• Genealogie

    1) Katharina Möll, 2) Adelheid N. N. (gen. 1312).

  • Leben

    Über das Leben H.s ist wenig bekannt. Mit Sicherheit ist anzunehmen, daß er in Wiener Neustadt geboren wurde, auch seine bayerisch-österreichische Mundart weist darauf hin. Er war Arzt. Seine medizinische Ausbildung hat er wahrscheinlich in Italien erhalten. Nach einer Urkunde vom 28.10.1312 wurden er und seine Frau Adelheid vom Bischof von Freising mit einem Haustrakt auf dem Graben in Wien (Freisinger Hof, heute Trattner Hof) auf Lebenszeit belehnt.

    H. hat 2 umfangreiche Werke geschaffen: „Apollonius von Tyrland“ (20 644 Verse), eine Bearbeitung eines spätantiken Romanes|in lateinischer Sprache, und „Gottes Zukunft“ (8129 Verse), ein Lehr- und Erbauungsgedicht, das die Heilsgeschichte zum Inhalt hat. Ein 3. Werk, die „Visio Philiberti“ (592 Verse), ein Streitgespräch zwischen Leib und Seele nach dem Tode, ist zusammenhanglos in „Gottes Zukunft“ eingefügt, kann aber auch als selbständige Dichtung betrachtet werden. Diese Dichtungen sind in mittelhochdeutscher Sprache abgefaßt, und H. rühmt sich auch, daß er der erste gewesen sei, der die Geschichte vom Apollonius in „solche (deutsche) Reime“ gebracht habe. Der Apolloniusroman ist in kurzen Reimpaaren geschrieben. Als Grundlage für sein Werk benützte H. eine Mischredaktion zweier lateinischer Fassungen. Er übersetzte sehr frei, bald kürzend, bald erweiternd, und streute vielfach Berichte aus anderen Quellen ein, damit seine große Belesenheit und eine universelle Bildung beweisend. Einzelne Namen und Motive stammen aus der antiken oder der zeitgenössischen Dichtung („Iwein“, „Parzival“, „Willehalm“, „Wolfdietrich“, „Alexander“ und andere). Die Ausführung ist episch breit, die Stoffmasse sprengt den künstlerischen Rahmen, das Werk ist nur lose durchkomponiert. Eine Fülle von Abenteuern, die in der Quelle fehlen, bilden den Hauptreiz des Werkes. Der Satzbau ist einfach, der Ausdruck wirkt zuweilen eintönig, vor allem durch Wiederholungen, Parallelität und geringe Variation. – In dem Gedicht „Gottes Zukunft“ schildert H. die dreimalige „Ankunft“ des Herrn: seine Menschwerdung, Erscheinung nach der Auferstehung und die Wiederkehr am Jüngsten Tag. Die ersten 1100 Verse sind im wesentlichen eine Bearbeitung der lateinischen Vorlage des „Anticlaudianus“ des französischen Gelehrten Alanus ab Insulis. Oftmals werden hier Quellenstücke nur lose aneinandergereiht; der Rest des Werkes wurde ziemlich frei und selbständig gestaltet. Die Dichtung trägt lehrhaften Charakter und spiegelt die tiefe Religiosität des Verfassers wider. Sie zeugt von seinen beachtlichen theologischen Kenntnissen. In „Gottes Zukunft“ nimmt H. mehr als im „Apollonius“ inneren Anteil an seinem Stoff. Auch in sprachlich-stilistischer Hinsicht ist dieses Werk höher einzustufen als der Apolloniusroman: Die Derbheit in den Vergleichen wurde gemildert, die Verwendung der Stilformen ist reichhaltiger, der Ausdruck plastischer. Da aus dem bayerisch-österreichischen Raum um die Wende vom 13. ins 14. Jahrhundert kein namhafter Dichter bekannt ist, kommt H. eine gewisse Bedeutung zu. Er repräsentiert das Bildungsniveau seiner Zeit.

  • Werke

    Hss.: Straßburger Hs. (A);
    Gothaer Hs. (B);
    Hs. 2886 Wien, Nat.bibl. (C);
    Hs. 2879 ebd. (D);
    Heidelberger Hs. - Ausgg.: J Strobl, H. v. N., Apollonius, Von Gottes Zukunft, 1875 (Auszüge mit Einl., Anm. u. Glossar);
    Apollonius v. Tyrland nach d. Gothaer Hs., Gottes Zukunft u. Visio Philiberti nach d. Heidelberger Hs., hrsg. v. S. Singer, 1906.

  • Literatur

    ADB XI;
    F. Khull, Zur Überlieferung u. Textgestaltung v. „Gottes Zukunft“, 1886;
    I. Seemüller, Dt. Poesie vom Ende d. 13. bis in d. Beginn d. 14. Jh., = Gesch. d. Stadt Wien III, hrsg. v. Altertumsver. zu Wien, 1903;
    M. Marti, „Gottes Zukunft“ v. H. v. N., 1911;
    A. Bockhoff u. S. Singer, H. v. N.: Apollonius v. Tyrland u. s. Qu., 1911;
    M. Geiger, Die visio Philiberti d. H. v. N., 1912;
    E. Bauer, H.s v. N. „Gottes Zukunft“, Eine Reimunters., Diss. Wien 1959 (ungedr.);
    I. Pelker, H. v. N., „Von Gottes Zukunft“ u. „Visio Philiberti“, Reim- u. Sprachunters., Diss. Wien 1963 (ungedr.);
    Vf.-Lex. d. MA II, V.

  • Autor/in

    Edith Bauer
  • Empfohlene Zitierweise

    Bauer, Edith, "Heinrich von Neustadt" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 419 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118548433.html#ndbcontent

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  • Leben

    Heinrich von Neustadt, d. h. Wiener-Neustadt, Arzt in Wien, 1312 urkundlich nachgewiesen, wo er und seine Frau Alheit mit dem Freisinger Hofe am Graben zu Wien belehnt werden, ist der Verfasser zweier deutscher Gedichte, deren erstes den Titel „Apollonius“, das andere den „Von Gottes Zukunft“ trägt. Die Quelle des Apollonius bildete die bekannte Historia Apollonii regis Tyrii, welche ihm der in Urkunden der Jahre 1297—1318 öfters genannte Pfarrer Nicolaus von Stadlau verschafft hatte. Aber nur den kleinsten Theil des deutschen beinahe 21 000 Verse enthaltenden Werkes nimmt die Wiedergabe dieses lateinischen Romans ein; der weitaus größere wurde von H. auf Grund|zahlreicher ihm bekannter Mährchen oder Motive der Artusgeschichten und der Erzählungen aus dem Kreise der heimischen Heldensage frei erfunden: in diesen Partien des Gedichtes stürzt sich Apollonius aus einem mährchenhaften Abenteuer in das andere. Als Grundlage der zweiten Dichtung, welche das Erlösungswerk vom Falle Lucifers an bis zum jüngsten Gerichte mit Einschluß des dem letzteren vorangehenden Auftretens des Antichrists behandelt, nennt H. selbst den Anticlaudianus des Alanus ab Insulis; daneben benutzte er jedoch auch desselben Verfassers Planctus naturae, ferner die Visio Philiberti, das Compendium theologicae veritatis, die Bibel, und verflocht eine Reihe von Motiven und Wendungen, die ihm aus der deutschen geistlichen Litteratur in Erinnerung geblieben waren. — Jedenfalls ist H. ein für seine Zeit recht gebildeter, auf sein Wissen aber auch nicht wenig stolzer Mann, der namentlich seine ärztlichen Kenntnisse mit Vorliebe zur Schau trägt. Sein Beruf hatte einerseits eine ziemliche Schärfe und Genauigkeit der Auffassung und ein besonderes Interesse an allem Detail zur Folge, andererseits bewirkte er, daß das vielseitige Wissen den Blick des Mannes nicht von den realen Verhältnissen abwandte, sondern daß er ein allen Eindrücken der Außenwelt offenes Auge bewahrte. Lebhaftes Naturgefühl zeichnet ihn aus. Daher bildet H. unter den zeitgenössischen Dichtern immerhin eine erfreuliche Erscheinung, wenn ihm auch nahezu alle Eigenschaften des wahren Dichters abgehen und sein formales Talent sehr gering erscheint.

    • Literatur

      Vgl. Heinrich von Neustadt, Apollonius. Von gotes zuokunft. Im Auszuge mit Einleitung, Anmerkungen und Glossar herausgegeben von Joseph Strobl. Dazu meine Recension im Anzeiger für deutsches Alterthum 1.S. 15 ff. und Slav. Archiv 2, 326 ff.

  • Autor/in

    Steinmeyer.
  • Empfohlene Zitierweise

    Steinmeyer, Elias von, "Heinrich von Neustadt" in: Allgemeine Deutsche Biographie 11 (1880), S. 639-640 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118548433.html#adbcontent

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