Lebensdaten
1813 bis 1859
Geburtsort
München
Sterbeort
Erlangen
Beruf/Funktion
Botaniker
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 117472182 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Sendtner, Otto

Quellen(nachweise)

Verknüpfungen

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Zitierweise

Sendtner, Otto, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117472182.html [16.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Jakob (1784–1833), aus M., 1814–18 an d. kgl. Hof- u. Staatsbibl., Redakteur d. „Münchner Polit. Ztg.“, 1826 ao. Prof. d. Ästhetik u. Gesch. d. Schönen Lit. an d. Univ. München (s. NND XI; Brümmer);
    M Barbara (Betty) (1792-vor 1839), aus Zürich, 1811–15 Hg. d. „Ges.bl.“ in M., T d. Peter Philipp Wolf (1761–1808), Hist., Publ. (s. ADB 43); 6 jüngere Geschw;
    1848 Veronika Schlosser, T e. Ger.halters in Greifenberg/Ammersee; 4 K.

  • Leben

    Schon als Schüler des Alten Gymnasiums in München beschäftigte sich S. mit dem Sammeln und Bestimmen von Pflanzen. Nach dem Abitur 1830 studierte er an der Univ. München bei Carl v. Martius (1794–1868) und Joseph Gerhard Zuccarini (1797–1848) Botanik und bei Johann Nepomuk v. Fuchs (1774–1856) Mineralogie. Ein nach dem Tod seines Vaters begonnenes Medizinstudium brach er nach kurzer Zeit wieder ab. In dieser Zeit gehörte er zum Freundeskreis um die Botaniker Alexander Braun (1805–77), Karl Schimper (1803–67) und Louis Agassiz (1807–73), welche kleine Privatkollegs abhielten, in denen teilweise bahnbrechende Ideen wie die Blattstellungslehre entwickelt wurden.

    1836 nahm S. eine Stelle als Erzieher bei Hans v. Aufseß in Unteraufseß bei Bayreuth an, 1837 wurde er Privatsekretär des preuß. Kammerherrn Rudolf v. Stillfried in Leipe bei Malitsch in Schlesien, wo er Nees v. Esenbeck kennenlernte. Nach dem Tod seiner Mutter kehrte er 1839 nach München zurück, um seine Geschwister zu versorgen und nahm sein Studium wieder auf, welches er 1840 mit einer Bearbeitung der Pflanzengattung Cyphomandra abschloß. Danach erhielt er im Leuchtenberg. Naturalienkabinett in Eichstätt eine Anstellung, welche er 1843 wegen Intrigen wieder aufgab. 1844–46 bearbeitete er für Martius die Gruppe der Palmen und Nachtschattengewächse für dessen „Flora Brasiliensis“. Im Auftrag der Bayer. Akademie der Wissenschaften unternahm S. 1847 eine botan. Forschungsreise in das damals türk. Bosnien, wurde dort von einem fanatischen Moslem mit dem Säbel verletzt und mußte die Arbeit abbrechen. Mit den wiss. Ergebnissen dieser Reise habilitierte er sich 1848 an der Univ. München und wurde Privatdozent und Adjunkt an der Bayer. Akademie der Wissenschaften (1860 ao., 1863 o. Prof. f. Botanik). Acht Sommer lang bereiste er im Auftrag der Akademie die bayer. Alpen und führte pflanzengeograph. Forschungen durch, die auch der besseren landwirtschaftlichen Nutzung dieses Raumes dienen sollten. Dabei entdeckte er u. a. den Jodgehalt der Quellen von Bad Tölz und legte damit den Grundstein für die Entwicklung dieses Kurortes. Auf einer Exkursion im Königsdorfer Filz bei Beuerberg wurde S. von einem Wilderer mit einem Gewehrkolben zu Boden geschlagen und verstarb an den Folgen dieser Verletzung.

    S. brachte erstmals pflanzengeograph. Aspekte in die Botanik ein, die sich bislang nur mit dem Katalogisieren und Inventarisieren von Pflanzenarten beschäftigt hatte. In seinen umfangreichen Werken „Die Vegetationsverhältnisse Südbayerns“ (1854) und „Die Vegetationsverhältnisse des Bayer. Waldes“ (1860) berücksichtigte er zudem ökologische Aspekte, z. B. untersuchte er den Zusammenhang zwischen Bodenchemie und Pflanzenvorkommen näher. S. schloß auch die Moose in seine pflanzengeograph. Betrachtungen ein und wurde ein anerkannter Moosforscher, der Moose aus Schlesien, Bayern, Bosnien und Grönland studierte und mehrere Moosarten erstmals beschrieb. Nach ihm wurden mehrere Moosarten und zwei Moosgattungen (Sendtnera, Sendtnerella) benannt. Sein Herbar gelangte über mehrere Zwischenstationen dank der Initiative Karl v. Nägelis an das Staatsherbar in München, dessen Leiter Nägeli nach S.s Tod geworden war. Durch Schüler wie Paul Lorentz (1835–81), Ludwig Molendo (1833–1902), August Holler (1835–1904), Ferdinand Arnold (1828–1901) und August Progel (1829–89) etablierte S. eine lange Tradition bryolog. Forschung in München.

  • Werke

    u. a. Die Laubmoosflora v. Oberbayern, in: Bull. d. Bayer. Ak. d. Wiss. 23, 1846, S. 547–90;
    Die Vegetationsverhältnisse Südbayerns nach d. Grundsätzen d. Pflanzengeographie u. mit Bezugnahme auf d. Landeskultur geschildert, 1854;
    Die Vegetationsverhältnisse d. Bayer. Waldes nach d. Grundsätzen d. Pflanzengeographie geschildert, 1860.

  • Literatur

    ADB 34;
    L. v. Heufler, in: Verhh. d. k. k. Zoolog.botan. Ges., Wien 9, 1859, S. 103–18;
    H. Roß, in: Berr. d. Bayer. Botan. Ges. 12, 1910, S. 73–89 (P);
    K. Mägdefrau, in: Hoppea 37, 1978, S. 129–59;
    Lex. Bryologen.

  • Autor/in

    Jan-Peter Frahm
  • Empfohlene Zitierweise

    Frahm, Jan-Peter, "Sendtner, Otto" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 250-251 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117472182.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Sendtner: Otto S., Botaniker, geboren zu München am 27. Juni 1813; zu Erlangen am 21. April 1859. Nach Absolvirung des Gymnasiums seiner Vaterstadt studirte S. auf der Universität München Naturwissenschaften, von denen ihn vorzugsweise Mineralogie und Botanik anzogen. In ersterer war Fuchs sein Lehrer, für die letztere begeisterte ihn besonders der geniale Karl Schimper (s. A. D. B. XXXI, 274), dessen anregende Methode für die Entwicklung seines ihm angeborenen Beobachtungstalentes von großem Vortheil war. Als aber der frühzeitige Tod des Vaters die Wahl eines Brotstudiums erheischte, wandte sich S. der Medicin zu, mußte aber seines schwächlichen Körpers wegen dieses Studium bald wieder aufgeben und folgte von nun an wieder seiner Lieblingsneigung, während er seine Existenz durch Unterrichten und Zeichnen sich erwarb. Im J. 1837 erhielt er eine einträgliche Stellung als Privatsecretär und Archivar eines in Schlesien begüterten preußischen Kammerherrn, ein Verhältniß, welches ihm wiederholte botanische Ausflüge in die Sudeten erlaubte. Zugleich lernte er bei dieser Gelegenheit den älteren Nees v. Esenbeck kennen, durch dessen Vermittlung ihm seitens des Ministers Altenstein eine Unterstützung zur Erforschung der Kryptogamenflora des Gebirges gewährt wurde. Ohne bestimmte Berufsstellung nach München zurückgekehrt, erhielt S. 1841 einen Platz als Conservator des herzoglich leuchtenbergischen Naturaliencabinets in Eichstädt und konnte gleichzeitig, unbeschadet dieser Stellung, einem Antrage des Triestiner Bürgermeisters und Botanikers Tommasini Folge leisten zu einer auf dessen Kosten auszuführenden Excursion nach Istrien und Illyrien. Diese Reisen, für die Wissenschaft wie für Sendtner's körperliches und geistiges Behagen von gleich großem Vortheil, scheinen eine abermalige Veränderung seiner Lebensstellung veranlaßt zu haben. Wenigstens verließ er anfangs 1843 Eichstädt, machte im folgenden Jahre eine botanische Reise nach Tirol, die hauptsächlich der dortigen Moosflora galt und ging 1847 nach Bosnien. Diese letzte Reise wurde durch einen fanatischen Türken unterbrochen, welcher S. bei einer Excursion anfiel und verwundete. Nie Vollendung jener Reise ist ein unerfüllter Wunsch geblieben. Der wissenschaftliche Aufschwung in Baiern unter König Max gab auch S. eine neue Richtung seiner Thätigkeit und endlich eine feste Lebensstellung. Er erhielt von der Akademie in München den Auftrag zur pflanzengeographischen Untersuchung Südbaierns. Im Verfolge dieses Auftrages bereiste er fünf Mal nach einander die Hauptpunkte des südlichen Baiern und legte die Resultate seiner Forschung 1853 der Akademie vor. Im folgenden Jahre erschien sein Werk unter dem Titel: „Die Vegetationsverhältnisse Südbaierns nach den Grundsätzen der Pflanzengeographie und mit Bezugnahme auf Landescultur“ im Druck. In demselben Jahre wurde er außerordentlicher und 1857 ordentlicher Professor der Botanik und Conservator des Herbariums in München. Nach Vollendung seines Werkes wandte sich S., dessen wissenschaftliche Thätigkeit sich immer mehr in den Dienst der praktischen Landwirthschaft stellte, der botanischen Erschließung des bairischen Waldes zu, zu welchem Zwecke er mehrfache Reisen dorthin machte und wiederholte Unterstützung seitens der Regierung empfing. Allein seine Gesundheit war durch die angestrengte Arbeit tief erschüttert. Es stellten sich die Anzeichen eines Nervenleidens ein, das allmählich zu völliger Geistesumnachtung führte, bis der vor Vollendung des 46. Lebensjahres in der Erlanger Irrenanstalt erfolgte Tod dem Leben des strebsamen und talentvollen Forschers ein Ende machte.

    Die ersten botanischen Arbeiten Sendtner's behandeln die Moose, für die er zeitlebens eine große Vorliebe besaß. Eine Lebermoosgattung hat von Endlicher nach ihm den Namen Sendtnera erhalten. Diese Arbeiten sind durchweg descriptiver Natur und vorzugsweise in den Bänden der Zeitschrift Flora aus den vierziger und fünfziger Jahren erschienen. Die Beschreibung der Reise nach Bosnien, veröffentlicht im Ausland vom Jahre 1848, enthält eine große Fülle naturhistorischer Beobachtungen über das dalmatische Küstenland; die botanischen Ergebnisse derselben brachte ein mit Paul Kummer zusammen im 32. Bande der Flora vom Jahre 1842 publicirter Aufsatz: „Enumeratio plantarum in itinere Sendtneriano in Bosnia lectarum“. Seine bryologischen Forschungen faßte er in einer besonderen Schrift zusammen: „Beobachtungen über die klimatische Verbreitung der Laubmoose durch das österreichische Küstenland“ 1850, die ein werthvoller Beitrag zur österreichischen Flora und Pflanzengeographie darstellt. Mit monographischen Arbeiten hat sich S. im Anschluß an die für die Martius'sche Flora brasiliensis von ihm herausgegebenen Solanaceen und Celastrineen beschäftigt in einer als Abdruck aus der Flora 1845 veröffentlichten kleineren Arbeit: „De Cyphomandra, novo Solanacearum genere tropicae Americae“, worin er die über jene Gattung zerstreut vorgefundenen litterarischen Notizen sorgfältig gesammelt und mit den zur Classificirung der Arten nöthigen diagnostischen Erläuterungen versehen hat. Sendtner's wichtigstes Werk ist indessen seine bereits erwähnte Schrift: „Die Vegetationsverhältnisse Südbaierns“ mit 18 Holzschnitten, 9 Tafeln und 1 Karte. Die auf Grund genauer Beobachtungen hierin niedergelegten Resultate, die Nachweisungen der Vegetationsgrenzlinien und des durch sie bedingten Florencharakters Südbaierns, die genaue Würdigung des Einflusses aller klimatischen Factoren und Bodenverhältnisse, endlich die vortreffliche Schilderung der Vegetationsformen, insbesondere der Moore, werden als Muster pflanzengeographischer Studien stets ihren wissenschaftlichen Werth behalten. Leider sollte Sendtner's letztes, nach gleichem Plan und mit gleicher Energie in Angriff genommenes Werk: „Die Vegetationsverhältnisse des bairischen Waldes“ nicht mehr die letzte Feile durch den Verfasser selber erhalten. Es erschien vielmehr ein Jahr nach seinem Tode nach dem Manuscript vollendet von W. Gümbel und L. Radlkofer im J. 1860.

    • Literatur

      Verhandlungen des zool.-botan. Vereins in Wien 1852 und 1859. — Pritzel, thes. lit. bot.

  • Autor/in

    E. Wunschmann.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wunschmann, Ernst, "Sendtner, Otto" in: Allgemeine Deutsche Biographie 34 (1892), S. 7-8 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117472182.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA