Lebensdaten
1838 bis 1919
Geburtsort
Paris
Sterbeort
Biebrich bei Wiesbaden
Beruf/Funktion
Chemiker ; Industrieller
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 116059311 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kalle, Wilhelm

Quellen(nachweise)

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen im NDB Artikel

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Kalle, Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116059311.html [14.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Jakob Alexander (1796–1865), Kaufm. (Agentur- u. Komm.geschäft in Paris, Import u. Export u. a. v. Krefelder Seidenwaren, Geraer Merinos u. ind. Kaschmir), seit 1848 in W., förderte 1863 d. Gründung d. Fabrik Kalle u. Co., S d. Paul (1739–1821), Kauf- u. Handelsmann (Seidenwaren) in Wesel, aus Pfarrerfam. in Westfalen u. am Niederrhein, u. d. Catharina Aletta de Critter;
    M Wilhelmine (1816–92), T d. Wilhelm Thumeyssen (1790–1865), Handelsmann, Teilh. d Fa. Gebr. Thurneyssen (engl. Manufakturwaren, Komm. u. Spedition) in Frankfurt/Main, Gutsbes. in Erbach/Rheingau, u. d. Josephine Chamot;
    Om Alexander Thurneyssen (1825–1916), Architekt, bis 1881 Prokurist u. Teilh. d. Fa. Kalle;
    B Fritz (1837–1915), zuerst staatl. Bergbeamter, 1865-81 Teilh. u. Mitgl. d. Firmenleitung, nahm wesentl. am Zusammenschluß d. dt. chem. Industrie teil (1877 1. Vorsitzender u. Mitbegr. d. Ver. z. Wahrung d. Interessen d. chem. Industrie Dtld.s), Mitgl. d. Volkswirtsch.rats, förderte soz. u. gesundheitl. Maßnahmen: Mitbegr. d. Ges. z. Verbreitung v. Volksbildung, 1873, d. Ver. z. Förderung d. Wohles d. Arbeiter Concordia, 1879, Vf. v. soz. Schrr., Dr. phil. h. c., Prof. (1899), Geh. Reg.rat (1907), 1873 u. 1879 zum nat.-liberalen Mitgl. d. Preuß. Abgeordnetenhauses gewählt, Mitgl. d. Reichstags 1882-89 (s. L);
    - Schierstein 1867 Franziska (1842–97, kath.), T d. Dr. med. Joh. Anton Kniesling (1809–50), Badearzt in Schlangenbad, u. d. Emilie Linni;
    1 S, 1 T, u. a. Wilhelm Ferdinand (1870–1954), Chemiker, Dr. phil., Dr.-Ing. E. h., seit 1897 Teilh. d. Fa. Kalle u. Co., seit 1904 Gen.dir. u. Mitgl. d. Vorstandes, seit 1926 Mitgl. d. Aufsichtsrats (Vorsitz 1929) d. Kalle u. Co. AG, 1925 Mitgl. d. Aufsichtsrats u. d. Verwaltungsrats d. IG Farbenindustrie AG, Mitgl. d. Reichstags 1924-32 (s. L);
    N Arnold (1873–1952), Oberstlt. a. D., 1920 stellv. Staatskommissar f. d. öffentl. Ordnung in Preußen, Min.dir., Aug.-Dez. 1923 Reichspressechef (s. Rhdb., P).

  • Leben

    Die vom Vater erwünschte Erziehung in Deutschland erhielt K. nebst seinem Bruder Fritz bis 1853 in der Schule Keilhau in Thüringen, einer Fröbelschen Gründung. Später besuchte er die Gymnasien in Wiesbaden, wohin die Eltern 1848 von Paris übergesiedelt waren, und in Siegen (Abitur 1857). Nach vorbereitender chemischer Ausbildung im Laboratorium von Fresenius in Wiesbaden studierte er 1857-61 Chemie, zunächst in Berlin, dann in Marburg, wo sein Lehrer H. Kolbe großen Einfluß auf ihn gewann. Der Promotion (1861) folgte eine abermalige Zwischenzeit bei Fresenius. Anschließend sammelte er praktische Erfahrung in der Fabrik von J. Collin in Labriche (nahe Paris) als Leiter der Pikrinsäuredarstellung. Da die dortige, nur auf kommerzielle Ziele ausgerichtete Arbeitsweise ihn nicht befriedigte, kehrte er 1863 nach Wiesbaden zurück. Hier gründete er noch im gleichen Jahre eine Anilinfarbenfabrik, die Kommanditgesellschaft „Kalle und Co.“. Die Initiative ging vom Vater aus, der durch Hingabe von 100 000 Gulden Startkapital und dank seiner organisatorischen Fähigkeiten, kaufmännischen Erfahrungen und Beziehungen zur Textilindustrie den Aufbau maßgeblich förderte.

    Von Anbeginn mußte mit starkem Wettbewerb gerechnet werden. Zahlreiche ähnliche Unternehmen entstanden im gleichen Zeitraum; denn mit dem Aufschwung der Textilindustrie vervielfachte sich der Bedarf an Färbemitteln. Andererseits versprachen die eben entdeckten Teerfarben (Mauvëin 1856) an Wirtschaftlichkeit und leichter Handhabung die bisher handelsüblichen Naturfarbstoffe zu übertrumpfen. Ein geeignetes, an Wasser- und Schienenweg gelegenes Gelände bot sich in dem Wiesbaden benachbarten Biebrich am Rhein an, das Standplatz der Firma geblieben ist. Berater bei Grundstückserwerb und baulicher Ausgestaltung war K.s Onkel, der Architekt Alexander Thurneyssen, der als Prokurist bis 1881 in der Firma tätig war und auch mit Schriftwechsel und Buchführung betraut wurde.

    K.s Aufgabe bestand indessen in der Beschaffung der Ausgangsstoffe und der technischen Anlagen, für die es damals weder Vorbilder noch Herstellerfirmen gab. Der Kontakt mit den ehemaligen Lehrern war darum um so wertvoller. Da Spinnereien und Webereien im nahen Bereich fehlten, wurde der Betrieb von vornherein auf Versand eingestellt. Handelspartner gewann K. im Bergischen Land, am Niederrhein, im sächsisch-thüringischen Textilbezirk, aber auch in Frankreich, England, Österreich-Ungarn, in der Schweiz und bereits 1864 in Ostindien, Japan und China. Ein ausgedehntes Netz von Vertretungen wurde gegründet.

    Nach des Vaters Tode (1865) wandelte K. die Firma in eine offene Handelsgesellschaft um. Sein Bruder Fritz wurde Teilhaber und übernahm die Verkaufsorganisation, bis er 1881 wegen parlamentarischer und sozialpolitischer Aufgaben ausschied. K., seitdem wieder Alleininhaber und nun durch Verwaltung und kaufmännische Tätigkeit beansprucht, bestellte zur Leitung des Betriebes – 1880 waren bereits vier Chemiker tätig – einen technischen Direktor, bis 1894 Reinhold Hoffmann, dann Eugen Fischer, unter welchem ein bedeutender Aufstieg in der chemisch-technischen Entwicklung erfolgte. 1896 trat K.s Sohn, Wilhelm Ferdinand K., als Mitarbeiter ein, 1897 wurde er Teilhaber. 1904 wurde die offene Handelsgesellschaft durch die „Kalle und Co Aktiengesellschaft“ abgelöst, in deren Aufsichtsrat K., seit 1888|Kommerzienrat, eintrat. Diese Umwandlung bereitete ein Zusammengehen mit anderen Gesellschaften der Teerfarbenindustrie vor, ein allenhalben beschrittener Weg, um durch Rationalisierung der Produktion, Vermeidung von Patentstreitigkeiten und so weiter wirtschaftliche Vorteile zu erzielen. 1907 trat die Kalle und Co AG der Interessengemeinschaft Höchster Farbwerke–Leopold Cassella GmbH bei, wobei die Firma ihre Selbständigkeit wahrte und K. den Vorsitz des Aufsichtsrates behielt.

    K. hat stets die Verpflichtung empfunden, an der für Deutschland damals charakteristischen engen Zusammenarbeit zwischen wissenschaftlicher Forschung und technischer Betätigung teilzunehmen. In den ersten Jahren persönlich mit Planen, Konstruieren und Experimentieren im Laboratorium beschäftigt, wählte er später mit großer Sorgfalt seine Mitarbeiter aus, von denen vier nach industrieller Erfahrung auf Universitätslehrstühle berufen wurden. Das Fabrikationsprogramm umfaßte in den ersten Jahren Fuchsin und verwandte Triphenylmethanfarbstoffe in blauen, violetten und grünen Tönen. Mit der stetigen Erweiterung kam es in allen Farbstoffklassen zu firmeneigenen Erfindungen. R. Nietzki brachte unter anderem, und andere 1879 den berühmten Azofarbstoff „Biebricher Scharlach“ heraus, den ersten sekundären Diazofarbstoff, der Ausgangsstoff einer ganzen Farbstoffgruppe wurde. Vom gleichen Typus waren die „Biebricher Patentschwarzmarken“ (F. Krecke und K. Elbel, 1895), die dem fast ausschließlich zum Schwarzfärben verwendeten Naturstoff Blauholz den Rang abliefen. E. Hepp entwickelte in seiner Biebricher Zeit (1884–95) eine Reihe von Rosindulinen und das Stilbengelb als einen der ersten substantiven Farbstoffe. Das umkämpfte p-Rosanilin wurde in der Firma seit 1889 hergestellt und als wichtiger Ausgangsstoff auch an andere Farbfabriken geliefert. Als Küpenfarbstoffe von hervorragenden Eigenschaften kamen seit 1906 die dem Indigo verwandten Thioindigofarbstoffe (K. Albrecht und K. Elbel) in den Handel. Sie fanden Verwendung zur Färbung von preußisch Militärtuch und verdrängten den bis dahin üblichen Naturfarbstoff Cochenille. Seit 1885 wurden auch Heilmittel in das Programm aufgenommen. Zu den ersten Erzeugnissen gehörten das geruch- und reizlose Jodol, ein Ersatzmittel für Jodoform, und das erfolgreiche Fiebermittel Antifebrin (Hepp, 1885). Präparate zur Behandlung von Tuberkulose, zur Magen- und Darmtherapie, Schlaf- und Beruhigungsmittel folgten, und in den 90er Jahren kamen bakteriologische und serologische Präparate zur Bekämpfung von Lepra, Tuberkulose und Lupus dazu. Eine bakteriologische Abteilung diente der Prüfung der pharmazeutischen Mittel.

    Unter K.s mehr als 50jähriger Führung hat die Firma Kalle u. Co Weltruf erlangt. Die Mitarbeiterschaft, 1863 aus 3 Arbeitern bestehend, war 1870 auf 50, 1904 auf fast 700 und 1913 auf 1 300 angewachsen. Wurden 1864 circa 15 Farbensorten hergestellt, so besaß die Firma zur Zeit der Pariser Weltausstellung (1900) 98 Patente und 160 Warenzeichen. 10 Jahre später werden 600 Farbstofftypen genannt. Von Anbeginn war der Export bedeutend, und um die Jahrhundertwende erstreckte er sich mit 90% der Produktion auf alle 5 Erdteile. In vielen Industriebezirken der Welt ließ K. eigene Verkaufshäuser einrichten. In New York entstand 1882 eine Niederlassung mit Verkaufsfärberei und Mischerei, Ausgangspunkt für weitere Filialen in den USA. Eine 1884 in Kolumna bei Moskau gegründete Fabrikanlage ließ er 1892 durch einen Betrieb in Warschau ablösen. Mit der Erhaltung und Erschließung ausländischer Märkte gelang es K., Absatzschwierigkeiten, bedingt durch die Kriege, durch die Wirtschaftskrise der Gründerjahre und vor allem durch den Wettbewerb der rivalisierenden Unternehmen zu überwinden. Trotz drückender Konkurrenz lehnte er es jedoch ab, mindere Qualitäten zu billigen Preisen in den Handel zu bringen.

    In vorbildlicher Weise sorgte K., zunächst in Zusammenarbeit mit seinem Bruder Fritz, für das Wohl seiner Mitarbeiter. 1871 wurde eine Arbeitersparkasse, verbunden mit einer Prämienkasse, gegründet. Ein von der Mitarbeiterschaft gewählter fünfgliedriger „Ehrenrat“ wirkte an den Wohlfahrtseinrichtungen mit und trat als Vermittlungsausschuß auf. Die Firma gewährte kostenlos ärztlichen Beistand und Heilmittel, eine Einrichtung, die 1884 zu einer Fabrikkrankenkasse ausgebaut wurde. In den 90er Jahren entstanden ein Arbeiterbadhaus, neue Kantinenräume, ein Heim für ledige Arbeiter und Arbeiterwohnungen mit Gartengelände. Einer Arbeiterpensionskasse folgte 1900 eine Angestelltenpensionskasse und eine Unterstützungskasse für Notfälle. Die Franziska-Kalle-Stiftung gewährte Zuschüsse für schulentlassene Kinder.

    K. wurden auch Aufgaben im öffentlichen Bereich übertragen. 1896 wurde er Mitglied der Biebricher Stadtverordnetenversammlung. Er gehörte dem Kreistag und dem Präsidium der Wiesbadener Handelskammer an. 1909 wurde er in den Preußischen Landtag gewählt. – Der Ausbruch des Krieges brachte dem Werk schwere Einbußen, die Absperrung vom Weltmarkt und die durch Zwangsmaßnahmen bedingte Lahmlegung jeder Unternehmerinitiative. Mehr als die Hälfte der Mitarbeiter wurde zum Heeresdienst einberufen. Die Bildung einer Interessengemeinschaft der 8 führenden deutschen Farbwerke (1916, später kurz als „Kleine I. G.“ bezeichnet) verursachte Schwierigkeiten, verhalf aber schließlich zum Überleben. Der Tod ersparte K. die schweren Nachkriegsjahre mit der Ablieferung der Hälfte aller Farbvorräte gemäß dem Versailler Vertrag, der Ausweisung des Sohnes durch die Alliierten (1923) und der Inflation. Die Fusion zur IG-Farbenindustrie ließ 1924 eine vollständige Umstellung der Produktion unter anderem auf die Cellulosehydrat-Folie „Cellophan“ und das Lichtpauspapier „Ozalid“, noch heute Haupterzeugnis der Firma, zweckmäßig erscheinen.|

  • Auszeichnungen

    Dr.-Ing. E. h. (TH Dresden 1913); Ehrenbürger v. Biebrich.

  • Literatur

    W. F. Kalle, Der Biebricher Zweig d. Fam. Kalle u. d. chem. Fabrik Kalle u. Co., 1934;
    H. Voelcker, 75 J. Kalle, 1938 (auch f. Fam., P auch zu V Jak. Alexander, B Fritz, S. Wilh. Ferd. u. d. Mitarbeiter Eugen Fischer u. Karl Albrecht);
    F. Lißner, in: Nassau. Lb. II, 1943, S. 274-79 (P);
    Kaleidoskop, 1863 Kalle 1963, 1963 (auch f. Fam., P auch zu S Wilh. Ferd.). - Zu B Fritz: J. Tews, F. K., s. Leben u. Wirken f. Volkserziehung u. Volkswohl, 1916;
    - zu S Wilh. Ferd.: Chemiker-Ztg. 78, 1954, S. 662 (P)
    ;
    Der Arbeitgeber 6, 1954, S. 704;
    Rhdb. (P);
    Wenzel;
    Pogg. VII a.

  • Autor/in

    Grete Ronge
  • Empfohlene Zitierweise

    Ronge, Grete, "Kalle, Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 65-68 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116059311.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA