Lebensdaten
1831 bis 1901
Geburtsort
Düsseldorf
Sterbeort
London
Beruf/Funktion
Diplomat
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118546775 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hatzfeldt-Wildenburg, Melchior Gustav Paul Graf von
  • Hatzfeldt-Wildenburg, Paul Graf von
  • Hatzfeldt-Wildenburg, Melchior Gustav Paul Graf von
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Zitierweise

Hatzfeldt-Wildenburg, Paul Graf von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118546775.html [23.09.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Edmund (1798–1874) (s.Gen. 4), S d. Carl Eugen Innozenz Ludw., auf Wildenburg, u. d. Frieder. Maria Hubertine Cölestine Freiin v. Hersell;
    M Sophie Gfn. v. Hatzfeldt-Trachenberg (s. 4);
    B Alfred Fürst v. H. (1828-1911);
    - Paris 1863 ( n. 1871, wieder 1888) Helene (1846–1918), T d. Gutsbes. Charles Frédéric Moulton u. d. Cesarine Jeanne Meetz;
    1 S, 2 T, u. a. Hermann Fürst v. H. (1867-1941), Diplomat, Oberpräs. v. Schlesien.

  • Leben

    Der junge H. stand bis circa 1850 unter dem Einfluß Ferdinand Lassalles, der in dem mehrjährigen Scheidungsprozeß der Mutter beistand und das Allodialvermögen den Kindern sicherstellte. An der Universität Berlin widmete sich H. dem Studium der Rechte, trat 1857 in den vorbereitenden Justizdienst am Kammergericht und 1859 in den diplomatischen Dienst. Er war 1862 der Gesandschaft in Paris zur Ausbildung attachiert. Hier lernte Bismarck die redaktionelle Begabung H.s und seine vorzügliche Beherrschung der französischen Sprache schätzen. 1865 ging H. als Legationssekretär an die Gesandtschaft in Den Haag. 1868 wurde er in das Ministerium der Auswärtigen Angelegenheiten einberufen und wurde 1869 Vortragender Rat in der Politischen Abteilung. In dieser Eigenschaft war H. seit 1870 dem Hauptquartier des Königs zugeteilt. Während des deutsch-französischen Krieges erwies er sich als einer der wichtigsten Gehilfen Bismarcks, als dessen diplomatischer Adjutant er seine Fähigkeiten voll zu entwickeln vermochte. Vor Sedan hatte er teil an der Redaktion der Kapitulationsverhandlungen. Während das Hauptquartier über Ferrères nach Versailles vorrückte, mußte H. wiederholt mit den französischen Bevollmächtigten Favre und Thiers unterhandeln. Seine Feldzugserlebnisse sind in den nahezu täglich an seine Gattin gerichteten Briefen überliefert. Bitter klangen seine Klagen über die Anmaßung der Militärs und die geringe Würdigung der Leistungen des Auswärtigen Amtes. Nach Unterzeichnung der Präliminarien kehrte H. im März 1871 nach Berlin zurück, wo er weiterhin in der Politischen Abteilung tätig blieb. Als Gesandter in Madrid (seit 1874) bewährte sich H. unter den schwierigen Verhältnissen des Karlistenkrieges. Nach Wiederherstellung der bourbonischen Monarchie trat er in ein vertrauensvolles Verhältnis zu König Alfons XII.; er blieb immer von der Nützlichkeit der Erhaltung der Monarchie in Spanien im deutschen Interesse überzeugt. 1878 zum Botschafter in Konstantinopel ernannt, oblag es ihm, im Verein mit den Botschaftern der großen Mächte die langwierigen und teilweise das Selbstgefühl der Hohen Pforte empfindlich belastenden Bestimmungen des Berliner Kongresses zur Ausführung zu bringen. Als Doyen des diplomatischen Korps führte er 1880 den Vorsitz bei der Dulcignoangelegenheit und bei den Grenzauseinandersetzungen, in deren Verlauf Thessalien Griechenland zugesprochen wurde. Seinem persönlichen Einfluß auf den Sultan Abdul Hamid II. ist es zuzuschreiben, daß ein kriegerischer Konflikt vermieden werden konnte. Er überzeugte auch den Sultan von dem Nutzen der Berufung deutscher Beamter in den türkischen Dienst und erwirkte unter anderem den Ferman für die deutschen Ausgrabungen in Pergamon.

    1881 erfolgte die zunächst probeweise Beschäftigung im Auswärtigen Amt. 1882 wurde er zum Staatssekretär des Auswärtigen, zum preußischen Staatsminister und zum Mitglied des Staatsministeriums sowie zum preußischen Bevollmächtigten zum Bundesrat ernannt. Die Vertretung der auswärtigen Politik im Reichstag behielt sich Bismarck selbst vor. Die Geschicklichkeit und gewinnende Gescheitheit, die sich auf den diplomatischen Posten bewährt hatte, kam H. in Berlin weniger zugute. An stetige Arbeit und Erledigung von Routinegeschäften konnte er sich nicht gewöhnen. Die Jahre als Staatssekretär gehören nicht zu den erfolgreichsten seiner Laufbahn. Er stand ganz im Schatten Bismarcks, der bald über H.s mangelhafte Arbeitsleistung zu klagen begann. Die Beziehungen, in die H. zum kronprinzlichen Hofe trat, brachten ihn in den unbegründeten Verdacht, auf einen Regierungswechsel zu spekulieren. Als deutscher Bevollmächtigter nahm er 1884-85 an der in Berlin tagenden Kongokonferenz teil. Als Bismarck sich entschlossen zeigte, seinem Sohne Herbert die Leitung des Auswärtigen Amtes zu übertragen, wich H. nicht ganz ohne persönliche Verstimmung zurück. Sein Verhältnis zum Kanzler hatte sich vorübergehend abgekühlt, wenn Bismarck auch nicht aufhörte, die besondere berufliche Eignung H.s anzuerkennen. So schlug er ihn 1885 als Botschafter in London vor unter Belassung des Titels und Ranges eines Staatsministers. Zu England hatte H., der in seiner persönlichen Kultur ganz von Frankreich geprägt war, bis dahin noch keine unmittelbaren Beziehungen gehabt und war auch der Sprache unkundig. Dennoch lebte er sich schnell ein. Sein persönlich gutes Verhältnis zum Hofe des Kronprinzen erleichterte ihm den Zutritt zum Hofe der Königin. Zu dem amtierenden konservativen Ministerium und insbesondere dessen Exponenten Salisbury gewann er bald gute menschliche und amtliche Berührung.

    Den von Bismarck 1887 aufgegriffenen Gedanken einer engeren deutsch-britischen Zusammenarbeit machte H. sich zu eigen, mußte jedoch erfahren, daß die Situation noch nicht reif für ein Bündnis war. Es wurde für ihn zum Axiom, daß die britischen Kabinette mehr von den Rücksichten auf die innere Politik als von solchen auf die äußere geleitet wurden. In Großbritannien sah er gleichwohl den natürlichen Partner des Dreibundes und bemühte sich folgerichtig um die Annäherung der Inselmacht an die österreichisch-ungarische Monarchie. Gegen die russische Politik blieb er zeitlebens mißtrauisch. Die sogenannte Mittelmeerentente zwischen Österreich-Ungarn, Italien und England 1887 war mit eine Frucht seines persönlichen Einsatzes. Über das Dreikaiserjahr und den Sturz Bismarcks hinaus sicherte H. in London die Kontinuität der deutsch-britischen Beziehungen. Er verhandelte 1890 den Vertrag, der dem Deutschen Reiche Helgoland einbrachte, ein Höhepunkt in seiner Laufbahn. Dennoch spürte er seit dem Beginn des Neuen Kurses intensiver die britische Zurückhaltung jedem kontinentalen Engagement gegenüber; die liberale Regierung von 1892 vertiefte die Entfremdung und stärkte H. in seiner Auffassung der Instabilität der britischen Politik, obschon er die sorgfältige Pflege der Beziehungen empfahl, um den Faden nicht abreißen zu lassen. Die Stellung des Deutschen Reiches unter den Mächten schätzte er hoch ein, vertrat damals die Politik der freien Hand, glaubte auch England durch eigene Kurzsichtigkeit in die Isolierung hineintreiben lassen zu müssen, aus der es eines Tages die Anlehnung an das Deutsche Reich suchen würde. Diese Leitvorstellung teilte er mit dem ihm freundschaftlich verbundenen Geheimrat von Holstein, mit dem er 30 Jahre hindurch privatdienstliche Korrespondenz unterhielt. Obschon H. wiederholt das deutsch-britische Verhältnis einer entscheidenden Wende nahe sah, hielt er die Stimmung in den Regierungskreisen und die Tendenzen der öffentlichen Meinung auch nach der Rückkehr des konservativen Kabinetts Salisbury nicht für bündniswillig. Die Spannungen, die die Krügerdepesche, die Samoafrage und die Festsetzung Deutschlands im Fernen Osten während der 2. Hälfte der 90er Jahre hervorriefen, stellten an seine Fähigkeiten als Botschafter hohe Anforderungen. Den britischen Bündnisfühler 1898 nahm er daher beifällig auf, ohne die zurückhaltenden Bedenken Berlins zerstreuen zu können. 1898 verhandelte er den Vertrag über die portugiesischen Kolonien, 1899 erwarb er sich bei dem Zustandekommen des Samoavertrages sein letztes Verdienst um die Besserung der deutsch-englischen Beziehungen. An den eigentlichen Bündnissondierungen von 1900 und 1901 hat der schon seit langem leidende H. infolge seines überaus schlechten Gesundheitszustandes keinen wesentlichen Anteil mehr nehmen können. Warme Nachrufe auf ihn bezeugten das Vertrauen, das ihm die leitenden Kreise Großbritanniens dargebracht hatten. Entgegen seinen persönlichen Bemühungen hatte sich während seiner Mission die Beziehung beider Länder von der Möglichkeit eines Bündnisses zu der Möglichkeit eines Konfliktes gewandelt.

  • Werke

    Gf. P. H.s Briefe an s. Frau, geschrieben vom Hauptquartier Kg. Wilhelms 1870/71, 1907 (P).

  • Literatur

    (außer d. umfangreichen L z. Gesch. d. Internat. Beziehungen) F. Mehring, in: Die Neue Zeit 20, 1901/02, I, S. 193-97;
    H. Frhr. v. Eckardstein, Lebenserinnerungen u. pol. Denkwürdigkeiten, 1920;
    Die Gr. Politik d. europ. Kabinette IV-XVIII, 1922-27;
    M. L. Wolf, Botschafter Gf. H., s. Tätigkeit in London 1885-1901, Studie z. Gesch. d. dt.-engl. Beziehungen, Diss. München 1935;
    W. Frauendienst, Dtld. u. England an d. Jh.wende, in: Berliner Mhh. 17, 1939, S. 970-85;
    ders., Bismarck u. Napoleon III., Erinnerungen d. Botschafters P. Gf. H., ebd. 18, 1940, S. 479-503;
    H. Krausnick, Botschafter Gf. H. u. d. Außenpol. Bismarcks, in: HZ 167, 1943, S. 566-883;
    Die Geh. Papiere Friedrichs v. Holstein, hrsg. v. Fisher u. Rich, dt. Ausg. v. W. Frauendienst, Bd. 1-4, 1958-62.

  • Portraits

    zeitgenöss. Phot. (Schloß Schönstein b. Wissen/Sieg).

  • Autor/in

    Hans Philippi
  • Empfohlene Zitierweise

    Philippi, Hans, "Hatzfeldt-Wildenburg, Paul Graf von" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 65-67 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118546775.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA