrug und es damit aus dem politischen Blickfeld verschwinden ließ. Am 7.9.1848 wurde das von K. initiierte Grundentlastungsgesetz als einziges Reformwerk des revolutionären Reichstags feierlich verabschiedet, schon einen Monat später brach der Wiener Oktoberaufstand aus, der den Zusammenbruch der Revolution und des kaum etablierten Parlamentarismus einleitete. Während der Belagerung Wiens durch die Truppen Windischgrätz' versuchte K. vergeblich, die Bauern Ober- und Niederösterreichs zur militärischen Hilfe für den Reichstag zu mobilisieren. Im anschließenden Kremsierer Reichstag trat K. kaum politisch in Erscheinung, nach dessen gewaltsamer Auflösung am 7.3.1849 mußte er, wie die meisten anderen Abgeordneten der Linken, aus Österreich fliehen und ging zuerst nach Frankfurt zu seinem Bruder. Später findet man ihn als aktiven Revolutionär in den Brennpunkten der Revolution in Sachsen, in der Pfalz, wo er Mitglied der provisorischen Aufstandsregierung war, und schließlich in Baden. Nach dem Zusammenbruch des letzten Widerstandes in Rastatt flüchtete er im Juni 1849 in die Schweiz, wo er im Hause des liberalen Professors Wilhelm Vogt in Bern Asyl fand. Er studierte nunmehr Medizin, legte im März 1853 sein Doktorexamen ab, heiratete Vogts Tochter und wanderte mit ihr in die USA aus, wo er sich 1854 in Hoboken, New Jersey, als Arzt niederließ. In seiner neuen Heimat half K., deutsche Vereine und Schulen zu gründen, u. a. die Hoboken Academy, eine der besten deutschamerikan. Schulen. Nachdem nach 1866 das gegen ihn verhängte Todesurteil aufgehoben worden war, unternahm er häufig Reisen nach Österreich und versuchte dort, nach 1871 wieder politisch Fuß zu fassen. Jedoch scheiterte er mit seinem Plan einer großen, supranationalen liberalen Partei für Österreich, da der Nationalitätenkampf inzwischen immer schärfere Formen angenommen halte. In zahlreichen Reden und Aufsätzen äußerte er sich immer wieder zu Fragen der österr. Politik. Ungeachtet seiner damals wachsenden nationalen antitschech. Haltung verurteilte er mit Schärfe den deutschnationalen Antisemitismus Schönerers, in dem er zu Recht eine Bedrohung des deutschen Einflusses in der Monarchie|sah. Als er starb, befanden sich die USA bereits mit den Mittelmächten im Krieg. 1925 wurde K. in der eigens errichteten „Hans-Kudlich-Warte“ bei Lobenstein feierlich beigesetzt. Sein Name bleibt mit der Agrarreform der 1848er Revolution verbunden.

  • Werke

    Rückblicke u. Erinnerungen, 3 Bde., 1873, 21924 (2 Bde.);
    Die Rev. d. J. 1848, 1913.

  • Literatur

    K. Grünberg, Die Bauernbefreiung u. d. Aufhebung d. gutsherrlich-bäuerl. Verhältnisse in Böhmen, Mähren u. Schlesien, 2 Bde., 1894;
    K. Koberg, in: Sudentendt. Lb. I, 1927, S. 284-93 (L, P);
    H. Krommer u. P. Reimann, H. K.s pol. Testament, Aus unveröff. Briefen d. Bauernbefreiers, 1944;
    F. Prinz, H. K. (1823-1917), Versuch e. hist.-pol. Biogr., 1962 (P);
    ders., Die böhm. Länder v. 1848-1914, in: Hdb. d. Gesch. d. böhm. Länder, hrsg. v. K. Bosl, III, 1968, S. 1-235 (L);
    ders., H. K.s Bedeutung f. d. österr. Gesch. u. s. hist. Verdienst, in: Das J. 1848 in Oberösterreich, 1978, S. 103-07;
    Ch. Stölzl, Die Ära Bach in Böhmen, Sozialgesch. Stud. z. Neoabsolutismus 1849–59, 1971. - Zu B Hermann:
    P. Wentzcke, Ideale u. Irrtümer d. eisten dt. Parlaments, 1959;
    Biogr. Lex. z. Gesch. d. böhm. Länder II, 1981.

  • Autor/in

    Friedrich Prinz
  • Empfohlene Zitierweise

    Prinz, Friedrich, "Kudlich, Hans" in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 166-168 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118567470.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA