Lebensdaten
1811 bis 1881
Geburtsort
Eichtersheim (Baden)
Sterbeort
Saint Louis (USA)
Beruf/Funktion
Anwalt ; badischer Revolutionär
Konfession
-
Normdaten
GND: 11854750X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hecker, Friedrich Franz Karl
  • Hecker, Friedrich
  • Hecker, Friedrich Franz Karl

Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Hecker, Friedrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11854750X.html [18.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Josef (1777–1858), Rentamtmann d. Frhrn. v. Venningen in Eichtersheim, Hofpfalzgf., dann fürstprimat. u. bayer. Hofrat ebd. u. in Mannheim, vf. 1815/16 e. ständ. Petition d. Unterländ. Adels an Mgf. Wilh. v. Baden, S d. Johs. Georg, Hofgärtner in Edingen, u.d. Maria Susanna Ruprecht M Wilhelmine (1784–1839), T d. Chrstn. Frdr. v. Lüder ( 1793/94), Oberamtmann in Kastellaun, u. d. Försters-T Maria Angelika Rau;
    B Karl (1812–78), Prof. d. Chirurgie in Freiburg/Brsg. (s. ADB XI);
    Schw Charlotte ( Dr. med. Heinr. Tiedemann);
    Vt Ludw. v. Lüder (1795–1862), bayer. FZM u. Kriegsmin. 1849-55 u. 1859-61 (s. Schärl);
    - Mannheim 1839 Marie Josefine (* 1821), T d. Kaufm. Edmund Eisenhardt in Mannheim u.d. Margarete Wiedtemann;
    2 S, 4 T;
    N Elise Tiedemann ( Hubert Dilger, 1836–1911, aus Engen/Schwarzwald, US-Gen.).

  • Leben

    In der Figur des badischen Demokraten H. lebte die Erinnerung an die Revolution von 1848 im deutschen Südwesten bis in unser Jahrhundert hinein fort. Das Volkslied und die politische Karikatur nahmen sich im „Heckerlied“ und im „Heckerhut“ (als revolutionärem Emblem) schon zu Lebzeiten seiner an. H. erlangte diese seinen geistigen und politischen Fähigkeiten nicht unbedingt entsprechende Volkstümlichkeit, weil er unter den Führern der 48er Bewegung als Mann der Tat herausragte.

    H. studierte 1830-34 in Heidelberg und München Rechtswissenschaften. Nach Examen und Promotion (1834) trat er zunächst in den badischen Staatsdienst. 1838 wurde er am Badischen Oberhofgericht in Mannheim als Advokat zugelassen. Sobald er das vorgeschriebene Mindestalter erreicht hatte, ließ er sich 1842 im Wahlkreis Weinheim-Ladenburg in die Badische 2. Kammer zum Abgeordneten wählen. Er gehörte dort bald zu den Führern der liberalen Opposition. Unbestreitbar besaß er ein natürliches Redetalent, das ihn in Baden bei breiten Kreisen des politisch interessierten Volkes populär machte. Als er im Mai 1845 während einer Reise zusammen mit J. A. von Itzstein aus Preußen ausgewiesen wurde, drang sein Ruf erstmals über Baden hinaus.

    H. vertrat bis 1848 einen entschiedenen Liberalismus, der sich von dem politischen Programm der Mehrheit der badischen Liberalen nur dadurch unterschied, daß er eindeutig die Forderung nach einer deutschen Nationalrepräsentation miteinschloß. (Vgl. seine „Ideen und Vorschläge zu einer Reform des Gerichtswesens“ von 1844, in denen er für die Ausbildung eines nationalen Rechts in Deutschland eintritt, und seine Schrift über die Deutschkatholiken, in der er das Prinzip der Religionsfreiheit entwickelt.) Unter dem Einfluß Gustav Struves wandelte er sich 1848/49 zum Demokraten. Nach dem Ausbruch der Februarrevolution bekannte er sich auf den von ihm und Struve einberufenen Volksversammlungen in Offenburg, Freiburg und Heidelberg im März 1848 erstmals öffentlich zur republikanischen Staatsform. Auf dem Frankfurter Vorparlament gehörte er zu der kleinen, aber zielbewußten Minderheit, die die Versammlung zu einem revolutionären Volkskomitee in Permanenz erheben wollte und die Abschaffung der Monarchien verlangte. Obwohl H. von den Radikalen die meisten Stimmen erhielt, wurde er als 51. gerade nicht mehr in den Fünfzigerausschuß gewählt, der das Vorparlament ablösen sollte. Unter H.s Vorantritt verließ die radikale Minderheit das Vorparlament, als die Mehrheit der Versammelten die künftige Reichsverfassung mit den Fürsten vereinbaren wollte.

    Nach seiner Rückkehr aus Frankfurt begann H. in Mannheim mit der Vorbereitung eines bewaffneten Aufstandes. Am 12.4. erließ er gemeinsam mit Struve eine Ausschreibung für eine bewaffnete Zusammenkunft in Donaueschingen. Die in völliger Verkennung der politischen Gegebenheiten von H. erwartete levée en masse blieb jedoch aus. Es kamen nur einige Hundert schlechtbewaffneter und mangelhaft geführter Freischärler zusammen, die am 20.4. bei Kandern nach dem ersten Zusammenstoß mit regulären württembergischen Truppen wieder auseinanderliefen. H. floh in die Schweiz, wo er in Muttenz im liberalen Kanton Basel-Land eine Schrift über die „Volkserhebung in Baden“ verfaßte. Diese Selbstdarstellung enthüllt gründlich, wie wenig sein Revoluzzertum mit echter revolutionärer Begabung zu tun hatte.

    Im September 1848 wanderte H. in die Vereinigten Staaten aus, wo er nach einer vorübergehenden Rückkehr 1849 wie so viele 48er eine zweite Heimat fand. Er erwarb im Staate Illinois eine Farm und beteiligte sich rege am gesellschaftlichen und politischen Leben der Deutschen in Amerika. Im amerikanischen Bürgerkrieg kämpfte er auf der Seite der Union mit. Seit 1866 nahm er an der Entstehung des deutschen Nationalstaats lebhaften Anteil. Er veröffentlichte 1868 in Mannheim „Gepfefferte Briefe“, in denen er die Beseitigung der Kleinstaaterei durch Preußen begrüßte, zugleich aber forderte, „durch Einheit zur Republik“ zu gelangen. Sosehr er deshalb der deutschen Reichsgründung von 1871 zustimmte, sowenig konnte er sich 1873 auf einer Reise durch deutsche Städte mit der politischen Führung Preußens im Reich befreunden. H. war der alte Gesinnungspolitiker geblieben, der er 1848 gewesen war. Enttäuscht kehrte er nach Amerika zurück.

  • Werke

    Weitere W Ideen u. Vorschläge zu e. Reform d. Gerichtswesens, 1844;
    Die staatsrechtl. Verhältnisse d. Deutschkatholiken mit bes. Hinblick auf Baden, 1845;
    H.s Abschied v. dt. Volk, 1848;
    |Die Erhebung d. Volkes in Baden f. d. dt. Republik im Frühj. 1848, 1848;
    Reden u. Vorlesungen, 1872 (P).

  • Literatur

    ADB 50;
    John Meier, Volksliedstud., 1917;
    F. Lautenschlager, Volksstaat u. Einherrschaft, Dokumente a. d. bad. Rev. 1848/49, 1920;
    H. Scharp, F. H., e. dt. Demokrat, Diss. Frankfurt/M. 1923 (ungedr.);
    C. Wittke, Refugees of Revolution, The German Forty-Eighters in America, Philadelphia 1952;
    P. Strack, F. H.s Herkunft, 1959;
    Bad. Biogrr. IV, 1891.

  • Autor/in

    Wolfgang Schieder
  • Empfohlene Zitierweise

    Schieder, Wolfgang, "Hecker, Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 180-182 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11854750X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Hecker: Friedrich Franz Karl H. wurde am 28. September 1811 zu Eichtersheim in Baden geboren. Die erste Thätigkeit im öffentlichen Leben, in die H. nach Vollendung seiner Studien im J. 1838 eintrat, war die eines Oberhofgerichtsadvocaten in Mannheim. Er machte sich bald auch außerhalb des Kreises, mit dem ihn sein Wirken am Gerichtshof in Berührung brachte, durch Talent und Beredsamkeit bekannt und wurde im J. 1842 im Wahlbezirk Weinheim-Ladenburg in die badische Zweite Kammer als Abgeordneter gewählt. Es war die Zeit, in welcher der Liberalismus in Baden begann sich zum Radicalismus auszugestalten und H. war einer der eifrigsten unter|den Abgeordneten, welche für diese neue Richtung eintraten. Kaum Einer verstand es in solchem Maße wie er, im Landtag der Regierung mit der größten Schärfe und Entschiedenheit entgegenzutreten. Die meisten Kammerreden wurden nur der Form nach an die Abgeordneten gerichtet, ihrer ganzen Tendenz nach galten sie den weitesten Volkskreisen, unter welchen sie durch eine der liberalen Partei dienende Presse verbreitet wurden. In der Kunst, zum Fenster hinaus zu reden, wurde H. von keinem andern Abgeordneten übertroffen. Auch außerhalb der Kammer, in Versammlungen und wo sich sonst Gelegenheit darbot, war H. einer der beliebtesten und wirksamsten Redner.

    Als im J. 1845 die schleswig-holsteinische Frage begann, die Gemüther auch in Süddeutschland zu erregen, erhob H. am 6. Februar in der badischen Zweiten Kammer seine Stimme gegen die beabsichtigte Verschmelzung der Herzogthümer mit Dänemark. Diese Frage an und für sich interessirte ihn nur sehr wenig, aber er erblickte in ihr ein wirksames Agitationsmittel gegen das badische Ministerium. Durch die Art, wie er für die Sache der Herzogthümer eintrat, machte H. seinen Namen auch außerhalb Badens bekannt. Als er im Mai 1845 mit dem badischen Abgeordneten v. Itzstein eine Reise nach Norddeutschland unternahm, wurde er, wie sein Begleiter, aus dem preußischen Staate ausgewiesen. Nichts hätte seine Popularität mehr fördern können. Trotzdem erbitterte ihn diese Maßnahme der preußischen Regierung so sehr, daß von da an sein rückhaltloser Uebergang aus dem Kreise der auf gesetzlichem Boden stehenden badischen Opposition zu dem extremen Radicalismus und zu dem damals neu entstehenden Socialismus datirt. Einer der Führer der extremen Partei, Gustav Struve, gewann im J. 1847 großen Einfluß auf ihn und machte ihn bald zu einem Revolutionär. Zwar erklärte er sich Anfangs März noch durch die Zugeständnisse befriedigt, welche die badische, wie die meisten andern deutschen Regierungen den Forderungen des Volkes machte. Aber schon in der Volksversammlung, die er gemeinsam mit Struve auf den 19. März 1848 nach Offenburg berief, wurden auf seinen Antrag Beschlüsse gefaßt, die mit der Staatsordnung in einer Monarchie unvereinbar waren. So zeigte sich H. auch als entschlossener Gegner der Monarchie in dem Vorparlament, aus dem er ausschied, als seine revolutionären Anträge nur eine kleine Anzahl von Stimmen auf sich vereinigten. Am 12. April 1848 beschloß H. mit Struve den Versuch zu machen, einen bewaffneten Aufstand zu organisiren. Am 14. April sollten alle waffenfähigen Männer Badens sich, bewaffnet und mit Mundvorrath versehen, in Donaueschingen einsinken. Aber nur ein kleines Häuflein folgte ihrem Aufruf. Diese Anhänger und andere, die in der Rheinebene zusammengebracht wurden, nahmen bei Kandern Aufstellung, sahen sich aber am 20. April einer Truppenmacht gegenüber, welche — obwol ihr Führer, General Friedrich v. Gagern, den Heldentod starb — die „Freischärler“ in die Flucht schlug. Auch H. mußte in die Schweiz fliehen, wo er eine Schrift über „Die Volkserhebung in Baden" herausgab, welche ein Zeugniß der vollständigen Unfähigkeit ihres Verfassers, eine Revolution zu organisiren und auch beim Mißlingen seiner Pläne den Kopf hochzuhalten, ablegt. Trotzdem behielt sein Name die doch nur durch Reden erworbene Popularität, das „Hecker-Lied“ wurde eine Art von Marseillaise der badischen Revolutionäre, der „Hecker-Hut“ ein Kennzeichen radicaler Gesinnungstüchtigkeit. H. selbst aber, der am Gelingen der revolutionären Bewegung verzweifelte, warf die Flinte ins Korn, wanderte nach Amerika aus und erwarb im Staate Illinois eine Farm. Zwar entzog er sich, als im J. 1849 die Revolution eine Zeitlang in Baden über die Sache der Ordnung triumphirte, dem Rufe der revolutionären Regierung, die ihn|im Mai 1849 in die Heimath zurückrief, nicht. Aber als er in Straßburg eintraf, war die badische Revolution durch die preußischen und Reichstruppen niedergeworfen und H. kehrte nach Amerika zurück. Dort gewann er nun in der That eine neue Heimath und nahm in den 1860er Jahren opferfreudig und tapfer auf Seite der Union an dem Bürgerkrieg theil. Als Befehlshaber erwies er jedoch bald seine völlige Unbrauchbarkeit und kehrte im Jahre 1864 auf seine Farm zurück. Der deutsch-französische Krieg und der glänzende Sieg der deutschen Waffen erweckten seinen nationalen Patriotismus, den er allerdings zwanzig Jahre früher nicht glücklich bethätigt hatte, und er brachte dem neuen Reich die Sympathie seines enthusiastisch angelegten Naturells entgegen. Bei einem Besuche des alten Vaterlands im J. 1873 aber konnte H. nicht anders als in die alten Velleitäten der 1848er Bewegung zurückzufallen. Verstimmt begab er sich wieder auf seine Farm, um fortan in voller Zurückgezogenheit von der Politik seine Aecker zu bebauen. Unter den Deutschen Amerikas genoß H. ein dadurch wohlverdientes Ansehen, daß er sich stets seiner Landsleute annahm, daß er allezeit sich als offener ehrlicher Charakter bewährte und die Liebenswürdigkeit im geselligen Verkehr, die ihm in der Jugend so viele Freunde gewonnen hatte, auch im Alter nicht verlor. Diese Eigenschaften machten ihn auch bei den Amerikanern beliebt. H. starb im 70. Lebensjahre in St. Louis am 24. März 1881.

    • Literatur

      Badische Biographien IV, 166 ff.

  • Autor/in

    v. Weech.
  • Empfohlene Zitierweise

    Weech, Friedrich von, "Hecker, Friedrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 50 (1905), S. 93-95 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11854750X.html#adbcontent

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