Lebensdaten
1862 bis 1927
Geburtsort
Stendal
Sterbeort
Freiburg (Breisgau)
Beruf/Funktion
Ethnologe ; Kunstsammler
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 117564273 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Grosse, Ernst Carl Gustav
  • Grosse, Ernst
  • Grosse, Ernst Carl Gustav

Orte

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Zitierweise

Grosse, Ernst, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117564273.html [13.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Ernst Ludw. Frdr. (* 1831), Kanzleigerichts-Assessor, S d. Pastors Joh. Carl Frdr. in Kochstedt u. d. Helene Louise Julia Agnes Krüger;
    M Clara Auguste Louise Charl. (* 1841), T d. Oberamtmanns Frdr. Gustav Adolph Gößling in Kochstedt u. d. Wilh. Marie Louise Reubke;
    N. N. (Japanerin);
    1 T.

  • Leben

    G. studierte Philosophie, Literaturgeschichte und Geschichte in Berlin, München und Heidelberg und promovierte 1887 in Halle aufgrund der Dissertation „Die Literaturwissenschaft, ihr Ziel und ihr Weg“. 1890 habilitierte er sich mit der erkenntnistheoretischen Schrift „Herbert Spencers Lehre von dem Unerkennbaren“ in Freiburg/Br. (1894 Professor). Dann wandte er sich der Kunstwissenschaft zu. Dabei kam er zu der Ansicht, daß diese von den einfachsten Formen der Kunst auszugehen hätte. Er beschäftigte sich deshalb mit der Ethnologie, um von dorther eine Kunstwissenschaft aufzubauen. Zunächst untersuchte er Kunst als ein soziales Phänomen (Die Anfänge der Kunst, 1894). Die grundlegenden Beispiele nahm er von den sogenannten Jägervölkern. Den Einfluß des Klimas auf Kultur und Kunst, den Taine und Herder dargestellt haben, stellt er über den Umweg der Geschichte der Wirtschaftsformen dar. Er wird bei den höheren Kulturen geringer, da sie in ihrer Produktion weniger vom Klima abhängig sind. Auch in seinem 2. Werk „Die Formen der Familie“ (1896) geht er von dem Einfluß der Wirtschaft auf die einzelnen Formen der Familie aus und versucht zu zeigen, „daß die verschiedenen Formen der Familie den verschiedenen Formen der Wirtschaft entsprechen, daß sich der Charakter jeder einzelnen Familienform in wesentlichen Zügen aus dem Charakter der Wirtschaftsform erklären läßt, in welcher sie wurzelt“. Hiermit wendet er sich gegen|den Evolutionsgedanken und nimmt damit Stellung gegen Morgans These von einer einlinigen Entwicklung vom Niederen zum Höheren – zum Beispiel bei der Familie von der Promiskuität zur Monogamie – die zu halten mit dem zunehmenden Material immer schwieriger wurde. Nach G. bewegt sich die „Menschheit … keineswegs auf einer einzigen Linie in eine einzige Richtung; sondern so verschieden die Lebensbedingungen der Völker sind, so verschieden sind auch die Wege und Ziele“. Er will nicht seinerseits eine Entwicklungsgeschichte der Familie schreiben, sondern nur die familiären und gesellschaftlichen Zustände beleuchten, davon ausgehend, daß jeder Teil der Kultur eine bestimmte Wirkung auf die Organisation und die Funktion der Familie ausübt. Aus arbeitstechnischen Gründen beschränkt er sich auf die Einflüsse der Wirtschaft. Zur bequemeren Übersicht teilt er die Wirtschaftsformen in fünf Stufen ein: Niedere Jäger, Höhere Jäger, Viehzüchter, Niedere Ackerbauer und Höhere Ackerbauer. Er betont aber zugleich nachdrücklich, daß es sich hier um keine historische Entwicklungsreihe handelt. Es fehle noch an Material und Vorarbeiten, um diese deutlich festzulegen. Durch diese für die Geschichte der Ethnologie entscheidende Überlegung wurde Stellung gegen den ethnologischen Evolutionismus genommen. Aus Mangel an Material konnte G. nicht weiterarbeiten; doch wurden seine Vorarbeiten für die historisch-ethnologischen Forschungen von Gräbner und Ankermann wie auch besonders für die Abart der Kulturkreislehre von P. W. Schmidt und P. W. Koppers von ausschlaggebender Bedeutung. (G.s Zustimmung zu der Adaption seiner Ideen seitens P. W. Schmidt s. Anthropos 20, 1925, S. 678-95, G.s letzte ethnologische Publikation.)

    In der folgenden Zeit wandte sich G. ganz der Kunstwissenschaft, und zwar der ostasiatischen Kunst, zu. Durch die Hilfe seiner Gönnerin, Marie Meyer, Witwe des Hamburger Großindustriellen und Tiefseeforschers Heinrich Adolph Meyer ( 1889), konnte er die ersten Ostasiatica erwerben. 1896/97 schloß er Freundschaft mit dem japanischen Kunsthändler Tadamasa Hayashi, 1908 wurde er wissenschaftlicher Sachverständiger bei der deutschen Botschaft in Tokio und sammelte bis 1913 in Japan und China für die Berliner Museen und seine eigene Sammlung. Seine „Kunstwissenschaftlichen Studien“ (1900) und die Veröffentlichungen der Folgezeit waren für das Gebiet der ostasiatischen Kunst ebenso entscheidend wie früher seine ethnologische Arbeit über die Familie. O. Kümmel rühmt ihn neben Fenollosa als den ersten Europäer, der tiefer in diese Kunst eingedrungen ist. Die Zeit des 1. Weltkriegs und die Nachkriegszeit verbrachte G. in Freiburg als Privatdozent. Die Inflation kostete ihm sein Privatvermögen und brachte ihn in wirtschaftliche Not. Erst 1926 setzte die Fakultät ein Extraordinariat für ihn durch.

  • Werke

    Weitere Werke u. a. Die Ostasiat. Plastik, 1922;
    Das Ostasiat. Tuschbild, 1922;
    Ostasiat. Gerät, 1925.

  • Literatur

    W. v. Bode, in: Berliner Museen, Berr. aus d. Preuß. Kunstslgg. 48, 1927, S. 54 f.;
    H. Heiß, in: Ak. Mitt., Freiburg i. Br., 4. Folge, 1, 1927, S. 1;
    K. Ziegler, ebd., S. 2;
    H. Kühn, in: Jb. f. prähist. u. ethnograph. Kunst, 1927, S. 98;
    O. Kümmel, in: Ostasiat. Zs. 14, 1927, S. 93-107 (P);
    O. Vonwiller, in: Artibus Asiae 2, 1927, S. 300-05;
    R. Pfaff-Giesberg, in: Tribus 6, 1957, S. 113-18.

  • Autor/in

    Herbert Ganslmayr
  • Empfohlene Zitierweise

    Ganslmayr, Herbert, "Grosse, Ernst" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 148 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117564273.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA