Lebensdaten
1816 bis 1872
Geburtsort
Hamburg
Sterbeort
Braunschweig
Beruf/Funktion
Reiseschriftsteller
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 118538810 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Gerstäcker, Friedrich Wilhelm Christian
  • Gerstäcker, Friedrich
  • Gerstäcker, Friedrich Wilhelm Christian

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Zitierweise

Gerstäcker, Friedrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118538810.html [12.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus Künstlerfam.;
    V Carl Frdr. (1790–1825), aus Schmiedeberg b. Wittenberg, auch im Ausland gefeierter Tenor, zuletzt Hofschauspieler u. -kammersänger in Kassel (s. ADB IX; Kosch, Theater-Lex.; Eisenberg [fälschlich als Frdr. Samuel]), Chirurgen-S;
    M Louise Frieder. Herz (1797–1890), Opernsängerin;
    Tante-m Betty H. (1793–1835), Soubrette ( 2] Eduard Schütz, 1799–1868, Schauspieler, 1. Darsteller d. Faust 1829, u. techn. Dir. am Braunschweiger Hoftheater, s. Eisenberg);
    Schw Molly ( 1893), Schauspielerin (⚭ Gustav Hölzel, 1813–83, Sänger u. Liederkomponist [S d. Schauspielers u. Sängers Nik. Alois Hölzel, 1785–1848, u. d. Sängerin Elisabeth Umlauf], s. Kosch, Theater-Lex.);
    1) Leipzig 1847 Anna (1822–61), Hofschauspielerin, T d. Kunstmalers Joh. Caspar Sauer, 2) Bremen 1863 Marie Louise (1844–1903), T d. holländ. Assistent-Residenten Visscher van Gaasbeek in Bandung/Java;
    3 K aus 1), u. a. Marie ( William Huch), 2 K aus 2), u. a. Margarethe (* 1871), Konzertsängerin;
    E Frdr. Huch (1873–1913), Felix Huch (1880–1952), beide Schriftsteller;
    Groß-N Rudolf Huch (1862–1943), Ricarda Huch ( 1947), beide Schriftsteller.

  • Leben

    Nach des Vaters Tode kam G. in die Obhut seines Oheims, des Hofschauspielers E. Schütz, in Braunschweig. Bis 1830 besuchte er|hier das Katharineum, dann in Leipzig bis 1833 die Nicolaischule. Nur widerwillig erlernte er in Kassel zuerst den Kaufmannsberuf. Nachdem er sich 1835-37 in Döben bei Grimma zum Landwirt hatte ausbilden lassen, unternahm er März 1837 als Auswanderer seine erste Reise nach den USA. Hier führte er unter mannigfachen Beschäftigungen ein abenteuerliches Leben und lernte auf seinen weiten Wanderungen und Fahrten von der Grenze Kanadas bis Texas Land und Leute gründlich kennen. September 1843 in die Heimat zurückgekehrt, begann G., als freier Schriftsteller in wahrheitsgetreuen Berichten (zum Teil ausdrücklich für Auswanderer) und wirklichkeitsnahen Romanen seine Erfahrungen niederzulegen. Schon das Erstlingswerk, der kraftvolle, erlebnisgesättigte Roman „Die Regulatoren in Arkansas“ (3 Bände, 1846), begründete seinen literarischen Ruhm. Fortan bedingte sein Schriftstellerberuf weltweite Reisen. Die nächste begann 1849; er durchquerte Südamerika von Buenos Aires bis Valparaiso, besuchte das neue Goldland Kalifornien, die Inseln Hawaii und Tahiti, durchwanderte Südostaustralien von Sydney bis Adelaide und kehrte über Java 1852 nach Deutschland zurück. Zunächst lebte er wieder in Leipzig, seit 1854 auf Schloß Rosenau als ständiger Gast Herzog Ernsts II. von Coburg. 1860/61 bereiste er eine Reihe von südamerikanischen Staaten, vor allem deren deutsche Niederlassungen. 1862 war er Begleiter Herzog Ernsts II. auf einer Jagdtour nach Ägypten und Erythräa. Im gleichen Jahre siedelte er nach Gotha über, 1866 zog er nach Dresden. 1867/68 unternahm er seine letzte (5.) Reise nach den USA, Mexiko, Ecuador, Venezuela und Westindien. Ab 1869 wohnte er in Braunschweig.

    Die Hauptwerke G.s, neben den „Regulatoren“ etwa „Die Flußpiraten des Mississippi“ (3 Bände, 1848) oder „Die beiden Sträflinge“ (3 Bände, 1856), sind in vielen (zum Teil bearbeiteten) Auflagen und Übersetzungen verbreitet. Ihre Bedeutung geht über die von Jugend- oder Unterhaltungslektüre hinaus. G. hat dem völkerkundlichen Roman in Deutschland durch Einbeziehung von Südamerika, Australien und Ozeanien (neben dem Schwerpunkt Nordamerika) weltweite Themen gewonnen. Seine Schilderungen, besonders des zeit- und lokalgeschichtlichen Hintergrundes, sind treffend und literarisch gelungen dank menschlicher Anteilnahme und scharfer Beobachtung, die zunehmend durch das Studium ethnographischer und landeskundlicher Literatur ergänzt und unterbaut wurde. Während er die Personen psychologisch nur wenig vertieft und im wesentlichen als Träger der Konflikte einsetzt, gelingt es G., die für ihn im Mittelpunkt stehenden kulturhistorischen Auseinandersetzungen an der „Grenze“ der Europäisierung in spannenden Handlungsgefügen zur Darstellung zu bringen.

  • Werke

    Weitere W u. a. (viele ins Engl., Holländ., manche auch ins Franz. u. Span. übers.) Streif- u. Jagdzüge durch d. Vereinigten Staaten v. Nordamerika, 2 Bde., 1844;
    Der dt. Auswanderer Fahrten u. Schicksale, 1847;
    Reisen, 5 Bde., 1853;
    Tahiti, 4 Bde., 1854;
    Nach Amerika, 5 Bde., 1855;
    Gold, 3 Bde., 1858;
    Unter d. Äquator, 3 Bde., 1860;
    18 Monate in Südamerika u. dessen dt. Colonien, 3 Bde., 1862;
    Die Colonie, 3 Bde., 1864;
    Zwei Republiken, 6 Bde., 1867 (I-III Gen. Franco, IV-VI Sennor Aguila);
    Unter d. Peuchuënchen, 3 Bde., 1867;
    Die Missionäre, 3 Bde., 1868;
    Neue Reisen durch d. Vereinigten Staaten, Mexiko, Ecuador, Westindien u. Venezuela, 3 Bde., 1868;
    Die Blauen u. Gelben, 3 Bde., 1870;
    In Mexiko, 4 Bde., 1871;
    In Amerika, 3 Bde., 1872;
    Gesammelte Schrr., 43 Bde., 1872-78;
    seit 1903 versch. Ausgg. u. Bearbb. f. d. Jugend, 18 bänd. Ausg., 1936–39. - Aus d. Nachlaß: Am Orinoco, 1939 (v. J. M. Velter vervollständigt);
    Kunibert v. Eulenhorst od. d. geschundene Raubritter, Großes Ritterschausp. in 5 Akten, 1844 (u. d. Ps. J. Rebhahn, ungedr.);
    64 lyrisch-epische Gedichte (ungedr.).

  • Literatur

    ADB IX;
    B. Jacobstroer, Die Romantechnik bei F. G., Diss. Greifswald 1914;
    G. H. R. O'Donnell, G. in America 1837/43. in: Publications of the Modern Language Association of America 42, New York 1927;
    E. Seyfarth, F. G., Ein Btr. z. Gesch. d. exot. Romans in Dtld., Freiburg/Br. 1930;
    A. J. Prahl, G. u. d. Probleme s. Zeit, Diss. Baltimore 1933, Wertheim 1938;
    ders., America in the works of G., in: The Modern Language Quarterly 4, Seattle/Wash. 1943;
    L. Quantz. Zur Gesch. d. völkerkundl. Romans: F. G., in: Göttinger völkerkundl. Stud., hrsg. v. H. Plischke, 1939, S. 45-76;
    F. Huch, Dresdner Capriccio, 1948 (Erzählung);
    H. Plischke, Von Cooper bis Karl May, Gesch. d. völkerkundl. Reiseromans I, 1951, S. 87 ff.;
    N. van de Luyster, G.s Novels about Emigrants to America, in: The American-German Review 20, Philadelphia 1953/54, S. 22 f., 36;
    Brümmer (W);
    Frels;
    F. Lenz, F. G., Ein Bild d. Menschen u. s. Werkes (ungedr.).

  • Portraits

    Zeichnung v. A. Neumann, 1870, Abb. in: Gartenlaube, Jg. 1872, S. 419;
    Phot. in: H. Plischke, Von Cooper bis K. May, 1951;
    H. W. Singer, Allg. Bildniskat. V, 1931, 32 241-43.

  • Autor/in

    Fritz Lenz
  • Empfohlene Zitierweise

    Lenz, Fritz, "Gerstäcker, Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 323 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118538810.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Gerstäcker: Friedrich G., Reisender, fruchtbarer Schilderer und Erzähler, geboren den 10. Mai 1816 zu Hamburg als Sohn des Vorigen, erlernte wider seinen Willen in Kassel die Kaufmannschaft, und widmete sich dann zu Döben bei Grimma der Landwirthschaft. 1837 wanderte er über Bremen nach Amerika aus, wo er unter wechselndem Aufenthalt in Newyork und anderen Städten Streifzüge durch verschiedene Theile der Vereinigten Staaten ausführte und nach ächt amerikanischer Sitte in den verschiedensten, mitunter abenteuerlichen, Lebensstellungen sein Glück versuchte. 1843 nach Deutschland zurückgekehrt, war er litterarisch thätig mit der Herausgabe der Schilderungen seiner Streifzüge und zum Theil darauf gegründeter Romane und Erzählungen und machte dann, vom damaligen Reichsministerium zu Frankfurt unterstützt, von 1849—52 eine zweite Reise durch Südamerika, Californien, die Sandwich- und Gesellschaftsinseln, das südöstliche Australien und einige Theile von Niederländisch-Indien. Im J. 1860 trat er eine dritte Reise an, deren Hauptzweck der Besuch deutscher Colonien in Südamerika und Erhebungen über die Möglichkeit einer Hinlenkung des deutschen Auswandererstromes nach diesem verheißungsvollen Erdtheile war. Sie führte ihn über die Landenge von Panama nach Ecuador, Peru, Chile, Uruguay und Brasilien. Er kehrte 1861 nach Deutschland zurück. Im folgenden Jahre begleitete er den Herzog Ernst von Coburg-Gotha nach Aegypten und Abessinien. 1867—68 unternahm er eine vierte transatlantische Reise, auf welcher er Theile von Nordamerika, Mexico, Ecuador, Venezuela und Westindien durchzog. Früher in Leipzig und Gotha wohnhaft, lebte er in den letzten Jahren in Dresden und Braunschweig und starb in der letzteren Stadt am 31. Mai 1872. Gerstäcker's Reisewerke, unter denen die bedeutendsten „Reisen“ (5 Bde., 1853—54) und „Achtzehn Monate in Südamerika“ (3 Bde., 1862), traten an Zahl und Bedeutung weit hinter seinen Romanen zurück. Die letzteren sind es vorzüglich, welche ihm zu dem Rufe und der Beliebtheit verhalfen, die er bei einem großen Theil der deutschen Lesewelt genoß. Daneben hat er eine ausgebreitete journalistische Thätigkeit entfaltet, die unter anderem in der Vertheidigung der Interessen deutscher Auswanderer und Ansiedler in fernen Ländern, besonders Südamerika, und in der immer wiederholten Betonung der Nothwendigkeit fester nationaler Institutionen für die Vertretung unserer Interessen in den außereuropäischen Ländern, Ziele setzte und Erfolge errang, welche Deutschlands Dank verdienten und das zumal in politisch schläfrigen Zeiten wie vor 1848 und nach 1850. Seine ersten Romane waren: „Die Regulatoren in Arkansas" (3 Bde., 1846) und „Die Flußpiraten des Mississippi“ (3 Bde., 1848). Zwischen diesen und dem letzten „Ein Plagiar“, der in Mexiko spielt, liegt eine lange Reihe von Romanen und Erzählungen, welche alle Länder und Meere der Erde, mit Vorliebe aber die heißen, leidenschaftsreichen Tropengegenden zu ihrem Schauplatz wählen. Die reichen Erfahrungen Gerstäcker's sind hier mit rasch gestaltender Phantasie zu kecken, naturwahren Bildern verwoben, denen es zwar oft an künstlerischer Durcharbeitung und Vertiefung, nie aber an Lebensfülle und spannender Handlung fehlt. Man sagt, daß das stoffliche Interesse in denselben das künstlerische weit überwiege und es wird freilich eine lebendige Dauer über den Bestand eben jenes Interesses hinaus keinem seiner Werke zuzusprechen sein, da weder Tiefe der Gedanken noch Formschönheit sie classisch erscheinen läßt. Aber der Name „Naturschriftsteller“, mit dem man G. bezeichnet hat, sollte nicht geringschätzig gebraucht werden, denn die Naturwüchsigkeit, Kraft und Lebenstreue seiner Schilderungen und Dichtungen, seine Anlehnung an die große Natur waren ein gesundes und wohlthuendes Element in einer Literatur, die, wie die deutsche zur Zeit seines ersten Auftretens, an epigonenhafter Ueberfeinerung und an binnenländisch-kleinstädtischer Enge des Gesichtskreises litt. Wissenschaftliche|Resultate hat G. auf seinen zahlreichen Reisen nicht erzielt, übrigens auch nicht gesucht; selbst seine Naturbilder sind bei aller Wirksamkeit selten genau und detaillirt genug, um in der schildernden Geographie Verwerthung finden zu können.

    • Literatur

      Vgl. Köln. Zeitung, 1. Juni 1872. Unsere Zeit, N. F. VIII. Jahrg. 2. Hälfte.

  • Autor/in

    Ratzel.
  • Empfohlene Zitierweise

    Ratzel, Friedrich, "Gerstäcker, Friedrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 9 (1879), S. 59-60 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118538810.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA