Lebensdaten
1805 bis 1861
Geburtsort
Breslau
Sterbeort
Bad Salzbrunn (Schlesien)
Beruf/Funktion
preußischer Handelsminister ; Textilindustrieller
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 117041483 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Milde, Karl August

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Zitierweise

Milde, Karl August, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117041483.html [14.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V August (1779–1865) aus Gabitz b. Breslau, Kaufm. u. Kattunfabr. in Breslau;
    M Dorothea (1781–1868), T d. Holzhofinsp. Krüger in Berlin, Mitarbeiterin im Unternehmen ihres Mannes;
    Breslau 1835 Emilie Schallowetz (1814–91) aus Prag; zahlr. K (bis auf 4 T früh †). u. a. Luise ( Hermann v. Schulze-Gävernitz, 1824–88, preuß. Kronsyndikus, Prof. d. Staatsrechts in Breslau u. Heidelberg, s. ADB 33);
    E Gerhart v. Schulze-Gävernitz (1864–1943), Prof. d. Nationalökonomie in Freiburg (Br.) (s. Rhdb.; L); Verwandter Julius (1824–71), Botaniker (s. ADB 21).

  • Leben

    M. absolvierte das Breslauer Elisabethgymnasium und das Berliner Gewerbeinstitut. 1823 ging er zum Studium der Chemie nach Paris, wo er die Bekanntschaft A. v. Humboldts machte, und anschließend 1825 nach England. Hier arbeitete er bis 1831 in einer Kattundruckerei und Spinnerei in der Nähe von Manchester. Seine Auslandsaufenthalte vermittelten M. einen Eindruck von der aufkommenden Industrialisierung und den moderneren, durch die maßgebliche Rolle des Bürgertums geprägten gesellschaftlichen Verhältnissen in Frankreich und England. Nach Breslau zurückgekehrt, warb er alsbald in Vorträgen über die engl. Industrie und das Eisenbahnwesen, die er vor Gewerbetreibenden hielt, für das neue Maschinenzeitalter und die sich bietenden unternehmerischen Chancen. Er selbst gründete 1825, auf dem väterlichen Unternehmen aufbauend, in Breslau die erste große mechanische Baumwollspinnerei Schlesiens, dazu eine Druckerei.

    M. wandte sich schon früh der Politik zu. Seit 1831 war er Stadtverordneter in Breslau, später Stadtverordnetenvorsteher und Mitglied des Schlesischen Provinziallandtages, auf dem er sich als Sprecher der gemäßigt liberalen Opposition hervortat. Der Regierung durch sein entschiedenes Eintreten für die Rechte der Städte bald mißliebig geworden, kandidierte er gleichwohl – wenn auch ohne Erfolg – 1842 für das Amt des Oberbürgermeisters von Breslau. 1847 war er Mitglied des preuß. Vereinigten Landtages, dessen Rechte er durch wiederholte Anträge zu vermehren suchte. Im Parlament trat M. für Reformen innerhalb des Ordnungsrahmens der konstitutionellen Monarchie ein. Er wandte sich entschieden gegen die Zensur und befürwortete eine Vereinheitlichung des Zivilrechts und die bürgerliche Gleichstellung der Juden, deren Recht zur Aufrechterhaltung einer eigenen Kultusgemeinschaft er allerdings in Frage stellte.

    Auch auf dem 2. Vereinigten Landtag trat M. vor allem in den Debatten über wirtschaftliche Themen hervor, wobei er sich für Erleichterungen bei der Gründung von Aktiengesellschaften aussprach, in den handelspolitischen Auseinandersetzungen einen maßvollen Schutzzoll befürwortete und sich in den Finanzverhandlungen mit dem Ministerium Hansemann, dessen ursprüngliche Forderung nach unbegrenztem „Kredit“ er zunächst entschieden zurückgewiesen hatte,|für einen Kompromiß einsetzte, der dann auch zustandekam. Am 26.5.1848 wurde M. zum Präsidenten der in Berlin zusammengetretenen Preuß. Nationalversammlung gewählt, die die künftige Staatsverfassung erarbeiten sollte. Das ihm zugefallene Paulskirchenmandat nahm er nicht an. Nachdem M. die Übernahme eines Ressorts in der Ende März gebildeten Regierung Camphausen zunächst abgelehnt hatte, wurde er am 25.6. von Kg. Friedrich Wilhelm IV. auf Vorschlag Hansemanns in der von diesem und R. v. Auerswald gebildeten neuen Regierung zum ersten preuß. Handelsminister ernannt. M. übte dieses Amt nur bis zum 21.9. aus und trat dann mit dem gesamten Kabinett zurück. Eine für die wirtschaftsliberale Aufbruchstimmung der Zeit bemerkenswerte, wenn auch durch den Aufschwung der Aktienbanken bald gegenstandslose Initiative seiner kurzen Amtszeit waren die von M. und Hansemann gemeinsam erarbeiteten Normativbestimmungen für das Notenbankwesen, die die Gründung von privaten Notenbanken ermöglichen sollten. Eine wichtige Rolle spielte M. im August 1848 bei der Sanierung des in Zahlungsschwierigkeiten geratenen Kölner Bankhauses Abraham Schaaffhausen, dessen Bankrott durch die Ausgabe von staatlich garantierten neuen Aktien abgewendet werden konnte. Mit Gustav Mevissen entsandte M. einen der aktivsten rhein. Unternehmer in das Direktorium der reorganisierten Bank, die während der folgenden Jahrzehnte eine führende Rolle bei der Finanzierung von Industriegründungen im Rheinland und in Westfalen spielen sollte.

    1849/50 gehörte M. der preuß. Ersten Kammer an und vertrat hier zeitweilig konservativere Positionen als früher, etwa in einer überaus positiven Stellungnahme zum Verfassungsoktroi und in seinem Plädoyer für einen hohen Steuerzensus bei der Gestaltung des Dreiklassenwahlrechts. 1851-55 und 1859/60 war er als Abgeordneter für die Wahlkreise Waldenhurg bzw. Neiße Mitglied der Zweiten Kammer und schloß sich in der Zeit der Reaktion wieder der liberalen Opposition an. Als anerkannter Fachmann in Handels- und Zollfragen verhandelte er im Auftrag der preuß. Regierung 1850 in Wien mit dem österr. Handelsminister Bruck über dessen Vorschläge einer Ausweitung des Deutschen Zollvereins zu einem mitteleurop. Zollbund. Im Parlament beeindruckte er, ohne über sonderliche rhetorische Fähigkeiten zu verfügen, durch seine genaue Kenntnis wirtschaftlicher Materien und sein stets sachliches, ausgewogenes Urteil. Sein Interesse gehörte aber auch militärpolitischen Angelegenheiten. 1860 führte er als Sprecher der Liberalen mit dem Prinzen von Preußen eine ausführliche mündliche und briefliche Diskussion über Fragen der Heeresreform, in der er u. a. für eine Dienstzeit der Infanterie von nur zwei (statt drei) Jahren und verbesserte Aufstiegschancen für Unteroffiziere eintrat, ohne daß seine Argumente Gehör gefunden hätten.

    In seinen letzten Lebensjahren wandte sich M. wieder stärker unternehmerischen Aktivitäten zu. 1856 gehörte er zu den Gründern des Schles. Bankvereins, einer der wichtigsten deutschen Regionalbanken. Im selben Jahr übernahm ein von M. gegründetes Konsortium von einer durch die russ. Regierung subventionierten Aktiengesellschaft pachtweise den Betrieb der Warschau-Wiener Eisenbahn, deren Direktor M. seit 1858 war. In Breslau führte M. ein gastfreies Haus, das zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt für die Kaufmannschaft und das industrielle Unternehmertum der aufblühenden Stadt wurde, in dem aber auch Gelehrte wie Theodor Mommsen und Literaten wie Gustav Freytag und Hoffmann von Fallersleben verkehrten.|

  • Auszeichnungen

    Dr. h. c. (Breslau 1861)

  • Literatur

    ADB 21;
    G. v. Schulze-Gävernitz, in: Schles. Lb. II, 1926 (P);
    Kosch, Biogr. Staatshdb., 1963;
    M. Botzenhart, Dt. Parlamentarismus in d. Rev.zeit 1848-1850, 1977.

  • Portraits

    Gem. im Bes. v. G. v. Schulze-Gävernitz (ehem. Crainsdorf Kr. Neurode), Abb. in Schles. Lb. (s. L).

  • Autor/in

    Hans Jaeger
  • Empfohlene Zitierweise

    Jaeger, Hans, "Milde, Karl August" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 504-505 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117041483.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Milde: Karl August M., erster preußischer Handelsminister, geb. den 14. September 1805 in Breslau, den 24. August 1861 im schlesischen Bade Salzbrunn. Er war der Sohn eines Breslauer katholischen Kattunfabrikanten, welcher sich durch eigene Tüchtigkeit aus engen Verhältnissen zu großem Reichthum und ehrenvoller Achtung emporgeschwungen hatte. In Ueberfluß erzogen,|erhielt er eine vielseitige Bildung. 16 Jahre alt besuchte er das damals neu gegründete Gewerbe-Institut in Berlin, um sich für den Betrieb industrieller Unternehmungen gründlich auszubilden. Dann machte er in Begleitung des Chemikers Runge, welcher als einer der ersten in Deutschland seine Wissenschaft auf die gewerbliche Praxis anwandte, Reisen nach Paris, dem Elsaß, der Schweiz, England und Schottland, um das gewerbliche Leben dieser Länder kennen zu lernen sowie um seine naturwissenschaftlichen und nationalökonomischen Studien zu vervollkommnen. Nach dreijährigem Aufenthalte im Auslande kehrte er 1826 auf kurze Zeit heim, ging aber noch in demselben Jahre nach England, wo er bis 1830 in einem der größten Institute englischer Industrie arbeitete. In Frankreich und England lernte er auch die Verhältnisse constitutioneller Länder kennen und werthschätzen. 1830 heimgekehrt, übernahm er das väterliche Fabrikgeschäft und entwickelte es rasch zu einem der bedeutendsten im Zollverein. Seine Fabrik wurde die erste große Baumwollenspinnerei Breslaus und Schlesiens. Durch seine Bildung erhob er sich über die große Menge seiner Alters- und Standesgenossen. Die Ideen und Tendenzen des bürgerlichen liberalen Frankreich hatten seine ganze Zuneigung gewonnen; dieselben wurden die Ausgangspunkte seiner politischen Bildung und reiften durch den längeren Aufenthalt in England. In das öffentliche Leben trat er 1831 in Breslau als Stadtverordneter. Als solcher wußte er bald den Gesichtspunkt zu finden, an welchen die Städteordnung im Staatsorganismus anzuknüpfen hat und auf den schlesischen Provinziallandtagen verstand er es, die Zeichen zu erkennen, welche der Entwicklung seit 1848 vorangingen. Mit Freimuth und Sicherheit trat er für die Grundsätze in die Schranken, welche in der Gesetzgebung von 1807, 1808 und 1810 angebahnt waren. Auf dem Provinziallandtage vom Mai 1841 erhob er als Vertreter Breslaus sich für den Antrag der Stadt auf Einführung von Reichsständen auf Grund des Gesetzes vom 22. Mai 1815. Gegen die darauf in dem Cabinetsbefehl vom 22. Mai 1841 ausgesprochenen Grundsätze wahrte er allein das gute Recht der Stadt Breslau, ohne sich auch durch die Drohungen des Ministers v. Rochow mit übeln Folgen für die Stadt beirren zu lassen. So wurde er schon auf diesem Landtage der Mittelpunkt der bürgerlichen und liberalen Opposition und blieb in dieser auch auf den folgenden Landtagen ohne Scheu vor persönlichen Streitigkeiten, in welche er dadurch mit der Regierung gerieth. Dieser war er daher mißliebig als einer der fünf Candidaten zu der 1842 stattfindenden Wahl eines Oberbürgermeisters von Breslau. Am 5. April 1845 brachte er auf dem Provinziallandtage die anscheinend auf grundlose Angebereien erfolgten Verhaftungen von Schlesiern zur Sprache, welche Stieber auf Befehl von Berlin hatte vornehmen lassen und stellte den Antrag auf Abschaffung der geheimen Polizei. F. Lewald berichtet in ihren „Erinnerungen aus dem Jahre 1848“, daß M. für einen Müßiggänger gegolten habe, während ihm Näherstehende einen starken Ehrgeiz in ihm wahrgenommen zu haben geglaubt hätten. Beides scheint durch nichts bestätigt zu sein, vielmehr wird von allen Seiten Milde's große Bescheidenheit hervorgehoben. Seine bemerkenswertheste öffentliche Thätigkeit fällt in die Jahre 1847 und 1848. In dem am 11. April 1847 eröffneten ersten Vereinigten Landtag Preußens die Städte Schlesiens mitvertretend, gehörte er zu den hervorragenden Liberalen, welche mit Entschiedenheit für zeitgemäße Gewährung weiterer Rechte für die Volksvertretung auftraten. Dies war schon der Fall in der Verhandlung über die zur Beantwortung der Thronrede an den König zu richtende Adresse. Er sprach sich am 16. April zwar sehr in königlichem Sinne aus, erklärte aber, daß er sich in seinem Gewissen gedrängt fühle, gleich von vornherein sich offen für jene Forderungen auszusprechen; er könne es nicht über's Herz bringen, die ständische Wirksamkeit|anzutreten und nachher mitten in derselben zu sagen, er könne der Krone diese oder jene Vorlage nicht erfüllen helfen, indem er das Recht dazu als ein für ihn nicht verbindliches betrachte. In der Adresse müsse klar ausgesprochen sein, daß die Gesetzgebung vom 3. Februar 1847 dem Volke keine Befriedigung gewähre. Seine Behauptung, daß, zufolge dieses Patentes, der Vereinigte Landtag genöthigt sei, seine Rechte im Kriegsfalle auf die Deputation zu übertragen, wurde vom königl. Commissar bestritten, mußte von ihm aber in Folge weiterer Ausführungen Milde's zugegeben werden. Im weiteren Verfolg jener grundsätzlichen Frage war M. einer der 138 Abgeordneten, welche am 1. Mai dem königl. Commissar die „Declaration“ der einzelnen vom Landtage in Anspruch zu nehmenden Rechte überreichten. Im Anschluß hieran regte er ein Gesuch an den König um authentische Auslegung bezüglich der Frage an, ob der Landtag über die allgemeine oder provinzielle Bedeutung einer Bittschrift entscheiden solle. Sein Antrag bezüglich der Einführung eines Interpellationsrechtes wurde vom Landtage angenommen. Am 21. Mai schilderte er die „unheilvollen Wirkungen der Einverleibung Krakaus in Oesterreich auf den Handel und die Industrie Preußens“. Auch sprach er sich für eine Bitte an den König aus, der wichtigen Handelsbeziehungen wegen mit Spanien wieder diplomatische Beziehungen anzuknüpfen. Erregte er schon überhaupt durch seine Kenntniß der Handelsverhältnisse Aufmerksamkeit, so war dies namentlich der Fall mit seinem Antrage auf Errichtung eines besonderen Handelsministeriums, in Folge dessen der Antrag der betreffenden Abtheilung auf Umwandlung des Handelsamts in ein Ministerium für Ackerbau, Handel und Industrie angenommen wurde. Im Juni machte er auf die Gefahren der damaligen Lage der Bankfrage aufmerksam und erstattete mit Hansemann ein Gutachten über die Vorlage wegen Aufhebung der Mahl- und Schlachtsteuer. Bezüglich des Gesetzentwurfs über die Verhältnisse der Juden sprach er sich dahin aus, dieses Volk müsse als solches vernichtet, die Juden müßten zu Deutschen gemacht werden. Endlich ist noch seine Rede vom 21. Juni für eine entscheidende Stimme des Landtags bei Feststellung des Hauptfinanzetats zu erwähnen. Auf dem zweiten Vereinigten Landtage regte er alsbald am 2. April 1848 Schritte an, um die durch Unruhen geschädigten Interessen des Handels und der Gewerbe sicherzustellen und betheiligte sich dann lebhaft an der Berathung des Gutachtens über den Entwurf einer Verordnung „über einige Grundlagen der künftigen preußischen Verfassung“. Auch befand er sich unter den 23 schlesischen Abgeordneten, welche nach Aufforderung des Königs vom 3. April und nach dem Bundesbeschluß vom 30. März aus ihrer Mitte die Vertreter Schlesiens in der deutschen Nationalversammlung zu wählen hatten. Constitutionell gesinntes Mitglied der preußischen Nationalversammlung, wurde er von derselben am 26. Mai zum Präsidenten gewählt. „Mit den parlamentarischen Formen bekannt“, sagt sein späterer Nachfolger v. Unruh (Skizzen, S. 34), „brachte er, nach v. Schön's Alterspräsidium, mehr, aber noch lange nicht genügende Ruhe und Ordnung in die Versammlung und die Geschäfte. Es geschah nichts Durchgreifendes, um die gleichmäßigen Vorarbeiten in den Abtheilungen gehörig in Gang zu bringen und dadurch der Versammlung nützlichen Stoff zu verschaffen.“ Reichensperger (Erinnerungen S. 104) bezeugt, daß M. „bei der ganzen Versammlung wegen der verhältnißmäßigen Tüchtigkeit seiner Führung des Präsidiums in wohlverdientem Ansehen stand und auch in einfacher Sprache, ohne rednerische Begabung schwierige Fragen seines Amtes klar zu vertreten wußte, jedoch nicht die Energie besaß, die von ihm getheilten politischen Ueberzeugungen der Rechten gegenüber der schwankenden Haltung von Auerwald's und Hansemann's zur Geltung zu bringen. „Er war ein gemäßigter Liberaler und ein wohlunterrichteter Fabrikherr, allein seine Passion, durch den|Gebrauch von Fremdwörtern als Gelehrter zu erscheinen, hat sein Ansehn nicht erhöht“. Als nach dem Rücktritte des Ministeriums Camphausen Herr Hansemann mit der Bildung eines Ministeriums beauftragt wurde, zog er M. in dasselbe, um sich dadurch der Partei der Rechten zu versichern. Er soll anfangs für das Departement des Innern bestimmt gewesen, dies soll jedoch am Widerspruche Rodbertus' gescheitert sein, worauf M. am 25. Juni zum Vorstande des in Folge seiner früheren Anregung gebildeten Handelsministeriums ernannt wurde. Schon am 21. September trat er jedoch mit seinen Collegen wieder zurück, ohne sich durch einen Orden ehren oder durch ein Amt versorgen zu lassen; doch wurde er, während die Kreuzzeitung fortfuhr, ihn als Calicotminister zu höhnen, vom König dadurch geehrt, daß er ihn als Minister zur Disposition entließ und ihn in dieser Stellung ungeachtet zweimaligen Abschiedsgesuchs erhielt. Der preußischen Nationalversammlung gehörte er bis zu ihrem Schluß in Brandenburg an. Die Reactionszeit führte ihn von Neuem in die Reihen der Opposition. Als Vertreter des Bezirkes Reichenbach-Waldenburg gehörte er der zweiten Kammer seit der dritten Session (1851—1852) der zweiten Legislaturperiode an, und zwar hielt er sich zur Centrumspartei. Denselben Bezirk vertrat er, der Linken angehörend, in der dritten Periode (1852—1855); den Bezirk Neisse-Grottkau aber vertrat er, der Partei von Vincke angehörend, während der fünften Periode (1859—1861). Der Eintritt der Regentschaft führte seine alten politischen Freunde in die Ministerien, doch nöthigte ihn seine Ueberzeugung, denselben in der Militärfrage entgegenzutreten. Bevor Anfang Juni 1861 die Landtagssession geschlossen wurde, besiel den sonst kräftigen Mann ein Leiden, das ihn zur Heimkehr nöthigte. Nach langem Krankenlager suchte er die Heilquellen von Baden bei Wien, dann in Salzbrunn auf, wo er am 24. August 1861 starb. Kurz zuvor war ihm noch die Freude zu Theil geworden, von der philosophischen Facultät der Universität Breslau, in Anerkennung seiner langen patriotischen Thätigkeit, zum Ehrendoctor ernannt zu werden. Am Leichenbegängniß (27. August) betheiligten sich alle Behörden der Stadt und der Provinz. In der Grabrede wurde besonders seine große Bescheidenheit gerühmt. Die Eltern haben ihn überlebt. Zu seinen Aemtern hatte in letzter Zeit auch die Leitung zweier großer Eifenbahnen gehört. Im Nekrolog der Breslauer Zeitung vom 26. August 1861 hieß es: „Seine geachtete Stellung verdankte M. der individuellen Lebendigkeit, Verständlichkeit und Entschiedenheit, mit der er offen und bisweilen derb die Gefühle und Ueberzeugungen, die Interessen und Tendenzen vertrat, welche die gebildeten Mittelklassen überhaupt damals erfüllten.“ Die „Allgem. Preußische (Stern-) Zeitung“ Nr. 98 vom 26. August 1861 rühmte M. als einen der ersten, „welche 1848 ihre Zeit begriffen und gleich weit von blinder Ueberstürzung und nach rückwärts blickender Unentschiedenheit sich für den neuen Geist in der neuen Form entschieden“. In der „Deutschen Rundschau“ (Bd. XI von 1877, S. 142) heißt es von M.: „Leicht beweglich, voll vertrauenerweckender Einfachheit im Umgang, hat er wol nur wenig Gegner gehabt, die ihm persönlich übel gewollt. Ohne eigentliches Rednertalent, ohne Stimme für die Tribüne, verstand er dennoch in einer einfachen und natürlichen Sprache die schwierigeren Gegenstände seines Fachs auseinanderzusetzen. Er redete immer mit Geschick und Mäßigung. Man hat ihn in dem Gewirre der Albernheiten und Bosheiten, die eine Zeit lang Berlin und das Land erfüllten, nie einen Augenblick den leichten Sinn, Muth und Umsicht verlieren oder die Fahne verlassen sehen, der er von Anfang an gefolgt: Verbesserung der socialen Zustände, Entwicklung der Verhältnisse der Bürger der verschiedensten Classen zu einander, Vervollkommnung einzelner Institutionen, entfernt von Allem, was Egalité und Socialismus heißt — das war seine Losung. In|den Sitzungen des Ministerraths unterbrach er die Discussion nicht selten durch scharfsinnige und geistreiche Bemerkungen. Häufig äußerte er: So kann der Scandal nicht länger fortgehen, da hört ja Alles auf, da ist's besser, wir legen unsere Portefeuilles sogleich nieder. Auch that er dies später mit sichtbarer Freude. Ich habe nie Jemanden gesehen, der mit so wenig Leidenschaft dem Besitze der Gewalt zugethan, der so gleichgültig gegen den Wechsel des politischen Glücks gewesen wäre, wenngleich ihm das Herrschen während desselben sehr zu gefallen schien. Es würde ihm nicht an der Fähigkeit gefehlt haben, disciplinirte Kräfte richtig zu leiten, aber zu der Aufgabe, dieselben zu discipliniren, besaß er nicht die Stärke und besonders nicht die Ausdauer. Auch hatte er gewiß die beste Absicht, die Autorität wiederherzustellen; aber wie er, den eine schöne Arie bis zu Thränen begeistern konnte, dem Leben und dessen Nichtigkeiten mit Leidenschaft ergeben war, so lähmten seine ungemeine Erregbarkeit und innere Bewegung seine Thatkraft.“

    • Literatur

      Reden u. Redner d. 1. Verein. preuß. Landtags (Berl. 1847), S. 340 bis 359; Biedermann, Gesch. d. 1. preuß. Reichstags (Leipzig 1847); F. Lewald, Erinnerungen a. d. J. 1848 (Bd. II, Braunschweig 1850); v. Unruh, Skizzen aus Preußens neuester Gesch. (Magdeburg 1849); Germania von E. M. Arndt. Bd. II (Leipzig 1852), S. 374: Art. Preußen und seine Märzminister; Wolff, Berl. Revolut.-Chronik (Bd. III, Berlin 1854); Augsb. Allg. Ztg. Nr. 241 vom 29. Aug. 1861; Pierer's Jahrb., Bd. I, Heft 8 (Altenburg 1867); Reichensperger, Erinn. eines alten Parlamentariers (Berlin 1882); Stieber's Memoiren im Berl. Tagebl. Nr. 460 vom 2. Oct. 1882. Feuill. Wagener, Erlebtes, Abth. 1 (Berlin 1884), S. 28.

  • Autor/in

    Wippermann.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wippermann, Karl, "Milde, Karl August" in: Allgemeine Deutsche Biographie 21 (1885), S. 733-737 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117041483.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA