Lebensdaten
1700 bis 1764
Geburtsort
Stolpen bei Dresden
Sterbeort
Leipzig
Beruf/Funktion
Dichter
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 108359573 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Picander (Pseudonym)
  • Picander von Henrici
  • Henrici, Christian Friedrich
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Zitierweise

Henrici, Christian Friedrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd108359573.html [18.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Conrad ( 1703), Posamentierer in St.;
    M Anna Dor. Loos, aus Mühlberg;
    B Aug. Friedrich ( 1763), Landakziseeinnehmer in L.;
    - 1) 1736 Joh. Elisabeth ( 1755), T d. Joh. Heinr. Mehlich, Assessor d. Juristen-Fak. in L., 2) 1759 Christiane Eleonora, T d. Kaufm. Adler in L.; kinderlos.

  • Leben

    H. studierte seit 1719 in Wittenberg und seit 1720 in Leipzig die Rechte. Hier wußte er bald die kärglichen Einkünfte einer neben dem Studium ausgeübten Hauslehrertätigkeit mit Hilfe seiner poetischen Begabung aufzubessern, ja seine dichterische Produktivität wurde der Ausgangspunkt einer erfolgreichen Beamtenlaufbahn. Ein Bittgedicht an August den Starken trug ihm 1727 die Stelle eines Aktuars beim Oberpostamt Leipzig ein; wenig später avancierte er zum Postsekretär, 1734 zum Oberpostcommissarius. 1740 übernahm er dazu die einträglichen Ämter der Kreissteuer- und Stadttranksteuereinnahme sowie die Weininspektion in Leipzig.

    Von einem Zwischenfall auf einer Vogeljagd soll sich H.s Dichtername Picander ableiten: Statt einer Elster traf er einen Bauern (pica = Elster, ὰνήρ = Mann). Fast alle Werke H.s entstanden zwischen 1723 und 1729, bevor seine bürgerliche Existenz gesichert war. Der weitaus größte Teil seiner umfänglichen Gedichtsammlungen besteht dementsprechend aus Auftragsarbeiten, Gelegenheits- und sogenannte(r) Gratulantengedichten. Wenig anspruchsvoll in Form und Inhalt, besingen und beschreiben sie Hochzeiten, Taufen, Geburtstage und so weiter Besonderen Anklang fanden seine Quodlibets, die, ohne gerade obszön zu sein, eine sehr freie Sprache führen. Auch H.s geistliche Dichtung – durchweg simple Erbauungsgesänge, die sich häufig eng an älterer Choräle anschließen – überschreiten kaum ein populär-niedriges Niveau. Doch führten sie wahrscheinlich zur Bekanntschaft mit Bach, die fast zur Freundschaft wurde. Von H. stammen Texte zu vielerlei Werken von Bach, unter anderem zur „Matthäus-Passion“ und zur „Caffee-Cantate“. Großen Erfolg trugen ihm seine „Teutschen Schauspiele“ ein, in denen er bestimmte Fehler und Untugenden seiner Leipziger Mitbürger in theatralisch wirksamen, doch nicht sehr kunstvoll angelegten Komödienhandlungen geißelte. Die Lustspiele sind repräsentative Beispiele der vorgottschedischen Theaterpraxis, gegen die sich der Angriff des Literaturreformers richtete.

  • Werke

    Slg. Erbaulicher Gedancken üb. u. auf d. gewöhnl. Sonn- u. Fest-Tage, in gebundener Schreib-Art entworffen v. Picandern, Leipzig 1725;
    Picanders Teutsche Schau-Spiele, bestehend in dem Academ. Schlendrian, Ertzt-Säuffer u. d. Weiber-Probe, Zur Erbauung u. Ergötzung d. Gemüths entworffen, Berlin, Frankfurt u. Hamburg 1726;
    Picanders Ernst-Schertzhaffte u. Satyr. Gedichte, Leipzig 1727, 41748, 2. T. 1729, 31749, 3. T. 1732, 31750, 4. T. 1737, 21751, 5. T. 1751;
    Slg. vermischter Gedichte, Frankfurt u. Leipzig 1768.

  • Literatur

    ADB XI;
    P. Flossmann, Picander (Ch. F. H.), Diss. Leipzig, 1899;
    W. Hinck, Das dt. Lustspiel d. 17. u. 18. Jh. u. d. italien. Komödie, 1965, S. 142-67;
    H. Steinmetz, Die Komödie d. Aufklärung, 1966, S. 15 f.

  • Autor/in

    Horst Steinmetz
  • Empfohlene Zitierweise

    Steinmetz, Horst, "Henrici, Christian Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 549 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd108359573.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Henrici: Christian Friedrich H. (genannt Picander), Dichter, wurde den 14. Januar 1700 zu Stolpen bei Dresden geboren, wo sein Vater Posamentirer war. Nachdem er die Stadtschule besucht, bezog er 1719—1720 die Universitäten Wittenberg und Leipzig, wo er zwar die Rechte studirte, dabei aber den größten Theil seiner Zeit auf die Verfertigung von Gedichten der verschiedensten Art verwendete und darin eine solche Uebung sich erwarb, daß sie ihm nicht allein seinen Unterhalt, sondern bald darauf auch verschiedene Aemter mit ansehnlichen Einkünften verschaffte. Durch mehrere den Königen August II. und III. von Polen überreichte Gedichte nämlich hatte er sich deren Gunst und Gnade erworben, so daß er schon 1727 Actuar bei dem Oberpostamte zu Leipzig, dann Postsecretär und endlich Oberpostcommissarius wurde. Dazu wurde ihm 1740 noch die Kreis-Landsteuer- und die Stadt-Tranksteuereinnahme zu Leipzig nebst der Weininspection ertheilt. Zu allen diesen Aemtern war ihm lediglich die Dichtkunst behilflich gewesen, und als Inhaber derselben starb er auch in dieser Stadt den 10. Mai 1764. Seinen Beinamen „Picander“ (vom lat. pica Elster und dem griech. ἀνήϱ Mann) soll er deswegen angenommen haben, weil er im J. 1722 als Student auf dem Dorfe Niederglaucha bei Düben nach einer Elster geschossen, statt dieser aber einen Landmann, der ein Elsternnest ausnehmen wollte, getroffen und stark beschädigt hatte. Unter mehreren von ihm veröffentlichten Sammlungen von Gedichten und Gelegenheitspoesien ist sein Hauptwerk „Ernst-schertzhafte und satyrische Gedichte“, das in mehreren Auslagen zu Leipzig 1727—1737 erschien, nachdem er bereits ein Jahr zuvor (Berlin 1726) seine „Deutsche Schauspiele“ (akademischer Schlendrian, Erzsäufer, Weiberprobe) herausgegeben hatte. Als ein posthumes Werk erschien noch 1768 (Klotz, deutsche Bibliothek II, 733) „Sammlung vermischter Gedichte“. Unter allen diesen Dichtungen sind blos seine Schauspiele von bleibendem Werthe, weil sie nicht blos mit komischer Kraft und Lebendigkeit des Dialogs ausgestattet sind, sondern auch weil er in denselben, wie früher (1697) Schoch in seiner „Comödie vom Studentenleben“, die Lebensweise der Studenten auf den deutschen Universitäten seiner Zeit und namentlich zu Leipzig sowie die verderbten Sitten des damals herrschenden Geistes überhaupt auf eine anziehende und drastische Weise schildert. Seine übrigen Gedichte sind mehr als Reimereien zu bezeichnen, mit denen er schon in seinem 14. Lebensjahre begonnen hatte. Obgleich nicht ohne Talent zur Poesie hatte H. dasselbe doch eben so wenig als der schlesische Dichter Günther ausgebildet und es eben so übel wie dieser oder der berüchtigte Menantes angewendet. Vielmehr suchte er durch geschmacklosen Witz und grobe höchst unsittliche Scherze, wodurch besonders seine „Quodlibete“ berüchtigt sind, rohere Seelen zu vergnügen und dieß ist ihm denn auch vortrefflich gelungen. Dafür aber ward ihm die Verachtung des feineren Theiles seiner Zeitgenossen sowol als der Nachwelt zum verdientesten Lohne. Dagegen verdankt ihm in anderer Beziehung die Sprichwörterkunde und deren Lexicographie sehr schätzbare noch ungewürdigte Beiträge, da alle seine Gedichte von Sprichwörtern und sprichwörtlichen Redensarten und mitunter den seltensten strotzen, die allerdings sehr oft obscönster Natur sind und aus sehr groben Unfläthereien herausgelesen werden müssen; die „satyrischen Gedichte“ allein weisen 309 proverbiale Ausdrücke auf, darunter 15 Priameln. Nicht minder auch ist ihm die geistliche Liederpoesie zu Dank verpflichtet für 68 sehr wohlgelungene Lieder, die nur zu einem geringen Theile in Gesangbücher übergegangen sind und unter denen besonders „Liebster Jesu, wilstu scheiden", „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt" und „Wer weiß, wie nahe mir mein Ende“ hervorzuheben sind. Auch ist er (Zeitschrift „Daheim“ 1872, 306—7) der Verfasser vieler Texte zu seines Freundes Sebast. Bach|Compositionen und unter diesen auch zu des letzteren berühmter Passionsmusik (vgl. Bd. I. S. 734).

    • Literatur

      Wolff, Encyklopädie III, 39—43. Hirsching. Handbuch VII, 2. 233. Goedeke. Gr. II, 939. Laube, Gesch. d. Lit. I, 322. Vilmar, Literaturgesch. S. 601. Wetzet, geistl. Liederdichter IV, 225.

    • Korrektur

      S. 784. Das Z. 3 v. u. angeführte Lied ist: „Wer weiß wie nahe mir mein Ende, ob heute nicht mein jüngster Tag"; nicht zu verwechseln mit dem berühmteren Liede gleichen Einganges der Gräfin Aemilie Juliane v. Schwarzburg (s. A. D. B. I, 127): „Wer weiß wie nahe mir mein Ende, hin geht die Zeit, her kommt der Tod“. — Zur Litteratur für Henrici ist noch hinzuzufügen: Jördens, Lexicon Bd. 2, S. 349 ff. l. u.

  • Autor/in

    J. Franck.
  • Empfohlene Zitierweise

    Franck, Jakob, "Henrici, Christian Friedrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 11 (1880), S. 784-785 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd108359573.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA