Lebensdaten
1882 bis 1959
Geburtsort
Dessau
Sterbeort
Göttingen
Beruf/Funktion
konservativer Politiker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 116657995 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Gleichen genannt von Rußwurm, Raimund August Heinrich Freiherr von
  • Gleichen, Heinrich Freiherr von
  • Rußwurm, Raimund August Heinrich Freiherr von
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Zitierweise

Gleichen-Rußwurm, Heinrich Freiherr von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116657995.html [18.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Alfred (1852–1920), auf Tannroda u. Birkigt, anhalt. Geh. Hofkammer- u. Oberforstrat, S d. Raimund (1805–83), schwarzburg. Oberjägermstr. (B d. Adelbert, s. Gen. 1), u. d. Antonie Freiin v. Gemmingen-Hornberg;
    M Elisabeth (1862–1913), T d. August Pietscher, Landesger.präs. in Ballenstedt, u. d. Anna Günther;
    Urur-Groß-Ov Wilh. Frdr. (s. 3);
    Vt 2. Grades Alexander (s. 1);
    1) Braunschweig 1913 ( 1939) Helene (* 1889), T d. Gutspächters Hans Kutsche in Schöppenstedt u. d. Wilhelmine Flotho, 2) Hamburg 1939 Maria (* 1907), Miterbin d. Reederei Klöpper in Hamburg, Adoptiv-T d. Wolfgang Mannhardt, Oberlandesger.rat in Hamburg, u. d. Reeders-T Hedwig Klöpper;
    1 S, 2 T aus 1).

  • Leben

    Nach hervorragend absolviertem juristischem Studium schlägt der junge G. die ihm angebotene Beamtenlaufbahn aus, studiert Landwirtschaft und übernimmt die verpachteten Familiengüter zum Teil in eigene Regie. Bald aber gewinnen die politischen Interessen Oberhand. 1913 veröffentlicht G. in der Zeitschrift „Nord und Süd“ unter dem Titel „Sturmvögel“ einen Dialog über die sozialen und politischen Kernprobleme der Epoche: schon dieses Frühwerk ist ein sorgenvoller Appell an das Verantwortungsbewußtsein der Oberschicht in der Gewitterstimmung der Vorkriegszeit. 1916 übernimmt er auf Vorschlag Rathenaus die Geschäftsführung in dem 1914 gegründeten „Bund der deutschen Gelehrten und Künstler“ (Mitglieder unter anderem L. Corinth, E. D’Albert, R. Borchardt, L. Frobenius, M. Liebermann, F. Meinecke, Max Planck, Alois Riehl, E. Spranger, U. von Wilamowitz).

    G.s Ziel war zeitlebens die Mobilisierung der unrealistischen und unpolitischen deutschen Oberschicht. Skeptisch gegen „Die Eingereihten und die Rückgewandten“, vertraut er am ehesten den führenden Persönlichkeiten der freien Wirtschaft. Der Zusammenbruch 1918 erzeugt das aufgewühlte Milieu in Politik und Gesellschaft, worin G. seine Wirkung entfaltet hat, als Exponent und zugleich als scharfer Antipode. Sammlung und Gemeinschaft der Führenden bleibt weiter sein Anliegen; er sucht sie zunächst in der Deutschen Gesellschaft von 1914, doch er empfindet diese Elite als tatenlos, ästhetisierend. G. sammelt nun selbständig und findet nahe Gesinnungsfreunde und Mitarbeiter in Moeller van den Bruck, Max Hildebert Böhm, Wilhelm Rosenberger, Carl Werner von Jordans, den Grafen Ballestrem und Finckenstein-Trossin, zeitweise auch August Winnig. – Der Ausbreitung des reform-konservativen Gedankengutes diente 1920-23 das Politische Kolleg, gegründet in Gemeinschaft mit Martin Spahn, sodann die aus privaten Mitteln geschaffene Hochschule für nationale Politik. Dem gleichen Zweck dienten lockere politische Klubs, die G. nach 1918 in Berlin, teils neben-, teils nacheinander, gegründet hat: 1919 der Juniklub, 1924 der Deutsche Herrenklub und der Jungkonservative Klub. Dem Herrenklub entsprachen 13 wesensverwandte Herrengesellschaften im Lande. – Die Zeitschrift G.s war ab 1919 „Das Gewissen“, in seiner Grundhaltung durch G. und Moeller van den Bruck bestimmt, ab 1928 „Der Ring“, letzterer 1928-30 unter der Leitung von Friedrich Vorwerk ein nie wieder erreichter Höhepunkt konservativer Publizistik (Mitarbeiter unter anderem G. Steinbömer, Alb. Dietrich, W. Schotte, Hans Blüher, Paul Ernst). Außenpolitisch erstrebte G. eine mitteleuropäische Stabilisierung (Beziehungen zu Prinz Rohan, Alfred Fabre-Luce); die Ostideologie seines Freundes Moeller van den Bruck teilte er nicht. Er erstrebte den Ausgleich mit Frankreich, was ihm Gegner im eigenen Lager schaffte (Zusammenarbeit mit Rechberg, Mahraun, Reynaud). – Innenpolitisch war G. schon früh überzeugt, daß die Weimarer Republik entweder dem Kommunismus oder nationalrevolutionären Bewegungen zum Opfer fallen würde. Nachdem Friedrich Ebert 1923 aus Anlaß des Münchner Hitlerputsches den General von Seeckt mit der vollziehenden Gewalt und dem Oberbefehl über die Reichswehr betraut hatte, suchte G. den General an der Macht zu halten; Seeckt gab jedoch zu seiner Enttäuschung 1924 die vollziehende Gewalt an die Reichsregierung zurück. In den Krisenjahren seit 1929 trat G. für ein Präsidialkabinett ein, womit er autoritäre Führung durch den Reichspräsidenten nach amerikanischem Muster meinte. Jedoch stand er Papen und Schleicher als Kanzler schon damals voll Bedenken gegenüber. – G.s Persönlichkeit ist schwer zu fassen, da er wenig geschrieben hat, als Organisator im Hintergrund blieb und als echter Politiker kein Dogmatiker war, endlich weil die Geschichte der konservativen Bewegung von 1918-33 noch nicht geschrieben ist.

  • Werke

    Weitere W Freies Volk, 1919;
    Der Beamte als Führer, in: Spiegel, April 1919;
    Neuauslese d. Führung, ebd., Dez. 1919;
    Die neue Front, hrsg. mit Moeller van den Brück u. M. H. Böhm, 1922;
    Leitaufsätze in: „Gewissen“ u. „Ring“, z. B. 15 Aufsätze in: Ring, 1928, S. 7, 43, 106 (Kritik an Hugenberg), 287 usw.

  • Portraits

    Phot., 1927 (im Bes. d. Vf.).

  • Autor/in

    Adalbert Erler
  • Empfohlene Zitierweise

    Erler, Adalbert, "Gleichen-Rußwurm, Heinrich Freiherr von" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 446 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116657995.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA