Lebensdaten
erwähnt 1175 oder 1191 , gestorben Ende 12. Jahrhundert
Beruf/Funktion
Minnesänger
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118773755 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Heinrich
  • Heinricus de Rugge
  • Rugge, Heinricus de (?)
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Zitierweise

Heinrich von Rugge, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118773755.html [23.04.2019].

CC0

  • Leben

    Von einem miles Heinricus de Rugge, Ministeriale der Pfalzgrafen von Tübingen, der zwischen 1175 und 1191 verschiedene Male in Urkunden erwähnt wird, überliefert eine am Ende des 12. Jahrhunderts geschriebene Handschrift aus Benediktbeuren (jetzt Staatsbibliothek München, Codes latinus Monacensis 4570) einen Kreuzleich inmitten lateinisch religiöser Prosa. Die fast zeitgenössische Niederschrift des Leichs ist einer der wenigen Glücksfälle in der Überlieferung des deutschen Minnesangs, der uns gestattet, über die aus antiquarischem Sammeleifer mehr als ein Jahrhundert nach der Blütezeit der höfischen Minnedichtung zusammengetragenen Liederhandschriften hinaus vorzudringen. Die in den Liederhandschriften aufgenommenen Strophen unter dem Namen H.s sind dagegen in ihrer Echtheit stark umstritten, da sie fast alle auch noch unter anderen Autorennamen überliefert werden (Liutold von Seven, Friedrich von Hausen, ein sonst unbekannter Heinrich der rîche und vor allem Reinmar der Alte). Gegen den letzten Herausgeber von Minnesangs Frühling, Carl von Kraus, der das Corpus der echten Lieder auf das wenige zum Kreuzleich Stimmende beschränkt hatte, ist man heute geneigt, H. eine größere Vielfalt formaler Variation und inhaltlicher Aussage zuzugestehen. Die auffällige Vermischung gerade mit den Liedern Reinmars ließe sich anders kaum erklären. Die Erwähnung seines Namens in Literaturkatalogen späterer Dichter (Gliers, Marner, Brennenberg, Heinrich von dem Türlin) bezieht sich gewiß nicht auf den abseits überlieferten Kreuzleich, sondern wird auf einem moderneren Zeitgeschmack angepaßte Minnelieder zurückgehen.

    Ein gesichertes Urteil über die Lyrik H.s kann nicht gegeben werden. Die Dialektik zwischen Minne- und Seelenheil, die den Inhalt der späteren Kreuzzugslyrik bildet, ist H. noch unbekannt. Selbst in die Minnelyrik dringt didaktischer Inhalt der Spruchdichtung ein (Gleichheit vor dem Tode, Tadel der Christen, Juden und Heiden, die alle nur nach guot streben). Wie der Aufruf zur Nachfolge des auf dem Kreuzzug von 1190 gestorbenen Kaisers Friedrich I. bleibt auch die Kasuistik der Minnelieder im Denken in vorgegebenen Heilszwängen stecken, ohne die Stilisierung der Lehensbindungen der feudalen Gesellschaft zu einem verinnerlichten, persönlich gewandten Minneheil zu erreichen.

  • Werke

    Des Minnesangs Frühling, hrsg. v. K. Lachmann, 331964, bearb. v. C. v. Kraus, XIV: Her H. v. R.

  • Literatur

    ADB 24 (unter Rugge);
    Erich Schmidt, Reinmar v. Hagenau u. H. v. R., 1874;
    K. H. Halbach, Walther v. d. Vogelweide, H. v. R. u. Pseudo-Reinmar, in: Zs. f. dt. Altertum 65, 1925;
    H. Brinkmann, Rugge u. d. Anfänge Reinmars, in: Festschr. f. P. Kluckhohn u. H. Schneider, 1948;
    F. J. Paus, Das Liedercorpus d. H. v. R., Diss. Freiburg/Br. 1964;
    ders., H. v. R. u. Reinmar d. Alte, in: Der Deutschunterricht 19, 1967, H. 2, S. 17-31;
    Vf.-Lex. d. MA II, V.

  • Portraits

    Miniatur in d. Gr. Heidelberger Liederhs., Abb. in d. Faks.ausg. d. Hs., 1925-29;
    Miniatur in d. Weingartner Liederhs., Abb. in d. Faks.ausg. d. Hs., hrsg. v. K. Löffler, 1927.

  • Autor/in

    Paul-Gerhard Völker
  • Empfohlene Zitierweise

    Völker, Paul-Gerhard, "Heinrich von Rugge" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 422 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118773755.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Rugge: Heinrich v. R., Minnesänger. Man darf ihn wol in jenem Heinricus miles de Rugge erkennen, der eine zwischen 1175—1178 ausgestellte Urkunde des Abtes Eberhard von Blaubeuren bezeugt, und dessen Stammburg das jetzt verfallene Bergschloß Ruck im württembergischen Aachthal war. Wir besitzen von ihm einen religiösen Leich, der zum Kreuzzug auffordert und offenbar entstanden ist, bald nachdem die Nachricht vom Tode Friedrich Barbarossa's in|Deutschland bekannt geworden war, d. h. frühestens November 1190. Dieser Leich ist durchweg rein gereimt. Man darf daher diejenigen Lieder Rugge's, welche noch unreine Reime enthalten, für älter erklären. — R. stand in hohem Ansehn bei seinen jüngeren Kunstgenossen: ihn preisen Heinrich vom Türlein, der Marner, Reinmar von Brennenberg; unter den berühmtesten Leichdichtern führt ihn an der von Gliers. — Die Ueberlieferung hat Lieder Rugge's mit denen Reinmar's des Alten vermischt, und trotz vielfacher Bemühungen ist eine völlig sichere Vertheilung des beiderseitigen Eigenthums bisher nicht geglückt. Wird dadurch die Charakteristik des Dichters erschwert, so läßt sich doch als Grundzug seiner poetischen Art eine Neigung auf das Schlichte und Klare, aufs Volksthümliche, auf Lehrhaftigkeit erkennen. Seine Syntax zeigt die einfachste Bewegung: Parataxe, Mangel an copulativen und adversativen Partikeln, knappe Schlußsätze, Asyndeten geben seinem Stil fast etwas Abgerissenes. Er liebt sinnliche und drastische Wendungen, die streng höfische Dichter vermeiden, Hyperbeln, Sentenzen zum Theil biblischen Ursprungs, Vergleiche und Bilder, sprichwörtlichen und formelhaften Ausdruck, Allitteration. Sein Leich, der durch die Gedanken der Kreuzpredigt beeinflußt ist, ohne daß bisher directe Muster nachgewiesen wären, zeichnet sich durch Gedrungenheit und Wucht aus, aber er wendet sich mehr an die Vernunft als an das Gefühl, er sucht mehr zu überzeugen, als zu entflammen. R. versetzt sich hier lebhaft in die Lage des Redners, des Predigers und sucht die Hörer durch nachdrückliche Anreden heranzuziehen. Seine Minnelyrik bewahrt noch vielfach die alte volksmäßige Tradition: einige seiner Gedichte sind einstrophig; er gebraucht den typischen Natureingang. Er hat ein Frauenlied im alten Stil und mehrere Dialoge gedichtet. In den meisten seiner Lieder kommt eine heitere Stimmung, eine frische Lebensfreude, eine helle Auffassung der Dinge zu Worte. Von allen Dichtern hat Heinrich von Veldeke am meisten auf ihn gewirkt: ihm ist er verwandt durch eine ähnliche Mischung von Natürlichkeit und Nüchternheit; mit ihm theilt er den Anschluß an die volksthümliche Tradition, die Verwendung des Natureingangs und typischer Formeln; gleich ihm geht er aber dabei doch die Bahn der höfischen Minnepoesie. Wie Veldeke hat er spruchartige Strophen lehrhaften Inhalts gedichtet, wie Veldeke liebt er Wortspiele, Annominatio, Responsion, inneren Reim.

    • Literatur

      v. d. Hagen, Minnesinger I, 220 ff.; III, 468a ff., 611 f.; IV, 158 f. — Des Minnesangs Frühling (hrsg. von Lachmann und Haupt) Nr. XIII. —
      Bartsch, Deutsche Liederdichter, Nr. X. —
      E. Schmidt, Reinmar von Hagenau und Heinrich von Rugge, Straßburg 1874. —
      Paul, Beiträge II, 487 ff. —
      Wilmanns, Anzeiger für deutsches Alterthum und deutsche Litteratur I, 149 ff. —
      Burdach, Reinmar der Alte und Walther von der Vogelweide. Leipzig 1880, S. 43, 56, 78, 81, 84, 93, 190 ff., 198, 224. —
      R. Becker, Der altheimische Minnesang. Halle 1883, S. 13 ff. (vgl. Burdach, Anzeiger X, 19 ff.). —
      Wolfram, Zeitschrift für deutsches Alterthum 30, 89 ff. — Grimme, Germania 32, 368.

  • Autor/in

    Burdach.
  • Empfohlene Zitierweise

    Burdach, Konrad, "Heinrich von Rugge" in: Allgemeine Deutsche Biographie 29 (1889), S. 605-606 unter Rugge [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118773755.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA