Lebensdaten
1890 bis 1935
Geburtsort
Berlin-Charlottenburg
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Psychologe
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 116619716 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Giese, Wilhelm Oskar Fritz
  • Giese, Fritz
  • Giese, Wilhelm Oskar Fritz
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Zitierweise

Giese, Fritz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116619716.html [21.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Richard (1857–1922), techn. Kaufm., aus Soldaten- u. Bauernfam.;
    M Martha Wilhelmine Schwitzki (1861–1944), aus Lehrer- u. Kantorenfam. in Ostpreußen;
    1915 Emmy, T d. Pfarrers Lang in Haundorf/Franken;
    1 S Richard (* 1931), Astronom.

  • Leben

    G. studierte anfangs Germanistik und Philosophie, später Psychologie, Medizin und Physik und promovierte 1914 bei Wundt in Leipzig. 1918 arbeitete er auf einer Hirnverletztenstation, las 1921-23 über Wirtschaftspsychologie in Halle und gründete dort das erste deutsche „Provinzial-Institut für Praktische Psychologie“. 1923 folgte er einem Ruf an die TH Stuttgart, wo er in seinem „Psychotechnischen Laboratorium“ eine vielseitige Forschungs- und Lehrtätigkeit entfaltete. Seit 1929 außerordentlicher Professor, hielt G. 1932-35 alljährlich auch Vortragszyklen in Madrid und Barcelona. Eine Berufung als Ordinarius für Psychologie nach Rio de Janeiro (1931) lehnte er ab.

    G. gilt als Bahnbrecher der „Psychotechnik“. Eine solche Einengung wird seiner Vielseitigkeit jedoch nicht gerecht. Vielmehr baute er als einer der ersten auch die Erkenntnisse der Tiefenpsychologie methodisch in die Psychodiagnostik ein.

    Seine geistige Spannweite umfaßte nicht nur das komplexe Gebiet der Psychologie; Fragen der Soziologie und der Arbeitswissenschaft beschäftigten ihn ebenso wie die Klimato-Biologie, Sportmedizin, Literatur oder Musiktherapie. Thematisch war er seiner Zeit zum Teil um Jahrzehnte voraus: Manche der von ihm aufgeworfenen Probleme fanden wenig Resonanz oder gerieten in Vergessenheit, um erst heute wieder Aktualität zu erlangen: Vermassung und seelische Verarmung des Menschen durch die Industrialisierung, Verkehrs-Entwicklung und -Psychologie, Berufsberatung, Unfall-Statistik, Rationalisierung und Automation. Es gibt kaum eine nennenswerte kulturelle Erscheinung, die von G. nicht einer Analyse unterzogen worden wäre. In seinen Arbeiten zur Kulturpathologie warnte er etwa vor dem in den zwanziger Jahren beginnenden Eindringen des „geschichtslosen, amerikanischen Alltagsmechanismus“ oder kritisierte den professionellen Leistungssport als „modernes Gladiatorentum.

    Im Grunde musisch-sensibel, verfügte G. andererseits über eine ausgeprägte praktischtechnische Begabung und erwies sich so als ideenreicher Experimentator. Sein kritischer Intellekt hinderte ihn nicht, hinter den Alltagserscheinungen, beziehungsweise „exakten“ Testergebnissen immer nach einem metaphysischen Sinn zu suchen. Vielfältige Details bemühte er sich stets zu einem Ganzen zu vereinen – oft in faszinierender Synopsis; so darf er auch als Wegbereiter für die „Gestaltlehre“ gelten. Ohne jeden persönlichen Ehrgeiz – eher unbeholfen im „Kampf ums Dasein“ – scheute er sich, besessen von einer Idee, mitunter doch nicht, die unakademische Waffe des Feuilletons zu gebrauchen.

    G. schrieb 16 Bücher, die zum Teil mehrfach aufgelegt und in fremde Sprachen übersetzt wurden, außerdem über 100 Beiträge in bekannten Handbüchern und Fachzeitschriften des In- und Auslandes. In seinem „Handwörterbuch der Arbeitswissenschaft“ (1924-32) vereinte er 280 Mitarbeiter – organisatorisch wie diplomatisch eine wohl einmalige Leistung für einen 34jährigen Dozenten. Enzyklopädische Belesenheit kennzeichnet sein Werk ebenso wie klarer, lebendiger Stil. Sein Blick für das Wesentliche, Aktuelle, knappe, oft schlagwortartige Formulierung der Probleme und pädagogisches Geschick machten ihn zum begeisternden Hochschullehrer. – Obwohl es G. gelang, vielfältige Aufgaben zu vollenden, war es ihm infolge seines frühen Todes nicht vergönnt, eine „Schule“ zu begründen. So liegt seine Bedeutung vor allem im originellen Anregen. Sein innerstes Anliegen war, „dem arbeitenden Menschen im technischen Zeitalter zu helfen“.

  • Werke

    Weitere W u. a. Die Lehre v. d. Gedankenwellen, 1910, 31924;
    Reformvorschläge, wie d. Ausbildung d. Akademikers in d. Kunst gepflegt werden muß, 1911;
    Lehrb. d. Psychol., 1912, 31939|(mit Th. Elsenhans);
    Kulturwende, ges. Satiren, 1912;
    Wb. d. Psychol., 1920, 71962, hrsg. v. F. Dorsch;
    Psychotechn. Praktikum, 1923 (russ. 1926);
    Zum Begriff d. Kulturpathol., 1925;
    Gestalt u. Rhythmus in d. gymnast. Körperkultur, 1926;
    Psychotechnik, 1928, span. 1933;
    Die öffentl. Persönlichkeit, 1928;
    Bildungsideale im Maschinenzeitalter, 1931;
    Philos. d. Arbeit, 1932;
    Psychol. als Lehrfach u. Forschungsgebiet, 1933 (W-Verz. bis 1933). - Hrsg.: Dt. Psychol., seit 1916;
    Neudrucke z. Psychol., seit 1917;
    Hdb. d. psychotechn. Eignungsprüfungen, 1921, 21925.

  • Literatur

    F. Dorsch, Gesch. u. Probleme d. angew. Psychol., Einführung u. Abriß, 1962;
    Wi. 1928;
    Kürschner, Lit. Kal., 1930.

  • Portraits

    Rötelzeichnung v. W. Stengel (im Bes. d. Witwe);
    Phot. in Stuttgart, Landesbibl., u. München, Univ.-Inst. f. Psychol.

  • Autor/in

    Hans Ulrich Schulz
  • Empfohlene Zitierweise

    Schulz, Hans Ulrich, "Giese, Fritz" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 378 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116619716.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA