Lebensdaten
1854 bis 1923
Geburtsort
Dřeníc (Böhmen)
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Philosoph
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 117116149 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Jerusalem, Wilhelm
  • Jerusalem, Vilhelm
  • Jerusalem, Wilh.

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen im NDB Artikel

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Jerusalem, Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117116149.html [21.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Markus ( 1864), Landwirt, Kaufm., Spiritusbrenner;
    M Therese Kopperl;
    Prag 1878 Katharina, T d. Moses Pollak u. d. Rosalie N. N.;
    2 S, 3 T.

  • Leben

    Die Kindheit J.s, der als jüngstes von 9 Kindern vom Vater zum Rabbiner bestimmt worden war, stand unter den Eindrücken des gesetzestreuen jüd. Elternhauses. J. wurde im Erstunterricht durch einen Hauslehrer bereits ins Hebräische eingeführt und auch, als ihn nach dem frühen Tod des Vaters die Familie eines befreundeten Rabbiners in Luže aufnahm und erzog, noch bis zu seinem 13. Lebensjahr weiterhin religiös, hauptsächlich im Alten Testament und Talmud unterrichtet. Dann bezog er als öffentlicher Schüler das Kleinseitner Gymnasium in Prag, wo er 1872 die Reifeprüfung ablegte. An der Univ. Prag, die er 1872-76 besuchte, widmete er sich ausschließlich dem Studium der klassischen Sprachen und betrieb nebenbei Englisch und Französisch. Die Promotion, zu der ihn der Archäologe O. Benndorf und der Althistoriker O. Hirschfeld bewogen, schloß er 1878 mit der Dissertation „Die Inschrift von Sestros und Polybios“ ab. J. war 1878 zunächst als Gymnasialhilfslehrer in Prag tätig, ehe er als Lehrer für alte Sprachen und Deutsch am Gymnasium in Nikolsburg (Mähren) eine volle Anstellung (1878–85) erhielt. Bereits dort führte ihn ein Auftrag, auch den Unterricht in philosophischer Propädeutik zu übernehmen, zur Philosophie, der er sich – neben dem Schuldienst, den er erst 1907 beendete – fortan mehr und mehr zuwandte. Seine Versetzung nach Wien (1885) brachte ihn schließlich in engeren Kontakt mit der Universität; 1888 erschien sein Lehrbuch der empirischen Psychologie, und 1891 konnte er sich unter R. Zimmermann, Th. Gomperz und F. Müller mit einer Arbeit über die Erziehung der taubstumm-blinden Laura Bridgman im Bostoner Blindeninstitut („L. B., Erziehung einer Taubstumm-Blinden“) für Philosophie habilitieren. 1903 wurde seine venia als Privatdozent auch auf Pädagogik ausgedehnt. Erst 1920 erhielt J. eine ao. Professur für Philosophie und Pädagogik und im Mai 1923, wenige Wochen vor seinem Tode, die Ernennung zum o. Professor.

    Die Wirkung J.s als Universitätslehrer beruht hauptsächlich auf der Kraft und Begeisterungsfähigkeit seiner Persönlichkeit und seiner unscholastischen, allen empirischen Forschungen zugewandten Einstellung, die er als „kritischen Realismus“ begreift: Ähnlich wie der Pragmatismus, dessen Entdecker für das kontinentaleurop. Philosophieren er durch die Übersetzung des „Pragmatismus“ von W. James (1908) wurde, geht J. aus von der Anerkennung einer von uns unabhängigen Welt, deren Erkenntnis durch Empirie möglich ist, so jedoch, daß die Erfahrung allein als Erkenntnisquelle nicht genügt, vielmehr der Beschränkung durch Kritik und der Ergänzung durch nichtempirische formale Prinzipien bedarf. Was erkannt wird, sind „nicht bloß Eigenschaften unserer Organisation, sondern Eigenschaften und Beziehungen der Dinge“. Auch in seinem Bemühen, die Logik psychologisch zu unterbauen („Psychologismus“), bedient sich J. der empirischen anthropologischen Forschung seiner Zeit, die er 1891 durch einen Besuch im Wundtschen Institut für experimentelle Psychologie in Leipzig vertiefte. Der Gedanke schließlich, daß Wahrheit und Wahrheitssuche zugleich biologisch notwendig und insbesondere im Rahmen der menschlichen Gesellschaft für deren Entwicklung förderlich ist, bringt J. immer mehr zur Frage nach den soziologischen Bedingungen der Wahrheitssuche und des Wahrheitserlebens. 1907 gründet er so zusammen mit Max Adler, Rudolf Goldscheid, Michael Haunisch, Ludo Mor. Hartmann u. a. die Soziologische Gesellschaft in Wien. Als wissenschaftlicher Schriftsteller wirkte J. durch seine wiederholt aufgelegten und mehrfach übersetzten Werke „Lehrbuch der empirischen Psychologie“ (ab 3. Aufl. auch als Lehrbuch für Gymnasien) und „Einleitung in die Philosophie“ über die Grenzen des deutschen Sprachbereichs hinaus. Daneben ist J.s populäre Vortragstätigkeit im Dienste der Volksbildung und -aufklärung erwähnenswert, insbesondere auch sein lebhaftes Eintreten für die Ermöglichung des Frauenstudiums. Mit E. Mach verband ihn bis zu dessen Tod eine herzliche Freundschaft; sein ehemaliger Schüler aus dem Wiener Gymnasium, der Dichter und Burgtheaterdirektor Anton Wildgans, stand|mit ihm im dauernden persönlichen und schriftlichen Austausch.

  • Werke

    Weitere W u. a. Zur Reform d. Unterr. in d. phil. Propädeutik, 1885;
    Über psycholog. Sprachbetrachtung, 1886;
    Lehrb. d. empir. Psychol., 1888, ab 31902 u. d. T. Lehrb. d. Psychol., 51912, 71922 (Überss., u. a. russ.), 81926;
    Grillparzers Welt- u. Lebensanschauungen, 1891;
    Die Urteilsfunktion, 1895;
    Psychol. im Dienst d. Grammatik u. Interpretation, 1896;
    Einl. in d. Philos., 1899, 9/101923 (Überss., u. a. engl., japan., russ.);
    Die Aufgaben d. Lehrers an höheren Schulen, 1903, 21912;
    Der krit. Idealismus u. d. reine Logik, e. Ruf im Streite, 1905;
    Gedanken u. Denker, 1905, 21925 (W-Verz.);
    Der Krieg im Lichte d. Ges.lehre, 1915;
    Meine Wege u. Ziele, in: Die Philos. d. Gegenwart in Selbstdarst. III, 1922 (P);
    Einführung in d. Soziol., 1926. -
    Hrsg.: W. James, Pragmatismus, 1908;
    L. Lévy-Bruhl, Das Denken d. Naturvölker, 1921 (mit Einl.).

  • Literatur

    Festschr. f. W. J. zu s. 60. Geb.tag, 1915 (P);
    W. Eckstein, W. J., Sein Leben u. Wirken, 1935 (P);
    Ziegenfuß;
    Überweg IV.

  • Portraits

    Ölgem. v. A. Ferraris, Abb. in: Festschr., s. L;
    Radierung v. F. Gold, Abb. b. Eckstein, s. L.

  • Autor/in

    Hans Brockard
  • Empfohlene Zitierweise

    Brockard, Hans, "Jerusalem, Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 418 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117116149.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA