Lebensdaten
1585 bis 1643
Geburtsort
Marburg/Lahn
Sterbeort
Lübeck
Beruf/Funktion
lutherischer Theologe
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 117546569 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hunnius, Nikolaus
  • Hunnius, Nicolai

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Zitierweise

Hunnius, Nikolaus, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117546569.html [17.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Ägidius (s. 1);
    - Wittenberg 15.9.1612 Anna, T d. Ernst Hettenbach (1552–1616), Prof. d. Med. in Wittenberg, u. d. Marie Bennewitz;
    3 S, 4 T, u. a. Sabine ( Petrus Rhebinder, 1609–71, D.theol., Sup. zu Lüneburg).

  • Leben

    H. gehört als orthodoxer Theologe in den Gesinnungskreis seines Vaters, zeigt aber in seiner Einstellung bereits ein forgeschritteneres Stadium der altprot. Orthodoxie. Daß er zunächst Adjunkt der philosophischen Fakultät und dann 1612-17 Superintendent in Eilenburg wird, mag daran liegen, daß er erst nach Leonhard Hutters Tod in eine Wittenberger theologische Professur berufen werden konnte. Daß er aber 1623 bereits einen Ruf als Hauptpastor an St. Marien in Lübeck folgte, ist doch wohl nur von der Neigung zur Praxis her zu erklären, zumal er schon 1624 zum Superintendenten der Lübecker Kirche bestellt wurde. Von der polemischen Grundeinstellung seiner Zeit hat er sich nicht lösen können. Er stritt gegen Sozinianer, Fanatiker-Anhänger Valentin Weigels und Jakob Boehmes und Reformierte. Neben dogmatischen und polemischen Aufgaben sah er sich aber vor praktische Aufgaben gestellt, wie die Abfassung einer Laiendogmatik und die Veranstaltung von Katechismuspredigten, die Festigung des Luthertums durch Bildung eines ministerium tripolitanum Lübeck-Hamburg-Lüneburg gegen enthusiastisch-mystische Einflüsse, die Gründung eines collegium Irenicum seu pacificatum usw. Daß bei H. sich bereits eine neue, auf Reformen bedachte Orthodoxie (Reformorthodoxie) und damit eine neue Zeit anbahnte, wird auch daran kenntlich, daß auf ihn die später sich einbürgernde Unterscheidung von articuli fundamentales und non fundamentales zurückgeht. Der Einfluß von H. erstreckte sich auf ganz Norddeutschland.

  • Werke

    u. a. Epitome credentium od. Inhalt christl. Lehre, 1628, 19 Aufll., holländ., poln., schwed. u. lat. Überss., Neudr. 1844 (f. d. nordamerikan. Auslandsseminar in Neuendettelsau).

  • Literatur

    ADB 13;
    L. Heller, N. H., 1843;
    H. Leube, Die Reformideen … z. Z. d. Orthodoxie, 1924;
    PRE (L).

  • Portraits

    Kupf. v. J. Azelt (Dresden, Kupf.kab.);
    v. J. v. Sandrart (Breslau, Stadtbibl.);
    Gem. (Lübeck, Marienkirche, beim Luftangriff 1942 verbrannt).

  • Autor/in

    Franz Lau
  • Empfohlene Zitierweise

    Lau, Franz, "Hunnius, Nikolaus" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 68 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117546569.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Hunnius: Nikolaus H., lutherischer Theologe des 16./17. Jahrhunderts, einer der rüstigsten Vorkämpfer der Orthodoxie, geb. am 11. Juli 1585 zu Marburg, am 12. April 1643 zu Lübeck. Sohn des schwäbischen Theologen Aegidius H. (der 1576—92 in Marburg, 1592—1603 in Wittenberg lebte), widmete er sich frühe schon nach dem Vorbild seines Vaters und Bruders (Aegidius H. I und II) dem Studium der Philosophie und Theologie, besuchte die Stadtschule in Wittenberg 1592 ff., bezog die dortige Universität 1600, wurde 1604 Magister und Adjunkt der philosophischen Facultät, besuchte die Universitäten Marburg und Gießen, hielt philosophische und theologische Vorlesungen in Wittenberg, wurde 1612 Dr. theol. und in demselben Jahr vom Kurfürsten von Sachsen zum Prediger und Superintendenten in Eilenburg ernannt, wo er durch treue Pflichterfüllung die Achtung und Liebe seine Gemeinde gewinnt, aber auch zu seiner ersten größeren litterarischen Arbeit Zeit findet — einer Vertheidigung des evangelischen Predigtamtes gegen die Angriffe des Jesuiten Bellarmin. Nach dem Tode Leonhard Hutter's ( 1616) berief ihn der Kurfürst Johann Georg als dessen Nachfolger nach Wittenberg 1617. Sechs Jahre wirkte er hier als Professor und Prediger durch Vorlesungen, Predigten, Disputationen und Schriften im Geist seines Vorgängers wie seines Vaters. Da erhielt er 1623 einen Ruf nach Lübeck als Hauptpastor zu St. Marien; eine augenblickliche Verstimmung über einen Vorwurf, den er als Censor einer neuen Bibelausgabe sich zugezogen,|bestimmte ihn den Ruf anzunehmen. Er geht 1623 nach Lübeck, zunächst auf 1 Jahr, erhält 1624 auch die Superintendentur und bleibt für immer. In dieser Stellung übt er eine sehr umfassende und einflußreiche Wirksamkeit auf das Kirchenwesen von ganz Norddeutschland. Vor Allem war er auch jetzt wieder darauf bedacht, die Reinheit der Lehre und die Ordnung des kirchlichen Lebens gegen alle Angriffe zu wahren, im dreifachen Kampf wider Papisten, Calvinisten und Enthusiasten. Wie er schon früher Recht und Würde des evangelischen Predigtamtes gegen katholische Angriffe vertheidigt hatte in seiner „Demonstratio ministerii Lutherani“ (Wittenberg 1614), so hatte er auch in Lübeck mehrfach Gelegenheit, den Versuchen der Jesuiten zur Proselytenmacherei entgegenzutreten. Zur Abwehr der schwärmerischen Bewegungen, von denen damals Norddeutschland besonders von Holland her heimgesucht war, vereinigte H. die drei Ministerien der Städte Lübeck, Hamburg, Lüneburg (das sog. Ministerium tripolitanum) zu dem Möllner Convent und Abschied (26./29. März 1633), der gemeinsame Maßregeln gegen die „neuen Propheten“ verabredete. Im Auftrag dieses Convents verfaßt H. zwei Lehrschriften zur Abwehr des Enthusiasmus, nämlich das sog. „Niedersächsische Handbuch“, gedruckt zu Lübeck 1633, ein Buch, das lange Zeit hindurch fast symbolisches Ansehen in den niederdeutschen Kirchen genoß (enthaltend: 1) Luther's Katechismus, 2) Bibelsprüche, 3) Psalmen, 4) Sonn- und Festtagsevangelien, 5) Leidensgeschichte und Geschichte der Zerstörung Jerusalems, 6) Kirchengesänge, 7) Gebete); und einen „Ausführlichen Bericht von den neuen Propheten, die sich Erleuchtete, Gottesgelehrte und Theosophos nennen“, Lübeck 1634 (neue Aufl. von Feustking 1708 unter dem Titel „Mataeologia fanatica"). Gegenüber von den Reformirten, die sich um des Handels willen vielfach in Lübeck niederließen, und zur Beantwortung der Unionsvorschläge des Schotten Dury ( 1680) erstattete H. im Namen des Lübecker Ministeriums ein Gutachten an den Rath unter dem Titel „Theol. consideratio sq.“, gedruckt Lübeck 1677 (durch Sup. Pomarius). — Hand in Hand mit dieser abwehrenden Thätigkeit ging bei H. das Bauen und Schaffen, die Pflege des christlichen Gemeindelebens. Er bemühte sich für Herstellung der Katechismusexamina, für Privatbeichte und persönliche Anmeldung zum Abendmahl, für Aufrechterhaltung pastoraler Kirchenzucht, Feststellung der Parochialrechte, Fortbildung des Schulwesens, gründete ein Ministerialarchiv, eine geistliche Wittwen- und Waisenkasse etc. Seine allgemein anerkannte Biederkeit und Rechtschaffenheit, seine uneigennützige Liebe besonders gegen die Armen etc. erwarben ihm allgemeines Vertrauen und milderten den Eindruck seiner orthodoxen Starrheit und Abgeschlossenheit. Auch nach auswärts wurden seine Rathschläge und Gutachten gesucht; ja auf die ganze lutherische Kirche war sein Absehen gerichtet und vor Allem lag ihm die Erhaltung des kirchlichen Friedens am Herzen. Zu diesem Zweck machte er 1632 in seiner Schrift „Consultatio, oder wohlmeinendes Bedenken etc.“ den Vorschlag zur Einsetzung eines Collegium irenicum s. pacificum, d. h. eines theologischen Senats zur Prüfung und Schlichtung aller in der lutherischen Kirche entstehenden theologisch kirchlichen Streitigkeiten (das sog. Collegium Hunnianum, das freilich, obwohl Herzog Ernst von Gotha für die Ausführung sich interessirte, ein bloser frommer Wunsch blieb, und erst in der Gegenwart eine theilweise Verwirklichung gefunden hat in den sog. evangelischen Kirchenconferenzen). H. selbst erlebte freilich nicht einmal mehr den heiß ersehnten politischen Friedensschluß: seine ursprünglich gute Gesundheit litt durch das Uebermaß von Arbeit, das er sich zumuthete, so sehr, daß er erkrankte, das Gedächtniß verlor und, nicht 60 Jahre alt, 1643 starb. — Von seinen Schriften ist außer dem schon Genannten insbesondere noch zu nennen seine „Epitome credendorum oder Inhalt christlicher Lehre“, Wittenberg 1625 ff., in|19 Auflagen erschienen und in verschiedene Sprachen übersetzt; ein Auszug daraus ist seine „Anweisung zum rechten Christenthum“, Lübeck 1637 und 43, in vielen norddeutschen Kirchen und Schulen lange Zeit als Religionslehrbuch gebraucht; als seine bedeutendste theologische Schrift gilt seine „Διάσκεψις theol. de fundamentali dissensu doctrinae ev. Luthneranae et Calvinianae“, Wittenberg 1626.

    • Literatur

      Neben Freher, Witte, Moller, Jöcher, Starcke, Rotermund s. besonders die Monographie von Dr. L. Heller, Nikolaus Hunnius. Sein Leben und Wirken. Ein Beitrag zur Kirchengesch. des 17. Jahrh., meist nach schriftlichen Quellen, Lübeck 1843, und desselben Verf. Artikel in der theol. Realencykl. VI, S. 371 ff. N. Aufl.; vgl. auch Frank, Gesch. der prot. Theol. I, 335 ff.

  • Autor/in

    Wagenmann.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wagenmann, Julius August, "Hunnius, Nikolaus" in: Allgemeine Deutsche Biographie 13 (1881), S. 416-418 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117546569.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA