Lebensdaten
1803 bis 1878
Geburtsort
Zell am Harmersbach (Kinzigtal)
Sterbeort
Freiburg (Breisgau)
Beruf/Funktion
Jurist ; Politiker
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 11851802X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Buß, Franz Joseph
  • Buß, Franz Joseph Ritter von
  • Buß, Franz Joseph

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Zitierweise

Buß, Franz Joseph Ritter von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11851802X.html [16.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Franz Jos. (1758–1833), Schneider in Zell, zeitweilig Oberbürgermerister der kleinen Reichsstadt, S des Schneiders Jos. u. der Elis. Schmider;
    M Barb., T des Matthias Jäckle in Steinach u. der Kath. Matt;
    Horb 1835 Maria Magd. (1816–90), T des Tuchfabrikanten Ceßler v. Braureck in Horb;
    4 S, 4 T, u. a. Herm. (1847–1912), k. u. k. FML.

  • Leben

    B. wurde 1829 Privatdozent, 1833 außerordentlicher und 1836 ordentlicher Professor für Staatswissenschaft und Völkerrecht, 1844 auch für Kirchenrecht in Freiburg. 1837-40, 1846-48 und 1873 gehörte er der Zweiten Kammer des badischen Landtags sowie 1873 dem Reichstag an.

    Nach liberaler, freigeistiger Jugend wurde B. bleibend beeinflußt durch das anfängliche medizinische Studium der anthropologischen Richtung Ignaz Schmiederers. Seine Basler medizinische Dissertation ging über „Die Idee der anthropologischen Medizin“ (1831). Die Lehre vom Organismus des menschlichen Lebens sollte bestimmend werden auch für B. politische Anschauungen. Er entwickelte sich vom Schüler Carl Theodor Welckers und Johann Georg Duttlingers (weniger Carl von Rottecks, der ihn als Privatdozenten ablehnte) zu einem Religion und Volkstum in den Mittelpunkt seiner „organischen Volksordnung“ stellenden Politiker. Gedankengänge Robert von Mohls verwertend und von englischen Industrie-Verhältnissen beeindruckt, regte B. 1837, als jüngster Abgeordneter und als erster in einem deutschen Parlament (freilich erfolglos), eine Arbeiterschutz-Gesetzgebung an und erstrebte eine soziale Wirtschaftsordnung: Zügelung der Industrie zugunsten von Landwirtschaft und Handwerk, Einschränkung der Arbeitszeit und der Kinderarbeit, Werkgemeinschaft von Industrieherren und Arbeitern, Hebung des Arbeiterstandes durch Bildung und Ermöglichung von Eigentumserwerb, Grundlegung eines eigenen Arbeitsministeriums. Da der Staat versagte, suchte B. seitdem Kirche und Klerus für sozialpolitische und caritative Arbeit zu gewinnen und führte mehrfach große Hilfsaktionen für Notleidende durch.

    Für die freie Entwicklungsmöglichkeit der Kirche und als entschiedener Gegner der Staatsallmacht und der Bürokratie, angeregt durch die Freiheitskämpfe der katholischen Parteien in Frankreich, Belgien und Irland, trat er 1844/45 im Kampf gegen den „Deutschkatholizismus“ mit Bernhard Freiherr von Andlaw an die Spitze der „Katholischen Bewegung“ in Baden, gründete die katholisch-konservative „Süddeutsche Zeitung“ und entfachte den ersten Petitionssturm der badischen Katholiken an den Landtag, in dem er 1846/47 in einsamer Opposition der entschiedenste katholische Abgeordnete war. Schon bald nach der Revolution 1848 organisierte er die katholischen Vereine in Baden zur Einflußnahme auf die Frankfurter Nationalversammlung. B. wurde als der sprachmächtigste katholische Volksführer im Oktober 1848 Präsident des 1. Deutschen Katholikentages in Mainz und kam darauf nachträglich als Vertreter eines westfälischen Kreises in die Frankfurter Nationalversammlung, wo er entschieden für ein mitteleuropäisches Reich unter habsburgischem Kaiser und gegen die Kleindeutschen kämpfte. Im Januar 1849 reiste er nach Wien und Olmütz, um Franz Joseph persönlich für eine klare Reichspolitik zu gewinnen. Seine großdeutsche Politik setzte er 1850 im Erfurter Parlament trotz hoffnungsloser Minderheit dieser Gruppe fort.

    Seit 1846 warb B., nach dem Beispiel Löwens, für eine freie katholische Universität Deutschlands und entwickelte ein großzügiges Bildungsprogramm für die katholischen Vereinigungen der verschiedensten Art. Er trat mehrfach für die neben Heidelberg zurückgesetzte Universität Freiburg ein und forderte die Verlegung der Forstwissenschaftlichen Abteilung von Karlsruhe nach Freiburg. B. war der Verteidiger der Kirche im badischen Kirchen- und Schulstreit (1852–60) und im Kulturkampf. - 1955 wurde in Freiburg ein „Sozialpolitischer Arbeitskreis Ritter von B.“ gegründet, der die „organische|Staatsidee“ von B. für die neue Zeit fruchtbar machen und weiterentwickeln will.

  • Werke

    u. a. Üb. d. gegenwärt. Standpunkt d. pol. Parteien unter sich u. üb. d. einzig möglichen Weg ihrer Versöhnung, Freiburger Antrittsvorlesung, 1829 (verloren);
    Üb. d. Einfluß d. Christentums auf Recht u. Staat, 1841;
    Die Methodol. d. Kirchenrechts, 1842;
    System d. gesamten Armenpflege (nach Gérando), 3 Bde., 1843-46 (1. caritaswiss. Buch in dt. Sprache);
    Der Unterschied d. kath. u. prot. Univ. Teutschlands, 1846;
    Zur kath. Pol., 1850 (Auseinandersetzung mit J. M. Donoso-Cortés);
    Die Aufgabe d. kath. Theils teutscher Nat., 1851;
    Die Reform d. kath. Gelehrtenbildung in Teutschland, 1852;
    Die Ges. Jesu, 2 Bde., 1853;
    Die kirchl. Immunität, 1855;
    Übers.: Benj. Constant, Sämtl. Werke, 4 Bde., 1834-35.

  • Literatur

    ADB XLVII (unbrauchbar);
    F. Dor, F. J. Ritter v. B., 1911 (P);
    J. Dorneich, Der bad. Politiker B., Diss. Freiburg i. Br. 1922 (ungedr.);
    ders., in: HJb. 45, 1925;
    ders., in: Kath., konservatives Erbgut, hrsg. v. E. Ritter, 1934, S. 145 ff.;
    ders., B. u. d. Anfänge d. kath. Bewegung in Baden, in: Idee, Gestalt u. Gestalter d. 1. dt. Katholikentags in Mainz 1848, 1948;
    ders., Die organ. Staatsauffassung v. B., in: Foederalist. Hh., 1948;
    A. Retzbach, B., 1928 (P);
    K. Spreng, Stud. z. Entstehung sozialpol. Ideen auf Grund d. Schrr. F. v. Baaders u. B.s, Diss. Gießen 1932;
    R. Birkl, Das B.sche Sozialreformprogr. als Vorläufer christl. Parteiprogrr., Diss. Erlangen 1949 (ungedr.);
    F. Schnabel. Dt. Gesch. im 19. Jh. IV, 21951, S. 204-06: R. Lange, Die soz. Frage u. ihr Lösungsversuch b. F. J. v. B. sowie seine Stellung in d. Entwicklung d. kath. sozialen u. caritativen Gedankens, Diss. Freiburg 1949;
    ders., F. J. v. B. u. die soz. Frage seiner Zeit, 1955 (P);
    H. Hansjakob, in: Bad. Biogrr. III, 1881, S. 15-20;
    RGG;
    J. Dorneich, in: Staatslex. I, 51926, Sp. 1145 f.;
    LThK.

  • Portraits

    in: Die Männer d. dt. Volkes auf Stein gezeichnet, 1849.

  • Autor/in

    Julius Dorneich
  • Empfohlene Zitierweise

    Dorneich, Julius, "Buß, Franz Joseph Ritter von" in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 72 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11851802X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Buß: Franz Josef Ritter von B., Jurist, geboren am 23. März 1803 zu Zell am Hammersbach (Baden), zu Freiburg i. B. infolge eines Schlaganfalls am 31. Januar 1878. Er habilitirte sich im J. 1829 als Privatdocent zu Freiburg i. B., verbrachte an der dortigen Universität sein Leben, seit 1833 als außerordentlicher, seit 1836 als ordentlicher Professor, jedoch in den letzten Jahren im Ruhestande; in den sechziger Jahren war er mehrere Jahre in einer Heilanstalt für Geisteskranke untergebracht. Dies erklärt das Unstete, Ungestüme und geradezu Unbegreifliche, das sich in seinem Gebahren bei verschiedenen Anlässen kundgab. In der Jugend radical namentlich nach der kirchlichen Seite trat er zur ultramontanen Partei über und war auf dem badischen Landtage von 1837 und 1846 der maßloseste|Redner für Freiheit und Unabhängigkeit der Kirche. Als solcher bediente er sich des cynischesten Tones, der burschikosesten Wendungen und Kraftphrasen, hielt jedes Mittel für erlaubt. Das stärkste Beispiel lieferte er am 3. Mai 1846, wie aus der Erzählung Gustav Freytag's (Karl Mathy, Geschichte seines Lebens, Leipzig 1870, S. 232) hervorgeht, die lautet: „Unter allen Ultramontanen war der Abgeordnete Buß, Professor in Freiburg, der Opposition am widerwärtigsten. Mathy kannte ihn von alter Zeit, der Mann hatte sich einst als Radicaler in der Schweiz umhergetrieben, war dann plötzlich zur Pfaffenpartei übergegangen und trug einen fanatischen Eifer zur Schau, an dessen Ehrlichkeit in dem frechen und hohlen Gesellen Niemand glauben wollte. Die Opposition beschloß, ihn zu zerknirschen. Zuerst erstaunte sich Brentano über den Eifer des Abgeordneten, der vor elf Jahren nicht einmal an die Unsterblichkeit der Seele geglaubt habe. Das erklärte Buß für eine Verleumdung. Darauf las Brentano die Strophe eines schwülstigen Gedichtes von Buß, worin allerdings die Fortdauer nach dem Tode spöttisch abgefertigt wurde. Buß erklärte heftig, das Gedicht sei für einen Arzt bestimmt gewesen und fügte den unparlamentarischen Wunsch hinzu, daß die Spürnase des Vorlesers doch auch nach den ersten Incunabeln des Buß suchen möge ... Darauf erhob sich dräuend die Gestalt Mathy's und er sprach: 'Um ihre bessere Gesinnung an den Tag zu legen, erließen im Jahr 1834 eine Anzahl kath. Bürger in Constanz, darunter siebenzigjährige Greise, eine Einladung zu Beiträgen für ein Denkmal der beiden Märtyrer Huß und Hieronymus. In jener Einladung war folgende Stelle zu lesen: Die Frommen des Ketzergerichts haben zwar den Leib dieser Märtyrer zerstört, nicht aber ihren Geist. Die Geschichte nennt Huß und Hieronymus als die ersten Vertheidiger der religiösen Freiheit, als Vorkämpfer der großen kirchlichen Reformation'. Mathy verlas die Worte aus dem Jahrgang 1843 der Seeblätter. — Meine Herren, diese Worte schrieb kein Protestant, es hat sie ein Katholik, es hat sie — der Abgeordnete Buß geschrieben'. Welcker (einschaltend): 'Nachdem er schon Professor war'. Allgemeines Erstaunen, Unterbrechung. Buß macht eine verneinende Bewegung. Mathy: 'Es ist doch richtig? Sie haben diese Worte geschrieben?' Buß: 'Ich werde dem Abgeordneten Mathy antworten. Es war eine große Versammlung —' Mathy: 'Sie haben diese Worte geschrieben' Buß: 'Nein' Mathy: 'Sie haben diese Worte nicht geschrieben?' Buß: 'Nein' Mathy: Wohlan denn hier ist Ihre Handschrift'. Er zieht das Papier, worauf Buß die fraglichen Worte als Zusatz zu dem Entwurf der Constanzer geschrieben, aus der Tasche, hält es dem Abgeordneten Buß entgegen und zeigt es sodann den Mitgliedern, welche sich hervordrängen. Buß: 'Ich sage dem Abg. Mathy: Ja ich habe es geschrieben.' Präsident Mittermaier wieder strafend: 'Es geschieht Ihnen Recht, Herr Abg. Buß, Sie haben sich das selbst zuzuschreiben, Sie sind genug gebeten worden, die Begründung der Motion zu unterlassen“ Ein solcher Held war zu gebrauchen. Ins Frankfurter Parlament wurde er vom münsterländischen Wahlkreise Ahaus-Steinfurt auf geistliche Empfehlung gewählt, wo er in ähnlicher Weise durch Cynismus, Antipreußenthum und Ultramontanismus glänzte und die in seinem Freundeskreise circulirende Aeußerung that: „Ich bleibe in der Paulskirche, um dem letzten Abgeordneten einen Tritt in den — zu geben“, welche mir von mehreren Fractionsgenossen desselben mitgetheilt worden ist. Zu Mainz erwählte man ihn im October 1848 zum Präsidenten der Generalversammlung des Piusvereins. Hier und auf einigen folgenden leistete er viel durch Kraftreden. In den Deutschen Reichstag wurde er 1874 gewählt. Nachdem er einmal gesprochen, leerte sich, wenn er als Redner aufgerufen|wurde, das Haus, auch auf den Bänken des Centrums traten große Lücken ein. Im J. 1859 war er thätig gewesen für die Bildung eines Vereins zur Sorge für die österreichischen gefangenen Soldaten, welche aus Frankreich zurückkehrten. Dafür verlieh ihm der Kaiser von Oesterreich einen Orden und den Ritterstand, der von Baden anerkannt wurde.

    • Literatur

      Schriften, außer selbst gemachten bezw. herausgegebenen Uebersetzungen: „Die Methodologie des Kirchenrechts“ u. s. w. (Freib. 1842); „Capistran, Zeitschr. f. die Rechte und Interessen der Katholiken Teutschlands“ (Schaffh. 1847, nur 1 Heft); „Urkundliche Geschichte des National- und Territorial-Kirchenthums in der kath. Kirche Teutschlands. Zugleich Corp. jur. eccl. germ.“ (Schaffh. 1851); „Die Gesellschaft Jesu, ihr Zweck, ihre Satzungen, Geschichte, Aufhebung und Stellung in der Gegenwart“ (2 Bde., Mainz 1852, 2. Ausg.); „Die Wiederherstellung des canonischen Rechts in der oberrheinischen Kirchenprovinz. Von einem Staatsmanne a. D.“ (Stuttg. 1853). Mir sagte er 1854, er habe diese Angabe gemacht, weil er schon zwei Mal verwarnt sei und, falls man seine Autorschaft erfahre, die dritte Warnung und den Amtsverlust befürchten müsse. „Die kirchliche Immunität. Eine positiv-rechtliche Abhandlung von einem badischen Juristen“ (Freib. 1853, nach seiner Mittheilung von ihm).

  • Autor/in

    v. Schulte.
  • Empfohlene Zitierweise

    Schulte, von, "Buß, Franz Joseph Ritter von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 47 (1903), S. 407-409 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11851802X.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA