Lebensdaten
1889 bis 1957
Geburtsort
Breslau
Sterbeort
Chicago
Beruf/Funktion
Philosoph ; sozialdemokratischer Politiker
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 116761288 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Marck, Siegfried
  • Marck, Siegfried K.
  • Mark, Siegfried

Verknüpfungen

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Marck, Siegfried, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116761288.html [13.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Die Fam. war seit d. Mitte d. 18. Jh. in Breslau ansässig;
    V Alfons Felix (1860–1917), Jugendrichter, Stadtrat in B., S d. Siegfried (1832–88), Dr. iur., Jurist. Berater Ferdinand Lassalles;
    M Rosa Heimann, Gründerin d. alkoholfreien Gaststätten in B.;
    Ur-Gvv Moritz, Bankier, Gründer d. Bankhauses Prinz & Marck (1818), d. 1921 auf d. Disconto-Ges. überging;
    - 1) 1915 Lola (* 1892), T d. Theodor Landau (1861–1937), Prof. d. Gynäkol. in B., Dramatikerin u. Lyrikerin, 2) 1920 Claire Rosenstock (* 1897), Journalistin, 3) 1946 Ilse Apt, geb. Pfeffer (* 1895), Journalistin;
    2 S aus 1), 1 S, 1 T aus 2).

  • Leben

    M. wuchs im Spannungsfeld zwischen einer bewußt angestrebten Integration in die preuß. Gesellschaft und einer der jüd. Religion verpflichteten Kulturpflege der Familie auf, die ihn lebenslang prägte und ihn veranlaßte, sich nie völlig von der jüd. Gemeinde zu lösen. Nach dem Abitur am Johannes-Gymnasium (1906) begann er in Breslau das Studium der Rechtswissenschaft, wechselte 1907 zur Univ. Genf, kehrte aber schon im Wintersemester 1907/08 nach Breslau zurück. Mit Unterbrechungen von je einem Semester in Berlin und Freiburg studierte er dort im Hauptfach Philosophie mit den Nebenfächern Neuere Literaturgeschichte und Geschichte. In dieser Zeit hörte er u. a. bei dem Staatsrechtler Hugo Preuß und den Philosophen Ernst Cassirer, Alois Riehl, Jonas Cohn, Heinr. Rickert, Eugen Kühnemann und Rich. Hönigswald. Vor allem Rickerts Denkprinzip der „synthetischen Einheit“ findet sich im Denken des späteren Sozialisten M. wieder, wenn dieser in den 20er Jahren versucht, Demokratie und proletarische Diktatur, Reformismus und Radikalismus in der Sozialdemokratie zu harmonisieren.

    Als M. 1911 sein Studium mit einer Dissertation über „Erkenntniskritik, Psychologie und Metaphysik nach ihrem inneren Verhältnis in der Ausbildung der platonischen Ideenlehre“ bei Kühnemann abschloß, stand er noch ganz unter dem nationalliberalen Einfluß seines Elternhauses. Zu dieser Haltung gesellte sich im Vorfeld des Weltkriegs der Einfluß des patriotischen. z. T. nationalchauvinistischen Gedankenguts, das weite Kreise des Bürgertums, junger Intellektueller und selbst Arbeiter ergriff. Noch vor seiner Habilitation veröffentlichte M. 1916 unter dem Titel „Deutsche Staatsgesinnung“ eine Broschüre, in der er den Siegeszug der deutschen Armeen gegen die ganzeWelt feierte, den preuß. Militarismus glorifizierte und Volk und Staat in einem „gewaltigen Willen vereint“ sah. Der Kriegsfreiwillige war im Sommer 1914 zunächst wegen eines Herzleidens zurückgestellt worden und konnte sich so im Sommer 1917 in Breslau mit einem „vergleichenden Querschnitt durch die philosophischen Systeme Kants und Hegels“ habilitieren. Anschließend war er Telegraphist an der Westfront, wohin er noch 1917 abkommandiert worden war.

    Die Brutalität des Krieges und der Umgang mit Menschen aus einer anderen Welt, insbesondere Industriearbeitern, veränderten M. nachhaltig. An der Front wurde er Pazifist und Sozialdemokrat. Beim Ausbruch der Revolution im November 1918 wählten seine Kameraden den redegewandten Intellektuellen in den Soldatenrat. Im Dezember vertrat er seine Armeeabteilung auf dem ersten Allgemeinen Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands in Berlin. M. schloß sich der Mehrheitssozialdemokratie an und warnte auf dem Rätekongreß vor einem übereilten Tempo der sozialen Revolution. Die MSPD wurde für ihn zum Ordnungsfaktor im scheinbaren Chaos und später, angesichts ihrer Bereitschaft zur Bildung der „Weimarer Koalition“, zur Retterin des Deutschen Reiches. Bei seiner Rückkehr nach Breslau beteiligte sich M. am Aufbau des Volkshochschulwesens in Schlesien. Er betrachtete die neuen pädagogischen Einrichtungen als Instrumente, mit denen „die Arbeiterschaft nach ihrer politischen Befreiung und neben ihrer wirtschaftlichen ihre geistige Emanzipation bewerkstelligen“ könne. Seine Vorträge an der Volkshochschule über Philosophie, Geschichte und Psychoanalyse waren sehr gut besucht im Gegensatz zu den Vorlesungen, die er – seit 1922 mit einem Lehrauftrag für Rechts- und Staatsphilosophie betraut – an der Breslauer Universität hielt. Vor allem deutschnationale Studenten boykottierten seine Vorlesungen. 1924 wurde er zum ao. Professor für Soziologie und Philosophie berufen, 1930 schließlich – gegen den Widerstand der Fakultät – als Ordinarius zum Lehrstuhlnachfolger von Richard Hönigswald ernannt.

    Seit März 1919 gehörte M. der Stadtverordnetenversammlung an und profilierte sich rasch als schulpolitischer Sprecher der Fraktion und Förderer der Kultur- und Bildungseinrichtungen Breslaus. Zu den Reichstagswahlen am 4.5. und 7.12.1924 wurde er von der MSPD als Kandidat aufgestellt, hatte aber als schlecht Plazierter keine Chance, ins Parlament zu gelangen. Neben seiner Stadtverordnetentätigkeit, die er bis 1926 ausübte, führte M. Vorträge und Parteibildungsseminare durch, trat als Redner auf Parteiversammlungen und Kundgebungen auf und schrieb zahlreiche Beiträge für die sozialdemokratische Breslauer „Volkswacht“. Seine Anhänger fand er vor allem bei den sozialistischen Studenten - auf seinen Anstoß hin bildete sich 1924 ein „Bund der Freunde sozialistischer Akademiker“ zur Förderung sozialistischer Studenten aus Arbeiterfamilien - und bei den Jungsozialisten, einer kleinen Gruppe von jungen Facharbeitern, deren geistiger Mentor M. wurde. Unterstützt wurde er bei diesem Engagement von seiner zweiten Frau, einer Philosophiestudentin, die in der SPD Presse- und Kulturarbeit leistete und Mitglied der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit wurde.

    In der politischen Diskussion, die Mitte der 20er Jahre innerhalb der Jungsozialisten zwischen den rechten Hofgeismarern und den linken Hannoveranern erbittert geführt wurde, bezog M. zunächst Position zugunsten der Hofgeismarer, die für eine staatsbejahende Politik eintraten. Seit 1926 vollzog sich bei ihm aber eine Linksentwicklung, zu der u. a. die Begegnung mit dem Ökonomen Fritz Sternberg und dem Anwalt Ernst Eckstein in der 1924 gegründeten „Marxistischen Arbeitsgemeinschaft“, einem Diskussionszirkel, in dem linkssozialistische jüd. Intellektuelle und junge Facharbeiter aus SPD und KPD wöchentlich zusammenkamen, beitrug. M. wandte sich 1927 auf der Generalversammlung der Breslauer SPD gegen eine Koalitionspolitik der SPD und forderte „eine Linie verschärften Klassenkampfes“. Er schrieb u. a. für die von Paul Levi und Kurt Rosenfeld herausgegebene Zeitschrift „Der Klassenkampf“. In den letzten Jahren der Republik widmete er sich in philosophischen Schriften Fragen der Marxschen Dialektik.|Nach Hitlers Machtantritt zog sich M. im März 1933 zu Jonas Cohn ins Güntherstal bei Freiburg zurück, wo ihn die Mitteilung seiner Zwangsbeurlaubung mit Wirkung vom 13.4.1933 erreichte. Als einer der ersten 15 betroffenen Hochschullehrer wurde er im September 1933 endgültig entlassen. Wegen staatsfeindlicher Betätigung bürgerten ihn die nationalsozialistischen Machthaber am 15.7.1935 aus, seine Familie im April 1937. M. hatte jedoch bereits am 18.4.1933 Deutschland in Richtung Frankreich verlassen. Dort erhielt er ein Forschungsstipendium der Rockefeller Foundation an der Univ. Paris, seit November 1934 lehrte er als Dozent an der Univ. Dijon Philosophiegeschichte und Literatur. Er schloß sich der SPD-Gruppe in Paris an, die von einer marxistisch-antireformistischen Position aus gegen den Führungsanspruch des Prager Exilparteivorstands Stellung bezog. Versuche, 1934 unter dem Vorsitz von M. ein sozialistisches Kampfkartell als Vorstufe einer neuen proletarischen Einheitspartei aufzubauen, scheiterten. M. unterstützte in den folgenden Jahren verschiedene Initiativen zur Volksfrontpolitik in Frankreich und schloß sich nach deren Scheitern der von Willi Münzenberg gegründeten Union Franco-Allemande an.

    In den philosophischen Arbeiten dieser Jahre versuchte M., korrespondierend zur Volksfrontpolitik, eine Synthese konservativer, liberaler und sozialistischer Gedankenelemente zu konzipieren, wobei er u. a. von der durch Emmanuel Mounier geführten neuhumanistischen „Esprit-Gruppe“ beeinflußt wurde. Mitte der 30er Jahre begann auch eine Freundschaft und Korrespondenz mit Thomas Mann. Im April 1939 emigrierte M. angesichts der Kriegsgefahr in die USA. Nach Gastvorlesungen in New York nahm er noch im selben Jahr eine Philosophie-Dozentur am eher bescheidenen Chicagoer YMCA College an. 1944 war er Mitbegründer des Roosevelt College, das ihn nach zehn Dienstjahren emeritierte.

    Politisch brachte der Hitler-Stalin-Pakt für M. das Ende seiner Volksfrontillusion. Er verurteilte eine Zeitlang ganz im Sinne des Totalitarismus-Theorems Faschismus und Stalinismus in gleichem Maße. Der lange Widerstandskampf der russ. Armeen gegen die deutschen Truppen beeindruckte ihn jedoch so nachhaltig, daß er im März 1942 in international beachteten Thesen zur „Rußland-Debatte“ die Sowjetunion trotz ihrer zu verurteilenden Regierungspraxis als entscheidenden Bundesgenossen der Weltdemokratie bezeichnete. Als der Ost-West-Konflikt sich 1944 abzuzeichnen begann, schloß sich M. dem Tillich-Komitee an, u. a. mit dem Ziel, sich gemeinsam „einem neuen Bruch zwischen dem Westen und Rußland entgegen-(zu)stemmen“. 1948 konnte er sich der Welle des Kalten Krieges in den USA nicht länger entziehen und bekannte: „Der Kommunismus ist unser Hauptfeind geworden.“

    Während seiner Emigration in den USA beschäftigte sich M. mit der zukünftigen Entwicklung in Deutschland. Ende 1941 hatte er sich der von Albert Grzesinski gegründeten Association of Free Germans angeschlossen. Er war Mitunterzeichner der im Oktober 1942 verfaßten programmatischen Richtlinien „für das freie Deutschland von morgen“ und referierte im Juli 1943 in New York auf einer Konferenz deutschsprachiger Sozialdemokraten und Gewerkschafter. “Gemeinsam mit Martin Ferber gründete er in Chicago einen Diskussionskreis zur Pflege der deutschen Sprache, der später als „Siegfried-Marck-Gruppe“ bekannt wurde und mehr als ein Vierteljahrhundert existierte. Nach seiner Emeritierung nahm M. 1955 eine Gastprofessur in Bonn an, ohne jedoch seinen Wohnsitz in den USA aufzugeben.

  • Werke

    Weitere W Die platon. Ideenlehre in ihren Motiven, 1912;
    Kant u. Hegel, 1917;
    Imperialismus u. Pazifismus als Weltanschauung, 1918;
    Hegelianismus u. Marxismus, 1922;
    Marxist. Staatsbejahung, 1925;
    Reformismus u. Radikalismus in d. dt. Sozialdemokratie, 1927;
    Sozialdemokratie, 1931;
    Freiheitlicher Sozialismus, 1936;
    Thomas Mann als Dialektiker, in: Philosophia (Belgrad), 1937;
    Der Neuhumanismus als pol. Philosophie, 1938;
    Thesen z. Rußlanddebatte, in: Sozialist. Mitt., Nr. 37, Mai 1942;
    Germany: To Be or not to Be? 1943 (mit G. Seger);
    Vernunft u. Sozialismus, Der Kampf um d. Vernunftbegriff im 20. Jh., 1956.

  • Literatur

    H. Hirsch, S. M., Biographisches z. Wiederentdeckung d. Philosophen, Soziologen u. Sozialisten, in: S. Papcke (Hrsg.), Ordnung u. Theorie, Btrr. z. Gesch. d. Soziol. in Dtld., 1986, S. 368-85;
    F. Walter, S. M. (1889-1957), Linkssozialist, Realpolitiker u. Neuhumanist, in: P. Lösche u. a. (Hrsg.), Vor d. Vergessen bewahren, Lebenswege Weimarer Sozialdemokraten, 1988, S. 251-79;
    M. Wiedemeyer, Phil. d. Übergegensätzlichkeit, Eine Kritik d. Dialektikauffassung d. sozialdemokrat. Theoretikers S. M. (1889-1957), Diss. Berlin 1983;
    Th. Litt u. W. Ritzel, S. M., in: Zs. f. phil. Forschung 11, 1957, S. 602-06;
    BHdE I.

  • Autor/in

    Hans-Holger Paul
  • Empfohlene Zitierweise

    Paul, Hans-Holger, "Marck, Siegfried" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 120-122 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116761288.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA