Lebensdaten
1802 bis 1873
Geburtsort
Mahlerten bei Hildesheim
Sterbeort
Hildesheim
Beruf/Funktion
Naturforscher ; Schulmann
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 116958448 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Leunis, Johannes

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Zitierweise

Leunis, Johannes, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116958448.html [16.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Ferdinand (1777–1829, kath.), Landwirt u. Krämer, aus fläm., v. Belgien eingewanderter Fam.;
    M Dorothea verw. Zisewis geb. Plötze (ev.); 6 Geschw.

  • Leben

    Als L. das Gymnasium Josephinum in Hildesheim besuchte, gab es noch keinen Unterricht in Naturgeschichte, aber als Autodidakt erwarb er sich eine gründliche Kenntnis der heimischen Pflanzen und Tiere, Mineralien und Petrefakten. Nach dem Studium am Priesterseminar in Hildesheim wurde er 1826 zum Priester geweiht, noch als Seminarist wurde er 1824 Lehrer am Josephinum, wo er bis 1873 wirkte; seit 1844 war er auch Domvikar. Er unterrichtete als Klassenlehrer zunächst 6 Jahre lang alle Fächer, darunter alte Sprachen und – schon vor der Neuorganisation des Schulwesens in Hannover (1830/31) – auch Naturgeschichte. Das Fehlen guter Lehrbücher veranlaßte L., eine „Synopsis der drei Naturreiche“ zu verfassen, der alsbald eine kürzere „Schul-Naturgeschichte“ und ein „Analytischer Leitfaden für den ersten Unterricht in der Naturgeschichte“, jeweils in drei Bänden, folgten. Die „Synopsis der Thierkunde“ (1844, 31883-85, 3 Bde., bearb. v. H. Ludwig) und die „Synopsis der Pflanzenkunde“ (1847, 31883-85, 3 Bde., bearb. v. A. B. Frank) werden wegen ihres Inhaltsreichtums und ihrer Zuverlässigkeit noch heute als Nachschlagewerke benutzt. Die Beliebtheit der „Synopsis“ ist begründet in den dichotomen Bestimmungstabellen, die – im Gegensatz zu Bestimmungsschlüsseln – ein Höchstmaß an Übersichtlichkeit bieten, in der sorgfältigen etymologischen Erklärung der wissenschaftlichen Namen, in den umfassenden Angaben über die Nutzung der Tiere und Pflanzen sowie über Schädlinge und Krankheiten und in der reichhaltigen Illustration durch Holzschnitte. Dem 3. Teil der „Synopsis“, der die Mineralogie und Geognosie umschließt und nicht von L. selbst verfaßt wurde (1852 v. F. A. Roemer, 21875-78, 3 Bde., v. F. Senft), fehlen die genannten Vorzüge weitgehend. Seine „Schulnaturgeschichte“ und sein „Analytischer Leitfaden“ waren ein halbes Jahrhundert lang die meistbenutzten Schulbücher der Zoologie und Botanik, bis sie um die Jahrhundertwende vor allem durch die Lehrbücher von Otto Schmeil abgelöst wurden. L.s Name ist in der Pflanzengattung Leunisia (R. A. Philippi 1864) festgehalten. Seine umfangreichen Sammlungen (Insekten, Mineralien, Versteinerungen, Konchylien, Korallen, Reptilien, Herbarium) bildeten den Grundstock für das dem Gymnasium Josephinum angegliederte, 1914 eröffnete Leunis-Museum.|

  • Auszeichnungen

    Dr. h. c. (Göttingen 1855); Mitgl. d. Leopoldina (1861).

  • Werke

    Weitere W u. a. Schulnaturgesch. (Zoologie, 1848, 111891, bearb. v. H. Ludwig;
    Botanik, 1849, 121900, bearb. v. A. B. Frank;
    Oryktognosie [Mineralogie] u. Geognosie, 1852, 61880, bearb. v. F. Senft);
    Analyt. Leitfaden (Zoologie, 1852, 101897, bearb. v. H. Ludwig;
    Botanik, 1853, 121907, bearb. v. A. B. Frank;
    Mineralogie u. Geognosie, 1861, 61881, bearb. v. F. Senft).

  • Literatur

    ADB 18;
    J. T. C. Ratzeburg, Forstwiss. Schriftsteller-Lex., 1872, S. 307-09 (Autobiogr.);
    J. G. Müller, in: Schulprogr. d. Gymnasium Josephinum Hildesheim 1872/73, S. 34 f.;
    Leopoldina 7,|1873, S. 82-85;
    Heskamp, in: Natur 22, 1873, S. 318 f. (P);
    K. L. Grube, J. L. nach s. Leben u. Wirken, 1876 (P);
    E. Oppermann, in: Natur u. Schule 1, 1902, S. 257-64;
    H. Seeland, in: Unsere Diözese i. Vergangenheit u. Gegenwart 11, 1937, S. 1-96 (W-Verz., P);
    L. Gebhardt, Die Ornithologen Mitteleuropas I, 1964, S. 214, II, 1970, S. 173 f.

  • Portraits

    Denkmal v. F. Hartzer, 1905 (Hildesheim, Domhof).

  • Autor/in

    Karl Mägdefrau
  • Empfohlene Zitierweise

    Mägdefrau, Karl, "Leunis, Johannes" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 376 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116958448.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Leunis: Johannes L., geb. zu Mahlerten unweit Hildesheim am 2. Juni 1802, als Professor der Naturgeschichte am Gymnasium Josephinum zu Hildesheim am 30. April 1873, erhielt seine Ausbildung auf genanntem Gymnasium und der theologischen Lehranstalt ebendaselbst. Im J. 1824 trat er als Lehrer am Josephinum ein und verblieb in dieser Eigenschaft bis zu seinem Tode. Seine Lehrfächer waren von 1830 an, nach der Reorganisation des hannöverschen Schulwesens, Geschichte, Geographie und Naturgeschichte. Seiner außerordentlichen Lehrbefähigung für diese Zweige des Unterrichts, sowie seiner namentlich im Interesse der Naturwissenschaften bewiesenen angestrengten und erfolgreichen schriftstellerischen Thätigkeit verdankte er eine Reihe von werthvollen Begünstigungen. Nicht nur, daß ihm für seine mit der Zeit bedeutend angewachsenen naturhistorischen Sammlungen umfassende Räume im Collegiatgebäude zu Gebote gestellt wurden, er erhielt auch für seine Zwecke durch die Munificenz der bischöflichen Patronatsbehörde ausreichende pecuniäre Mittel durch Verleihung einer Vicarienpfründe an der Kathedrale. So hatte er das Glück, ungestört seine ganze Kraft seinem Lieblingsstudium widmen zu können. Er that es bis an sein Lebensende mit unermüdlichem Fleiße im Beobachten, Sammeln und im Studium der naturwissenschaftlichen Litteratur, für welches er ohne eigentlichen Unterricht als Autodidakt sich herangebildet hatte. Inmitten seines Schaffens, mit der Correctur einer neuen Auflage seines bedeutendsten Werkes, der „Synopsis der Pflanzenkunde“ beschäftigt, raffte ihn der Tod hinweg. In Anerkennung seiner Verdienste wurde er im J. 1855 von der Universität Göttingen zum Dr. phil. hon. causa ernannt. L. verdankt seinen über Deutschlands Grenzen hinausgehenden Ruf seinen Lehr- und Schulbüchern. Unmittelbar aus dem Bedürfnisse des naturhistorischen Unterrichts in den höheren Gymnasialklassen ging als erstes Werk hervor: „Synopsis der drei Naturreiche. — Ein Handbuch für höhere Lehranstalten und für Alle, welche sich wissenschaftlich mit Naturgeschichte beschäftigen.“ In den beiden, ersten Theilen, beziehungsweise 1844 und 1846 erschienen, werden Zoologie und Botanik behandelt; einen dritten Theil, Oryktognosie und Geognosie, bearbeitete Fr. A. Römer, damals Bergamtsassessor, später Bergrath in Clausthal. Nach den Worten der Vorrede soll das Buch den Schüler an der Hand des Lehrers dergestalt in die specielle Systematik der Naturkörper einführen, daß er vor Allem in der Selbstbestimmung der letzteren sich übe und durch diese den Formenreichthum in der Natur erkennen und unterscheiden lerne. Daraus erklärt sich die streng durchgeführte analytische Behandlungsweise des Stoffes.|Nach einer kurzgefaßten Einleitung, welche die allernothwendigsten Vorbegriffe enthält, folgt eine tabellarische Uebersicht der Klassen im Thier- und Pflanzenreich mit einer kurzen Charakteristik. In der Zoologie ist das Cuvier'sche, in der Botanik das Decandolle'sche System zu Grunde gelegt. Jeder Klasse, die nun specieller charakterisirt wird, schließt sich dann, wiederum in Tabellenform nach dichotomischer Anordnung, eine Uebersicht der Ordnungen und Familien an, deren Diagnosen behufs Erleichterung der Bestimmung möglichst kurz gefaßt sind. Die Kennzeichnung der Arten ist bei weitem ausführlicher behandelt; ja es ist hier alles eingeflochten, was nur einigermaßen den Laien wie den Fachmann an der betreffenden species interessiren kann. So sind nicht nur Vorkommen und Verbreitung, sondern auch Schaden und Nutzen, etwaige technische Verwerthung, historische Beziehungen etc., wo nur immer angänglich, miterwähnt. Hinsichtlich der Auswahl der beschriebenen Naturkörper sind diejenigen Europa's, namentlich des nördlichen Deutschlands, sowie die für Gewerbe und Handel wichtigsten besonders berücksichtigt und außerdem die schädlichen und die vaterländischen durch besondere, dem Namen vorgestellte Zeichen kenntlich gemacht. Abbildungen fehlen der ersten Auflage. War die Synopsis vorzugsweise für die höheren Klassen bestimmt, so erschien L., als im Verfolg der Organisation des Schulwesens den Naturwissenschaften auch auf den Gymnasien ein größeres Feld eingeräumt wurde, ein ähnliches Werk für die mittleren und unteren Klassen ebenfalls nothwendig. Er entschloß sich daher, um den Bedürfnissen dieser Klassen zu genügen, zur Herausgabe eines zweiten Lehrbuchs unter dem Titel „Schul-Naturgeschichte. — Eine analytische Darstellung der drei Naturreiche, zum Selbstbestimmen der Naturkörper.“ Es erschienen die drei Theile: Zoologie, Botanik, Mineralogie, sämmtlich von L. bearbeitet, in den Jahren 1848, 1849 und 1852. Nach denselben Grundsätzen verfaßt, ist das Buch in allen seinen Theilen nur als ein zweckmäßiger Auszug der Synopsis zu betrachten. Es ist diejenige unter den Arbeiten des Verfassers, welche die meisten Auflagen erlebt hat. Bei der Bearbeitung der dritten Auflage, die für den ersten Theil 1853, für den zweiten 1855 erschienen ist, hat L. eine sehr wesentliche Umarbeitung und Vergrößerung des Umfangs eintreten lassen, das Buch auch mit vielen Holzschnitten bereichert, so daß in dieser Form die „Schul-Naturgeschichte“ nunmehr recht gut auch dem Unterrichte in den ersten Klassen dienen konnte. Deshalb ließ er für die unterste Stufe ein kleineres Compendium „Analytischer Leitfaden für den ersten wissenschaftlichen Unterricht in der Naturgeschichte“ erscheinen. Es kam in drei Heften heraus in den Jahren 1852 und 1853. Zugleich aber drängte es L., das reiche wissenschaftliche Material, das er während langer Jahre unermüdlichen Sammelns und Beobachtens und durch seine ausgedehnte Correspondenz sich verschafft hatte, zweckentsprechend zu verwerthen. Er beabsichtigte daher, seiner Synopsis in zweiter Auflage eine bedeutende Erweiterung zu geben und sie zu einem Lehrbuche der gesammten beschreibenden Naturwissenschaften namentlich für Lehrer oder zum Selbststudium umzugestalten. Nur zum Theil konnte L. seine Absicht verwirklichen. An ihrer Vollendung hinderte ihn der Tod. Vollständig von seiner Hand erschienen nur der erste Band, Zoologie, im J. 1860 und von dem zweiten Bande, Botanik, nur die beiden ersten Abtheilungen, die allgemeine Botanik und die Phanerogamen enthaltend (1864—67); die dritte Abtheilung dagegen, die Kryptogamen, ist ein selbständiges Werk des Professors Dr. A. B. Frank in Leipzig, der auch die Schlußredaction des ganzen Bandes übernommen, und ist 1877 erschienen. Der dritte Band „Synopsis der Mineralogie und Geognosie“ wurde vom Hofrath Dr. Ferd. Senft in Eisenach bearbeitet und kam in 2 Abtheilungen in den Jahren 1875—1878 heraus. Bis zu Leunis' Tode waren von der Synopsis (Bd. I und II) 2 Auflagen, von der Schul-Naturgeschichte 7 (Bd. I|und II) resp. 4 Auflagen (Bd. III) und von dem Analytischen Leitfaden 6 (Bd. I und II) und 4 Auflagen (Bd. III) veröffentlicht worden. Gegenwärtig sind durch die Bearbeiter der Leunis'schen Lehrbücher, zu denen für die Zoologie noch Dr. Hubert Ludwig hinzugetreten ist, bereits wieder neue Auflagen der Oeffentlichkeit übergeben worden. Die rasche Folge der Auflagen dieser Bücher ist zweifellos ein Beweis ihrer Brauchbarkeit. Es sind in der That Schulbücher, wie sie den vielen Erzeugnissen dieser Art auf dem Büchermarkte als Muster hingestellt werden können. Ihre Vortrefflichkeit beruht auf der Klarheit und Uebersichtlichkeit der Darstellung und auf der Reichhaltigkeit und Correctheit des Inhalts. In Bezug auf letzteren hätte vielleicht manches gekürzt, auch wol mancher Ausdruck als ungeeignet für Schüler vermieden werden können, immerhin wird man die Fülle des Stoffes einem Schulbuche nicht als ernstlichen Tadel vorhalten können, sobald derselbe, wie hier, übersichtlich geordnet ist. Mit der fortschreitenden Wissenschaft hat sich auch der ursprüngliche Standpunkt, von dem aus die Bücher verfaßt wurden, etwas verschoben. Es erhellt das nicht nur aus manchen Veränderungen in der Systematik, sondern auch vorzugsweise daraus, daß neben letzterer noch Morphologie, Anatomie und Biologie in den späteren Auflagen mehr zu ihrem Rechte gekommen sind. So sind denn die Leunis'schen Bücher auch heute noch recht brauchbare und, wie die Erfahrung zeigt, auch gebrauchte Schul- und Lehrbücher, und wenn sie unter den Händen ihrer Bearbeiter auch ein vielfach verändertes Gewand bekommen haben, wie beispielsweise die Botanik, so tragen sie doch mit Recht immer noch den Namen Leunis an der Spitze, nicht nur aus Rücksichten der Pietät, sondern auch als ein berechtigtes Erbtheil ihres geistigen Urhebers. In der Bearbeitung der genannten Werke hatte L. seinen Lebensberuf gefunden. Es darf aber nicht unerwähnt bleiben, daß er daneben noch verschiedene naturwissenschaftliche Aufsätze in Zeitschriften veröffentlicht, daß er auch einen „Nomenclator Zoologicus. — Eine etymologische Erklärung der vorzüglichsten Gattungs- und Artnamen, welche in der Naturgeschichte des Thierreichs vorkommen“ 1866 geschrieben, vor Allem aber, daß er sich um die Bereicherung des von ihm im Verein mit Lüntzel und Bergmann 1844 gestifteten städtischen Museums für Naturwissenschaften und Kunst große Verdienste erworben und dasselbe auch noch durch testamentarische Bestimmungen bedacht hat. Ein anderer Theil seiner reichen naturhistorischen Sammlungen wurde vom Gymnasium Josephinum erworben.

    • Literatur

      Bischöfl. Gymnaf. Josephinum. Programm für das Schuljahr 1872/73.

  • Autor/in

    E. Wunschmann.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wunschmann, Ernst, "Leunis, Johannes" in: Allgemeine Deutsche Biographie 18 (1883), S. 493-495 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116958448.html#adbcontent

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