Niederer, Arnold
- Lebensdaten
- 1914 – 1998
- Geburtsort
- St.·Gallen
- Sterbeort
- Zürich
- Beruf/Funktion
- Volkskundler ; Europäischer Ethnologe
- Konfession
- evangelisch-reformiert
- Normdaten
- GND: 113043465 | GND-Explorer | OGND | VIAF
- Namensvarianten
-
- Niederer, Arnold
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Niederer, Arnold
1914 – 1998
Volkskundler, Europäischer Ethnologe
Arnold Niederer war ein bedeutender Kulturwissenschaftler des alpinen Raums. Seit Mitte der 1960er Jahre trug er in der Schweiz durch seine interkulturell und vergleichend ausgerichtete Forschung über bäuerliche Kollektivarbeit sowie seine Arbeiten über Alltagskommunikation und Migrationsfragen zur Erneuerung seiner Disziplin bei und beförderte deren Internationalisierung sowie Gegenwartsorientierung als Europäische Ethnologie. Zugleich wirkte Niederer von 1958 bis 1989 an dem traditionell konzipierten Großprojekt „Atlas der schweizerischen Volkskunde“ mit.
Lebensdaten
Arnold Niederer, Arnold-Niederer-Stiftung (InC) = Arnold Niederer, ca. 1965, Quelle: Arnold-Niederer-Stiftung, Rheineck (Kanton St. Gallen), Fotograf(in): unbekannt. -
Autor/in
→Anina Branger (Basel) / Meret Huber (Basel) / Konrad J. Kuhn (Innsbruck)
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Zitierweise
Branger, Anina / Huber, Meret, „Niederer, Arnold“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd113043465.html#dbocontent
Niederer besuchte Schulen in Belp (Kanton Bern), absolvierte von 1930 bis 1933 eine kaufmännische Lehre bei einem Tabakwaren-Großhändler in Lausanne (Kanton Waadt) und arbeitete danach als wandernder Verkäufer und Französischlehrer v. a. im deutschsprachigen Wallis. In dieser Zeit entwickelte sich sein ethnografisches Interesse für die Lebensumstände der lokalen Bevölkerung. Von 1938 bis 1941 als Privatsekretär des Kunstmalers Albert Nyfeler (1883–1969) tätig, der ihn förderte und zur Aufnahme eines Studiums ermutigte, wurde Niederer seit 1939 wiederholt zum Militärdienst in der Schweizer Armee einberufen und schloss 1944 die Maturitätsschule Minerva in Zürich ab.
Anschließend studierte Niederer an der Universität Zürich Romanistik bei Jakob Jud (1882–1952) und Theophil Spoerri (1890–1974), Volkskunde bei Richard Weiss (1907–1962) und Soziologie u. a. bei René König (1906–1992). 1953 erwarb Niederer das spätmittelalterliche „Vogelhuis“ in Ferden (Kanton Wallis, seit 1999 Arnold-Niederer-Haus) und wurde 1956 mit der von Weiss betreuten Dissertation „Gemeinwerk im Wallis. Bäuerliche Gemeinschaftsarbeit in Vergangenheit und Gegenwart“ zum Dr. phil. promoviert. Die Studie etablierte sich als Standardwerk der sich seither ausdifferenzierenden kulturwissenschaftlichen Alpenforschung und wurde auch von der US-amerikanischen Kulturanthropologie rezipiert. Nach der Promotion arbeitete Niederer als Lehrer und Vorsteher der Fremdsprachenabteilung an der Gewerbeschule Zürich.
Seit 1958 Mitglied des Vorstands der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde (heute Empirische Kulturwissenschaft Schweiz), wurde Niederer nach dem Tod von Weiss 1964 zum außerordentlichen Professor für Volkskunde an der Universität Zürich berufen, an der er – seit 1974 als Ordinarius – bis 1980 lehrte. Niederer forschte v. a. zu kollektiv organisierten Arbeitsformen, zur Volkskultur der Mittelmeerländer, zu sog. Akkulturationsproblemen migrantischer Gruppen sowie zu dem Themenkomplex Nonverbale Kommunikation. Sein Fokus lag hierbei meist auf dem alpinen Raum, dessen Bevölkerung er – anders als etwa Karl Ilg (1913–2000) – nicht heroisierte oder romantisierend überhöhte. Niederers kulturwissenschaftlich orientierte Forschung zu Migrationsfragen zeichnet sich durch Interesse für vielfältige kulturelle Praktiken und durch die Überzeugung aus, dass ein Verstehen wirksam sei gegen fremdenfeindliche Haltungen. Diese Position vertrat er etwa in seinem Aufsatz „Unsere Fremdarbeiter – volkskundlich betrachtet“ (1967).
Niederer brachte seine Forschungsergebnisse in gesellschaftspolitische Debatten ein und nutzte massenmediale Kommunikationsmittel, um ein großes Publikum anzusprechen, u. a. durch seine Mitwirkung an der Sendereihe des Schweizer Fernsehens „Wir und…“. Zu der seit 1968 intensiv und kontrovers diskutierten Forderung des Politikers James Schwarzenbach (1911–1994), den Ausländeranteil in der Schweiz auf maximal 10 % pro Kanton zu begrenzen, positionierte sich Niederer klar ablehnend. Zugleich engagierte er sich kontinuierlich bei der kartografischen Auswertung der aus den 1930er Jahren stammenden Antworten des Großprojekts „Atlas der schweizerischen Volkskunde“, zu dessen erfolgreichem Abschluss 1989 er maßgeblich beitrug.
Niederer arbeitete europäisch-vergleichend, öffnete sich kulturanthropologischen sowie soziologischen Fragestellungen und beförderte durch seine Teilnahme an internationalen Kongressen sowie als Mitgründer der seit 1967 publizierten Fachzeitschrift „Ethnologia Europaea“ die Internationalisierung der Volkskunde in der Schweiz. Zugleich bereitete Niederer, der sein Fach in der Pflicht sah, zur Lösung drängender Gesellschaftsprobleme beizutragen, heutigen Konzepten einer „Engaged Anthropology“ den Weg. Zentrale Bedeutung in seinen Arbeiten seit Mitte der 1970er Jahre kam der Analysekategorie „Alltag“ zu, die er als „Kultur im Erdgeschoss“ (1975) breiter Bevölkerungsschichten verstand. Mit dieser strategischen Neuausrichtung stabilisierte er seine Disziplin durch neue theoretische Fundamente sowie durch politische Funktionsleistungen. Zu Niederers Schülerinnen und Schülern zählen u. a. die Volkskundeprofessoren Ueli Gyr (1945–2026) und Max Matter (1945–2023), die Professorin für Kulturanthropologie Regina Bendix (geb. 1958) sowie Klaus Anderegg (geb. 1942), Maja Fehlmann (geb. 1944), Robert Kruker (geb. 1946) und Nikolaus Wyss (geb. 1949).
| 1958–1988 | Mitglied des Vorstands der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde (heute Empirische Kulturwissenschaft Schweiz) |
| 1958 | Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde (heute Deutsche Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft) (1989 Ehrenmitglied) |
| 1979 | Premio Internazionale Giuseppe Pitrè des Centro Internazionale Di Etnostoria, Palermo |
| 1986 | Dr. phil. h. c., Université de Neuchâtel |
| 1987 | Ehrenmitglied der Société internationale d'Ethnologie et de Folklore |
| 1991 | Ehrenbürger der Gemeinde Ferden (Kanton Wallis) |
| Kulturpreis der Jubiläumsstiftung der Schweizerischen Bankgesellschaft |
Nachlass:
Lötschentaler Museum, Kippel (Kanton Wallis).
Gedruckte Quellen:
Thomas Antonietti/Werner Bellwald, Ein Gespräch mit Arnold Niederer, in: Schweizer Volkskunde 97 (2007), Nr. 3, S. 82–87.
Monografie und Aufsatzsammlung:
Gemeinwerk im Wallis. Bäuerliche Gemeinschaftsarbeit in Vergangenheit und Gegenwart, 1956, 21965. (Diss. phil.).
Alpine Alltagskultur zwischen Beharrung und Wandel. Ausgewählte Arbeiten aus den Jahren 1956 bis 1991, hg. v. Klaus Anderegg/Werner Bätzing 1993, 21996.
Aufsätze und Artikel:
Gegenseitige Hilfe in Vergangenheit und Gegenwart, in: Neue Wege. Blätter für den Kampf der Zeit 53 (1959), S. 163–166 u. 191–199.
Stand und Aufgaben der schweizerischen Volkskunde, in: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 1175 v. 21.3.1965, S. 5 f.
Unsere Fremdarbeiter – volkskundlich betrachtet, in: Wirtschaftspolitische Mitteilungen 23 (1967), H. 5, S. 1–19.
Zur gesellschaftlichen Verantwortung der gegenwärtigen Volksforschung, in: Hans-Friedrich Foltin/Ina-Maria Greverus/Joachim Schwebe (Hg.), Kontakte und Grenzen. Probleme der Volks-, Kultur- und Sozialforschung. Festschrift für Gerhard Heilfurth zum 60. Geburtstag, 1969, S. 1–11.
Gegen die Ausklammerung soziologischer Fragestellungen in der Volkskunde, in: Zeitschrift für Volkskunde 66 (1970), S. 52–54.
Zum Volksbegehren gegen die „Überfremdung“, in: Neue Wege 64 (1970), S. 136–139.
Art. „Masken“, in: René Creux (Hg.), Volkskunst in der Schweiz, 1970, S. 281–286.
Wege zum nationalen Selbstverständnis und zum Fremdverständnis. Einfühlung oder Empirie?, in: Ethnologia Europaea 4 (1970), S. 43–49.
Zur volkskundlichen Forschung in der Schweiz 1955–1970, in: Hessische Blätter für Volkskunde 61 (1970), S. 221–235.
Ethnologie und Volkskunde zwischen Geschichts- und Sozialwissenschaft, in: Bulletin der Schweizerischen Ethnologischen Gesellschaft, 1973, S. 8–13.
Kultur im Erdgeschoss. Der Alltag aus der neuen Sicht des Volkskundlers, in: Schweizer Monatshefte 55 (1975), S. 461–467.
Nonverbale Kommunikation, in: Hermann Bausinger/Elfriede Moser-Rath (Hg.), Direkte Kommunikation und Massenkommunikation. Referate und Diskussionsprotokolle des 20. Deutschen Volkskunde-Kongresses in Weingarten, 1976, S. 207–214.
Vergleichende Bemerkungen zur ethnologischen und zur volkskundlichen Arbeitsweise, in: Ethnologica Helvetica 4 (1980), S. 1–33.
Volkskundliche Forschungsrichtungen in den deutschsprachigen Ländern, in: Isac Chiva/Utz Jeggle (Hg.), Deutsche Volkskunde – Französische Ethnologie. Zwei Standortbestimmungen, 1987, S. 44–67.
Bibliografie:
Ueli Gyr, Bibliographisch-dokumentarischer Anhang zur Forschungs- und Lehrtätigkeit von Arnold Niederer, in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 76 (1980), S. 244–260. (Onlineressource)
Ueli Gyr, Arnold Niederer. Bibliographie zum 75. Geburtstag. Veröffentlichungen seit 1980, in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 85 (1989), S. 402–410. (Onlineressource)
Arnold-Niederer-Stiftung, Bibliografie Alpenforschungen 1956–1994. (Onlineressource)
Aufsätze und Artikel:
Ueli Gyr, ...mit Bezug auf ... Einblicke in die Forschungs- und Lehrtätigkeit des Volkskundlers Arnold Niederer, in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 76 (1980), S. 3–76.
Ueli Gyr, Europäische Ethnologie aus der Sicht der Schweizer Volkskunde, in: Christian Giordano/Johanna Rolshoven (Hg.), Europäische Ethnologie – Ethnologie Europas. Ethnologie européenne – Ethnologie de l'Europe, 1999, S. 45–62.
Ueli Gyr, Feldforschung in der Schweizer Volkskunde. Eine forschungsgeschichtliche Skizze, in: Pirjo Korkiakangas/Elina Kiuru (Hg.), An Adventurer in European Ethnology, 2001, S. 110–128.
Ueli Gyr, Von Richard Weiss zu Arnold Niederer: Zwei alpine Forschungsexponenten im Vergleich, in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 102 (2006), S. 231–250.
Ueli Gyr, Art. „Niederer, Arnold“, in: Historisches Lexikon der Schweiz, 2009. (Onlineressource)
Regina F. Bendix, From Volkskunde to the „Field of Many Names“. Folklore Studies in German-Speaking Europe since 1945, in: dies./Galit Hasan-Rokem (Hg.), A Companion to Folklore, 2012, S. 364–390.
Claude Macherel, Arnold Niederer oder der Bestand eines Menschenlebens, in: Thomas Antonietti (Hg.), Nahe Ferne. Ein Jahrhundert Ethnologie im Wallis, 2013, S. 89–97.
Konrad J. Kuhn, „Beschauliches Tun“ oder europäische Perspektive? Positionen und Dynamiken einer volkskundlichen Kulturwissenschaft in der Schweiz zwischen 1945 und 1970, in: Johannes Moser/Irene Götz/Moritz Ege (Hg.), Zur Situation der Volkskunde 1945–1970. Orientierungen einer Wissenschaft zur Zeit des Kalten Krieges, 2015, S. 177–203.
Konrad J. Kuhn, Europeanization as Strategy. Disciplinary Shifts in Switzerland and the Formation of European Ethnology, in: Ethnologia Europaea 45 (2015), S. 80–97.
Konrad J. Kuhn, Der alpine Raum als Sammlungs- und Forschungslabor. Zur Wissensproduktion der Volkskunde in der Schweiz, in: Kerbhölzer, Knochenschlitten, Kuhherden. Kostbarkeiten der ethnografischen Sammlung. Ein Postkartenbuch, hg. v. Alpinen Museum der Schweiz, 2016, S. 6–10.
Konrad J. Kuhn, Gegenwartsprobleme und Politikberatung. Zur gesellschaftspolitischen Dimension der Volkskunde zwischen 1960 und 1980, in: Johanna Rolshoven/Ingo Schneider (Hg.), Dimensionen des Politischen. Ansprüche und Herausforderungen der Empirischen Kulturwissenschaft, 2018, S. 213–226.
Walter Leimgruber, Die Migrationsforschung in der deutschsprachigen Kulturanthropologie, in: Johannes Moser (Hg.), Themen und Tendenzen der deutschen und japanischen Volkskunde im Austausch, 2018, S. 363–396.
Ashley Muñoz, WIR und ... Eine volkskundliche Sendereihe des Schweizer Fernsehens (1975–1979), in: Meret Fehlmann/Mischa Gallati (Hg.), Institutsgeschichte im Erdgeschoss, 2018, S. 177–204. (Onlineressource)
Konrad J. Kuhn, Ein Plädoyer für volkskundliche Wissensforschung. Überlegungen in bilanzierender Absicht, in: ebd., S. 221–233. (Onlineressource)
Kijan Espahangizi, Dialog, Zusammenarbeit, Solidarität. Lokale Akteur-Netzwerke und das Wissen der Integration in Zürich. 1965–1975, in: Jan Lange/Manuel Liebig/Charlotte Räuchle (Hg.), Lokale Wissensregime der Migration. Akteur*innen, Praktiken, Ordnungen, 2023, S. 133–166.
Festschriften:
Ueli Gyr (Hg.), Opera concordi. Festschrift für Arnold Niederer zum 65. Geburtstag, 1980.
Thomas Antonietti/Maja Fehlmann/Ueli Gyr (Hg.), Arnold Niederer (1914–1998) zum 100. Geburtstag. Erinnerungen, Reden und Bilder aus zwei Gedenkveranstaltungen in Kippel und Zürich 2014, 2015.
Fotografien, in: Arnold-Niederer-Stiftung. Ein Leben in Bildern. (Onlineressource)