Lebensdaten
1752 bis 1831
Geburtsort
Stettin
Beruf/Funktion
politischer Agent ; Abenteurer ; Publizist ; Finanzfachmann ; Unternehmer
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 115531726 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Glave-Kolbielski, Karl
  • Glave, Karl (ursprünglich)
  • Kolbielski, Karl
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Zitierweise

Kolbielski, Karl, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd115531726.html [14.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Herm. Caspar Glave ( 1786), Hofrat, Landsyndikus v. Vorpommern;
    M N. N. ( 1802), T d. preuß. Kriegskommissärs Tittel;
    1804 Sophie Overmanns ( 1829);
    1 T Marie ( Franz v. Zitta, Ingenieurhauptm. in Leopoldstadt).

  • Leben

    K. studierte an mehreren deutschen Universitäten Rechtswissenschaft und wurde 1771 in Halle promoviert. 1772 wurde er Referendar bei der Regierung in Stettin, dann Assessor beim Kammergericht in Berlin, bei der Regierung in Marienwerder (1776) und beim Hofgericht in Königsberg (1778). Als Regierungsrat wurde er 1779 von Großkanzler Carmer mit der Reorganisation des Justizwesens in Ostpreußen beauftragt. Durch sein scharfes und oft willkürliches Vorgehen machte er sich dort viele Feinde, vor allem in der Kaufmannschaft, die sich mehrfach über ihn beschwerte. Wegen Amtsmißbrauchs und Bestechlichkeit wurde er Anfang 1786 zu 2 Jahren Haft verurteilt. Nach mehreren herausfordernd abgefaßten Beschwerdebriefen an den König, der in ihm einen „intriganten, unruhigen und bösartigen Kopf“ sah, mußte er bis Ende 1788, also über sein Strafmaß hinaus, einsitzen und wurde dann nach Polen abgeschoben.

    In Warschau begann K.s abenteuerliche Karriere. Ohne jemals wieder eine feste Anstellung zu erlangen, ging er einer Vielzahl von Beschäftigungen als politischer Berater und Agent mehrerer Regierungen nach, wobei ihm seine hervorragenden Sprachkenntnisse nützlich waren. Er galt als Berater König Stanislaw August Poniatowskis, vermittelte in Holland polnische Anleihen, erwarb die Herrschaft Kolbiele in Galizien und scheint den Titel eines Barons erlangt zu haben. Auch zu russischen Diplomaten knüpfte er Verbindungen, und schließlich war sein Einfluß so groß, daß sogar die preußische Regierung sich an einer Zusammenarbeit mit ihm interessiert zeigte. Anfang 1794 hielt er sich wegen finanzieller Transaktionen in Holland auf und kehrte nach dem Aufstand Kosziuszkos, bei dem seine Besitzungen verwüstet wurden, nicht nach Polen zurück. Nachdem er nacheinander versucht hatte, in russische, französische und preußische Dienste zu treten, lernte er den österreichischen Diplomaten Franz Graf von Dietrichstein kennen, der ihn für eine Tätigkeit als geheimer politischer Publizist gewann. Unter wechselnden Pseudonymen verfaßte K. in den Jahren 1794-99 eine große Zahl antipreußischer, antirussischer und antifranzösischer Schriften, die durch stilistische Gewandtheit und scharfe Polemik Aufsehen erregten. Bekannt wurden vor allem das „Sendschreiben an Frankreichs Nationalconvent“ und die „Germania im Jahre 1795“. Trotz intensiver Bemühungen gelang es den angegriffenen Regierungen nicht, den Autor der Pamphlete zu ermitteln.

    Seit 1799 machte K. als phantasievoller Unternehmer und Projektemacher von sich reden. Unterstützt von der Wiener Leih- und Wechselbank, begann er, englische Techniker und Facharbeiter anzuwerben. Aus Hamburg brachte er den aus Manchester stammenden John Thornton nach Wien, der für die österreichischen Baumwolltextil- und Spinnmaschinenindustrie bedeutend wurde. Nachdem er für österreichische Auftraggeber in England und Deutschland Industriespionage getrieben hatte, wurde er schließlich aus England ausgewiesen, wobei der genaue Grund seiner Ausweisung nicht feststeht. In Wien versuchte sich K. ein Exklusivprivileg für die Herstellung von Spinnmaschinen zu sichern, doch wurde ein solches nach vorübergehender Gewährung (1801) wieder zurückgezogen, wodurch ihm ein erheblicher finanzieller Verlust entstanden zu sein scheint. Auch andere Unternehmungen K.s in dieser Zeit schlugen fehl, so der Plan umfangreicher spekulativer Getreidelieferungen von Galizien über Danzig nach England, etliche Projekte von Banken, Versicherungen und Garnmanufakturen und schließlich die Gründung einer Maschinenfabrik in Sechshaus bei Wien, die 1805 in Konkurs ging.

    Am Wiener Hof war K. in dieser Zeit vor allem als Finanzfachmann einflußreich. Seine Pläne zur Gründung einer Staatsbank und zur Einrichtung einer allgemeinen Sozialversicherung ließen sich nicht realisieren, doch beriet er den Kaiser und den Hofkriegsrat häufig in Finanzfragen. 1809 blieb er als österreichischer Spion im besetzten Wien und scheint an einer Verschwörung zur Ermordung oder Entführung Napoleons beteiligt gewesen zu sein. Am 26.3.1810 wurde er von der österreichischen Polizei verhaftet und ohne Prozeß bis 1813 in Wien|gefangengehalten. Man beschuldigte ihn der Beteiligung an dem genannten Komplott, der politischen Konspiration mit spanischen und englischen Agenten und der Sabotage der österreichischen Finanzpolitik durch seine überscharfe Kritik am O'Donellschen Finanzpatent. Ob und in welchem Ausmaße diese Beschuldigungen die tatsächliche Ursache von K.s Verhaftung gewesen sind, läßt sich nicht mit Sicherheit beurteilen. Kaiser Franz soll gesagt haben, er habe K. festnehmen lassen, um 10 andere zu schonen. Zahlreiche Eingaben (nicht Gnadengesuche), die K. an Kaiser und Regierung richtete und in denen er ein Gerichtsverfahren forderte, vermochten sein Schicksal nicht zu ändern. 1813 wurde er auf die Festung Leopoldstadt in Oberungarn verbracht und blieb dort weitere 15 Jahre in Haft. Erst 1828 erhielt er durch die Verwendung des Erzherzogs Ferdinand die Erlaubnis, seinen Aufenthalt in Ofen zu nehmen. Die letzten Lebensjahre verbrachte K. mit der Ausarbeitung von Finanzprojekten und schriftstellerischer Tätigkeit. Maßgebenden Einfluß erlangte er nicht mehr.

    In K.s Naturell ging die Neigung zu kühnen Unternehmungen und abenteuernder Lebensweise mit bedeutenden analytischen Fähigkeiten und schriftstellerischer Produktivität eine ungewöhnliche Verbindung ein. Zur Industrialisierung Österreichs leistete er einen wichtigen Beitrag. Manche seiner großen Pläne und Projekte, etwa die Einrichtung einer allgemeinen Sozialversicherung („Nationalburg“), waren zukunftweisend.

  • Werke

    u. a. Sendschreiben d. alten Weltbürgers Syrach an Frankreichs Nationalconvent, 1795 (franz., poln. Übers.);
    Germania im J. 1795, 1796.

  • Literatur

    A. F. Pribram u. E. Fischer, Ein polit. Abenteurer (K. G.-K., 1752-1832), 1937 (W, L);
    J. Slokar, Gesch. d. österr. Industrie, 1914;
    A. Ernstberger, Österreich u. Preußen v. Basel bis Campoformio, 1795–97, 1932;
    A. Tschirch, Die öffentl. Meinung in Preußen, 1933;
    Wurzbach XII. |

  • Nachlaß

    Nachlaß im Haus-, Hof- u. Staatsarchiv Wien.

  • Autor/in

    Herman Freudenberger
  • Empfohlene Zitierweise

    Freudenberger, Herman, "Kolbielski, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 12 (1979), S. 455 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd115531726.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA