Lebensdaten
1572 bis 1630
Geburtsort
Freienhagen (Waldeck)
Sterbeort
Kirchtimke bei Bremen
Beruf/Funktion
reformierter Theologe ; Philologe
Konfession
lutherisch,calvinistisch
Normdaten
GND: 116811021 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Martini, Matthias
  • Martinius, Matthias
  • Martini, Matthias
  • mehr

Verknüpfungen

Verknüpfungen auf die Person andernorts

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Martinius, Matthias, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116811021.html [19.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Jonas Martini (ca. 1595/96), Richter in F., S d. Amt Merten u. d. Anna Lüdeke;
    M Margarete Blaesing;
    N. N.; mindestens 1 S.

  • Leben

    Unter den Professoren Lazarus Schoner, Hermann Gerenberg und Hermann Crantz besuchte M. seit etwa 1583 das Korbacher Gymnasium Illustre, bevor er wahrscheinlich 1586/87 an das Pädagog der Herborner Hohen Schule überwechselte. Hier nahm er auch den ref. Glauben an. Seine wichtigsten Lehrer waren in der Philosophie Johann Pincier und Hieronymus Treutler, unter denen er auch disputierte (1591), in der Theologie Johann Piscator, Wilhelm Zepper und Bernhard Textor. Zu Textor, bei dem er ebenfalls disputierte (1592), blieben die persönlich engen Beziehungen auch später erhalten. Während des Studiums wurde er 1592 Präzeptor zweier Wittgenstein. Grafensöhne, 1596 rückte er in den Lehrkörper der Hohen Schule auf. Als ein Jahr später die Pest in Siegen einfiel, wohin die nassau. Hohe Schule 1594 verlegt worden war, unternahm M. mit den Wittgenstein. Grafensöhnen eine längere Reise in die Niederlande und nach Norddeutschland, wobei er unter anderem die Univ. Leiden und den Haager Hof des Prinzen Moritz von Oranien besuchte. Nach seiner Rückkehr wurde er 1598 in Siegen zum Pädagogearchen und Adjunkten des Stadtpfarrers ernannt.

    Bereits seit 1597 entfaltete M. eine umfangreiche Publikationstätigkeit, wobei neben kontroverstheologischen Schriften (u. a. gegen seinen Landsmann Philipp Nicolai) das schulisch-pädagogische Moment mit einem ganzheitlichen Bildungsziel in den Vordergrund rückte. Er war hier ganz Vertreter der ramistischen Wissenschaftstheorie. Die wichtigsten Werke, die während der Lehrtätigkeit an der Herborner Akademie entstanden, sind die „Christianae doctrinae summa capita“ (1603), die „Synopsis Sanctae theologiae“ (1605) und die „Idea methodica et brevis encyclopaediae“ (1606). Vorlesungen hielt M. in Exegese, Hebraistik, Metaphysik, Ethik und Logik, daneben entfaltete sich unter ihm eine umfangreiche Disputationstätigkeit. Zu seinen wichtigsten Schülern ist der spätere Herborner Professor Johann Heinrich Alsted zu zählen, der sein ramistisch-enzyklopädisches Wissenschaftsprogramm von M. übernommen hat. Die Verbindungen zu den böhm. und mähr. Studenten, darunter zahlreichen Adligen, sollten sich später während seiner Bremer Zeit noch vertiefen. M. war maßgeblich beteiligt an der deutschen Bibelübersetzung von Johann Piscator („Straf-mich-Gott-Bibel“).

    Nachdem er 1602 und 1603 Rufe u. a. nach Schweden abgelehnt hatte, wechselte M. 1607 trotz eines Rufes an die Univ. Leiden auf eine Pfarrstelle in Emden über. Als ihm 1609 Professuren an der Bentheimischen Hohen Schule zu Steinfurt und an seinem früheren Wirkungsort in Herborn angeboten wurden, entschied er sich für den gleichzeitig eingehenden Ruf als Rektor des Bremer Gymnasium Illustre. Er übernahm diese Stelle 1610 und baute die 1584 zu einem Gymnasium Illustre erhobene Anstalt u. a. durch die Einrichtung von „Fakultäten“ und die Gründung einer eigenen Schuldruckerei nach dem Herborner Vorbild aus. M. blieb der Anstalt als Rector perpetuus bis zu seinem Lebensende treu.

    Schon während der Zeit in Nassau und Emden gehörte M. zu den herausragenden ref. Theologen und wurde besonders in der breit diskutierten Rechtfertigungslehre mehrfach um Gutachten gebeten. Ebenso vermittelte er in der Auseinandersetzung Piscators mit den franz. Reformierten. Dank seiner seit 1610 erheblich anwachsenden Publikationstätigkeit in Theologie, Philologie und Philosophie sowie seiner pädagogischen Attitüden gewann er während der Bremer Zeit noch verstärktes wissenschaftliches Ansehen und verschaffte dem Bremer Gymnasium Illustre einen international beachtlichen Ruf. M. betätigte sich weiter als Kontroverstheologe (insbesondere gegen den Gießener Lutheraner Balthasar Mentzer) und als Anhänger der Foederaltheologie, trat zudem hervor als Verfasser philologischer Werke, darunter der vielfach wiederaufgelegten „Graecae linguae fundamenta“ und des „Lexicon philologicum“. Auch seine führende Beteiligung an der Dordrechter Synode (1618/19), auf der er die Bremer Kirche vertrat, verstärkte seinen Bekanntheitsgrad, zumal er an vorderster Stelle in der Prädestinationslehre der infralapsarischen Position zum Durchbruch verhalf. Dank seiner guten Verbindungen zu der böhm. Brüderkirche sowie über seinen Schüler J. H. Alsted trug er entscheidend zur geistigen Formung des Johann Arnos Comenius, des Begründers der Pädagogik, bei. Seine philologischen Werke genossen an den niederländ. Universitäten bis in das frühe 18. Jh. hohe Anerkennung und behielten – etwa für das Finnougrische – ihren Wert bis ins 20. Jh.

  • Werke

    Weitere W u. a. Spicarum spinarumque Balthasaris Mentzeri collectio et examen, 1597;
    Methodi de omnipraesentia carnis Christi concinnata a Philippo Nicolai examen, 1597;
    Confusio confusionum praecipuarum Balthasaris Mentzeri, 1597;
    Excussio placidae responsionis cusae a Philippo Nicolai ad Antonii Sadeelis tractatus de spirituali & sacramentali manducatione, 1597;
    Entsetz d. Ubiquitist. Hammerschlags D. Philipp Nicolai, 1597;
    Kurtzer Gegenber. auf D. Philipp Nicolai jüngst außgangen Buch …: Kurtzer Ber. v. d. Calvinisten Gott u. Rel., 1597;
    Christl. Erinnerung u. Ber. wider d. jetzt hin u. her schwebende betrübte Zeit, 1597;
    Rudimenta theologiae, 1598;
    Triumphus classicus: hoc est actus Promotionis …, 1601;
    Memoriale biblicum, 1603 (weitere Aufll. bis 1658);
    Confessio brevis de persona Christi, opposita libello D. Balthasaris Menzeri adversus Sadeelem, 1604;
    Summula theologiae: De qua praeside M. M. Johannes Snellius responsurus, 1610;
    Sylloge quaestionum theologicarum, 1610;
    Disputationum theologicarum … decas prima, 1611;
    De creatione mundi commentariolus, 1613;
    De gubernatione mundi commentarius, 1613;
    Theologia de unica domini nostri Jesu Christi persona, contra blasphemias … haereticorum, inprimis Samosatenianorum, Socinianorum & Arianorum, etiam Ubiquitariorum, nominatim Balthasaris Mentzeri, 1614;
    De promta utilium rerum meditatione libri quatuor, 1614;
    Fons perennis verae Theologiae, 1615;
    Examen querelarum et admonitionis Mentzeri, 1615;
    Ber. v. göttl. Regierung aller Dingen u. sonderl. d. Menschen, 1615;
    Notae apologeticae & didascalicae in sillos Giessenses …, 1616;
    Analysis popularis cum indicio doctrinarum, in epistolas et evangelia, quae diebus dominicis & Deo festis ad ecclesiam explicari solent, 1616;
    Fundamenta linguae Graecae, 21616 (zahlr. Nachdr.);
    Quaestiones praecipuae eaeque nude propositae, de universa doctrina Christiana, 1617;
    Theologia popularis universa, 1617;
    Institutio M. M. de praesentia Domini nostri Jesu Christi … contra Balthasaris Mentzeri vanas objectiones, 1617;
    Demonstratio Matthiae Martinii … contra Balthasaris Mentzeri calumnias, 1617;
    Breviarium de vera religione, 1617;
    De federis naturae & gratiae signaculis, 1618;
    Christiana et catholica fides, quam symbolum apostolicum vocamus, 1618;
    Christiana pietas et aequitas, sive lex divina naturae, gratiae, politiae, 21619;
    Trostschr. wider unversehene Fälle dieses elenden vergängl. Lebens, 1619;
    Procatechsesis, 1619;
    In Psalmum II … commentarius ecclesiasticus & scholasticus, 1622;
    Lex. philologicum, praecipue etymologicum, 1623 (Nachdr. bis 1711);
    Cadmus Graecophoenix, 1625;
    De augustissimo et dulcissimo nomine Jesu … oratio, in: S. Glassius, Opuscula christologia mosaica, hrsg. v. Th. Crenius, 1700, S. 555-87;
    Epitome S. Theologiae methodice dispositae, beigedr.: N. Gürtler, Institutiones theologicae, 1732. – Hrsg.: Luctus Illustris Nassovicae Scholae Sigenensis super obitu illustris et generosissimi domini. domini Joannis senioris, 1607 (darin Ms Lpr. auf Gf. Johann v. Nassau);
    Evangelia et Epistolae … Graece, Bohemice et Latine, 1616;
    Pueritiae et Adolescentiae sapiens informatio, quam J.-L. Vives Valentinus complexus est Dialogis XXV, introductione ad sapientiam & satellito animi, 1618;
    A. Palearius, Opuscula doctissima, 1619.

  • Literatur

    ADB 20;
    J. F. Iken, Die Bremer u. d. Synode v. Dortrecht, in: Brem. Jb. 10, 1881;
    ders., Das Brem. Gymnasium Illustre im 17. Jh., ebd. 12, 1883;
    H. Entholt, Gesch. d. Bremer Gymnasiums b. z. Mitte d. 18. Jh., 1899;
    K. Dijk, De strijd over Infra- en Supralapsarisme in de Gereformeerde Kerken van Nederland, 1912;
    G. Schrenk, Gottesreich u. Bund im älteren Protestantismus, vornehml. b. Johs. Coccejus, 1923;
    O. Ritschl, Die ref. Theol. d. 16. u. 17. Jh., 1926;
    H. Schmidtmayer, Die Beziehungen d. Bremer Gymnasium Illustre zu J. A. Comenius u. d. mähr. Brüdern, in: Brem. Jb. 33, 1930;
    G. Menk, Kalvinismus u. Päd., M. M. (1572-1630) u. d. Einfluß d. Herborner Hohen Schule auf Johann Amos Comenius, in: Nassau. Ann. 91, 1980;
    ders., M. M. aus Freienhagen, in: Mein Waldeck 1980, Nr. 18;
    ders., Die Hohe Schule Herborn in ihrer Frühzeit (1584–1660), Ein Btr. z. dt. Kalvinismus im Za. d. Gegenref., 1981 (P);
    J. F. G. Goeters, Föderaltheol., in: Theol. Realenc. XI, 1983, S. 246 ff.;
    G. Menk, M.M. u. s. Werke, in: Gesch.bll. f. Waldeck 76, 1988.

  • Autor/in

    Gerhard Menk
  • Empfohlene Zitierweise

    Menk, Gerhard, "Martinius, Matthias" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 305-307 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116811021.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Martini: Matthias M. (Martinius), ausgezeichnet als Philologe, wie reformirter Theologe, geb. 1572 zu Freienhagen im Waldeckischen, 30. Dezbr. 1630 in einem Dorfe bei Bremen. Im J. 1595 zum Hofprediger in Dillenburg berufen, vertauschte er im folgenden Jahre diese Stelle mit einer Professur an der Herborner Hochschule. 1607 folgte er indessen einem Rufe als Pastor nach Emden, von wo er 1610 als Professor der Theologie und Rector an das Gymnasium in Bremen kam. Diese Anstalt brachte er durch seine eifrigen Bemühungen in große Blüthe. Als einer der Abgeordneten der Stadt Bremen trat er aus der Dortrechter Synode (1618) sehr mild gegen die Remonstranten auf. M. ist ein sehr fruchtbarer theologischer Schriftsteller, der eine Menge trefflicher Lehrbücher für die Schulen herausgegeben hat. Sein „Lexicon philologicum“, von 1623 an oft wieder aufgelegt, hat sich seiner Zeit eines europäischen Rufes erfreut. Nach dem Zeugnisse des gelehrten G. J. Possius war M. ein Mann von ausgezeichnetem Geiste und ausnehmender Tugend, so daß seine Liebe verlieren gleichbedeutend war mit dem Verluste der Liebe zur Frömmigkeit und Gelehrsamkeit. Trotz seiner friedliebenden Natur gerieth M. in Herborn dennoch in litterarischen Streit mit den lutherischen Theologen Balthasar Mentzer zu Gießen und dem bekannten Liederdichter Philipp Nicolai über die Lehre von den beiden Naturen in Christo, über das Abendmahl und verwandte Materien. Er hat auch vortreffliche lateinische Gedichte hinterlassen.

    • Literatur

      Quellen: Niceron's Nachrichten von berühmten Gelehrten. Bd. 20, S. 98 ff. (Deutsche Ausg.); Jöcher, Gelehrten-Lexikon, fortgesetzt von Rotermund; Witte, diarium biographicum; C. Ikenii oratio de ill. Bremensium schola u. a.

  • Autor/in

    Cuno.
  • Empfohlene Zitierweise

    Cuno, "Martinius, Matthias" in: Allgemeine Deutsche Biographie 20 (1884), S. 514 unter Martini [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116811021.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA