Lebensdaten
1750 bis 1835
Geburtsort
Mutzschen bei Grimma (Sachsen)
Sterbeort
Leipzig
Beruf/Funktion
Buchhändler ; Verleger
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 116609958 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kummer, Paul Gotthelf

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Zitierweise

Kummer, Paul Gotthelf, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116609958.html [19.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Georg Friedrich (1708–71), Pfarrer in M., seit 1752 in Collm, S d. Pfarrers Mag. Urban Friedrich in Erbisdorf b. Freiberg;
    M Christiana Elisabeth, T d. Christoph Heinr. Möschke, Chirurg u. Handelsmann in Leisnig;
    Sophie ( 1800), T d. Kramers u. Nadlermeisters Joh. Gottlob Cichorius in L.; Schwager Ludw. Emil v. Cichorius (1740–1829), Prof. d. Anatomie in Dorpat (s. BLÄ; Dt.balt. Biogr. Lex., 1970);
    11 K. u. a. Eduard ( 1860), Buchhändler, seit 1818 Mitarbeiter, seit 1835 alleiniger Bes. d. Firma (s. L).

  • Leben

    Nach der buchhändlerischen Lehre bei J. S. Heinsius in Leipzig und der Gehilfenzeit in Zürich und Leipzig (in der Dyckschen Buchhandlung) eröffnete K. 1776 mit den postum herausgegebenen „Auserlesenen Predigten“ des Leipziger Theologen Joh. Frdr. Bahrdt einen Verlag. Als der von Friedrich Perthes gepriesene „glückliche Verleger des vielgelesenen Kotzebue“ trat er seit 1784 mit Einzelausgaben, dann auch mit Sammlungen von dessen Werken hervor (u. a. Kleine gesammelte Schriften, 4 Bde., 1787–91; Neue Schauspiele, 23 Bde., 1798–1819; Sämmtliche dramatische Werke, 44 Bde., 1827–29; insgesamt 106 Titel). Daneben verlegte er Schriften Leipziger Universitätsprofessoren, z. B. des Physikers und Astronomen Heinr. Wilh.|Brandes und, zusammen mit dem Verleger J. A. Barth, die „Nachgelassenen Werke“ des Philosophen Frdr. Aug. Carus, ferner die Arbeiten Christian Aug. Lebrecht Kästners zur Mnemonik und Topik. Wußte er als Verleger den Zugang zu Literatur und Wissenschaft seiner Zeit zu finden, so scheint der kommerzielle Ertrag dennoch unbefriedigend geblieben zu sein. Um so erfolgreicher war K. mit der 1790 gegründeten Kommissionsbuchhandlung; er wurde einer der angesehensten Kommissionäre in Leipzig. Nach seinem Tode übernahm sein Sohn Eduard die Firma.

    Im 18. Jh. hatten mit der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung auch Buchproduktion und Buchhandel zugenommen. Jedoch riefen der Raubdruck, die dadurch geförderte Schleuderkonkurrenz ebenso wie die unter den sich fortbildenden kapitalistischen Verhältnissen als hemmend empfundenen traditionellen Gepflogenheiten im Tauschhandel und im Messe- und Abrechnungsverkehr der Buchhändler Krisenerscheinungen hervor, denen man vor allem in Leipzig mit Reformen zu begegnen suchte. War Philipp Erasmus Reich 1764/65 bei dem vorausweisenden Versuch, über eine allgemeine deutsche Buchhändlervereinigung Abhilfe zu schaffen, ohne durchschlagenden Erfolg geblieben, so ging K., als er diese Bestrebungen aufnahm, von den Verhältnissen aus, wie sie sich in Leipzig als nunmehrigem Vorort des deutschen Buchhandels darboten. Für die eigene Firma stellte er 1789 den Changeverkehr ein und ging zur Barzahlung über. Zur Erleichterung der jährlichen Abrechnungen auf der Ostermesse begründete er 1792 erstmals ein gemeinsames Verkehrslokal für die Buchhändler. Zwar hatte diese Einrichtung nur kurzen Bestand; als sie aber von C. Chr. Horvath 1797 erneuert wurde, entwickelte sie sich als „Buchhändlerbörse“ zum Mittelpunkt des buchhändlerischen Geschäftsverkehrs in Deutschland. – Angeregt von Denkschriften Göschens und Horvaths, wurden die buchhändlerischen Reformbestrebungen nach 1800 erneut gefördert. K. trat 1801 dem Redaktionsausschuß der Buchhändlerdeputation bei, die dem fortdauernden Raubdruck begegnen sollte. Als die napoleonische Pressepolitik und die Kontinentalsperre den Buchhandel zu behindern drohten, suchte K. vorbeugend franz. Eingriffe abzuwehren. Ähnlich wie Reich nur auf administrativem Wege mit dem kursächs. Mandat von 1773 einen ersten Erfolg seiner Bestrebungen erreicht hatte, schien auch K. dies am ehesten durch staatliche Maßnahmen möglich zu sein, wenn er auch pressepolizeiliche Regelungen nicht fördern wollte. Mit der nach 1806 auch gegenüber der sächs. Rheinbundpolitik loyalen Haltung mag ein Zug patriarchalischen Rechtsbewußtseins hervortreten, den die Zeitgenossen auch sonst an K. bemerkten. Er stand mit dem Konferenzminister Wilhelm v. Gutschmid (d. J.) in Verbindung und suchte 1814 über den Buchhändler J. F. Hartknoch bei Friedrich Gentz Unterstützung für die Raubdruckbekämpfung zu erlangen. Als 1811 bei der sächs. Bücherkommission in Leipzig ein Sachverständigenausschuß für Zensur- und Raubdruckfragen eingesetzt wurde, fiel ihm wie von selbst der Vorsitz zu, den er bis 1833 innehatte. – In der von F. J. Bertuch 1814 gegründeten Deutschen Deputation, die die Reformbestrebungen nach den Befreiungskriegen wieder aufnahm, vertrat K. als deren „Ältester“ vor allem die gewerblichen Buchhändlerinteressen. Er erscheint als Sachwalter der kommerziellen Belange der Leipziger Buchhändler, während Bertuch auf Pressefreiheit und allgemeinen Schutz der Urheberrechte drängte. In der Denkschrift, die K. von Kotzebue für die zum Wiener Kongreß entsandten Buchhandelsbeauftragten ausarbeiten ließ, trat die Pressefreiheit hinter dem Schutz vor dem Raubdruck und vor der Sicherung der Verlegerrechte zurück.

    Da es nicht gelang, die Reformen bei der deutschen Bundesversammlung und den Bundesstaaten durchzusetzen, rief K. zur Ostermesse 1817 zur Bildung einer neuen Interessenvertretung des Buchhandels auf. In dem sog. Wahlausschuß übernahm er ebenfalls den Vorsitz und erschien so als das Haupt des deutschen Buchhandels. Nach wie vor blieb die Abwehr des Raubdrucks sein wichtigstes Anliegen, während die reformerischen Tendenzen jetzt weitergesteckte Ziele einschlossen, bis aus ihnen 1825 der Börsenverein der Deutschen Buchhändler zu Leipzig hervorging. Die Leipziger Buchhändler hielten sich vorerst dieser festeren Organisation noch fern, und K. verweigerte die Unterschrift unter die Börsenordnung, wie er noch 1831 einer neuen Fassung mit einem eigenen Entwurf zu begegnen suchte. Die liberalen berufsständischen und nationalkulturell-literarischen Strömungen im Buchhandel blieben diesem noch im 18. Jh. wurzelnden konservativen Buchhändler fern. Dennoch gehört er zu den Wegbereitern des Börsenvereins und damit einer neuen Epoche der deutschen Buchhandelsgeschichte.

  • Literatur

    ADB 51;
    (A. v. Kotzebue), Denkschr. üb. d. Büchernachdruck, zugleich Bittschr. um Bewürkung e. dt. Reichsgesetzes gegen denselben, 1814, dazu: Denkschr. gegen d. Büchernachdruck … mit Berichtigung d. darin aufgestellten irrigen Ansichten v. e. Oesterreicher, o. J.;
    P. G. K., Zwei Actenstücke z. Gesch. d. Börsenver., in: Börsenbl. f. d. dt. Buchhandel 2, 1835, Nr. 12, Sp. 290-94;
    Bekanntmachung, ebd., Nr. 10, Sp. 225 f. (Nachruf);
    F. J. Frommann, Gesch. d. Börsenver. d. Dt. Buchhändler, 1875;
    E. Berger, Der dt. Buchhandel in s. Entwicklung u. in s. Einrichtungen in d. J. 1815–67, in: Archiv f. d. Gesch. d. Buchhandels 2, 1879, S. 125-234;
    C. B. Lorck, Die Druckkunst u. d. Buchhandel in Leipzig durch 4 Jhh., 1879;
    A. Schünemann, Organisation u. Rechtsgewohnheiten d. Dt. Buchhandels, T. 1: Die Entwicklung d. Dt. Buchhandels z. Stande d. Gegenwart, 1880;
    Gesammt-Verlags-Kat. d. Dt. Buchhandels VII, 1881, S. 331 (betr. Eduard K.);
    F. Kapp u. J. Goldfriedrich, Gesch. d. dt. Buchhandels, Bd. 3 u. 4, 1909-13;
    F. Schulze, Der dt. Buchhandel u. d. geistigen Strömungen d. letzten hundert J., 1925 (P);
    G. v.Wilpert u. A. Gühring, Erstausgg. dt. Dichtung … 1600-1960, 1967, S. 708-14 (betr. Kotzebue);
    H. Widmann, Gesch. d. Buchhandels v. Altertum b. z. Gegenwart, T. 1, 21975;
    H. Reihe, Die buchhändler. Archivalien d. ehem. Bibl. d. Börsenver. d. Dt. Buchhändler zu Leipzig im Dt. Buch- u. Schriftmus., in: Jb. d. Dt. Bücherei 14, 1978, S. 64-66 (betr. d. „Kummersche Archiv“, v. a. d. Buchhandelsdeputierten 1802/04 u. 1814).

  • Autor/in

    Hans Lülfing
  • Empfohlene Zitierweise

    Lülfing, Hans, "Kummer, Paul Gotthelf" in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 284-286 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116609958.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Kummer: Paul Gotthelf K., ein bekannter und sehr geschätzter Buchhändler zu Leipzig, der seines biedern und treuherzigen, zuweilen auch etwas urwüchsigen Wesens halber zu den beliebtesten Persönlichkeiten in der dortigen Collegenschaft zählte. K. wurde am 29. December 1750 zu Erbisdorf bei Freiberg geboren; seine buchhändlerische Lehrzeit hatte er in der Buchhandlung vou Heinsius in Leipzig durchgemacht und dann während mehrerer Jahre in der Dyk'schen Buchhandlung daselbst als Gehülfe gedient. Er verließ diese Stellung in der Absicht, auf eigenen Füßen sein Glück zu versuchen. Bereits im Jahre 1771 tritt der junge Geschäftsmann durch Veröffentlichung der Dr. J. F. Bahrdt'schen Predigten als selbständiger Verleger auf, ein Unternehmen, das, ebenso wie eine Anzahl weiterer Verlagsartikel, völlig mißglückte. Wol konnte dieser nichts weniger als erfolgreiche Anfang K. bedrücken, indessen entmuthigen ließ er sich nicht; sein Mißgeschick spornte ihn vielmehr an, die Scharte auszuwetzen. Mit seinem Verlage verband er daher im J. 1790 ein Commissionsgeschäft, mit welchem er mehr Glück hatte, denn dasselbe hob sich unter seiner umsichtigen und ausdauernden Leitung rasch zu ansehnlicher Blüthe, sodaß seine Geschäftsführung bald Schule machte. Diese Kummer'sche Schule galt später als eine der besten im ganzen deutschen Buchhandel. Gewissenhaftigkeit und Promptheit in den ihm zur Erledigung übertragenen Angelegenheiten waren ihm oberstes Princip, und dasselbe wurde bis heute in der Firma mit unwandelbarer Treue festgehalten. Das Kummer'sche Geschäft erweiterte sich daher außerordentlich und zu Anfang des 19. Jahrhunderts zählte es zu den hervorragendsten Buchhändlerfirmen Leipzigs. Neben seiner geschäftlichen Thätigkeit stellte K. seine Erfahrungen und Kenntnisse auch|opferwillig in den Dienst der Oeffentlichkeit, und die mannichfachen Verdienste, die er sich um die Entwicklung des Buchhandels erworben hat, sichern ihm ein bleibendes Andenken. Bekannt ist, daß K. es war, der den ersten Anstoß gab zu einer gemeinsamen Abrechnungsstelle für die nach Leipzig kommenden auswärtigen Collegen, indem er ein von ihm ermiethetes Local diesen gegen billiges Entgelt zur Verfügung stellte. K. starb am 25. Februar 1835, 85 Jahre alt, nachdem er bis zuletzt seinem Verlage — das Commissionsgeschäft hatte er das Jahr vorher seinem Sohne Eduard übergeben — vorgestanden hatte.

    Eduard K. wurde Nachfolger seines Vaters; er vereinigte beide Abtheilungen — Verlag und Commission — zu einem Geschäfte, nahm 1855 seinen Neffen Hermann Schultze als Theilhaber auf und firmirte hinfort bis Ende 1860, in welchem Jahre er starb: „Kummer & Schultze“. Da Schultze inzwischen ein eigenes Geschäft begründet hatte, war von 1860 bis 1866 Kummer's Wittwe Inhaberin der Firma und betraute ihren Bruder, Kurt Albert Hübner, mit der Leitung derselben. Im December 1866 brachte ein früherer Zögling der Firma, Bernhard Julius Prasse, geboren am 8. Februar 1837 zu Leipzig, die Buchhandlung durch Ankauf in seinen Besitz und nahm die ursprüngliche Firma „Eduard Kummer“ wieder an. Der gegenwärtige Inhaber hat beide Geschäftsabtheilungen, Verlag und Commissionsgeschäft, in gleich planvoller Weise ausgebaut und den alten Ruf der Kummer'schen Handlung durch Zuführung weiterer Committenten und weiterer Verlagsartikel — wir nennen nur die vielverbreiteten Klencke'schen populär-medicinischen Bücher — befestigt und erweitert.

  • Autor/in

    Karl Fr. Pfau.
  • Empfohlene Zitierweise

    Pfau, Karl Friedrich, "Kummer, Paul Gotthelf" in: Allgemeine Deutsche Biographie 51 (1906), S. 440-441 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116609958.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA