• Genealogie

    V Baer (1849–1930), Kinderzeughändler, S d. Raphael Joel in Danzig u. d. Henriette Simon;
    M Pauline (1848–1922), T d. David Jonas Cohen, Handelsmann in H., u. d. Lina verw. Türckheim geb. Deutz;
    Margarete N. N.;
    1 S, 1 T.

  • Leben

    Nach Besuch der Talmud-Thora-Realschule und des Realgymnasiums in Hamburg studierte G. Sprachen und Philosophie in Berlin und Jena (1899 Promotion in Jena). 1902 habilitierte er sich für Philosophie an der TH Darmstadt. Dort entwickelte er eine umfangreiche Lehrtätigkeit, die sich auch auf die Pädagogischen Institute Darmstadt und Mainz erstreckte. 1910 wurde er Titular-Professor, 1925 außerordentlicher Professor. 1914-18 war er als Offizier im Feld gewesen. 1920-25 war er Chefredakteur der regierungsamtlichen „Darmstädter Zeitung“, 1925-29 Herausgeber der Zeitschrift „Der Morgen“, 1924 Gastprofessor in den USA.

    Die Stellung G.s (Schüler Euckens, beeinflußt von Bergson und James) in der Philosophie ist gekennzeichnet durch einen selbstkritischen Irrationalismus: Rationalität des Seins ist nicht gegeben oder entfaltet sich zwangsläufig, sondern ist aufgegeben. Es gibt nicht rationalisierbare Elemente und damit Probleme menschlichen (auch sozialen) Seins. Ihre Bewältigung in der Gesellschaft ist nur durch Ethik, auf religiöser Grundlage, möglich. Das gilt auch für die irrationalen Elemente der Technik (Technische Hochschule). – Durchaus in Kenntnis von Nietzsches Bedeutung für das Ende der idealistischen Metaphysik des 19. Jahrhunderts, gehört G. mit in die zu seiner Zeit von verschiedenen Richtungen (etwa auch Scheler und Wust) einsetzende Bewegung zur Wiederbelebung einer „neuen Metaphysik“ und stand dem neukantianistischen Psychologismus und dem positivistischen Wissenschaftsbegriff ablehnend gegenüber. Während die philosophischen Schriften zwar profunde Kenntnisse und eine umfassende Bildung und ferner eine glänzende Gabe der Überschau deutlich werden lassen|und G. den größten Teil seiner Lehrtätigkeit sehr wohl der Philosophie gewidmet hat, allerdings ohne daß er hier einen herausragenden eigenen Beitrag geleistet hätte, gehören seine Schriften von bleibendem Wert jedoch dem Gebiet der Politologie an. Bereits 1902 beschäftigte er sich mit der Geschichtsphilosophie Humes und dabei mit Humes vermeintlich geschichts-, in Wirklichkeit echt politikwissenschaftlicher Frage, wie durch Empirie zu allgemeingültigen Sätzen über politisch-historische Vorgänge zu gelangen sei. Er zeigt, daß bloße Empirie nicht ausreicht. G.s Leistung besteht zum einen darin, mit seinen Schriften „Rasse und Politik“ und „Deutsche Volksidee“ Klarheit in den Wirrwarr und in die politisch höchst gefährliche Primitivität des auf rassistische Vorstellungen gegründeten Nationalismus gebracht zu haben. Er versucht, mit reichem Tatsachenmaterial und durch die Logik seiner Gedanken nicht nur den rassistischen Antisemitismus jener Jahre, sondern überhaupt die Verfechter dieser Rassenlehre unter den Theoretikern der Politik zu widerlegen. Die saubere Scheidung zwischen überheblichem Nationalismus und humanem deutschem Nationalbewußtsein war G., der sich in Frieden und Krieg stets entschieden und tatkräftig zur deutschen Nation bekannt hat, ein besonderes Anliegen, ebenso wie die Betonung des Rechtes deutscher Bürger jüdischen Glaubens zu diesem Bekenntnis zum Deutschtum ganz allgemein. Mit seiner in diesem Geist wirkenden Zeitschrift „Der Morgen“ hat er neben das „Hochland“ (katholisch) und die „Zeitwende“ (protestantisch) erstmals eine gleichwertige jüdische Publikation deutschen Geistes aufgebaut. Mit seinen Büchern erzielte er eine gewisse Resonanz (mehrere Auflagen), den späteren Greueltaten der Nationalsozialisten konnte jedoch auch er nicht wirksam vorbeugen. – In G.s Schriften sind wissenschaftlich von bleibender Bedeutung einige Bausteine, die er für die so schwierige Systematisierung der menschlichen Verbände geliefert hat. – Als das Zentralproblem der Wissenschaft von der Publizistik hat G. sehr früh die Öffentliche Meinung erkannt (statt eines bloßen Mediums, etwa der Zeitung). Man trifft bei ihm schon 1924 auf einen nicht geringen Teil der später etwa von W. Hagemann behandelten Grundprobleme des Pressewesens. – G., ein entschiedener Republikaner, hatte als Hochschullehrer durch die Klarheit, die rhetorische Brillanz, die Denkzucht und das persönliche Engagement seines Vortrags großen Anhang unter den Studenten. (C. Mierendorff und andere berichten darüber.)

  • Werke

    u. a. Philosophie: Unterss. z. Kulturproblem d. Gegenwart, Diss. Jena 1899;
    Die empirist. Gesch.auffassung David Humes, mit Berücksichtigung moderner methodolog. u. erkenntnistheoret. Probleme, Habil.schr. Darmstadt 1902;
    Wandlungen in d. Philos. d. Gegenwart, mit bes. Berücksichtigung d. Problems v. Leben u. Wiss., 1911;
    Aus d. Vermächtnis d. 19. Jh., Phil. Aufsätze, 1922;
    zahlr. Zss.-Aufsätze;
    Übers.: W. James, Ein pluralist. Universum, 1914 (mit Einl.). -Soziologie u. Politologie: Die Technik, = Die Gesellschaft, Bd. 40, 1912;
    Rasse u. Pol., 1921, 41925, 51960;
    Dt. Volksidee u. dt.-völk. Idee, 1927, 21928;
    Die Schule im Dienste d. Volksversöhnung u. d. Völkerversöhnung, 1929;
    zahlr. Zss.-Aufsätze;
    Hrsg.: C. J. H. Hayes, Nationalismus, 1929 (mit Einl.). - Publizistikwiss.: Die Presse, Eine kulturphil. Studie, in: Archiv f. Soz.wiss. u. Soz.pol. 51, 1924, S. 362-81.

  • Literatur

    L. Stein, Evolution and Optimism, New York 1926;
    Der Morgen 5, 1929, S. 309-415 (P; Gedächtnis-H. mit Btrr. v. M. Dienemann, H. Frick, W. Michel, E. v. Aster u. a., mit Briefen
    v. Eucken, James u. Bergson an G.);
    C. V.-Ztg., Bll. f. Deutschtum u. Judentum 8, 1929, H. 29 (mit Btrr. v. L. Holländer, G. Wendt, C. Mierendorff u. a.; P);
    DBJ XI (Tl. 1929, W, L).

  • Autor/in

    Robert H. Schmidt
  • Empfohlene Zitierweise

    Schmidt, Robert H., "Goldstein, Julius" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 621 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116759909.html#ndbcontent

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