Lebensdaten
1857 bis 1918
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Archäologe
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 117190446 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Loewy, Emanuel
  • Loewy, E. M.
  • Loewy, Em.
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Quellen(nachweise)

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Zitierweise

Loewy, Emanuel, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117190446.html [15.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Bernhard, Kaufm. in W.;
    M Anna Möller; ledig.

  • Leben

    L. begann sein Studium 1875 an der Univ. Wien, wo Alexander Conze und seit 1877 dessen Nachfolger Otto Benndorf seine Lehrer waren. Nach der Promotion 1882 bei Benndorf nahm ihn dieser noch im selben Jahr als Mitarbeiter auf seine zweite Expedition nach dem kleinasiat. Lykien zur Bergung der Skulpturen des Heroons von Gjölbaschi-Trysa (heute in Wien, Kunsthistorisches Museum) mit. Unter Benndorf habilitierte sich L. 1887 und erhielt 1889 die ao. Professur für Klassische Archäologie an der Univ. Rom, die 1901 zum Ordinariat für Archäologie und Antike Kunstgeschichte erweitert wurde. Er war damit der erste Gelehrte überhaupt, der in Rom einen Lehrstuhl dieser Nominierung erhielt. Sein Einfluß auf die folgende Generation Klassischer Archäologen in Italien war bedeutend. R. Bianchi-Bandinelli empfand ihn als den wahren Nachfolger Winckelmanns, da er „das Wesen der antiken Kunst zu erfassen trachtet“ und nicht nur, wie die Archäologen vor ihm, berühmte Kunstdenkmäler, die von antiken Autoren überliefert waren, im vorhandenen Fundus der griech.-röm. Plastik aufzufinden suche. Als künstlerisch begabter Mensch verfolgte er die Vorgehensweise der bildenden Künstler und erkannte, daß Kunst darin besteht, eine Auswahl aus den Eindrücken, die die Umwelt dem Auge und Gemüt darbietet, zu treffen, wie er dies in seinem Werk „Die Naturwiedergabe in der älteren griech. Kunst“, 1900 (engl. 1907) dargestellt hat. Anders als Winckelmann, für den nur die hohe griech. Idealplastik im Mittelpunkt des Interesses steht, wandte er seine Aufmerksamkeit auch den Anfängen der griech. Kunst zu und ging hier nicht ästhetischen Werten nach, sondern suchte aus psychologischen Gründen ihre Vorliebe für den klaren Umriß, für Flächigkeit, bei der Freiplastik für Frontalität zu erklären. Nach seiner Auffassung hängt dies mit dem Erinnerungsbild im menschlichen Gehirn zusammen, das kein ganz klares (klar im Gegensatz zur Linse des Photoapparates) sei und gewöhnlich ein Objekt in seinem anschaulichsten Schema repräsentiere, so bei der Zeichnung der menschlichen Gestalt: Kopf im Profil, Brust von vorne, Beine im Profil. Nach heutiger Kenntnis handelt es sich hier jedoch um eine Übernahme von Typen älterer Kunststile. L. war für seine|Zeit ein Vorkämpfer des geistigen Prinzips in der Kunstentwicklung gegenüber dem rein materialistischen Standpunkt eines Gottfried Semper, der die Kunstform allein aus dem verwendeten Material und der Herstellungstechnik erklären wollte. Als Lehrer war L. für seine Epoche bahnbrechend, da er seine Schüler sehen, Formen beschreiben und vor allem diese vergleichen lehrte. Diese Fähigkeit kommt z. B. in seinem Aufsatz „Typenwanderung“ (J.-Hh. d. Österr. Archäolog. Inst. 12, 1909) zum Ausdruck. Vermutlich hat die Richtung der vergleichenden Kunstforschung, die damals in Wien von Josef Strzygowski begründet worden war, hier eingewirkt.

    L.s Kenntnisse, seine methodische Schulung, sein Einfühlungsvermögen in die Schönheit der antiken Kunst, aber auch seine menschliche Liebenswürdigkeit, hatten ihm in Rom viele Freunde und Schüler gewonnen. 1915 gab er jedoch wegen des Krieges seine gesicherte Stellung auf und kehrte nach Wien zurück. Hier hat er erst nach dem Ende des Krieges 1918 eine ao. Professur ad personam erhalten, die er auch über sein 70. Lebensjahr hinaus ausüben konnte. Bedeutend wurde in L.s späten Jahren seine Abhandlung über die „Ursprünge der bildenden Kunst“ (Alm. d. Österr. Ak. d. Wiss. 80, 1930, S. 275 ff.). Er suchte darin die Anfänge der griech. Kunst sowohl in der kretisch-myken. Epoche des 2. Jahrtausends v. Chr. wie in der geometrischen Keramik der Kunst des 9. bis 8. Jh. v. Chr. aus einigen wenigen unheilabwehrenden Bildmotiven heraus zu erklären. Wenn auch seine Erklärungen zu schematisch erscheinen, so ist doch der Versuch, auf die naivere, altertümliche Mentalität der frühen Epochen einzugehen, methodisch richtig gewesen und wirkte bahnbrechend.

    Wenig bekannt ist der große Einfluß L.s auf Sigmund Freud. Mit dem Begründer der Psychoanalyse verband ihn seit seiner Jugend eine aufrichtige Freundschaft, die sich während seines zweiten Wiener Aufenthalts seit 1915 erneuerte und vertiefte. Freud bezeichnet einmal seine Psychoanalyse als die Archäologie der Seele, wobei sicherlich die Methode L.s, ursprüngliche Vorstellungen und längst verschütteten Volksglauben aufzusuchen, das auslösende Vorbild lieferte.|

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Österr. Ak. d. Wiss. (ao. 1921, o. 1929), Ac. dei Lincei, Pontificia Ac. Romana di Archeologia, Österr. u. Dt. Archäolog. Inst., Kgl. Ak. zu Neapel.

  • Werke

    Weitere W Unterss. z. griech. Künstlergesch., 1883;
    Inschriften griech. Bildhauer, 1885;
    Lysipp u. s. Stellung in d. griech. Plastik, 1891;
    La Statua di Anzio, 1907;
    Typenwanderung, in: J.-Hh. d. Österr. Archäolog. Inst. 12, 1909;
    La scultura Greca, 1911 (dt. 1914, 41924);
    Stein u. Erz in d. statuar. Kunst, 1915;
    Neuatt. Kunst, 1922;
    Polygnot, 1922;
    Zur Chronol. d. frühgriech. Kunst, in: SB d. Österr. Ak. d. Wiss., phil.-hist. Kl. 213, 4, 1932;
    Der Beginn d. rotfigur. Vasenmalerei, in: ebd. 217, 2, 1938.

  • Literatur

    C. Praschniker, in: Alm. d. Österr. Ak. d. Wiss., 1938, S. 1 ff. (W-Verz.);
    G. Qu. Giglioli, Rendiconti, Atti della Pontificia Ac. di Archeologia 14, 1938, S. 19 ff. (W-Verz.);
    H. Troosman u. R. D. Simmons, The Freud Library, in: Journal of the American Psychoanalytic Association 21, 1973, S. 671 ff.;
    H. Jobst, Freud and the Archeology, in: Sigmund Freud House Bulletin 2, 1978, S. 46 ff.;
    R. Bianchi-Bandinelli, Klass. Archäol., Eine krit. Einführung, 1978 (dt. übers.), bes. S. 117 ff.;
    ÖBL;
    Enc. Jud.

  • Portraits

    Radierung v. F. Schmutzer, 1927 (Wien, Österr. Ak. d. Wiss., in d. Glückwunschadresse z. L.s 70. Geb.tag).

  • Autor/in

    Hedwig Kenner
  • Empfohlene Zitierweise

    Kenner, Hedwig, "Loewy, Emanuel" in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 114 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117190446.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA