Lebensdaten
1863 bis 1944
Geburtsort
Korbach (Waldeck)
Sterbeort
Rattlar (Waldeck)
Beruf/Funktion
Lehrer ; Journalist ; Publizist ; Verleger
Konfession
evangelisch,konfessionslos
Normdaten
GND: 117351261 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schwaner, Christian Louis Wilhelm
  • Bach, Christian (Pseudonym)
  • Har(d)t, Wilm (Pseudonym)
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Zitierweise

Schwaner, Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd117351261.html [24.10.2017].

CC0

  • Genealogie

    Aus in K. seit d. 16. Jh. nachweisbarer Handwerkerfam.; V Heinrich (1826–1912), Sattler u. Weißgerber in K., S d. Georg, Weißgerber u. Sattler, u. d. Dorothea Wacker aus K.; M Christiane (1826–63), T d. Christian Schönhardt, Schieferdeckermeister, u. d. Marie Schlömer aus K.; 1) Korbach 1889 Auguste (1864–93), T d. Friedrich Schwalenstöcker (1802-77), Wagnermeister, u. d. Marie Schönhardt (1824–1905), aus K., 2) Berlin 1899 Antonie (Toni) (1860–1928), akad. Malerin (s. P), T d. Eduard Pfüller (1826–1911), kaufmänn. Angest., u. d. Auguste Reisner (1825–66) aus Berlin; 1 S aus 1) Friedrich (1890–1930, Margarethe v. Kameke, 1891–1971, Oberschullehrerin, T d. Alexander v. Kameke, 1855–1929, preuß. Oberstlt.), Dr. phil., Studienrat, Buchhändler, Liederkomp. (s. Wi. 1935), 1 T aus 2) Anneliese (Annlis) (1901–85, Alfred Ehrentreich, 1896–1998, Dr. phil., Pädagoge, s. L); E Swantje Ehrentreich (* 1937), Dr. phil., Redakteurin b. Hess. Rundfunk.

  • Leben

    S. besuchte 1877-81 das Waldeck. Landesgymnasium in Korbach und danach die Präparandenanstalt Herborn. Nach der Ausbildung am Lehrerseminar Homberg 1882-85 war er als Dorfschullehrer im waldeck. Schweinsbühl und seit 1887 in Rattlar tätig. Konflikte mit der Schulbehörde führten 1894 zu seiner Entlassung aus dem Schuldienst. Johannes Lehmann-Hohenberg (1851–1925), der wie S. Anhänger der freireligiösen Ideen Moritz v. Egidys (1847–98) war, holte S. 1894 als Redakteur zu den „Kieler Neuesten Nachrichten“ (1895 Chefredakteur, seit 1896 zudem Schriftleiter d. Wochenbeilage „Versöhnung“). 1896 wechselte S. als Chefredakteur der Tageszeitung „Berliner Reform“ in die Reichshauptstadt, wo er sich im Umfeld der freidenkerischen Bohème und alternativen bürgerlichen Kulturbewegung engagierte, u. a. als Mitbegründer der „Freien Hochschule Berlin“ (1902) und des „Dt. Monistenbundes“ (1906) sowie als Mitglied im „Friedrichshagener Dichterkreis“, im „Giordano-Bruno-Bund“ und im „Charon-Kreis“. Im Mittelpunkt von S.s Schaffen stand seit 1897 die bis 1936 unter seiner Federführung erscheinende (lebens)reformorientierte und zunehmend in völkische Fahrwasser abdriftende Zeitschrift „Der Volkserzieher“, deren Auflagenhöhe vor 1914 auf über 10000 Exemplare anstieg. Mit dem 1906 in Berlin-Schlachtensee gegründeten „Volkserzieher-Verlag“ schuf S. ein erfolgreiches Marketingunternehmen und die Basis für seine propagandistischen Aktivitäten. Dazu gehörten auch die seit 1904 von S. organisierten „Volkserzieher-Fahrten“ für die Leserschaft der Zeitschrift und der Zusammenschluß ihrer Anhänger - nach einem 1907/08 gescheiterten ersten Anlauf- im 1910 gegründeten, von der zeitgenössischen Kulturkritik und den bürgerlichen Reformbewegungen geprägten „Bund Dt. Volkserzieher e.V.“.

    In seinem viel gelesenen Hauptwerk, der „Germanen-Bibel“ (1904, 71941), suchte S. mit einer Anthologie vorwiegend dt. Denker, Dichter und Politiker völkisch-religiöse|Glaubensvorstellungen zu legitimieren. Ausgehend von Egidys freidenkerischen Vorstellungen entwickelte sich S. zum prominenten Vordenker und einflußreichen Propagandisten einer durch die völkische Rassenideologie begründeten „arteigenen Religion“. Vor dem Ausbruch des 1. Weltkriegs stand er zunächst der Deutschgläubigen Gemeinschaft von Otto Siegfried Reuter (1856–1945) nahe, war ranghohes Mitglied des esoterischen Hohen Armanen Ordens des Wiener Ariosophen Guido List (1848–1919) und 1912 an der Gründung der Germanischen Glaubens-Gemeinschaft am Hermannstein bei Rattlar beteiligt. Nach dieser kurzen Glaubensliaison mit dem neopaganen Flügel der völkisch-religiösen Teilbewegung wurde S. zum entschiedenen Verfechter einer dt.christlichen Religion als dem eigentlichen Kern der Volkserzieherbewegung, insbesondere der ihr integrierten, nach der gleichnamigen Zeitschrift (1912–24) benannten „Upland“-Bewegung. Mit dem Ausbruch des von S. enthusiastisch begrüßten 1. Weltkriegs gerieten „Volkserzieher-Verlag“ und Zeitschrift in finanzielle Schwierigkeiten, die durch Zuwendungen Walther Rathenaus (1867–1922), mit dem S. trotz seiner völkisch-antisemitischen Überzeugungen seit 1913 bis zu Rathenaus Tod eine enge Freundschaft verband, kurzzeitig überbrückt wurden. Während des Kriegs geriet die Volkserzieherbewegung in eine schwere, auf programmatische Gegensätze und S.s patriarchalen Habitus zurückgehende Krise, der S.-Jünger 1917 mit der Gründung des nach freimaurerischem Muster eingerichteten und bis 1919/20 bestehenden elitären „Deutschmeister-Ordens“ vergeblich zu begegnen suchten. Weder S. noch die Volkserzieherbewegung vermochten nach 1918 an die Vorkriegserfolge anzuknüpfen. 1930 verlegte S. den Sitz des Verlags von Berlin nach Rattlar, wo sich seit 1914 bereits das Bundesheim der Volkserzieher befand. S.s distanziert-kritische Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus und der NS-Gleichschaltungspolitik führten im Okt. 1936 zum Verbot des „Volkserziehers“ und zur Auflösung des 1927 wiedergegründeten und 1935 in „Bund für Deutschtum auf christlicher Grundlage“ umbenannten „Bundes Deutscher Volkserzieher“. Damit waren S.s völkische Agitation und publizistische Karriere beendet.

  • Werke

    Weitere W Es werde Licht, Denn Finster ist es aus d. Tiefe, 1893, 21894; Moderne Opfer, Drei Bilder aus d. Lehrerleben d. Gegenwart, 1897; Schulmeister, Volkserzieher, Selbsterzieher, Züge u. Briefe aus d. Leben u. d. Schrr. e. dt. Volkserziehers, 1902 (mehrere Nachaufll. unter wechselnden Titeln); Wander- u. Lagerlieder Dt. Volkserzieher, 1907, 71927; Vom Gottsuchen d. Völker, Aus hl. Schrr. aller Zeiten, 1908; 200 Marsch- u. Lagerlieder dt. Soldaten, Unter Benützung d. besten dt. Liederbücher, hg. i. A. d. Dt. Wehrver., 1915; Todtrotzend kämpfen, Kriegsbücher aus Upland, 1916; Weltscheiding, Erlebnis u. Ergebnis, Eine Unters. bestimmter Fragen d. Vergangenheit, Gegenwart u. Zukunft, 1917; Jung-Germanenbibel, 1920; Das Wanderbuch d. Volkserzieher im Silberj., 1921; Schwanen-Büchlein, 54 kl. Wochen- u. Sonntagspredigten f. solche, d. es ernst meinen mit sich u. dem Nächsten, 1922; Licht-Nächte, 52 Wahrträume d. Lebens, 1923; Licht-Tage, 52 andere Wahr-Träume d. Lebens, 1923; Das Uplandbuch, 1931; Zwölf Schwanenbriefe f. christl. Rel. wider Sowjet u. Satan, 1939; Jenseits v. hier u. heute, Kampfbriefe wider alles Dunkle u. Böse f. christl. Rel., 1939; |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Landesbibl. u. Murhardsche Bibl., Kassel; Archiv d. dt. Jugendbewegung Burg Ludwigstein, Witzenhausen.

  • Literatur

    Ch. Carstensen, Der Volkserzieher, Eine hist.krit. Unters. über d. Volkserzieherbewegung W. S., 1941; A. Ehrentreich, W. S. (1863-1944) u. d. Volkserzieherbewegung, in: Jb. d. Archivs d. dt. Jugendbewegung 7, 1975. S. 75-97; Hdb. z. „Volk. Bewegung“ 1871-1918. hg. v. U. Puschner u. a., 1996: Hdb. d. dt. Reformbewegungen 1880-1933, hg. v. D. Kerbs u. J. Reulecke, 1998; Völk. Rel. u. Krisen d. Moderne. Entwürfe „arteigener“ Glaubenssysteme seit d. Jh.wende, hg v. St. v. Schnurbein u. J. H. Ulbricht, 2001; U. Puschner, Die völk. Bewegung im wilhelmin. Ks.reich, 2001: R. Panesar, Medien rel. Sinnstiftung. Der „Volkserzieher“, d. Zss. d. „Dt. Monistenbundes“ u. d. „Neue Metaphys. Rdsch.“ 1897-1936, 2006; A. Mohler u. K. Weissmann, Die Konservative Rev. in Dtld., 62005; Wi. 1935; Kosch, Lit.-Lex.3.

  • Portraits

    Ölgem. v. Toni Schwaner, um 1900, Abb. in: Walther Rathenau, Die Extreme berühren sich, Ausst.kat. Dt. Hist. Mus. Berlin, 1993, S. 327.

  • Autor

    Uwe Puschner
  • Empfohlene Zitierweise

    Puschner, Uwe, "Schwaner, Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 783-784 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd117351261.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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