Lebensdaten
1821 bis 1897
Geburtsort
Stephansried bei Ottobeuren (Schwaben)
Sterbeort
Wörishofen
Beruf/Funktion
katholischer Pfarrer ; Heilkundiger
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118563661 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kneipp, Sebastian

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Zitierweise

Kneipp, Sebastian, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118563661.html [19.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Xaver ( 1854), Leineweber, aus Unterkammlach;
    M Rosina verw. Schalber geb. Obser ( 1839).

  • Leben

    Neben dem Besuch der Dorfschule und Unterweisung durch den belesenen Vater mußte K. schon als Kind am Webstuhl und auf dem Felde arbeiten. Mit 21 Jahren verdiente er sich seinen Lebensunterhalt durch Bauernarbeit, während ihn Kaplan Matthias Merkle in Ottobeuren, später in Augsburg aufs Gymnasium vorbereitete, in das er als 23jähriger aufgenommen wurde. Er erlangte am Gymnasium Dillingen mit hervorragenden Schulleistungen in 3¾ Jahren die Zulassung zum Theologiestudium. Während des 2. Gymnasialjahres 1846 erkrankte er am „Bluthusten“. Die Lungenkrankheit verschlimmerte sich 1849 so, daß K. als Student in München nach dem Buche von J. S. Hahn „Unterricht von Kraft und Wirkung des frischen Wassers in die Leiber der Menschen, besonders der Kranken …“ (1743) begann, Wasseranwendungen an sich selbst vorzunehmen. Diese wurden mit bestem Erfolg in Dillingen durch Bäder in der winterkalten Donau fortgesetzt. Hierdurch ermutigt, kurierte K. als Stipendiat im Münchener Georgianum einen ebenfalls lungenkranken Mitstudenten.

    Nach kurzer Tätigkeit als 3. Kaplan in Biberbach bei Augsburg erwarb K. 1854 in Boos bei Memmingen als Pfarrvikar anläßlich einer Cholera-Epidemie durch seinen furchtlosen Einsatz bei der Pflege der Kranken den Ehrennamen „Cholerakaplan“. Im gleichen Jahr wurde er als 3. Stadtkaplan nach Augsburg versetzt und erntete dort seine erste Rüge wegen unbefugter Ausübung der Heilkunde. 1855 erfolgte die Einsetzung als Beichtvater des Klosters der Dominikanerinnen in Wörishofen. K. leitete die Mädchenschule des Klosters, unterrichtete in Wörishofen und Türkheim, gründete Schulen, reformierte die klösterliche Landwirtschaft, schrieb Abhandlungen über Landbau und Bienenzucht, beriet die Bauern, sammelte und prüfte Heilkräuter. Die Waschküche des Klosters wurde für viele Jahre zum Badehaus, in dem K. selbst Güsse und Bäder verabreichte, bis 1889 die erste Badeanstalt errichtet wurde.

    Ohne wesentliche theoretische Voraussetzungen entwickelte K. ein System fein abgestufter Temperatur- und Wasserreize, durch die eine kräftige Veränderung der Blutverteilung beim Gesunden wie beim Kranken bewirkt wurde, prüfte genau die Reaktionen des Behandelten und legte danach den Therapieplan fest. Mehrmals änderte er sein System im Sinne einer Milderung. Aus der einfachen Kaltwasserkur entstand in 3 Jahrzehnten eine differenzierte Hydrotherapie. Hinzu kamen die Anwendung von Heilkräutern als Badezusatz, Tee oder Tinktur und Richtlinien für eine einfache bäuerliche Ernährung. Therapie und Prophylaxe waren für ihn dasselbe: „Was die Krankheit heilt, kann auch die Gesundheit erhalten.“ Er machte keinen Unterschied zwischen Seelsorge und Therapie. Manche seiner Heilungen sind möglicherweise suggestiv bedingt gewesen. Bei seinen Sprechstunden wie bei der Abfassung seiner Bücher ließ sich K. stets von Ärzten beraten. Auf volkstümliche Weise brachte er seine Anschauungen über Gesundheit und Krankheit durch Vorträge, später auch durch Bücher den Menschen nahe: 1886 „Meine Wasserkur“, 1889 „So sollt ihr leben!“ (beide neu herausgegeben von Ch. Fey 1976), 1891 „Ratschläge zur Kinderpflege in gesunden und kranken Tagen“, „Ratgeber für Gesunde und Kranke“. Vortragsreisen durch mehrere Länder Europas, Spenden von dankbaren Patienten und Bücher brachten ansehnliche Einnahmen. Fast 1 Million Reichsmark stiftete K. für mildtätige Zwecke. Kranken und Waisenhäuser in Wörishofen, Umbauten an Kirchen und Klöstern, Armenpflege, kulturelle Aufgaben wurden von ihm finanziert. Er selbst lebte asketisch einfach und verbrauchte von den Einnahmen nichts für sich.

    K. wurde während der letzten zehn Jahre seines Wirkens zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten Europas. Zehntausende von Heilungsuchenden aus vielen Ländern und allen Schichten strömten nach Wörishofen, das sich vom Bauerndorf zum Heilbad entwickelte und einen eigenen Eisenbahnanschluß erhielt. 1866 erfolgte eine Anzeige des Bezirksarztes wegen Kurpfuscherei, gegen die sich K. vor Gericht und vor der geistlichen Obrigkeit rechtfertigen konnte. 1881 wurde er zum Ortspfarrer in Wörishofen, 1893 zum päpstlichen Geheimkämmerer ernannt. Papst Leo XIII. empfing ihn 1894 in Privataudienz. Bis zu seinem Tode übte K. sein geistliches Amt aus und widmete sich kranken Menschen.

    1894 schlossen sich in Wörishofen 25 Ärzte zum internationalen Verein Kneippscher Ärzte zusammen. Heute gehören in der Bundesrepublik Deutschland fast 1 000 Ärzte dem Kneipp-Ärztebund an. Der von den Anhängern der Lehre K.s 1890 gegründete Kneippverein ist auf 500 Ortsvereine mit insgesamt 100 000 Mitgliedern in der Bundesrepublik Deutschland angewachsen.

  • Werke

    Weitere W Lebenserinnerungen, in: Kneipp-Bll., Jg. 1891, Neudr. u. d. T. Mein Leben, 1949 (P);
    Mein Testament f. Gesunde u. Kranke, 1894;
    Codicill zu m. Testament f. Gesunde u. Kranke, 1896, neuhrsg. u. bearb. v. Ch. Fey, 1955.

  • Literatur

    J. M. Mariafai, Bibliogr. d. K.schrifttums, 1974;
    A. Baumgarten, S. K. 1821-97, 1898 (P);
    ders., F. Kleinschrodt u. F. Kreuzer, Festschr. z. 100j.feier K.s, 1921;
    A. Brauchle, Die Gesch. d. Naturheilkde. in Lb., 1951;
    ders., Zur Gesch. d. Physiotherapie, hrsg. v. W. Groh, 1971;
    W. Waibel, in: Lebensbild(er) Bayerisch Schwaben I, 1952 (L, P);
    BJ II (mit zeitgenöss. Kritik).

  • Portraits

    Ölgem. v. O. Heyden (Bad Wörishofen, Dominikanerinnenkloster);
    Marmorbüste v. F. Seeboeck, 1899 (ebd., Kneippianum);
    Kupferstandbild v. G. Elbershofer u. X. Abt. 1903 (ebd.);
    Bronzerelief v. K. Reidl, 1669 (München, Georgianum).

  • Autor/in

    Joachim Früchte
  • Empfohlene Zitierweise

    Früchte, Joachim, "Kneipp, Sebastian" in: Neue Deutsche Biographie 12 (1979), S. 174 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118563661.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA