Lebensdaten
1833 bis 1974
Geburtsort
Strengen bei Landeck (Tirol)
Sterbeort
Hamburg
Beruf/Funktion
Chemiker ; Erfinder ; Rüstungsfabrikant
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 11767429X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Stoltzenberg, Hugo Gustav Adolf
  • Stoltzenberg, Hugo
  • Stoltzenberg, Hugo Gustav Adolf
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Stoltzenberg, Hugo, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11767429X.html [16.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Hugo (1854–95), aus Pasewalk (Pommern), Ing. f. Eisenbahntunnel u. Brücken, Stadtbaumeister in Leipzig, S d. Carl (1821–1904), Rgt.schreiber, Ober-Telegraphen-Assistent, Techn. Sekr., u. d. Caroline Friederike Luise Holtznagel (1814–98);
    M Clara Margarete (1856–1922), aus Gralow b. Landsberg/Warthe, T d. Gustav Ernst Heinrich Sommer (1822–1916), Lehrer u. Kantor, u. d. Wilhelmine Wolff (1824–99);
    Om Adolph Sommer (1852–1933 ermordet), Apotheker, wanderte 1872 in d. USA aus, Erfinder d. Lederimprägniermittels Viscol u. d. künstl. Gummis Artgum, seit 1890 Chemiefabr. in East Cambridge (Mass.);
    Schw Felicitas Rosa Felten-S. (1882–1958, ⚭ Richard Felten, 1882–1968, Dr. med., Chirurg, Sanatoriumsleiter), Dr. med., eröffnete 1913 mit ihrem Ehemann d. erste Kurklinik in St. Peter(-Ording) u. begründete dort e. ganzheitsmed. Therapie f. Kinder u. Erwachsene;
    1) Breslau 1915 1929 Margarete (Grete) (1892–1950), aus Goldschmieden b. Breslau, Dr. phil., Chemikerin, Prokuristin in S.s Firma, T d. Heinrich Bergius (1849–1906), Kaufm., Bes. d. Chem. Fabrik Goldschmieden, u. d. Marie Haase (1851–98), 2) Berlin-Charlottenburg 1929 Lotte Hedwig Hass (1900–96, 1] Paul Utecht 1889–1978, Dr. phil., Experte f. Gaskampfstoffe, Angest. d. „Chemische Fabrik Dr. Hugo Stoltzenberg“, 1936 Prof. an d. Lufttechn. Ak. in Berlin-Gatow), 1929–45 Prokuristin d. Firmenfiliale in Berlin;
    5 S aus 1) u. a. Dietrich Jürgen (1926–2006), Dr. phil., Chemiker, Erfinder, Vf. v. „Fritz Haber, Chemiker, Nobelpreisträger, Deutscher, Jude, 1994“, Schriftst.preis d. Ges. Dt. Chemiker 1996 (s. L), 1 T aus 1), 1 S aus 2) Peter (* 1932), Dr. phil., Theaterintendant, Regisseur, Dramaturg, Prof., Mitgl. d. Ak. d. Künste Berlin, BVK 1. Kl., Chevalier des Arts et Lettres, 2 T aus 2); Gvm d. 1. Ehefrau Friedrich Haase (1808–67), Prof. f. Altphilol., 1848 Mitgl. d. preuß. vfg.gebenden Verslg. (s. ADB X); Schwager Friedrich Bergius (1884–1949), Dr. phil., Chemiker, Erfinder d. „Kohleverflüssigung“, mit Carl Bosch Nobelpreis f. Chemie 1931 (s. NDB II).

  • Leben

    S. wuchs in Strengen, Monasterzyska (Galizien), Budapest, Wien, Merchweiler, Saarbrücken und Leipzig auf, wo sein Vater als Ingenieur sowie zuletzt als Stadtbaumeister tätig war. Nach dem frühen Tod des Vaters zu seinem Onkel Adolph Sommer nach East Cambridge (Mass., USA) geschickt, verletzte sich S. in dessen Fabrik bei der Arbeit mit Chlorschwefel schwer. Der 16jährige entschloß sich zur Rückkehr und bestand 1904 das Abitur in Frankfurt/Oder. Danach immatrikulierte er sich an der Univ. Halle für Jura und Staatswissenschaften und absolvierte den einjährigen Militärdienst. Seit 1905 studierte er dort und in Gießen Chemie und wurde 1911 bei Daniel Vorländer (1867–1941) promoviert (Optische Aktivität u. kristallin.-flüssiger Zustand). Es folgte eine Tätigkeit als Assistent an der Tierärztlichen Hochschule und am Institut für Zuckerindustrie in Berlin, seit 1912 bei Heinrich Biltz (1865–1943) an der Univ. Breslau. 1911/12 erwarb S. erste Patente in Deutschland und in Großbritannien für Verfahren zur Gewinnung von haltbarem Dünger und von Betainchlorhydrat aus Melasseschlempe. Kurz vor Beginn des Weltkriegs 1914 erlangte er in Großbritannien Patente zur Verbesserung von Sprengstoffen.

    Seit Aug. 1914 diente S. als Infanterieleutnant und Kompanieführer an der West- und Ostfront. Nach fünf Verwundungen frontdienstuntauglich, riet ihm Biltz 1916 zum wiss. Dienst an der „Gaswaffe“, deren Technologie er in Berlin-Adlershof und Breloh-Munsterlager in der Lüneburger Heide sowie an Fritz Habers (1868–1934) KWI für Physikalische Chemie in Berlin umfassend erlernte. Nach Kriegsende untersuchte S. mit seiner Frau sowie Georg Schroeter (1869–1943) von der Tierärztlichen Hochschule und Ferdinand Blumenthal (1870–1941) vom Krebsforschungsinstitut der Charité Fragen zur Krebsentstehung. 1920 empfahl Haber S. der Reichswehr für deren geheimes chemisches Rüstungsprogramm. S. nutze dafür die Giftgasbestände in Breloh/Munsterlager, baute in Hamburg ein Forschungs- und Entwicklungszentrum, die „Chemische Fabrik Dr. Hugo Stoltzenberg“ (CFS) und in Gräfenhainichen die damals weltgrößte Fabrik für den Kampfstoff Lost (Senfgas, Bis-(2-chlorethyl)sulfid), die im Friedensbetrieb Chlor, Äthylen und andere Chemikalien herstellen sollte. Der getarnte Rüstungskonzern mit Büros in Berlin, Madrid, Moskau, New York und Konstantinopel beschaffte Kapital und Partner durch die Proliferation der weltweit gefragten Chemiewaffen; geliefert wurden schlüsselfertige Produktions- und Füllanlagen sowie Beratung durch firmeneigene Experten. Zu den Interessenten gehörten zunächst u. a. Finnland, Schweden, Ungarn, die Türkei und Japan; erster Kunde wurde Spanien, für das S. Produktionsanlagen erstellte, Gasbomben konstruierte und eine Strategie für den ersten „aerochemischen Krieg“ (1922–27) entwarf, mit dem der Freiheitskampf von Abd el Krim (1882–1963) im span. Protektorat Marokko niedergeschlagen wurde. 1923 erhielt S. die span. Staatsbürgerschaft.

    Seit 1923 installierte S. in Iwaschtschenkowo an der Wolga Giftgasanlagen zur gemeinsamen Nutzung durch Reichswehr und Rote Armee. Die Kooperation scheiterte 1926 aus politischen, finanziellen und technischen Gründen, v. a. weil die Sowjets die modernen Anlagen und Verfahren billig übernehmen und allein nutzen wollten. Beide Auftraggeber gaben ihrem zivilen Partner die Schuld, den sie als unzuverlässigen Versager hinstellten. Auch Haber distanzierte sich von seinem Schüler, die jahrelange Zusammenarbeit endete. Bei dem von der Reichswehr veranlaßten Zwangsvergleich für die CFS verlor S. die dt. Fabriken und sein Wohnhaus; ihm blieben lediglich persönliche Patente und der Firmenname.

    Ein schwerer Rückschlag beim Wiederaufbau der Firma war 1928 das Hamburger Phosgen-Unglück, bei dem ein CFS-Tank undicht wurde und das ausströmende Giftgas aus Kriegsbeständen 10 Menschen tötete und 300 verletzte. Die anschließenden Gerichtsverfahren stellten keine Schuld von S. fest; jedoch machte das Unglück S. in der Hansestadt verhaßt und verstärkte Furcht und Abscheu der Bevölkerung vor chemischen Waffen.

    Mit Aufträgen aus dem Ausland (Kampfstoffwerke in Jugoslawien, 1927–31; Gasmaskenfabrik in Griechenland, 1936) und der Konzentration auf Gasschutzprodukte hielt S. die Firma am Leben. Doch obwohl die CFS die erste Vollblickmaske zur Patent- und Serienreife entwickelte und die beste dt. Militärgasmaske anbot, erhielt sie kaum Aufträge von Behörden und Reichswehr. Unter dem NS-Regime sah sich S. zunehmend Schikanen ausgesetzt. Man warf ihm seine Arbeit mit Haber und anderen Juden vor, verbot ihm Exportgeschäfte und entzog ihm 1937/ 38 die Betriebsführerschaft. Anfang 1938 kam S. wegen „Landesverrat“ und „Devisenvergehen“ für einen Monat in Untersuchungshaft. Die Verfahren wurden eingestellt. Zur selben Zeit beauftragte Carl Krauch (1887–1968), Vorstandsmitglied der I. G. Farbenindustrie und Leiter der Reichsstelle für Wirtschaftsausbau, S. mit der Abfassung von Denkschriften zur Gaswaffe im künftigen Krieg, mit denen die Industrie eine massive chemische Aufrüstung unter ihrer Führung begründen wollte. Die Memoranden „Gedanken eines Kampfstoffchemikers zur Strategie und Taktik der Gaswaffe“ und „Bildung eines Chemiker-Offizierkorps“ propagieren Giftgas als Waffe mit der stärksten psychischen Wirkung und damit als strategische „Hauptwaffe“ von kriegsentscheidender Wirkung. Krauch machte in diesem Zusammenhang das Angebot, S. solle als Direktor den Bereich „Bau von Kampfstoffwerken“ bei der I. G. Farben übernehmen und die CFS unter anderem Namen in den Konzern integrieren; doch S. lehnte ab. Die CFS blieb im 2. Weltkrieg ein kleiner Lieferant v. a. von Luftschutzmaterial, konnte allerdings aus bislang ungeklärten Gründen bis 1941 Kampfstoffwerke für die brasilian. Regierung bauen, darunter 1938 eine Phosgenfabrik.

    Seit Okt. 1941 Mitglied der NSDAP, unterstützte und beherbergte S. dennoch den rassisch verfolgten Maler und Illustrator Curt Ziegra (1878–1946), der 1936 aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen worden war. 1945 wurde S. von der brit. Militärregierung einige Tage zu seiner Kriegstätigkeit befragt und Anfang 1946 zum Treuhänder der Firma Tesch & Stabenow, dem größten Lieferanten von Zyklon B in die Vernichtungslager, bestellt. S., der für eine Auflösung der Firma plädierte, gab den Auftrag im Mai 1946 zurück. Wie schon nach dem 1. Weltkrieg barg und verwertete S. mit der CFS erneut Kriegchemikalien wie Nebelsäure (Gemisch aus Chlorsulfonsäure und Schwefeltrioxid) und Phosphorbomben und sicherte damit sowie mit der Produktion von Gasmasken für die Industrie und Mitteln zur Schädlingsbekämpfung deren Fortbestand. Für Handel und Industrie galt die CFS zunehmend als Entsorger gefährlicher Chemikalien. Aus dem Ausland (u. a. Brasilien, Indien, Iran, Israel, Südafrika und der Türkei.) gab es erneut Anfragen nach Kampfstoffanlagen, v. a. für die neuartigen Nervengase, doch solche Rüstungsgeschäfte kamen schon aufgrund der rechtlichen und politischen Beschränkungen nicht in Frage. Mit Gründung der Bundeswehr 1955 erhielt die CFS auch Entwicklungsaufträge der Regierung u. a. für transparente Gasmaskenfilter, KampfstoffSpürpulver, Nebelgeräte und pyrotechnisches Übungsmaterial. Nach einer Überprüfung 1962 stufte der Verfassungsschutz S. und seinen aus der DDR gekommenen Werksleiter Martin Leuschner (1913–82) jedoch als „unzuverlässig“ ein; schließlich wurden 1970 wohl von der DDR initiierte Vorwürfe laut, die CFS produziere illegal Kampfstoffe für die Bundeswehr, die sich nach amtlichen Untersuchungen als falsch erwiesen. 1969 verkaufte S. seine Fabrik an Leuschner, 1979 wurde sie wegen Sicherheitsmängeln zwangsweise geschlossen.

    S. verband in seiner Person in außergewöhnlicher Weise die Erforschung chemischer Kampfstoffe und des Gaskriegs mit unternehmerischen Aktivitäten. Mit seiner Tätigkeit in Spanien und mehr als 100 veröffentlichten und über 50 Geheimpatenten beeinflußte er maßgeblich die Entwicklung der „Gaswaffe“, des Gasschutzes und der chemischen Kriegführung.

  • Auszeichnungen

    A E. K. I u. II Kl.; Verwundetenabzeichen in Gold.

  • Werke

    Anleitung z. Herstellung v. Ultragiften, 1930;
    Hg. (meist auch Vf.):
    5 Hh. d. chem. Fabrik Stoltzenberg, o. O. u. J.: H. I/1: Gibt es e. Gaskampf?, H. I/2: Ein Btr. z. bakteriellen Krieg;
    H. II/1: Die Methoden d. Angriffs im Gaskampf;
    H. II/2: Die Methoden d. Verteidigung im Gaskampf;
    H. 3: Die Kampfstoffe;
    H. 4 u. 5: Der Nebel in Angriff u. Verteidigung, 2 T.;
    Das Hamburger Phosgenunglück, seine Ursachen u. Wirkungen. o. J.;
    Patente:
    u. a. (soweit veröff.) Verfahren z. Erzeugung v. Blausäure für d. Schädlingsbekämpfung, DRP 420729, 1924;
    Verfahren z. Vertilgung v. Pflanzen- u. Tierschädlingen u. z. Erzielung ähnl. Wirkungen (Klebregen), DRP 482889, 1925;
    Einrichtung z. Luftschutz (Vernebelung v. Industrieanlagen u. a.), DRP 630390, 1929;
    Gasschutzvorrichtung etc., DRP 621953, 1932;
    Verfahren z. Nachweis v. seßhaften chem. Kampfstoffen, DRP 669627, 1936;
    Verfahren z. Vernichten seßhafter Kampfstoffe, DRP 694862, 1936.

  • Literatur

    F. L. Carsten, Reichswehr u. Pol. 1918–1933, 1964, S. 151 ff. u. 253 ff.;
    P. Rabels, Ber. d. Unters.führers, Stoltzenberg-Skandal, 1979;
    R.-D. Müller, Die dt. Gaskriegsvorbereitungen 1919–45, Mit Giftgas z. Weltmacht?, in: Mil.geschichtl. Mitt. 27, 1980, S. 25–54;
    ders., Das Tor z. Weltmacht, Die Bedeutung d. Sowjetunion f. d. dt. Wirtsch.- u. Rüstungspol. zw. d. Weltkriegen, 1984, S. 143–46;
    ders., Die chem. Geheimrüstung in d. Weimarer Rep., in: Lehren aus d. Gesch.? Hist. Friedensforsch., hg. v. R. Steinweg, 1990, S. 232–50;
    ders. u. R. Kunz, Giftgas gegen Abd el Krim, Dtld., Spanien u. d. Gaskrieg in Span.-Marokko 1922–27, 1990 (P);
    M. Zeidler, Reichswehr u. Rote Armee 1920–33, Wege u. Stationen e. ungewöhnl. Zus.arb., 1993, S. 68, 73 f., 80–84, 97–102, 125, 146, 201 u. 277;
    Dietrich Stoltzenberg, Fritz Haber, Chemiker, Nobelpreisträger, Deutscher, Jude, 1994, S. 290–99 u. 333 ff.;
    ders., Eine chem. Fabrik in Hamburg, in: Fachgruppe Gesch. d. Chemie (Hg.), Zeitzeugen-Berr. VI, 2003, S. 281–99;
    D. Martinetz, Der Gaskrieg 1914 /1918, Entwicklung, Herstellung u. chem. Kampfstoffe, Das Zus.wirken v. mil. Führung, Wiss. u. Ind., 1996, S. 34, 84 f., 109, 154 u. 164;
    ders., Zur Entwicklung u. z. Einsatz v. Schwefellost (Gelbkreuz) als bedeutendster chem. Kampfstoff im 1. Weltkrieg, in: Mil.geschichtl. Mitt. 55, 1996, S. 355–80;
    M. Szöllösi-Janze, Fritz Haber 1868–1934, 1998, S. 358, 467 ff., 472 ff. u. 476–80;
    R. Kunz, „Con ayuda del más dańino de todos los gases“, Der Gaskrieg gegen d. Rif-Kabylen in Span.-Marokko 1922–27, in: Fritz-Bauer-Inst. (Hg.), Völkermord u. Kriegsverbrechen in d. 1. Hälfte d. 20. Jh., 2004;
    H. Schweer, Die Gesch. d. Chem. Fabrik Stoltzenberg bis z. Ende d. Zweiten Weltkrieges, 2008;
    Personenlex. Drittes Reich.

  • Autor/in

    Rudibert Kunz
  • Empfohlene Zitierweise

    Kunz, Rudibert, "Stoltzenberg, Hugo" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 430-432 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11767429X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA