Lebensdaten
erwähnt um 1220 , gestorben um 1230
Beruf/Funktion
Dichter
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118548352 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Heinrich
  • Türlin, Heinrich von dem
  • Heinrich von dem Türlin
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Zitierweise

Heinrich von dem Türlin, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118548352.html [16.11.2018].

CC0

  • Leben

    Über H.s Leben ist wenig bekannt. Neben einer rühmenden Erwähnung im „Alexander“ (Vers 3219 ff.) Rudolfs von Ems, geben von ihm nur Zeugnis sein Werk „Diu krône“, ein Artus- und Gawanroman von 30 000 Versen, und ein Fragment „Der Mantel“, das O. Warnatsch dem Dichter zuweisen konnte. – Der meister-Titel, den ihm Rudolf zulegt, bringt dessen Achtung vor H.s erzählerischer Kunst und überlegener Gelehrsamkeit zum Ausdruck. Daß H. aufgrund dieser Bezeichnung Bürgerlicher war, läßt sich nur insofern vermuten, als Rudolf ihn nicht her nennt. Wenn wir Vers 2978/86, wonach sich H. zu den Leuten von Friaul und Kärnten stellt, autobiographisch werten – die Sprache seiner Dichtung verrät zudem Kärntner Mundart – dürfen wir ihn mit dem Bürgergeschlecht de Porta oder de Portula in Sankt Veit an der Glan, das enge Beziehungen zu weltlichen und geistlichen Herren unterhielt, in Zusammenhang bringen. Die Grundstücke der Familie befanden sich vor (ob) dem turlin (stadtthürlein) in der nördlichen Stadtmauer, daher der Name der Familie.

    Wie Gottfried von Straßburg und viele andere schmückt auch Heinrich „Diu krône“ mit einem Akrostichon HEINRICH VON DEM TVRLIN HAT MICH GETIHTET. Diese prunkende Kunstfigur und in Verbindung damit seine 3malige Namensnennung sind weit|mehr als nur ein Zierat: sie sind formelle Signierung des Werkes und Ausdruck selbstbewußter Meisterschaft. Als erster höfischer Romandichter gibt H. seinem opus einen eigentlichen Werktitel: Diu krône. Dieses Wort, in mittelhochdeutscher Dichtung bereits in übertragener Bedeutung üblich, soll als sogenannter sprechender Titel nach Absicht des Autors den Roman in seinem künstlerischen Anspruch (als „Krône“ aller bisherigen Aventiuren-Dichtung), der Art seiner Quellenverarbeitung und der Anlage und Erzähltechnik des Gesamtwerkes interpretieren. H. besaß eine lateinische Schulbildung und konnte nach Ausweis der Fremdwörterliste, hauptsächlich der „Krône“, neben Französisch und Latein wahrscheinlich auch Italienisch.

    H.s besonderes Interesse galt der höfischen Romanliteratur, vornehmlich der französischen. Er kannte und benutzte Chrétiens Percevalroman und dessen 3 Fortsetzer, die er in einer der großen erweiterten Sammelhandschriften gelesen haben mußte, das „fablel du mantel mantaillé“, das Vorlage seiner „Mantel“-Dichtung und der „Krône“ wurde, „La Mule sanz Frain“ und mindestens drei weitem, nur erschließbare französische Romane, weiterhin Wolframs „Parzival“, Hartmanns „Erec“, „Gregorius“ und „Iwein“, Gottfrieds „Tristan“, eine ältere Dichtung des Nibelungenliedes, Ulrichs von Zazikofen „Lanzelet“, Wirnts von Grafenberg „Wigalois“, Heinrich von Veldecke und andere. All diese Quellen verarbeitet er im Sinne der Titelmetapher sehr selbständig und eigenwillig.

    H.s beachtliche Literaturkenntnis setzt eine ziemlich umfangreiche Bibliothek voraus, zu der er Zugang hatte. Nach E. Gülzow lebte und dichtete er am Hof des kunstliebenden Herzogs Bernhard von Kärnten, nach M. O'C. Walshe am Hof des letzten Babenbergers, Herzog Friedrichs des Streitbaren, zu Wien. H. reimt mittelhochdeutsch ei und ou mit î und û. Da diese Reimbindung nur bei einem wienerisch beeinflußten Dichter möglich ist, spricht E. Kranzmayer von H. als von einem „verwienerten Adoptivkärntner“. H. hätte demnach für die Gesellschaft des Wiener Hofes, den literarisch Neidhart von Reuental beherrschte, geschrieben. Neidharts Einfluß und das damalige Hofleben vermögen manche Derbheiten und realistische Schilderungen in seinem Roman zu erklären.

    Wann H. die „Krône“ vollendet hat, läßt sich nicht genau bestimmen. Der Terminus ad quem liegt um 1240: Rudolf von Ems erwähnt H.s „Krône“ in seiner Literaturschau des „Alexander“. Der Terminus a quo ist kurz oder mehrere Jahre nach Hartmanns Tod (um 1210) anzusetzen: „Der got, der in uns habe genomen“ (Vers 2373). Für die bisher übliche Datierung 1215-20 sprechen kaum Gründe. Die Anspielung H.s auf die verwandtschaftlichen Beziehungen österreichischer Adelsgeschlechter zu denen von Denemarke (Vers 2946), macht es wahrscheinlich, daß er sein opus erst um oder gar nach 1230 abgeschlossen hat. Das „Mantel“-Fragment (994 Verse), wohl nur eine Bearbeitung des „Fablel du mantel mantaillé“ und kein Bruchstück eines Lanzeletromans, wie Warnatsch glaubt, ist allerdings schon mehrere Jahre vor der „Krône“, in der es zitiert wird, entstanden.

    Die „Krône“ ist deutlich in 2 Hälften geteilt: Der 1. Abschnitt endet nach dem zweiten Hoffest und der Doppelhochzeit Gawan-Amurfina, Gasozein-Sgoidamur. Artus und Gawan bilden abwechselnd die Haupthelden. Die ihnen zugeteilten Episoden sind nach dem Vorbilde von Hartmanns „Iwein“ in einer geschickten Verschränkungstechnik aufeinander abgestimmt und darüber hinaus in ein genau abgestecktes Zeitschema gebracht. Auch den 2. Teil beherrschen zwei Erzählstränge, die Gralsgeschichte und die Gürtelgeschichte, nur bemüht sich hier H. nicht, den Strukturplan in einem abgewogenen Verhältnis zur matière zu halten. Episoden, ohne Bezug auf den Helden oder den Plan der Erzählung, rein um ihrer selbst willen erzählt, vor allem die Gawan-Abenteuer (V. 17 312-21 818 entsprechend Wolframs Parz. VII-VIII, X-XIV), und sich wiederholende, oft nur leise abgewandelte Erzählmotive sprengen eindeutig den Rahmen der Komposition. Diese Inhomogenität prägt das ganze Werk. Höfische Sprache wechselt unvermittelt mit vulgärer Ausdrucksweise. Episoden im trivialsten Unterhaltungston stehen neben solchen von einmaliger poetischer Dignität. Gestalten, Szenerien und Motive des höfischen Romans werden in herkömmlicher Weise stilisiert und typisiert, daneben aber auch ganz individuell psychologisiert (Artus in I, Keie in II) und realisiert (Winterlandschaft) oder ins Grob-Fantastische abgebogen (Gawans Reiseerlebnisse). Mit den alten höfischen Idealen konkurrieren Wertungen, die einem handfesten virtus-fortuna-Denken entspringen. Was hier als „Verwilderung“ der Erzählweise erscheint, ist in Wirklichkeit für H. Ausdruck seiner Loslösung von der traditionellen Sicht der Artus- und Gralswelt: Er ironisiert und karikiert sie in ihren wesentlichen Erscheinungsformen. Es ist von daher gesehen nicht berechtigt, die „Krône“ als|Epigonen-Dichtung zu verstehen. Da alle Aventiuren des Romans, aus denen er sich eigentlich zusammensetzt – die Gralsgeschichte nicht ausgenommen -, ihre entscheidende Wendung durch das Eingreifen der Frau Saelde (Fortuna) und der Tüchtigkeit des Helden erfahren, ist man eher geneigt, von einer Fortuna-Dichtung zu sprechen, zumal, abgesehen von der leitmotivartigen Wiederkehr des fortuna-Motivs, die Einkehr Gawans als Artusritter bei Frau Saelde zu symbolhafter Bedeutung für das Ganze verdichtet erscheint. In persönlicher Tüchtigkeit und der Gunst des Glücks sieht H. die bestimmenden Schicksalsmächte des Daseins. Dieses Denken trennt ihn von dem idealen Menschen- und Weltbild Hartmanns. Es mag wohl auch der Grund gewesen sein, weswegen seine Dichtung beim höfischen Publikum keinen besonderen Anklang fand.

  • Werke

    Ausgg.: Diu crône v. H. v. d. T., z. 1. Male hrsg. v. G. H. F. Scholl, 1852, reprogr. Nachdr. Amsterdam 1966;
    Der Mantel, Bruchstück e. Lanzeletromans d. H. v. d. T., nebst e. Abh. üb. d. Sage v. Trinkhorn u. Mantel u. d. Qu. d. Krone, hrsg. v. O. Warnatsch, 1883.

  • Literatur

    ADB 39 (unter Türlin);
    W. Schoenebeck, Der höf. Roman d. SpätMA in d. Hand bürgerl. Dichter, Stud. z. „Crône“, z. „Apollonius v. Tyrland“, z. „Reinfried v. Braunschweig“ u. „Wilhelm v. Österreich“, Diss. FU Berlin 1956 (ungedr.);
    M. O' C. Walshe, H. v. d. T., Chrétien and Wolfram, in: Mediaeval German Studies, presented to F. Norman, London 1965, S. 204-18;
    R. E. Wallbank, The composition of diu Krône: H.s v. d. T. narrative technique, in: Medieval Miscellany, presented to Eugène Vinaver, New York 1965, S. 300-20;
    F. J. Worstbrock, Über d. Titel d. „Krone“ H.s v. d. T., in: Zs. f. dt. Altertum u. dt. Lit. 95, 1966, S. 182-86. - Zur Überlieferung, Textkritik u. Sprache: E. Gülzow, Zur Stilkde. d. Krone H.s v. d. T., 1914 (L);
    A. Leitzmann, Bemerkungen z. Krone H.s v. d. T., in: Btrr. z. Gesch. d. dt. Sprache u. Lit. 49, 1925, S. 444-56;
    J. Schatz, Zur Hs. V der Krone, in: Zs. f. dt. Altertum u. dt. Lit. 69, 1932, S. 336;
    H. Suolahti, Der franz. Einfluß auf d. dt. Sprache im 13. Jh., in: Mémoires de la Société Néo-Philologique de Helsingfors X, 1, Helsinki 1933, S. 128-44;
    E. Kranzmayer, Hist. Lautgeogr. d. gesamtbair. Dialektraumes, 1956, S. 65 f.;
    - Zur Quellenfrage:
    G. Rosenhagen, Muntane Cluse, in: Zs. f. dt. Philol. 29, 1897, S. 150-64;
    E. Öhmann, Zur Krone H.s v. d. T., in: Btrr. z. Gesch. d. dt. Sprache u. Lit. 48, 1924, S. 137 f.;
    L. L. Boll, The Relation of Diu Krône of H. v. d. T. to La Mule sanz Train, A Study in Sources, Washington 1929;
    E. K. Heller, A Vindication of H. v. d. T., Based on a Survey of His Sources, in: Modern Language Quarterly 3, Seattle, Wash. 1942, S. 67-82;
    I. Klarmann, H. v. d. T.: Diu Krône, Unters. d. Qu., Diss. Tübingen 1944 (ungedr.);
    H. de Boor, Eine Spur d. „Älteren Not“?, in: Btrr. z. Gesch. d. dt. Sprache u. Lit. (Tübingen) 77 1955, S. 248-51. - Ehrismann II 2, 2, S. 10-13;
    de Boor-Newald II, S. 195-99, 444;
    Vf.-Lex. d. MA II (L).

  • Autor/in

    Georg Steer
  • Empfohlene Zitierweise

    Steer, Georg, "Heinrich von dem Türlin" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 426-428 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118548352.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Türlin: Heinrich von dem T., epischer Dichter um 1220, aus Innerösterreich, vielleicht aus St. Veit in Kärnthen, ein gelehrter Laie bürgerlichen Standes, dem unstäten Leben der Fahrenden ergeben, von ritterlicher Gesinnung erfüllt, den Geistlichen abgeneigt (Krone 10 802 ff.). Von seinem ersten Werk, einem Lanzeletroman in Reimpaaren, dessen Existenz mir trotz Seemüller's und G. Paris' Bedenken erwiesen scheint, ist uns nur der Anfang, der sich als eine Bearbeitung des Fabliau du mantel mautaillé darstellt, erhalten. Sein zweites Werk, „Die Krone“, ist in ungleich langen, reimpaarigen, mit Dreireim schließenden Absätzen geschrieben. Das Gedicht zerfällt deutlich in zwei Theile, deren erster (bis 13 901) als selbständiges Gedicht gedacht und abgeschlossen scheint, vielleicht auch als solches veröffentlicht wurde. Dem zu Anfang aufgestellten Programm gemäß erzählt derselbe eine Geschichte aus Artus' Leben, von seinem Kampfe mit einem Ritter, der auf Ginover Anspruch macht, von deren Entführung durch denselben und ihrer Rückeroberung durch Gawein. In sehr geschickter Weise wird diese Hauptgeschichte durch allerhand Abenteuer Gawein's unterbrochen und das Ganze geht, dieser planvollen Composition entsprechend, mit einer Doppelhochzeit aus: der des versöhnten Entführers mit einer durch Gawein's Dienste in den Wiederbesitz eines zauberkräftigen Zaumes gelangten Dame und der Gawein's|selbst mit der Schwester derselben. Die Absicht des zweiten Theils ist hauptsächlich die, einige im ersten Theil (6106, 6119, 8925) nur in Anspielungen angedeutete Abenteuer Gawein's, der dadurch ganz in den Mittelpunkt gerückt wird, des breiteren auszuführen. Dadurch entsteht das seltsame Hysteronproteron, daß dieselben Geschichten, die im ersten Theil als in der Vergangenheit liegend genannt werden, in der Gegenwart des zweiten spielen, der sich doch andererseits als die Fortsetzung des ersten gibt. So die Abenteuer von Schastel marveille, von der Gralsuche, von dem Anger auf Colurmein. Auch äußerlich sind Unterschiede zwischen den beiden Theilen zu bemerken, vor allem in der durchschnittlichen Länge der Abschnitte, bedeutender sind aber die innerlichen: wenn der zweite Theil an Folgerichtigkeit der Composition hinter dem ersten weit zurücksteht, so übertrifft er ihn andererseits ganz ungemein durch Kraft des Pathos, Schärfe der Charakteristik (vor allem Kei's) und plastisches Herausarbeiten einzelner Situationen (z. B. die meisterhafte Schilderung der Kußscene in der Barke 26 387 ff.), durch welche er sich den besten Werken des deutschen Mittelalters an die Seite stellt. Neben diesen Vorzügen stehen dann freilich vielfach Langweiligkeit und Eintönigkeit des Flusses der Erzählung, Unfeinheit der Empfindung in Ernst und Scherz. Als sein Muster befolgt er Hartmann, doch haben auch Wolfram und Wirnt in Beziehung auf Stoff und Form auf ihn Einfluß geübt. Seinen Zeitgenossen hat er gefallen: Rudolf von Ems rühmt ihn, Ulrich von dem Türlin, Konrad von Stoffeln, vielleicht auch Heinrich von Neustadt zeigen Spuren seiner Einwirkung. Nur für einzelne Episoden seines erhaltenen Werkes kennen wir französische Quellen, denen die seinigen wenigstens verwandt gewesen sein müssen, Einzelnes hat er sicher selbst erfunden, Vieles ist noch unaufgeklärt. Ausgaben: 1) Altdeutsche Blätter II, 215—40. Müllenhoff, Altdeutsche Sprachproben 1878, S. 125—136. Warnatsch, Der Mantel 1883. 2) Scholl 1852.

    • Literatur

      Reissenberger, Zur Krone Heinrich's v. d. T., Graz 1879. — Haupt, Die Lieder und Büchlein etc. S. XI—XVIII. —
      Lachmann, Wolfram S. XXII ff. Ueber den Eingang des Parzival: Kleine Schriften S. 513—18. —
      Martin, Zur Gralsage S. 20—31. —
      Zingerle, Germania V, 468—479. —
      Singer, Zs. f. d. Alt. XXXVIII, 250—72. —
      G. Paris, Romania XII, 461 Anm. — Seemüller, Anz. f. deutsches Alterth. X, 197—202.

  • Autor/in

    S. Singer.
  • Empfohlene Zitierweise

    Singer, S., "" in: Allgemeine Deutsche Biographie 39 (1895), S. 20 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118548352.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA