Lebensdaten
1820 bis 1899
Geburtsort
Wolfenbüttel
Sterbeort
Dresden
Beruf/Funktion
klassischer Philologe ; Schulmann
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 116598506 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Fleckeisen, Karl Friedrich Wilhelm Alfred
  • Fleckeisen, Alfred
  • Fleckeisen, Karl Friedrich Wilhelm Alfred
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Zitierweise

Fleckeisen, Alfred, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116598506.html [21.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Karl (1793–1828), Justizamtmann in Lutter am Barenberg, S d. Buchhändlers Karl Gottfr.;
    M Wilhelmine Hesse ( 1850), aus Ratsgeschl. in Duderstadt;
    Kirberg/Nassau 1851 Hildegard ( 1887), T d. Chrstn. Daniel Vogel ( 1852), Dekan, Historiograph u. Topograph (s. ADB 40);
    7 T.

  • Leben

    Schon während seines Studiums in Göttingen, wo er vor allem bei F. W. Schneidewien und E. von Leutsch hörte, wurde der sprachlich Interessierte auf sein späteres Arbeitsgebiet gewiesen: Plautus und Terenz. Im Gefolge der ganz auf die Textkritik gerichteten Methode der Schule F. Ritschls, der sein Freund wurde, entstanden neben anderem die (unvollständige) Ausgabe des Plautus (2 Bände, 1850/51) und die des Terenz (1857, 21898). Seit 1846 stand F. im Schuldienst, von 1861-89 als Konrektor des Vitzthumschen Gymnasiums zu Dresden. Im Verkehr mit K. Halm und August Schmitt, dem Leiter des Verlages G. B. Teubner, dessen Berater F. Jahrzehnte hindurch blieb, wurde der fruchtbare Gedanke der „Bibliotheca Teubneriana“ gefaßt. 1855 übernahm F. die Leitung der philologischen Abteilung der „Jahrbücher für Philologie und Pädagogik“, die er bis 1897 behielt (bekannt unter dem Namen „Fleckeisens Jahrbücher“).

  • Auszeichnungen

    Dr. phil. h. c. (Greifswald 1856).

  • Literatur

    ADB 48;
    BJ f. Altertumskde. 22, 1900, S. 143 ff.;
    G. Goetz, in: Beil. z. d. Jber. d. class. Philol., 1900, S. 125 ff.;
    H. A. Lier, in: BJ IV, S. 268 f. (L).

  • Portraits

    in: Jbb. f. Philol. u. Päd. 155, 1897.

  • Autor/in

    Rudolf Beutler
  • Empfohlene Zitierweise

    Beutler, Rudolf, "Fleckeisen, Alfred" in: Neue Deutsche Biographie 5 (1961), S. 228 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116598506.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Fleckeisen: Karl Friedrich Wilhelm Alfred F. wurde am 20. September 1820 zu Wolfenbüttel geboren. Die Kinderjahre verlebte er zu Lutter am Barenberg, wohin der Vater Karl F. (1793—1828) zum October 1825 als Justizamtmann versetzt worden war. Der frühe Tod des Vaters (12. December 1828) hatte zur Folge, daß der eben ins neunte Lebensjahr getretene Knabe von einem Oheim Friedrich Fiedler (l788—1853), dem Inhaber der von seinem Schwiegervater Karl Gottfried Fleckeisen ( 1814) im J. 1790 begründeten Akademischen Buchhandlung zu Helmstedt in Pflege genommen wurde. Das alte, geräumige Haus an der Neumärkerstraße Nr. 23, in das er einzog, hatte einst den berühmten Kenner mittelalterlicher lateinischer Poesie, Polykarp Leyser, beherbergt (1719—28). Der schon nach einjähriger Ehe (1817—18) verwitwete und zu einem Hagestolz gewordene Oheim hatte für die Bedürfnisse des aufstrebenden Knaben wenig Verständniß; Sonnenschein brachte in diese freudlose Jugend erst die Uebersiedlung der Mutter (Wilhelmine geb. Hesse aus Duderstadt, 1850) und der Schwester nach Helmstedt, bei denen F. nun die Sonntage und Ferien verleben durfte. Ein jüngerer Bruder Hermann war 1831 im frühen Alter von siebeneinhalb Jahren gestorben; mit der Schwester Alwine, die sich 1844 mit Dr. Otto Dressel zu Wolfenbüttel vermählte, konnte er bis zu seinem vorletzten Lebensjahre (sie starb am 24. Januar 1897) traute Beziehungen unterhalten. Mit den Jahren gab das Gymnasium der Stadt, das er von 1829 bis Ostern 1839 besuchte, seinem Geiste mehr und mehr Nahrung. Ohne einen Unterrichtsgegenstand zu vernachlässigen, fühlte er sich doch von den classischen Sprachen und der Mathematik vorzugsweise angezogen. In der Prima, der er vier Jahre, ein Jahr über das gesetzliche Maaß, angehörte, genoß er den fördernden Unterricht des gelehrten, durch seine Ausgabe des Taciteischen Dialogus noch unvergessenen Directors Philipp Karl Heß (1792—1872, Director des Helmstedter Gymnasiums 1826—64); er hat bei dessen 50jährigem Doctorjubiläum ihm warm empfundenen Dank ausgesprochen (Jahrb. f. classische Philologie 1866, S. 1). Der Unterricht war ganz dazu angethan, eine feste Grundlage lateinischer und griechischer Sprachtenntniß zu schaffen; es wurde viel gelesen, noch als Schüler hat F. den ganzen Terentius kennen gelernt. Die bildende Kraft aber, welche diesem Unterricht innewohnte, mag man an der Thatsache ermessen, daß die Schule trotz ihrer Verwahrlosung|in jener Zeit eine ganze Anzahl hervorragender Männer herangezogen hat, den ausgezeichneten Leiter des höheren Schulwesens in Ostpreußen und späteren Curator der Universität Halle, Wilhelm Schrader — eben dieser hat unlängst eine sehr anziehende und belehrende Schilderung der Helmstedter Schulzeit gegeben in seinen „Erfahrungen und Bekenntnissen“ (Berlin 1900), S. 19—36; actenmäßiges Detail, auch eine vollständigere Aufzählung der berühmtesten Zöglinge dieses Gymnasiums lieferte Schulrath Koldewey in der am Schluß angeführten Abhandlung —, Historiker wie die Wolfenbütteler Bibliothekare L. C. Bethmann und Otto v. Heinemann, Naturforscher wie den Leipziger Zoologen Rudolf Leuckart. Mit einem Zeugniß ersten Grades, dessen Wortlaut Koldewey (siehe unten) mitgetheilt hat, wurde F. aus der Schule entlassen.

    Als Universität konnte für den Helmstedter Abiturienten nur die Georgia Augusta in Betracht kommen. Die Göttinger Hochschule hatte eben das erste Jahrhundert ihrer ruhmreichen Wirksamkeit abgeschlossen. Aber ihre Blüthe schien geknickt durch die Vorgänge, welche gegen Ende des Jahres 1837 zur berüchtigten Entlassung der sieben ihrem Eide getreuen Professoren geführt hatten. Die Gebrüder Grimm und Gervinus fand der junge Student nicht mehr vor; doch wußte er sich wenigstens Vorlesungshefte J. Grimm's zu verschaffen, die er mit seiner wunderbar schönen und deutlichen Handschrift copirte. Auch für die classische Philologie lagen die Verhältnisse nicht eben günstig. H. L. Dissen war schon am 21. September 1837 gestorben, der alte Chr. W. Mitscherlich hielt zwar noch bis in die 40 er Jahre die Zügel des Seminars, aber beschränkte sich sonst darauf, Vorlesungen abwechselnd über einen Alexandriner (Winter) und über Horatius' hexametrische Dichtungen (Sommer) anzuzeigen. Der Meister Göttingens, Karl Otfried Müller, rüstete sich zu der griechischen Reise, die er nach Fleckeisen's erstem Semester im September 1839 antrat; er sollte nicht zurückkehren, schon am 1. August 1840 erlag er dem Fieber, das ihm der kopaische See und die angestrengte Arbeit in Delphi gebracht hatten. Der wißbegierige Jüngling war auf die heranreifenden jüngeren Gelehrten Schneidewin, E. v. Leutsch und Wieseler angewiesen. Auch in diesem Falle bewährt sich die Beobachtung, daß der entscheidende Punkt der Wirkung, welche Universitätslehrer zu üben vermögen, nicht sowohl in dem Inhalt ihrer Lehre, als in der Vorbildlichkeit ihres Forscherlebens zu suchen ist. Häufig wird man aus diesem Grunde gerade jüngere, mitten im Streben befindliche Gelehrte auf die empfängliche Jugend den tiefsten Eindruck machen sehen. Zweifellos hat am nachhaltigsten Schneidewin auf F. gewirkt; an den er um so leichter sich persönlich anschließen konnte, als auch dieser aus dem Helmstedter Gymnasium hervorgegangen war. Durch seine Bearbeitung des Ibykos (1833) und Simonides (1835) schon damals rühmlich bekannt, schloß Schneidewin in Fleckeisen's erstem Studienjahr seine Bearbeitung der Reste griechischer Lyrik, den Delectus (1839), und die Coniectanea critica ab. Aber auch die lateinischen Studien lagen ihm nicht fern, wie er denn bis zu seinem Ende Vorlesungen über Plautus und über Tacitus' Annalen hielt. Das damals aufgehende Licht der Plautus-Forschungen Ritschl's fand in ihm lebhaften Widerschein; es war selbstverständlich, daß er seinen Vorlesungen die Bacchides zu Grunde legte, eben das Stück, welches Ritschl 1835 als Vorläufer seines Lebenswerkes herausgegeben hatte, um darzuthun, welche Gestalt der Plautustext auf Grund der Handschriften des Camerarius zeige. Diese Vorlesung wurde von Schneidewin in Fleckeisen's drittem Semester (Sommer 1840) mit einer Einleitung über römisches Bühnenwesen gehalten. Das Wichtigste war,|daß Schneidewin den künftigen Plautusforscher auf Bentley und Gottfried Hermann hinwies. Bentley's Terentius und Hermann's Elementa waren die Vorbilder, die eigentlichen Lehrmeister, an denen F. sich heranbildete. Mit welchem Erfolge er das gethan, zeigte die Erstlingsarbeit, womit F. 1842 seine Göttinger Studienzeit abschloß. Es war eine Gelegenheitsschrift, die im Namen des Göttinger philologischen Seminars dem alten Mitscherlich gewidmeten Exercitationes Plautinae. Der Einsatz geistiger Arbeit und wissenschaftlicher Energie, welcher hinter diesen Blättern steht, kann voll nur von denen gewürdigt werden, welche den damaligen Stand der Hilfsmittel plautinischer Forschung und der gesicherten Kenntniß von der altlateinischen Sprache kennen. F. suchte die für plautinische Kritik wichtige Frage, inwieweit die vollen und die verkürzten Perfectformen von ire und seinen Composita von dem Dichter angewandt worden seien, durch die sorgfältige Behandlung all der vielen Verse zu lösen, in welchen jene Formen vorkommen. Das setzt voraus, daß er sich mühsam aus den Anmerkungen von Gruter, Pareus u. a. seine Kenntniß der handschriftlichen Ueberlieferung für den ganzen Plautus, die Bacchides abgerechnet, eingesammelt hatte. Erst auf dieser Grundlage konnte er den Ringkampf mit den prosodisch-metrischen Schwierigkeiten aufnehmen, welche Plautus dem aufgibt, der die gesunden Grundsätze Bentley'scher Metrik, wie das sich durch Ritschl's Untersuchung des Mailänder Palimpsestes als Recht und Pflicht ergeben hatte, auf den überlieferten Plautustext anwenden wollte. Fleckeisen's Abhandlung ist trotz der mangelhaften Hilfsmittel, über die er verfügte, nicht nur die erste, sondern auch eine der musterhaftesten Arbeiten über plautinische Sprache, und sie ist dem jungen Verfasser um so höher anzurechnen, als er die Anleitung dazu in sich selbst finden mußte.

    Die 40 er Jahre waren eine rechte Zeit der Candidaten. Sowohl die Theologie als die Philologie zählte mehr Jünger als Wirkungsstellen. Der Verfasser einer Arbeit, welche für jede, selbst eine akademische Stellung, ein glänzender Empfehlungsbrief gewesen wäre, mußte zufrieden sein, fern von der Heimath in einem dorfähnlichen Landstädtchen des Herzogthums Nassau Lehrer an einer privaten Lateinschule zu werden. Das kleine Idstein hatte gleichwohl ein gewisses geistiges Leben; es war Amtssitz und besaß außer einem Lehrerseminar auch das Archiv der nassauischen Lande, dem damals der ehedem bekanntere Philologe und Schulmann F. T. Friedemann vorstand. Für F. gab die dort verbrachte Zeit den Anlaß, den häufig in Idstein zu archivalischen Forschungen fich einfindenden Decan C. D. Vogel aus Kirberg, den hochverdienten Verfasser der classischen „Beschreibung des Herzogthums Nassau“ (Wiesbaden 1843), und mit ihm dessen Tochter Hildegard, die künftige Lebensgefährtin kennen zu lernen. Die Verlobung mußte für ihn die Folge haben, sich im nassauischen Staatsdienst eine Lebensstellung zu sichern, und so unterzog er sich im Herbste 1845 im benachbarten Wiesbaden dem nassauischen Staatsexamen, infolgedessen er zu Ostern 1846 in der Würde eines Collaborators am Gymnasium zu Weilburg an der Lahn antrat.

    Die Jahre in Weilburg waren für F. überaus glücklich, gehoben gleich sehr durch den Brautstand, wie durch wissenschaftliche Arbeit. Freilich der Anfangsgehalt eines nassauischen Collaborators mit ganzen 200 rh. Gulden gestattete vorerst nicht, an Vermählung zu denken. Aber mindestens einmal im Monat eilte er über die Berge, um einen Sonntag im Elternhause der Braut zu verleben. Die amtlichen Pflichten waren nicht drückend; er hatte hauptsächlich in der damaligen Sexta und Quinta (der preußischen Quarta und Untertertia) lateinischen und griechischen Sprachunterricht zu ertheilen. Den Schulstaub schüttelte er sich täglich durch einen kräftigen Gang oder richtiger|Lauf ab, wozu die Landschaft einlud. Dann empfing ihn die prächtig gelegene Wohnung, die er beim sogenannten Wein-Rosenkranz gefunden hatte. Die Fenster öffneten sich auf das liebliche Lahnthal; von unten rauschte der Fluß zu ihm herauf, drüben konnte sein Blick auf den Felsenpfeilern der Hauseley ruhen. Bis Mitternacht lag er hier seinen Studien ob. Sie hatten auch in Idstein nicht geruht; von da hatte er die „Plautinischen Analekten“, eine Untersuchung über ne bei Pronomina, an Schneidewin für den Philologus (1847, Bd. II, 57—114) gesandt. In Weilburg konnten sie froheren Sinnes aufgenommen werden und nach den fleißigen Vorarbeiten lohnten sie sich immer mehr durch beglückende Funde. Hier entstanden die Emendationen zu Cornelius Nepos (Philol. IV, 308—351), die musterhafte, an selbständigen Ergebnissen reiche Besprechung des ersten Bandes, genauer der Prolegomena von Ritschl's Plautus (in Jahn's Jahrbüchern von 1850 und 1851, Bd. LX, 234 ff.; LXI, 517 ff.) und die beiden Beiträge zur lateinischen Grammatik, die im „Rheinischen Museum“, Bd. VII und VIII erschienen. Der Verkehr mit Friedrich Ritschl, der gerade damals den Trinumus des Plautus bearbeitete und seine Prolegomena dazu schrieb, gestaltete sich immer lebhafter und erfreulicher; das Freundschaftsverhältniß zwischen den beiden Plautusforschern wurde zu einer Säule von Fleckeisen's Lebensglück. In die Herstellung der plautinischen Comödien gedachten sich die Beiden so zu theilen, daß F. in jedem der vier Textbändchen, auf welche seine Ausgabe berechnet war, eine Revision dreier von Ritschl vorher bearbeiteter Stücke und zwei neu von F. hergestellte Comödien bringen sollte. So entstanden die beiden Bände von Fleckeisen's Plautus (1850—51) mit zehn Stücken, Ritschl gewidmet, und durch die ausführliche epistula critica ad Fr. Ritschelium eingeleitet. Daß die Ausgabe nicht zum Abschluß kam, war bedingt durch das Stocken von Ritschl's Unternehmen.

    Das benachbarte Gymnasium Hadamar besaß damals in Karl Halm einen überaus thatkräftigen Philologen, durch den die katholische Anstalt zu vorübergehender Blüthe geführt wurde. Mit ihm gewann F. rasch Fühlung, und öftere gegenseitige Besuche schürzten ein Freundschaftsverhältniß für das ganze weitere Leben. Unwillkürlich wurde F. durch den Freund in die Cicerostudien hereingezogen und half mehrfach durch Vergleichung von Handschriften. Zu Beiden gesellte sich als Dritter im Bunde August Schmitt, ein geborener Nassauer, der damals die Unternehmungen des B. G. Teubner'schen Verlags in seine gewandte Hand nahm. In Weilburg war es, daß damals von den Dreien der Plan der immer mehr zu einer internationalen Grundlage des philologischen Betriebs sich auswachsenden Bibliotheca Teubneriana entworfen ward. F. blieb fortan einer der entscheidendsten Berather des Verlagsgeschäfts, das mit der Entwicklung der classischen Philologie seit 1850 so bedeutungsvoll verknüpft ist, daß seinem Leiter A. Schmitt die philosophische Doctorwürde mit vollem Recht von der Universität Leipzig zuerkannt werden konnte.

    Die Berufung an das Blochmann'sche Institut zu Dresden brachte im J. 1851 die Erlösung aus der Knappheit der nassauischen Verhältnisse, er konnte als Neuvermählter seinen Einzug in Dresden halten. Seines Bleibens sollte dort freilich fürs erste nicht lange sein, schon 1854 wurde er auf Betrieb von Johannes Classen als Professor an das städtische Gymnasium zu Frankfurt a. M. gerufen, wo er sieben Jahre glücklichster Gemeinschaft mit geistig angeregten Collegen, vor allem seinem Director Classen, verlebte. Aber in Dresden hatte man ihn inzwischen nicht vergessen. Als im J. 1861 das von dem Pädagogen Blochmann gegründete und so glänzend geleitete Institut in das Vitzthum'sche Geschlechtsgymnasium umgewandelt wurde, rief man F.|zurück, der nun unter dem Rectorat von Scheibe Conrector wurde. Damit hatte F. seine bleibende Stätte gefunden. Bis zu seinem Rücktritt von der Schule (im J. 1889) hauste er in den behaglichen Amtsräumen, beglückt durch ein Familienleben von seltener Innigkeit, durch den engen Verkehr mit den befreundeten Collegen und durch die dankbare Liebe, welche ihm seine Schüler über die Schulzeit hinaus bewahrten.

    Bereits im J. 1852 (mit Bd. LXV) war F. in die Redaction der bei B. G. Teubner erscheinenden Jahn'schen Jahrbücher für Philologie und Pädagogik neben Klotz und Dietsch eingetreten. Nicht mit einem Schlag ließ sich die sehr zur Mittelmäßigkeit herabgesunkene Zeitschrift auf die Höhe bringen, die F. erstrebte. Doch sogleich mit dem Beginn des Jahrgangs 1853 weht ein anderer Geist durch die Blätter; statt der früheren Recensenten treten Männer wie Schömann, Th. Bergk, Schneidewin, A. Nauck, G. Curtius, L. Lange, J. Classen u. s. f. auf den Schauplatz, und eingreifende Arbeiten, wie die Beiträge zur griechischen Epigraphik von L. Roß (Bd. LXVIII, 511 ff.) und die an Lauer's nachgelassenes Buch anknüpfenden Forschungen von Max Sengebusch über die Homersagen (Bd. LXVII), beginnen die Jahrbücher zu schmücken. Mit dem Jahre 1855 (Jahrg. XXV) wurde dann die Ausscheidung des pädagogischen Theils vollzogen, der anfangs von Dietsch, dann seit 1863 von H. Masius, seit 1893 von R. Richter geleitet wurde. Erst von dieser Zeit an bestanden auch formell „Fleckeisen's Jahrbücher für Philologie“. Zu den Recensionen und Anzeigen traten mehr und mehr, bald überwiegend, selbständige Aufsätze. Um ausführlichere Arbeiten nicht bandwurmartig durch mehrere Hefte schleppen zu müssen, wurden gleichzeitig die zwanglos gebildeten Supplementbände gegründet und mit A. Böckh's Abhandlung „Zur Geschichte der Mondcyclen der Hellenen“ glänzend eröffnet. In 43 starken Bänden der Jahrbücher und in 24 (der 25. war begonnen) Supplementbänden steht dies Lebenswerk Fleckeisen's vor uns. F. war ein hingebender und ausgezeichneter Redactor, und seine Thätigkeit umfaßte bis zu Ende ungetheilt das Ganze wie das Kleinste der Drucklegung. Durchdachte Knappheit und so gut wie fehlerlose Sauberkeit des Drucks waren sein Verdienst. Die Meisterschaft der Correctur trug ihm in engerem Kreise den Namen eines corrector Germaniae ein. Durch die bereitwillige Hilfe, die er älteren und jüngeren Freunden leistete, hatte er ihn wohl verdient. Die philologische Production mußte begreiflicherweise hinter Amt und Jahrbüchern zurückstehen. Unter den kleineren Arbeiten ragen die Kritischen Miscellen (1864) durch die schöne Untersuchung über das adverbiale qui hervor. Was ihm an freier Zeit blieb, hielt er seit der Uebernahme der Jahrbücher zusammen für seine Bearbeitung des Terentius. Denn auch nach der ersten Ausgabe (1857), die sich noch enger an Bentley anschloß, ließ er nicht ab, seine Studien auf diesen Punkt zu richten. Unterstützt durch den kritischen Apparat, den inzwischen Umpfenbach vorgelegt hatte, unter Benutzung fremder und eigener Beobachtungen strebte er unablässig, einen ebenso der Ueberlieferung wie den Forderungen der Grammatik, Metrik und Poetik genügenden Text herzustellen. Mindestens drei Jahre lang war die zweite Ausgabe im Satz vollendet und erfuhr von dem unablässig nach jenem Ziel strebenden Herausgeber immer neue Verbesserungen, bis er im J. 1898 das Werk abziehen und versenden ließ.

    In die Muße, die der Rücktritt von der Schule ihm seit 1889 schuf, begleiteten ihn mit dem Terentius seine Jahrbücher. Mit dem December 1897 schlossen diese ab, um in wesentlich anderer Gestalt durch Ilberg erneut zu werden. Die Abwicklung des für die Supplementbände angehäuften Stoffs hielt ihn bis zur letzten Krankheit bei der liebgewordenen Thätigkeit. Die|Gattin war ihm schon im J. 1887 vorangegangen. Aber die Töchter (von den sieben waren vier im Hause, zwei andere wenigstens in Dresden verblieben) wetteiferten, ihm durch sorgliche Liebe den Lebensabend zu vergolden. Alle, auch die im Hause verbliebenen, hatten ihre festgeordnete Thätigkeit; jede steuerte für das gemeinsame Leben den Frohsinn der Pflichterfüllung bei. Es lag über dem Hause der milde Sonnenschein des Feierabends. Auch wer fremd herein trat, mußte bald warm werden und schied als Freund. Noch zehn Jahre war es F. beschieden, in dieser Umgebung seiner Entlastung von Amtspflichten sich zu freuen. Da entriß den trotz einiger Störungen immer noch rüstigen Greis nach kurzem Krankenlager am 7. August 1899 der Tod aus der Mitte der Seinigen.

    F. war tief religiös; er schloß nicht leicht einen Tag, ohne im Kreise seiner Familie sich an einem Abschnitt aus der Bibel erbaut zu haben. Er hatte sich ein kindliches Gemüth bewahrt. Die Kritik, die sein wissenschaftliches Denken durchdrang, hat er seinem Gemüthsleben fern gehalten, ohne ihr Recht auf die Bibelforschung zu bestreiten.

    Er war ein echter Gelehrter, nicht nur dem Beruf, sondern auch der Gesinnung und dem Wesen nach. Der Glanz dieser Welt erblaßte ihm vor dem Lichte der Wahrheit, das seine Forschung suchte und entzündete. Sein ganzer Ehrgeiz war es, der Wissenschaft zu dienen; er fand volles Genügen in dem stolzen Bewußtsein, sich die persönliche Freundschaft eines Mannes wie Fr. Ritschl verdient zu haben, und in der liebevollen Anerkennung, die ihm die Mitforscher, die Collegen und Schüler entgegenbrachten. An allem, was davon zeugte, hatte er seine herzliche Freude. Ich erwähne die Ertheilung der Doctorwürde honoris causa durch die philosophische Facultät der Universität Greifswald am 17. October 1856, die ihn als de literarum latinarum studio meritissimum, nitoris ac leporis Plautini alterum apud nostrates instauratorem, Annalium philolog. editorem strenuum, sollertem, circumspectum anerkannte, und später bei seinem 70. Geburtstag die Darbringung der Commentationes Fleckeisenianae (Lips. 1890), an denen sich 18 Collegen der drei Dresdener Gymnasien mit Beiträgen betheiligt hatten.

    Ich habe nie einen Mann gesehen, dem so viel Liebe und Herzensgüte in den Augen geglänzt hätte. Die Reinheit und Lauterkeit, die Milde und Liebenswürdigkeit seines Wesens machte ihn zu dem unvergleichlichen Gatten, Vater und Freund, den Jeder in ihm verehrt hat, der das Glück hatte, ihm näher zu treten. Und doch war sein sittliches Urtheil streng, auch in wissenschaftlichen Dingen. Für Oberflächlichkeit und Ungründlichkeit hatte er nur ein schroffes Urtheil; in das eine Wort „Schund“ drängte er gern seine Verachtung zusammen. Von ihm mußte man lernen, daß Großes aus dem Kleinen erwächst und der Werth des Ganzen von der Sorgfalt und Sicherheit abhängt, die auf die Theilstücke, von den kleinsten an, verwendet wird. So hielt er unerbittlich auf Orthographie: er wußte es auch außerhalb der Schule durch seine Untersuchungen und die „Fünfzig Artikel“ (1861) zur Anerkennung zu bringen, daß Rechtschreibung eines Worts wie Zeugniß so Bedingung seines richtigen sprachlichen Verständnisses ist.

    F. war, obwohl er sich Interesse und Verständniß für geschichtliche Dinge immer bewahrt hat, wesentlich formaler Philologe, mit der Beobachtung des Sprachgebrauchs und Versbaues und mit der Verwerthung des Beobachteten für die Herstellung des Textes beschäftigt. Nach seiner Studentenzeit, in der er sich noch an der Verbesserung des Aristophanes versuchte, wurde und blieb er ausschließlich Latinist. Und mit weiser Selbstbeschränkung, wie sie die Pflichten des Schulamts und der Redaction ihm auferlegten, hielt er, abgesehen|von gelegentlichen Arbeiten zu Nepos und Cicero, seine Studien in dem engeren Kreise der altlateinischen Komiker. In diesem Gebiet schaltete er als vollendeter Meister. Die Sicherheit, mit welcher er Fragen über Sprache oder Vers des Plautus und Terentius zu beantworten wußte, war erstaunlich. Eine Summe ungeschriebenen Wissens, der unwillkürliche Ertrag unablässiger eindringender Lectüre, ist mit ihm verloren gegangen. Mit Fug hat Ritschl den zweiten Band seiner Opuscula, Viro Plautinissimo Alfr. Fleckeiseno amico unico' gewidmet (1878). Der Jugend, die scharf empfindet, konnte es nicht entgehen, daß ihr in F. ein Wissen entgegentrat, das nicht erborgt, sondern im eigenen Garten herangereift, nicht tot, sondern lebendig war. Den Empfänglicheren wurde er ein Vorbild der Hingabe an die Wissenschaft. Es war kein Zufall, daß in der Zeit von Fleckeisen's und Classen's Zusammenwirken das Frankfurter Gymnasium eine Anzahl junger Männer zur Universität sandte, welche auf verschiedenen Gebieten hervorragende Gelehrte wurden. Das was man einen guten Schulmann nennt, war er freilich nicht. Die Strenge, die ihm übermüthige Jugend aufzwang, hielt vor der Mildherzigkeit seines Wesens nicht lange stand. Dem Sinn unsrer heutigen Schullenker würde er darum nicht entsprochen haben; die scheinen oft vergessen zu haben, daß Unterricht in dem Maaß anregend und wirksam ist, als er von lebendiger Wissenschaft getragen wird; sie verkennen den unvergleichlichen Segen, den ein wissenschaftlich thätiger Schulmann schon durch die einfache Thatsache seines inhaltreicheren Daseins einer Schule bringt. Von F. ist dieser Segen in reichstem Maaße ausgegangen. Ich freue mich, es zu bezeugen als einer von Vielen.

    Schriften: „Exercitationes Plautinae“, Gott. 1842, 54 S.; „T. Macci Plauti comoediae ex recognitione A. F.“, tomi II, Lips. 1850—51; „Zur Kritik der altlateinischen Dichterfragmente bei Gellius, Sendschreiben an Dr. M. Hertz“, Leipzig 1854, 48 S.; „Catonianae poesis reliquiae ex rec. A. F. (Gratulationsschrift für Joh. Classen), 1854, 19 S.; „P. Terenti comoediae recensuit A. F., 1857, XXVIII und 343 S.; „Fünfzig Artikel aus einem Hülfsbüchlein für lateinische Rechtschreibung, der XX. Versammlung deutscher Philologen u. s. w. ehrerbietig gewidmet“, Frankfurt a. M. 1861, 31 S.; „Kritische Miscellen“ (Osterprogr. des Vitzthum'schen Gymn.), 1864 (Ritschl gewidmet), 64 S.; „Cicero's Rede für S. Roscius, für den Schulgebrauch herausgegeben von Fr. Richter, 2. Aufl. durchgesehen von A. F.“, Leipzig 1877, 3. Aufl. 1889: „Cornelii Nepotis vitae, post C. Halmium recognovit A. F.“, Lips. 1884, VII und 118 S.; „P. Terenti Afri comoediae, iterum recensuit A. F., 1898, IX und 311 S.; dazu die Aufsätze im Philologus II, IV, Rheinischen Museum VII, VIII, XIV und in den Jahrbüchern für class. Philologie seit Bd. LX (1850).

    Abgedruckt mit Aenderungen und Zusätzen aus der Beilage zur (Münchener) Allgemeinen Zeitung vom 31. October 1899, Nr. 249. Vgl. Dresdener Zeitung vom 12. August 1899, Nr. 186, S. 3; Zur Erinnerung an Alfred Fleckeisen ..., als Manuscr. gedruckt für Verwandte und Freunde (Rede des Diakonus Rudert und Nachruf von Rector Prof. Dr. Bernhard); Nekrolog von G. Goetz in den Berichten der k. sächs. Gesellsch. d. Wissensch. 1899, Sitzung vom 14. November; A. Fleckeisen und seine Beziehungen zum Herzogthum Braunschweig, insbesondere zum herzogl. Gymnasium in Helmstedt, vom Schulrath Koldewen, im Braunschweigischen Magazin vom Jahre 1899, Nr. 26—27, die sehr sorgfältigen Ermittelungen über die Familie und Schule Fleckeisen's konnten oben benutzt werden; (H. Peter) Rückblick auf A. Fleckeisen's Leitung der Jahrbücher für class. Philologie, ein Blatt dankbarer Erinnerung von einem langjährigen Leser und Freunde; Beigabe|zu den Jahrb. 1897. Jetzt die von G. Goetz verfaßte Biographie in den Nekrologen (Beilage zu den Jahresberichten der class. Philologie), 1906, S. 125—147; ein photographisches Bild Fleckeisen's, leider aus dem Alter, ist den Commentationes Fleckeisenianae und dem letzten Band der Jahrbücher (1897) beigegeben.

  • Autor/in

    H. Usener.
  • Empfohlene Zitierweise

    Usener, H., "Fleckeisen, Alfred" in: Allgemeine Deutsche Biographie 48 (1904), S. 576-583 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116598506.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA