Lebensdaten
1806 bis 1849
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Wien, Ehrengrab auf d. Wiener Zentralfriedhof
Beruf/Funktion
Dichter ; Philosoph ; Arzt
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118532693 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Feuchtersleben, Ernst Maria Johann Karl von
  • Feuchtersleben, Ernst Freiherr von
  • Feuchtersleben, Ernst
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Zitierweise

Feuchtersleben, Ernst, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118532693.html [18.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus fränk.-thür. Geschl.;
    V Ernst (1765–1834, ev., in 1. Ehe Josepha, 1772–1801, T d. Berbers Angelo Soliman, 1796, im Dienst d. Fürsten Lobkowitz u. Liechtenstein, s. Wurzbach 35), k.k. Artillerieoffz., Hofbaurat, Mitarbeiter a. d. Logarithmentafeln d. Gg. Frhr. v. Vega, S d. Christoph Erdmann Feuchter (Reichsadel 1765 als „v. Feuchtersleben“, 1726-96), sachsen-hildburgh. Artillerieoffz., Oberlandbaudir. u. Kammerrat, u. d. Sophie Schott v. Schottenstein;
    M Cäcilia ( 1807, kath.), T d. Joh. Christoph Willkomm de Clusolis, k.k. Kassierer b. d. Staatsschuldenkasse, u. d. Brigitte Geldermayer v. Gelderhoven;
    Ov Wilh. (1768–1844), k.k. FML;
    Tante-v Caroline (1774–1842, Verlobte v. Jean Paul, 1820 Karl Christoph v. Grundherr, 1831, sachsen-hildburgh. Hof-, Konsistorial- u. Oberlandesgerichtsrat), sachsen-hildburgh. Oberhofmeisterin;
    Halb-B Eduard (1798–1857), Sudhüttenmeister in Aussee;
    Wien 1834 Maria Magd. (gen. Helene) (1801-82), T d. Franz Kalcher in Wolfsberg u. d. Maria Jovanzin; kinderlos.

  • Leben

    Im Theresianum erzogen, setzte der 19jährige gegen den Willen seines Vaters seinen Entschluß, Arzt zu werden, durch. 1834 in Wien zum Dr. med. promoviert, vollendete er seine Selbsterziehung unter harten Schicksalsschlägen, in sozialer Not wie im regen Umgang mit dem Künstlerkreis im „Silbernen Kaffeehaus“, mit Bauernfeld, Schubert, Schwind und anderen. Als Schriftsteller und Arzt kein Unbekannter mehr, verkehrte F. im Salon der Karoline Pichler, im Hause Wertheimstein und wurde Freund und Hausarzt der Ottilie von Goethe. Dem Weltmanne aber eignete doch auch eine starke Neigung zur Einsamkeit, aus der ihn nur Freundschaften mit einzelnen, so mit Grillparzer, mit J. Stan. Zauper und in seinen letzten Jahren mit Hebbel zu lösen vermochten.

    1836 erschienen seine Gedichte, 1837 die „Beiträge zur Literatur, Kunst und Lebenstheorie“. Genau beobachtende Naturgedichte bezeichneten seine dichterischen Anfänge, die aber bald zum Ausdruck jener Entsagung reiften, die das tätige Wirken für die Menschheit auferlegt. Damit weitete sich auch die Gestaltung von einfachen, volksliedhaften Tönen („Es ist bestimmt in Gottes Rat“) über antike Vorbilder bis zu orientalisierenden Formen, die ihm Goethe, Hammer-Purgstall und eigenes Studium des Türkischen und Persischen nahegebracht hatten. Mit den steigenden Jahren verstärkte Neigung zu philosophischer Betrachtung ließ ihn zur Gnome und zum Aphorismus finden. – Der Kritiker F. erkannte die großen Gipfel der europäischen und orientalischen Literatur, die Lebensmeisterschaft des greisen Goethe, beinahe als erster den Naturforscher Goethe. Von der romantischen Allpoesie erwartete er keine Heilung des „pathologischen“ Zustandes der Gegenwartsliteratur, wiewohl er der Romantik im einzelnen, besonders F. Schlegel und Novalis, verpflichtet war und andere ihrer Randerscheinungen, so W. Heinse und H. von Kleist (besonders dessen Novellenkunst), schon früh würdigte. Psychologisches Interesse und Objektivität bis zur Selbstentäußerung ließen F. häufig zum Biographen, unter anderem F. Schlegels, Goethes, Schillers, Jean Pauls, zum Herausgeber W. F. von Meyerns und Mayrhofers sowie zum verständnisvollen Förderer junger Talente, zum Beispiel O. Prechtlers und F. Stelzhammers, werden. – 1838 erschien seine berühmte Schrift „Zur Diätetik der Seele“ (501907), 1839 der Aufsatz „Die Gewißheit und Würde der Heilkunst“. Der durch diese Arbeiten Empfohlene wurde 1840 zum Sekretär der Gesellschaft der Ärzte (bis 1844) gewählt. Seit 1844 als akademischer Lehrer der Universität Wien wirkend, veröffentlichte er 1845 sein „Lehrbuch der ärztlichen Seelenkunde“, das in alle Kultursprachen übersetzt wurde. 1845/46 Dekan der medizinischen Fakultät, seit 9.10.1845 Vizedirektor des medizinischen Studiums, erwies er sich als maßvoller Reformer, dessen Pläne alle auf der Freiheit der Lehre und Forschung aufbauten. Diese zu erringen, beriet er seit 1845 mit St. Endlicher und Hammer-Purgstall die Gründung der Akademie der Wissenschaften in Wien und stellte sich 1848 der Revolution als Lehrer, Schriftsteller und schließlich als verantwortlicher Beamter zur Verfügung. – Der einzigartige Zusammenhang in seinem Wirken als Denker, Lehrer, Arzt und Studienreformer gründet in der Geschlossenheit seines Welt- und Menschenbildes. F. suchte in die idealistische Kultur des Geistes den Bereich der inneren Erfahrungsgewißheit hereinzunehmen und hielt den Ausgleich von Ideal und Wirklichkeit nur auf dem Wege der Resignation und im Zusammenhang mit dem menschheitlichen Bildungsprozeß für möglich. Diesem Entwicklungsvorgang hat die menschliche Selbsterziehung („Diätetik der Seele“) als immerwährende Aufgabe, die Harmonie von Leib und Seele als Ziel der Persönlichkeit zu dienen. Damit wurde für F. das psychophysische zu einem ethischen Problem.

    Der Arzt F. nahm teil an dem Bestreben, die diagnostische Intuition des Hippokratismus in lehrbare Technik überzuführen, versuchte aber dabei der Gefahr der Spezialisierung entgegenzutreten, weil er wie die romantische Medizin den Menschen als Ganzheit sah. Indem er die Zeitkrankheit der „Hypochondrie“ – wie vor ihm Reil und Ritgen –|als Persönlichkeitserkrankung analysierte und ihre Heilung durch eine von der Selbsterkenntnis ausgehende Psychagogik forderte, gewann auch die Wiener Psychiatrie Anschluß an den Aufschwung der modernen Seelenheilkunde. Auf diesen Einsichten beruhte auch sein Idealbild vom Arzte, das neben fach- und naturwissenschaftlicher Ausbildung auch sittliche Reife, Kultur und Weisheit als Wesenszüge aufweist. Dieses zu verwirklichen, regte er einen Reformplan an, der in seinen wesentlichen Teilen – Stellenbesetzung statt durch Konkurs durch Berufung; Abschaffung der Dissertation und Disputation, öffentliche Prüfung; Aufhebung der niederen medizinischen Grade – noch die heutige Studienordnung bestimmt. – Als Unterstaatssekretär für öffentlichen Unterricht im Ministerium Doblhoff hat F. trotz der kurzen Amtszeit (18.7.-6.10.1848) die Reform des gesamtösterreichischen Unterrichtswesens entscheidend vorangetrieben. Die Gründung des Fachschulwesens, Hebung der Bildung der Volksschullehrer, im Mittelschulwesen die Organisation eines humanistischen und eines realistischen Hauptzweiges mit gemeinsamer Unterstufe, Einführung des Naturgeschichtsunterrichtes, des Studiums der deutschen, beziehungsweise der Landessprachen der Monarchie, Einführung des Fachlehrer- an Stelle des Klassenlehrersystems, die Verlegung der ersten beiden („philosophischen“) Universitätsjahre in die Mittelschule, die Synthese von Lehre und Forschung an den Hochschulen – all das hatte F. zum Teil verwirklichen, im wesentlichen als Programm entwickeln können, das später die Grundlage des Reformwerkes von F. Exner und H. Bonitz wurde. Die politische Organisation des Schulwesens scheiterte mangels einer Verfassung wie auch am Radikalismus der Oktobertage, dem F.s zartorganisierte Natur nicht gewachsen war. F., der im Wirken für andere seine eigentliche Aufgabe sah, hat es nie verwunden, daß man ihm nach seiner Entlassung (November 1848) und nach seiner Rückkehr aus Aussee (Anfang 1849), wohin er im Oktober 1848 geflüchtet war, auch die Tätigkeit als Universitätslehrer versagte. Er konnte dafür auch in seinen folgenden Arbeiten – „Das neue Ministerium des öffentlichen Unterrichts in Österreich“ (Wiener Zeitung vom 17.12.1848); „Über die Frage von Humanismus und Realismus als Bildungsprinzipe“, Akademievortrag 1849; „Vorlesungen über Anthropologie“, 1849 – keinen Ersatz finden und erlag, auch in seiner geistigseelischen Widerstandskraft geschwächt, bald einem schweren Unterleibsleiden.

    F. gehört gleich Grillparzer und Stifter der letzten Epoche idealistischer Geisteskultur, dem Biedermeier, an, dessen Philosoph er war. Er wußte um seinen tragischen Zwiespalt als Mensch an der Grenze zweier Zeitalter, an dem er schließlich trotz seiner Resignationsfähigkeit zerbrach: um seine unstillbare Sehnsucht nach freier Entwicklung des Daseins und um die Hemmnisse, die sich in ihm selbst und außer ihm gegen dieses Verlangen aufrichteten. Zu diesem Schicksal stimmte auch die späte Anerkennung, die ihm, dem Mitglied zahlreicher gelehrter Gesellschaften und Inhaber vieler Ehrendiplome des Auslandes, seine Heimat erst 2 Jahre nach seinem Tode mit der Feier am 21.5.1851 zuteil werden ließ.

  • Werke

    Weitere W Sämmtl. Werke, Mit Ausschluß d. rein med., hrsg. v. F. Hebbel, 7 Bde., 1851-53 (I, S. VII-XXVI;
    Autobiogr. Mitt. f. d. k.k. Ak. d. Wiss., 1849);
    Ausgew. Werke, hrsg. v. R. Guttmann, 5 T. in 1 Bd., 1907 (L, P);
    Der Geist d. dt. Klassiker, hrsg. v. W. Ruland, 1917;
    Alm. d. Radierungen v. M. v. Schwind, mit erklärenden Texten in Versen, 1844, neuhrsg. v. O. E. Deutsch, 1920;
    Vom inneren Gleichgewicht, hrsg. v. H. Merk, 1947 (Auswahl);
    Kleines Lehrb. d. Vernunft, hrsg. v. H. Tabarelli, 1949 (Zur Diätetik d. Seele u. Tagebuchbll.);
    Ein Dienst z. Nacht ist unser Leben, eingel. u. ausgew. v. Th. Trummer, 1958.

  • Literatur

    ADB VI;
    F. Grillparzer, Meine Erinnerungen an F., 1850 f., in: Sämmtl. Werke I, 16, Prosaschrr. IV;
    F. Hebbel, E. Frhr. v. F., Umrisse zu s. Biogr. u. Charakteristik, ebd. VII;
    F. Haid, E. Frhr. v. F., Eine Stud. z. Verständnis s. Persönlichkeit, Diss. Wien 1930 (ungedr.);
    W. Bietak, Das Lebensgefühl d. „Biedermeier“ in d österr. Dichtung, 1931;
    ders., Grillparzer-Stifter-F., Die Unzeitgemäßen d. J. 1848, in: DVjS, 1950, S. 247, 259-06;
    K. Koweindl, Die Biogr. F. Schlegels v. E. Frhr. v. F., Diss. Wien 1934 (ungedr.);
    E. Roemer, Grillparzer u. F., Diss. ebd 1948 (ungedr.);
    M. Engels, Das Verhältnis F. Hebbels zu E. Frhr. v. F., Diss. ebd. 1948 (ungedr., mit Angabe d. wichtigsten Zss., in denen F. veröffentlichte, u. Aufsätze u. Gedichte, die Hebbel in s. Ausg. nicht aufnahm);
    100 J. Unterrichtsmin. 1848–1948, Festschr. d. Bundesmin. f. Unterricht in Wien, hrsg. v. E. Loebenstein, 1948, S. 9 f., 11, 54 ff., 61 ff., 142, 173 f.;
    H. Rupprich, E. v. F., I. Leben u. Schrr., in: Anz. d. Österr. Ak. d. Wiss., Phil.-Hist. Kl. 87, 1950, Nr. 1-25, 1951, S. 194-203 (L bis 1942);
    G. Wilhelm, dass., II. Ein Gedenkbl., ebd., S. 203-14;
    R. Meister, dass., III. F.s Anteil a. d. Unterrichtsreform 1848 u. an d. Ak. d. Wiss., ebd., S. 214 ff.;
    W. Creutz, Der Dichterarzt E. Frhr. v. F. u. d. psychosomat. Med., in: Med. Mschr. 5, 1951, S. 286-89 (mit med. L);
    E. Schramm, Unveröff. Briefe F.s, in Euphorion 46, 1952, S. 421-39;
    Ch. L. C. Burns, A forgotten Psychiatrist, Baron E. v. F., M. D., 1833, in: Proceedings of the Royal Society of Medicine 47, London 1954, S. 190-94;
    K. König, Der Goetheanist E. Frhr. v. F., in: Btrr. z. e. Erweiterung d.|Heilkunst nach geisteswiss. Erkenntnissen 9, 3/4, März/April 1956, S. 1-22;
    L. Eltz-Hoffmann, F., 1956 (L, P);
    E. Keppelmüller, E. v. F., in: NÖB X, 1957, S. 30-45 (W, L, P);
    Frels;
    Kosch, Lit.-Lex.;
    Körner;
    Wurzbach IV;
    ÖBL. – Zur Geneal.: M. Feuchter, in: Die Thüringer Sippe 5, 1939, S. 43-48 (L).

  • Portraits

    Zeichnung v. M. v. Schwind (R. Seligmann u. F.), Abb. in: Aus Briefen v. E. Frhr. v. F. 1826-32, hrsg. v. A. F. Seligmann, 1909;
    Punktierstich nach J. Danhauser v. F. Stöber (Wien, Österr. Nat.bibl.), Abb. in: G. Könnecke, Bilderatlas z. Gesch. d. dt. Nat.lit., 1887, S. 284;
    Ölbild v. C. Rahl (Hist. Museum d. Stadt Wien);
    Gem. v. J. M. Aigner (ebd., Univ.).

  • Autor/in

    Wilhelm Bietak
  • Empfohlene Zitierweise

    Bietak, Wilhelm, "Feuchtersleben, Ernst" in: Neue Deutsche Biographie 5 (1961), S. 105-108 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118532693.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Feuchtersleben: Ernst Freiherr v. F., geistvoller Schriftsteller und Arzt, geb. 29. April 1806 zu Wien, erhielt seine erste wissenschaftliche Bildung in der kaiserl. königl. Theresianischen Adelsakademie und studirte dann Medicin. Seit 1840 Secretär der kaiserl. königl. Gesellschaft der Aerzte eröffnete er 1844 an der Wiener Hochschule Vorträge zur Vorbildung psychischer Aerzte und wurde noch in demselben Jahre Decan der medicinischen Facultät und 1847 Vicedirector der medicinisch-chirurgischen Studien in Wien. Im J. 1848 erhielt er unter dem Ministerium Dobblhof die Stelle eines Unterstaatssecretärs im Ministerium des Unterrichts, kehrte jedoch, da er sein Streben verkannt und sein Wirken nutzlos sah, schon im October 1848 lieber in das Privatleben zurück, als daß er seiner idealen Auffassung des Lebens untreu ward und seine liberalen Grundsätze verleugnete. Aber die Freudigkeit seines Geistes war damit vernichtet und seine Lebenskraft gebrochen. Schon ein Jahr darauf erlag er einer plötzlichen Krankheit am 3. Sept. 1849.

    F. trug die Begeisterung und die. Befähigung in sich, Reformator des öffentlichen Unterrichts in Oesterreich zu werden. Er tritt uns als ein ehrenwerthes, wohlthuendes Charakterbild entgegen, das in dankbarer Anerkennung des Angestrebten wol verdient, von seinen verschiedenen Seiten betrachtet zu werden. Daß er, mit an die Spitze der Schulverwaltung gestellt (das Unterrichtsministerium selbst lehnte er im Juli 1848 bescheiden und entschieden ab), kein mechanischer Fortführer altverjährten Herkommens und Brauches sein werde, das konnte man schon aus einzelnen Zügen aus seinem Jugendleben schließen. Seine Willensstärke und Entsagungsfähigkeit zu prüfen und zu üben, legte er sich schon im Theresianum freiwillig persönliche Entbehrungen auf. Er verbrachte ganze Nächte auf der nackten Erde, auf das Bett verzichtend, oder aß sich nur halb satt und ließ gerade seine Lieblingsspeisen unberührt. Selbst die Einladungen ins väterliche Haus während der Ferien schlug er unter mancherlei Vorwänden aus, um sich ein Opfer aufzulegen, daß ihn in seinen Augen groß und stark erscheinen ließe. Trotz dieses ungewöhnlichen Bildungszwanges, der sich früh in eigenthümlichen Formen ausprägte, wußte er sich vor Schroffheit und Schwärmerei zu bewahren und gerade ein künstlerisches Maßhalten und eine harmonische Abgrenzung zu gewinnen und in seinem ganzen Auftreten, in seinen Verschiedenen Wirkungskreisen als Eigenthümlichkeit seines Lebens hervortreten zu lassen. Wir haben es hier zunächst nicht mit dem sinnigen Dichter, nicht mit dem geschickten gewissenhaften Arzte, nicht mit dem menschenfreundlichen Philosophen zu thun, sondern mit dem Streben eines Mannes, der sein Heimathland zu den Höhen deutscher Bildung und Wissenschaft zu erheben und in untrennbare und umfassende Verbindung mit Deutschland zu setzen bemüht war. Welches Vertrauen er in die Bildungsfähigkeit seiner Landsleute setzte, wie er an eine große Zukunft Oesterreichs gerade in seiner Bedeutung für die Wiedergeburt der deutschen Litteratur und Poesie glaubte, davon Zeugt unter anderem folgende Stelle aus seinen „Lebensblättern": „Es ist kaum zu viel gehofft, wenn wir, insofern überhaupt eine Wiedergeburt der deutschen Dichtkunst bevorsteht, dies von Oesterreich aus verheißen. Hier war es, wo Lessing's und des unschätzbaren, im übrigen Deutschland verkannten Wieland's gesunde, fröhliche Pflanzungen in der Josephinischen Epoche für die Dauer Wurzel schlugen; hier gilt der klare Menschensinn, hier ist Volksgefühl für lebendige Poesie. Als noch das ganze übrige Deutschland vom Traum der Schlegel-Novalis'schen Hyper-Romantik gefesselt lag und tiefzarten Unsinn phantasirte, da war es eine einfachklare, ruhige Stimme aus Oesterreich, die des verständigen J. Schreyvogel, genannt West, in seinem trefflichen „Sonntagsblatt“, welche allein das Kind, wenn auch etwas laut, beim rechten Namen nannte, den nun jeder Knabe nachspricht."|F. schien ganz zum Vermittler deutscher und österreichischer Art und Bildung geschaffen; obwol Katholik, doch schon in seinem 15. Jahre durch Luther's Schriften zum deutschen Nationalwesen hingezogen; obwol auf österreichischen Schulen erzogen, doch schon früh mit Gedanken erfüllt, die den altherkömmlichen Richtungen seines heimathlichen Lebens wiedersprachen; obwol friedlichen Gemüthes, doch durch philosophirende und ideelle Richtung seiner Natur, dem unveränderlichen Standpunkt seiner Umgebung gegenüber, nicht zu anmaßlich keckem Widerspruch, aber zu verständig begründeter Entgegnung geneigt und in allen feurigsten Umgestaltungsplänen von inniger Vaterlandsliebe und Achtung vor der sittlichen und geistigen Freiheit des Menschen erfüllt. Zur Zeit, als die Wogen des aufgeregten Volkes stürmisch hoch gingen, war es Feuchtersleben's eifriges Trachten, die Springfluth zu dämmen und die übertretenden Wellen in ein geregeltes Bett zurückzuleiten, in seiner späteren amtlichen Stellung aber, dem ganzen Volke eine Bildung zuzuwenden, welche die einzelnen Glieder des Staates zu einem gesunden, ebenmäßigen und glücklichen Körper verbände. Von F. geleitet veröffentlichte Minister Dobblhof den rühmenswerthen „Entwurf der Grundzüge des öffentlichen Unterrichts in Oesterreich“. Darin sind als Hauptgrundzüge das Recht und die Pflicht des Staates, für den Unterricht der Jugend zu sorgen, die Befreiung von der Bevormundung der Kirche (ohne den Clerus vom Unterrichte auszuschließen) und die Herleitung der akademischen Einrichtungen aus dem wissenschaftlichen und corporativen Begriff der Universitäten aufgestellt. Doch war damals der günstige Augenblick zur Ausführung dieses Planes schon vorüber. Sie scheiterte an manchen politischen Schwierigkeiten, wozu auch der Grundsatz der Gleichberechtigung der Nationalitäten Oesterreichs gehörte, die in der Unterrichtsfrage zur Geltung kommen sollte. In seinen Schriften lernen wir F. nicht nur als gebildeten, denkenden Arzt, sondern auch als einen mit lebensfrischem Humor begabten Dichter kennen. Er verfaßte u. a. „Zur Diätetik der Seele", 1838. 40. Aufl. 1874, eine Schrift, die für das größere Publicum bestimmt war und worin er mit überzeugender Kraft nachweist, daß die Gesundheit des Körpers durch Kräftigung der geistigen Thätigkeit und der Willenskraft erhalten oder wieder hergestellt werden könne; „Gedichte", 1836. 4. Ausg. 1846 (das schöne Gedicht „Es ist bestimmt in Gottes Rath“ ist bekanntlich fast zum Volksliede geworden); „Die Gewißheit und Würde der Heilkunst“, auch unter dem Titel: „Aerzte und Publicum", 1839; „Lehrbuch der ärztlichen Seelenkunde“, 1846; „Beiträge zur Litteratur, Kunst- und Lebenstheorie“, 1841. Seine sämmtlichen Werke (mit Ausschluß der rein medicinischen) wurden von Fr. Hebbel (Wien 1851—53. 7 Bände) herausgegeben, worin auch die von Hebbel verfaßte Biographie Feuchtersleben's.

  • Autor/in

    J. Franck.
  • Empfohlene Zitierweise

    Franck, Jakob, "Feuchtersleben, Ernst" in: Allgemeine Deutsche Biographie 6 (1877), S. 730-731 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118532693.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA